Besonders aber stand auf dem Spiel die Macht der selbsternannten Stellvertreter Gottes auf Erden. Zum Zeitpunkt der kopernikanischen Wende waren nicht mehr die einfachen Menschen, die ›Ebenbilder‹ des Elohim, die Stellvertreter Gottes auf Erden. In der Zwischenzeit hatten sich die Kleriker emporgearbeitet. Diese ›Berufsgruppe‹ fühlte sich Gott ganz besonders ähnlich und nah. ›Kleros‹ heißt auf Griechisch ›Teil‹. Die Kleriker haben Teil am Heiligen, sind Teile des Heiligen.
Die Reaktion dieser Menschen ist verständlich. Ihre Macht war bedroht. Und psychologisch verständlich ist die Tatsache, dass es länger als 400 Jahre gedauert hat, bis die Kirche diesen Irrtum eingesehen hat.
Wollten wir uns von der Evolutionstheorie Rat holen, dann geriete das übergroße Selbstwertgefühl des Menschen richtig ins Schwanken. Denn nach dieser Lesart der Entwicklung des Lebens kann der Mensch mehr oder minder nur ein Zufallsprodukt sein, das irgendwann von der Evolution überrundet und weggeworfen wird, oder eine Zwischenstufe bleiben, wie der Affe die Vorstufe des Menschen ist.
Die Sonne wird erkalten. Die apokalyptische Vision, dass Sonne und Sterne vom Himmel herunterfallen, ist nicht falsch. Die Sonne wird erkalten, aber nicht, weil der Mensch böse ist, sondern weil es in ihrer Natur liegt. Junge Sterne brennen stark, alte Sterne erkalten und zerfallen, genau wie der Mensch.
Bevor die Sonne aber kalt wird, wird sie beim Abkühlungsprozess mindestens doppelt so groß werden und sich Merkur, Venus und Mars einverleiben.
Auf der Erde wird das Leben verdorren, alles wird Wüste. Es ist ein besseres Schicksal, als wenn die Erde und mit ihr die Menschen von der Sonne auch einverleibt und Teil eines erkaltenden, aber heißen Magmas würden.
Es wird also, im günstigen Fall, eiskalt werden auf der Erde. Wenn wir uns heute davor fürchten, dass das Polareis schmilzt und das Wasser der Ozeane bedeutend ansteigt und schöne Städte wie Venedig und New York überflutet werden, können wir uns trösten. Die Erde wird eine Eiskugel werden, wenn die Sonne erkalten wird.
Dafür werden andere Sterne wiedergeboren werden, und andere Planeten werden um die neuen Sonnen kreisen, und vielleicht wird dort neues Leben entstehen, und neue Götter werden dort angebetet.
Es gibt heute immer noch Theorien, die besagen, dass die Expansion des Universums zum Endziel die Entstehung und die Transformation des Menschen hat, der sich mit dem Universum weiter entwickeln wird, wie das Universum die eigenen Bestandteile dem Zerfall preisgibt, um neu zu werden, vielleicht ja Geist und Intelligenz.
Diese Theorien übersehen, dass das Universum sich am Menschen vorbei entwickelt.
Der Anthropozentrismus, die Sicht, dass der Mensch die Mitte des Universums, das Abbild Gottes ist, ist leicht übertrieben, um nicht zu sagen, sie ist die naive Selbstüberschätzung des Menschen.
Der Anthropozentrismus übersieht merkwürdigerweise, dass der Mensch vergänglich ist. Nicht nur der Einzelne wird zu Staub zurückkehren, die Menschheit selbst zusammen mit der ihr von den Göttern geschenkten Heimat ist Futter für die Fortentwicklung und Expansion eines Universums, das keine Skrupel hat, sich nicht nur winzige Planeten wie die Erde, sondern richtig große Sterne einzuverleiben.
Und welcher Gott soll dem Menschen diese Überheblichkeit eingeflößt haben?
Jahwe und Elohim haben sich auf die Kreativität des Menschen eingelassen. Ein gefährliches Spiel, denn der Mensch ist zwar fantasiebegabt, aber, wie bereits gesagt, gelegentlich humorlos.
Auch Elohim und Jahwe werden mit dem Erkalten der Sonne auf dem kleinen Planeten Erde zunächst frieren und dann für ewig vereisen.
Sie waren bei der Erschaffung des Kosmos kurzsichtig und bei der Erschaffung des Menschen viel zu gutgläubig.
Man sollte mir nicht vorwerfen, ich hätte keinen Respekt vor Gott. Sollte er irgendwie sein (nicht ›existieren‹ – wie unsereiner), möchte ich ihm höchsten Respekt erweisen. Sollte mir die Ehre erwiesen werden, ihm irgendwie zu begegnen, wäre ich sehr froh. Ich habe aber den Eindruck: Man kann sich anstrengen, wie man will: Es ist nicht einfach, ihn zu finden.
Gegenüber Göttern aber bleibe ich skeptisch. Ich neige eher dazu, dass der Mensch sie sich erdacht hat. Vielleicht – und das ist eine realistische, logisch wie psychologisch naheliegende Alternative – hat der Mensch sich verloren und allein gefühlt auf Erden, den Naturelementen – Winden, Regen, Eiskälte, wilden Tieren, unbekannten und giftigen Pflanzen – ausgeliefert. Es war ihm alles zuviel. Es fehlte nicht viel, dass ihm alles ein bisschen chaotisch vorkam. Es fehlten ihm Geborgenheit und Wärme auf Erden. Ein Gott, der für ihn, den Menschen, das Ganze ordnet, den Elementen Sinn und Ziel, dem Menschen das Gefühl gibt, die Sonne sei für ihn da, und der Mond und die Sterne, ja sogar die Pflanzen und die Tiere hätten keinen anderen Sinn und Zweck, als ihn, den Menschen, zu ernähren – dieser Gott gab dem Menschen eine Heimat. Eine Heimat mit einem eigenen Hausgott ist ein Kosmos, eine richtige Schöpfung, ein Zuhause mit Kamin oder mit Kachelofen.
Kurzsichtig waren also nicht unbedingt die Götter – die armen Götter waren selbst Kreaturen der menschlichen Fantasie: Kurzsichtig war der damalige Mensch. Er kannte nur seinen Garten, seine Umgebung. Er wusste nicht einmal, dass andere Menschen – eventuell einige Jahrhunderte später – ganz woanders, im heutigen Mexiko (»Was ist das?«, hätte der mesopotamische, hebräische Mensch damals gesagt, das wusste nicht einmal Kolumbus, als er sich Jahrtausende später nach Indien auf die Reise machte), andere Türme, stufenartige Pyramiden, vielleicht auch ›babylonische‹ Türme bauten.
Entsprechend hat er es sich heimelig eingerichtet. Das große Universum hätte ihn zu Recht stark irritiert.
DIE WELT MUSS NICHT VON GOTT STAMMEN
Wer war zuerst da, der Schöpfer oder die Schöpfung? Die Frage hat die gleiche Berechtigung wie die: Was war zuerst da, das Ei oder die Henne? Ganz eindeutige Antworten gibt es in dem einen wie im anderen Fall nicht.
Wir wollen uns nicht um die Fundamentalisten kümmern. Richtig scheint aber Folgendes zu sein: Der biblische Text meint unmissverständlich, dass die Welt und der Mensch ihre Existenz wie auch immer einem Schöpfer verdanken.
Muss man diese Meinung teilen? Nicht unbedingt. Es könnte auch ganz anders gewesen sein.
Etwa so: Stellen wir uns vor, die Schöpfung sagte sich einmal: Wenn ich Schöpfung heiße, dann habe ich logischerweise einen Schöpfer. So wie Descartes, der eines Morgens aufwacht und einen Gedanken aufschnappt, der zufällig und überraschend durch seinen Kopf rast. Er ruft verwundert und überzeugt zugleich: cogito ergo sum (ich denke, also bin ich). So sagte sich die Schöpfung: creatio sum, ergo creator est. Wo eine Schöpfung existiert, dort ist auch ein Schöpfer.
Und so fabuliert die Schöpfung ihren Schöpfer aus der puren Lust an der eigenen Sprachlogik. Der Schöpfer ist für sie eine einfache, klare, logische Notwendigkeit.
Besonders der Teil der Schöpfung, der gerade vor kurzem seine Affenähnlichkeit aufgegeben und angefangen hatte, nicht nur seine Vorfahren, sondern den Rest der Mitbewohner der Erde als sein Eigentum zu behandeln, betrachtete sich als etwas Besonderes.
Der Mensch also, oder wie er sich damals nach dem zweiten Schöpfungsbericht nannte: ›Adam‹, weil er in seiner damaligen Sprache meinte, aus der Erde – sowieso besser als vom Affen! – zu stammen, also der Mann und die Frau waren mit sich sehr zufrieden.
Der Mensch hat im Schöpfungsgedicht alles ein wenig idealisiert, um sich selbst auf den Thron der Schöpfung zu setzen: Gott Elohim schaute sich jeden Tag (man muss um der Wahrheit willen unterscheiden: Für Gott gibt es keine Tage und Nächte, keine Minuten und Sekunden – aber wie soll man die Schöpfung, wenn sie schon erschaffen ist, mit ihrer leider zeitlichen Dimension anders erfassen als in Tagen, Stunden, Minuten und Sekunden?) … Also Gott Elohim schaute sich sein Tagewerk (schon wieder so ein absurder Ausdruck für Gott!) jeden Abend (so was!) an und sagte bewundernd: Es ist gut geworden.
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