Zunächst geht es darum, die besondere Eigenart der Krise zu erkennen, in der sich die Menschheitsentwicklung gegenwärtig befindet und an der wir als einzelne Menschen mit beteiligt sind. Erst wenn wir verstehen, welcher epochale Wandel sich in unserer Zeit vollziehen will, können wir auch die besondere Aufgabe, Herausforderung und Chance wahrnehmen, die dieser Wandel für die Entwicklung der Menschheit und für uns als einzelne Menschen bedeutet. Daraus lassen sich dann auch die Wesenszüge des neuen Geistes erkennen, von dem eine Erneuerung aller Lebensbereiche ausgehen kann.
Unsere gesamte technokratische Zivilisation leidet an einer fortschreitenden Entfremdung vom Leben, von der wir als einzelne Menschen zwangsläufig mit betroffen sind. Der Weg der Heilung besteht darin, den Anschluß ans Leben neu zu finden, indem wir uns bewußt einüben in die vier elementaren Beziehungen menschlichen Lebens: In die Beziehung zur Schöpfung, zu uns selbst, zu unseren Mitmenschen als Brüder und Schwestern und zum göttlichen Geheimnis allen Lebens. Darin besteht zugleich die Einübung in den neuen Geist der „Ehrfurcht vor dem Leben“, den Albert Schweitzer formuliert hat. Nur die Mystik und Ethik der „Ehrfurcht vor dem Leben“ erfüllt den ganzheitlichen, ökumenischen und interreligiösen, den sozialen, ökonomischen und politischen Anspruch, aus dem eine neue menschliche Kultur geboren werden kann.
Aus dieser Einübung in den neuen Geist einer neuen Epoche kann die Initiative entstehen, neuartige gemeinschaftliche Lebensformen zu bilden, selbst verwaltete Gemeinwesen als Werkstätten, in denen die Kunst des Lebens und des Friedens gelernt werden kann, während heute noch überall auf dieser Erde in Kasernen und auf Schlachtfeldern der Haß, die Feindschaft, das Töten und der Krieg geübt wird. Die tiefe soziale, ökologische, ökonomische und politische Krise der alten Nationalstaaten und die weltweite Flüchtlingsproblematik sind Phänomene eines umfassenden globalen Zerfalls der alten nationalen Völkerschaften und ihrer traditionellen Lebensformen. Nur in kleinen, selbständigen und selbst verwalteten Gemeinwesen wird es möglich sein, daß gleichberechtigte Mitglieder in gemeinsamer Verantwortung alle Bereiche des Lebens, das Arbeiten und Wirtschaften ebenso wie die Erziehung und Bildung und das soziale und kulturelle Leben aus dem Geist der „Ehrfurcht vor dem Leben“ neu gestalten können. Solche neuen Lebensformen können zur sozialen Grundlage werden für die Entstehung einer neuen Ordnung der Gerechtigkeit, des Friedens und der Bewahrung der Schöpfung.
Die Frage nach dem Sinn und der Bedeutung der umfassenden globalen Lebenskrise der Gegenwart und die Frage nach der Aufgabe, die uns darin zukommt, werden wir erst dann recht beantworten können, wenn wir diese Krise als Geburtswehen einer neuen Zeit und einer neuen Menschheitskultur verstehen und durchstehen: Heute ist die Zeit, in der etwas Altes zu Ende geht und etwas Neues geboren werden will. Durch bloße Reformen am Alten wird es jedoch nicht zum Leben kommen können. Die gegenwärtige globale Lebenskrise hat darum den Sinn, auf allen Gebieten des Lebens unsere persönlichen kreativen, geistigen und ethischen Kräfte, unseren Glauben und unseren Mut herauszufordern, um soweit es uns möglich ist in ersten Schritten die Vision von einer neuen Kultur aus der Mystik und Ethik der „Ehrfurcht vor dem Leben“ zu verwirklichen.
Ich würde mich freuen, wenn diese Schrift einen Anstoß geben könnte, um zum Gespräch zu ermuntern über das Neue, das heute und künftig von uns getan werden kann. –
Peter Spönlein
Waldkirch, Juni 2015
Teil I
Die Zeichen der Zeit
Im vergangenen Jahrhundert ereigneten sich zwei epochale Entdeckungen, die in ihrer Gegensätzlichkeit sehr genau die geistige Krise unserer modernen Zivilisation kennzeichnen und zugleich ihre Lösung andeuten und einen Weg der Erneuerung eröffnen: Es ist einerseits die Entdeckung der Atomenergie und die Erfindung der Atombombe und andererseits die Einsicht in die Gesetzmäßigkeiten der Ökologie. Einerseits werden wir mit der Tatsache konfrontiert, daß die technische Autonomie des Menschen und seine Beherrschung der Natur imstande ist und darauf abzielt, alles Leben auf dieser Erde zu vernichten. Andererseits eröffnet die Einsicht in die ökologischen Gesetzmäßigkeiten, Beziehungen und Zusammenhänge in der Natur uns Menschen die reale Möglichkeit, diese Erde in ein Paradies zu verwandeln und eine globale Lebensordnung des Friedens und der Freundschaft zu verwirklichen mit allem, was lebt.
Im Jahr 1972 ist die denkwürdige Studie des Club of Rome „Die Grenzen des Wachstums“ der Weltöffentlichkeit vorgestellt worden. Das Erscheinen dieser Studie markiert ein entscheidendes Datum in der Geistesentwicklung der Moderne. Zum ersten Mal werden Grenzen des techno-ökonomischen Fortschrittes sichtbar, jenseits derer dieser bisher so stolze Fortschritt in eine Katastrophe globalen Ausmaßes umzukippen droht. Was die Thesen dieser Studie so provokant macht, ist nicht so sehr der Appell an die Betreiber des Fortschrittes, ihre ehrgeizigen Programme herunterzufahren oder gar zu stoppen. Die Provokation und das Ärgernis der Grenzen des Wachstums liegt vielmehr in der Tatsache, daß nun der materialistische Fortschritt, der ja die Natur überwinden, besiegen und beherrschen wollte, offensichtlich eben gerade in dieser Natur einem völlig andersartigen geistigen System begegnet, das nun allen technischen und wirtschaftlichen Berechnungen zuwider läuft, ihnen die Stirn bietet, sie grundsätzlich in Frage stellt und ihnen überlegen ist.
Die Besonderheit des geistigen Systems der Natur besteht gerade darin, daß es das Wachstum der einzelnen Lebewesen durch die allseitige gegenseitige Ergänzung aller Organismen überwindet, und sich auf diesem Wege zu einem hoch komplexen System entwickelt, in dem jedem Organismus und jedem Element gleiche Bedeutung zukommt: Der Regenwurm ist ebenso wichtig wie der Elefant, das Gras genauso wichtig wie die Vögel, und das Wasser ist so wichtig wie die Erde. Durch diese Merkmale der sozialen Gleichheit und der Überwindung des Wachstums durch allseitige Ergänzung erwirbt die Natur die Fähigkeit, allen Lebewesen gerecht zu werden, sich stets zu erneuern und unsterblich zu bleiben.
Im modernen techno-ökonomischen System der Menschheit ist stetiges Wachstum von Wettbewerb, Produktion und Gewinn das oberste Ziel. Allseitige Ergänzung wird auf diesem Wege ausgeschaltet und unmöglich gemacht. Es gibt nur noch Gewinner und Verlierer. Der Arbeitsmarkt und der Verkauf von Gütern schafft nur eine scheinbare soziale Ergänzung; denn es wird nicht produziert, was zum Leben notwendig ist, sondern was sich verkaufen läßt. Sowohl die arbeitenden Menschen als auch der Handel dienen letztlich nicht dem Wohle aller, sondern begünstigen nur die wachsende Bereicherung und Macht der Reichen und den Nebeneffekt, die Natur zu zerstören, von und mit der wir leben. Die weltweite soziale Ungleichheit zwischen arm und reich ist geradezu das auffallendste Merkmal unserer menschlichen Gesellschaft, die in dem Maße ihrem eigenen Untergang zusteuert, wie sie auf ihren tödlichen Prinzipien weiterhin unbeirrt beharrt. Die Menschheit wird heute mit der schwer erträglichen Tatsache konfrontiert, daß das biologische, ökonomische und soziale System der Natur offensichtlich weitaus genialer ist als das menschliche System der modernen Zivilisation. In der Evolution des Lebens herrscht auch, wie wir heute wissen, keineswegs primär und ausschließlich ein „Kampf ums Dasein“, den Charles Darwin (1809-1882) noch als Antriebsenergie in der Entwicklung der Natur angenommen hat und den sich die moderne Zivilisation offenbar zu ihrem Leitmotiv erwählt hat. Joachim Bauer, Professor für Medizin und Psychiatrie in Freiburg, hat dargelegt, daß der Mensch aufgrund seiner genetischen, neurobiologischen und psychischen Konstitution von Natur aus auf Kooperation angelegt ist und eben gerade nicht auf einen „Kampf ums Dasein“.
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