Die Gefahren für die biologische Umwelt sind unabsehbar geworden. Obwohl die katastrophalen ökologischen, humanen und wirtschaftlichen Folgen des Klimawandels bekannt sind, ist eine wirksame weltweite Initiative zur Reduzierung der Treibhausgase noch immer nicht in Sicht. Vor fast vierzig Jahren hat der Club of Rome seine berühmte Studie über die Grenzen des Wachstums veröffentlicht. Er warnte vor den Folgen eines ungezügelten Wirtschaftswachstums und hielt einen „geistigen Wandel kopernikanischen Ausmaßes“ für erforderlich, um die Katastrophen zu vermeiden, die uns bei unveränderter Entwicklung der modernen Industriegesellschaft drohen. Ein zweiter Bericht des Club of Rome über Die neuen Grenzen des Wachstums stellte zwanzig Jahre später (1992) fest, daß die Grenzen bereits überschritten sind. Bis heute sind die Bemühungen des Club of Rome erfolglos geblieben.
Aber die Stimmen der Mahner sind seither nicht verstummt. Die „Weltkommission für Umwelt und Entwicklung“, eine Einrichtung der Vereinten Nationen, veröffentlichte 1987 unter dem Titel „Unsere gemeinsame Zukunft“ den sogenannten Brundtland-Bericht, ein Konzept für eine Entwicklung, die die Menschheit vor künftigen Katastrophen bewahren soll und die „den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen.“ Ernst-Ulrich von Weizsäcker veröffentlichte 1989 eine umfangreiche Studie mit dem Titel „Erdpolitik.“ Er äußert darin die Befürchtung, daß künftig eine neue Form von Diktatur entstehen kann, die sich genötigt sieht, „die begrenzten Ressourcen zu rationieren, das Wirtschaftsgeschehen im Detail zu lenken und von oben festzulegen, was Bürger um der Umwelt willen tun und lassen müssen.“ Auch Klaus Wiegand, der Initiator der „Stiftung Forum für Verantwortung“ und einer zwölfbändigen Dokumentation zum Thema Nachhaltigkeit (S. Fischer Verlag, Frankfurt, Januar 2007), sieht diese Gefahr, wenn wir nicht die Chance wahrnehmen, „eine gerechtere und lebenswertere Zukunft für uns und die zukünftigen Generationen zu gestalten.“ Ein Haupthindernis, dieses Ziel zu erreichen, sieht er in den „kurzfristigen Zielsetzungen in unserer Wirtschaft wie Gewinnmaximierung und Kapitalakkumulierung.“
Im Juni 2008 stellt die Internationale Energie-Agentur (IEA) fest: „ Trotz der weltweiten Anerkennung des Problems (des Klimawandels) sind die Emissionen (von Treibhausgasen) in den vergangenen Jahren immer schneller angestiegen.“ Die IEA schätzt die notwendigen Investitionen für den Klimaschutz bis 2050 auf 45 Billionen Dollar. Sie empfiehlt, bis zur Mitte des Jahrhunderts weltweit 1300 weitere Atomreaktoren und 710 000 Windkraftanlagen zu bauen. Mit immensen Summen Geldes und einer dreifachen Steigerung lebensfeindlicher Atomtechnik glaubt man, der umfassenden und globalen Lebenskrise Herr werden zu können. Derartige Perspektiven zeigen nur allzu deutlich: Solange die herkömmliche Denk- und Lebensweise und die Ansprüche der modernen Zivilisation aufrecht erhalten bleiben, erweist sich das herkömmliche ökonomische und politische System als hilflos und ohnmächtig gegenüber der Lebenskrise, die es verursacht hat. Abhilfe und Überwindung der Krise ist nur in dem Maße möglich, wie die geistige Basis des alten Systems grundsätzlich in Frage gestellt wird und eine neue, religiös und ethisch motivierte Beziehung zum Leben von Mensch und Schöpfung an dessen Stelle tritt. Und nur auf dieser neuen geistigen Grundlage wird ein völlig neuer menschlicher Lebensstil und neue soziale Lebensformen und Wirtschaftsweisen entstehen können, die geeignet sind, der Wohlfahrt des Lebens von Mensch und Schöpfung zu dienen.
Aber nach der kurzsichtigen und geistig wie ethisch recht anspruchslosen Logik der neoliberalen Ökonomie ist eine freiwillige und rechtzeitige Kurskorrektur nicht zu erwarten. Man wird so lange mit dem Risiko der Erschöpfung der Ressourcen und der Zerstörung der Biosphäre spielen, wie noch irgend eine Gewinnmaximierung im globalen Wettbewerb und Krieg aller gegen alle zu erzielen ist, bis dann schließlich das Risiko unabänderlich umschlägt in die Katastrophe des globalen ökologischen Zusammenbruches. Eine Vorahnung für die Art künftiger Auseinandersetzungen zwischen Umweltpolitik und Wirtschaft liefert ein aktuelles Beispiel: Im Januar 2007 forderte die Umweltkommission der Europäischen Union die europäische Autoindustrie auf, bis 2012 bei neu zuzulassenden Fahrzeugen den Kohlendioxid-Ausstoß von derzeit 160 auf 120 Gramm pro Kilometer zu senken. Die deutschen Autobauer sahen sich in diesem Fall genötigt, die Werke für größere und stärkere Autoklassen zu schließen und ins Ausland zu verlegen und bis zu 65 000 Mitarbeiter zu entlassen. Klaus Wiegand kommt für die Zukunft zu folgender Einschätzung: „Wir können so weitermachen wie bisher, doch dann begeben wir uns schon Mitte dieses Jahrhunderts in die biophysikalische Zwangsjacke der Natur mit möglicherweise katastrophalen politischen Verwicklungen.“
Ebenso grauenhaft wie die Risiken der Selbstvernichtung, mit denen die Gesellschaft der materialistischen Fortschritts-Zivilisation lebt, ist zweifellos das Risiko zunehmender sozialer Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit. Sie gilt im offiziellen System von Wirtschaft und Politik heute bereits als normal und wird sachlich begründet mit den sogenannten Realitäten, die mit dem Prozeß der Globalisierung einher gehen. Der frühere deutsche Bundesminister für Arbeit und Soziales, Norbert Blüm (CDU), hat dafür deutliche Worte gefunden, denen nichts hinzuzufügen ist und die ich hier wiedergeben möchte: „Die Moral der Wirtschaftsbosse ist ruiniert. Sie predigen Wasser, saufen Wein, sahnen ab, wie nie zuvor. Ihre Mitarbeiter behandeln sie wie leblose Ersatzteile. Werte wie Loyalität zählen nicht mehr. Für Post-Boss Klaus Zumwinkel sind nach eigenem Bekunden nur Dinge wertvoll, die sich in barer Münze ausdrücken lassen. Herrschaften wie Deutsche-Bank-Chef Ackermann setzen trotz Rekordgewinnen tausende Arbeitnehmer auf die Straße. Den verbliebenen Mitarbeitern würden sie am liebsten rumänische Hungerlöhne zahlen. Das ist pervers. ... Wir erleben die Wiederauferstehung des Proletariats. Immer mehr Menschen leben von der Hand in den Mund. Sie werden degradiert zu Job-Nomaden, sie verlieren ihre Heimat. Der Neo-Liberalismus macht Ehe und Familie kaputt. ... Wenn wir das System von Ausbeutung, Unterdrückung und Menschenverachtung nicht weltweit stoppen, knallt es bald gewaltig: In den Slums sehen selbst die Ärmsten im TV die Superreichen auf ihren Yachten Champagner trinken, während bei ihnen die Kinder jämmerlich verrecken. 8000 Kinder sterben täglich an Krankheiten, vor denen Impfungen sie geschützt hätten. Wir sind fähig, Menschen auf den Mond zu schießen, aber es scheint unmöglich, Kinder vor diesem Grauen zu bewahren.“
Die „geistige Wende kopernikanischen Ausmaßes“ hat nicht stattgefunden. Statt dessen droht uns heute weltweit in allen Bereichen des Lebens eine Katastrophe infernalischen Ausmaßes. Der materialistische Fortschritt zeigt heute vor den Augen der Menschheit, was er ist: Er ist das Symptom einer geistigen Krankheit, das Produkt einer geistigen und moralischen Degeneration des Menschlichen. Seine Versprechung, ein goldenes Zeitalter heraufzuführen, konnte er nicht einlösen. Er hat jede geistige und ethische Orientierung verloren und wird der Menschheit und der ganzen irdischen Schöpfung zur Last und zum Unheil. Albert Einstein hat einmal gesagt: „Wir leben in einer Zeit der perfekten Mittel und der verworrenen Ziele!“ Und in seinem Werk über Ethik und Politik schreibt Erich Fromm: „Wir sind wie ein Mensch, der Auto fährt und die schwache Ahnung hat, daß er den Weg verloren hat. ... Wir fahren anscheinend nirgendwohin mit immer schnellerer Geschwindigkeit!“
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