Wir können also festhalten: Auch Jahwe und Elohim sind – philosophisch gesehen – Demiurgen. Vor ihrer Schöpfertätigkeit existierte das Wasser oder die trockene Erde oder beides. Das Chaos war, bevor sie erschufen.
Mythisch gesehen sind Jahwe und Elohim genauso tätig wie die anderen Schöpfer. Denn Elohim und Jahwe haben das Chaos geordnet, zu Himmel und Erde bzw. zum Garten Eden umgestaltet, der eine mit seinem Wort, der andere mit seinen Händen: Ordnend haben sie für den Menschen einen Kosmos, eine Heimat erschaffen.
Im besten mythischen Sinn ist derjenige, der für den Menschen einen Kosmos schafft, ein Gott, weil er für die Menschen einen sakralen Lebensraum schafft, in dem der Mensch gedeihen kann. Das haben aber auch die anderen mythischen Schöpfergötter getan.
Unser heutiger Gott, den wir Christen uns im Laufe der letzten 20 Jahrhunderte erschaffen haben, ist anders als Jahwe und Elohim. Unser moderner Gott soll alles aus dem Nichts erschaffen haben. Nach unserem modernen christlichen Gottesbild ist ein Demiurg als Schöpfer-Gott eigentlich arm dran: Er ist – in unserem heutigen christlichen Sinn – gar kein echter Gott, sondern ein unvollkommenes Wesen, das nicht alles erschaffen hat.
Andererseits berufen sich die Christen auf die Schöpfungsgeschichten aus der Bibel, über die wir gerade reden. Und diese lassen die Interpretation zu, dass Elohim und Jahwe wie die anderen Götter nicht aus dem Nichts erschaffen haben.
Wie wir sehen werden, ist auch philosophisch und theologisch die Möglichkeit gegeben, dass der christliche Gott nicht aus dem Nichts erschaffen hat. Es ist auch keine Aussage des Glaubensbekenntnisses, dass Gott aus dem Nichts erschaffen hat.
Wie sähe dann das Verhältnis zwischen dem Schöpfergott – wie er auch heißen mag – und der unförmigen, chaotischen Materie aus?
Vielleicht existierte Gott vor dem Chaos. Dann gibt es – nach menschlicher Logik – zwei Alternativen: Das Chaos wurde von ihm zuerst geschaffen, praktisch als Vorstufe der Erschaffung des Kosmos. Wozu hätte aber ein Chaos erschaffen werden sollen, das etwas Unvollkommenes, Unwürdiges für unseren vollkommenen Gott ist? Oder das Chaos wurde von Gott nicht erschaffen. Von wem stammt es dann? Gibt es einen zweiten Schöpfer, der für das Chaos verantwortlich gemacht werden kann, bevor Gott herangeht und das Chaos in einen Kosmos verwandelt?
Oder das Chaos existierte neben Gott. Dann ist Gott nicht der Erste, nicht das Alpha und das Omega, sondern ein Mitwesen. In diesem Fall hätte er – ähnlich wie in anderen Schöpfungsmythen – gegen das Chaos gekämpft und es besiegt. Darin läge eventuell die Wurzel des Bösen in der Welt, das durch die Schöpfertätigkeit nicht ganz besiegt und beseitigt wurde.
Die Koexistenz von Chaos und Gott, von Urmaterie und Schöpferkraft, von orientierungsloser Materie und zielgerichtetem Geist war möglicherweise eine echte Herausforderung für den Geist: Ursprünglich herrscht Zwiespalt in der noch nicht geordneten ›Welt‹, bis es dem Geist gelingt, der Materie eine Richtung zu geben, bis das Chaotische irgendwie bewohnbar, ein Kosmos wird, geisterfüllt ist, in dem nicht nur chaotischer Wind über chaotischem Wasser weht, sondern eine Brise Geist das neue Zuhause erfüllt.
Diese Theorie riecht stark nach Pantheismus einerseits, nach Gnosis andererseits. Pantheismus und Gnosis sind zwei Seiten einer Medaille, um die gemeinsame Wirkung von Geist und Materie auf eine kurze Formel zu bringen. Sie könnte aber einige Phänomene der ›geordneten‹ Schöpfung erklären, zum Beispiel die Anwesenheit von Unvollkommenheit und Bosheit in der Welt.
›HIMMEL UND ERDE‹ – WAS IST DAS?
›Himmel und Erde‹ ist das, was der Mensch mit bloßen Augen sieht.
Auch heute ist es so. Der blaue oder wolkenbehangene Himmel. Wenn der Himmel blau ist, sieht man die Sonne, nachts sieht man den Mond und die Sterne. Nachts herrscht die Dunkelheit, tags das Licht.
Und die Erde trägt uns, wir stehen oder knien oder gehen auf ihr. Auf der Erde leben auch Tiere und Pflanzen. Flüsse durchqueren die Erde, und der Regen macht sie fruchtbar.
Je enger der Gesichtskreis, desto heimischer sind Himmel und Erde, je größer der Gesichtskreis, desto unbekannter und unheimlicher sind sie.
Dieses ›Himmel und Erde‹ wurde von Elohim erschaffen.
Was der Mensch vor vier, drei, zwei oder anderthalb tausend Jahren nicht gesehen hat, wurde von Elohim nicht erschaffen. Oder doch? Die Frage stellte sich für die damaligen Menschen gar nicht.
Der Himmel war noch nicht das All, der Weltraum. Der Himmel war ein Dach, an dem Sonne und Sterne aufgehängt waren und sich um die Erde drehten.
Ähnlich dem Haus, das die Menschen bewohnen, ist der Kosmos, der ›Himmel und Erde‹ heißt. Das Haus hat einen Boden, Wände und ein Dach, an dem heute elektrische Lampen hängen, an dem damals eine oder mehrere Öllampen hingen, je nachdem, was sich der Hausbewohner leisten konnte.
So hat sich der Mensch ›Himmel und Erde‹ vorgestellt: der Erdboden natürlich unten, ›unendlich‹ groß, der Himmel blau am Tag oder schwarz in der Nacht, daran Leuchten, kleine und größere. Und da der Horizont so groß und unerreichbar war, war der Himmel gleichzeitig Dach und Wand des Welthauses.
Der Mensch hatte sich Himmel und Erde als Abbild seines Hauses vorgestellt: Der Kosmos als Zelt, domus, casa, home, Heimat. Und nach diesem Bild des Menschen wurden ›Himmel und Erde‹ durch Elohim erschaffen.
In ein römisches domus gehörten auch die Hausgötter: die Laren und die Penaten, die die Aufgaben hatten, die Hausbewohner zu schützen. Auch vor den Römern hatten die Menschen gerne Götter, nicht nur innerhalb ihrer vier Wände, sondern auch in ihrem großen Haus, dem Kosmos. Mehrere von ihnen, sogar deren Namen, haben wir inzwischen kennengelernt.
Das Weltall, wie es sich uns heute darstellt, ist hingegen auch für den heutigen Menschen mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln tatsächlich unermesslich. Davon wussten die Autoren der Bibel nichts oder sie hatten nur eine vage Intuition. Zehn Millionen mal zehn Millionen Sterne umfängt es – das ist nur eine grobe Schätzung, und diese vielen Sterne, von denen wir uns keine Vorstellung machen können, sind nicht mal fähig, das All hell erleuchten zu lassen. Das All ist dunkel, schwarz, die Sterne sind zu wenige, um es zum Leuchten zu bringen. So groß ist das Universum, und es wird immer größer.
Der Weltraum expandiert ständig. Und neue Sterne werden geboren, alte sterben ab.
Gibt es ein anderes Leben im All? Es ist sehr wahrscheinlich, so groß ist das Universum. Was sind wir denn, dass wir meinen könnten, unser Leben sei die einzig mögliche Lebens-Art? Es gibt viele Möglichkeiten, Leben zu definieren, eventuell existieren viele Lebensarten. Vielleicht gibt es kein biologisches Leben (auch wenn es paradox klingt) wie unseres, aber doch Intelligenz im All. Geist muss nicht unbedingt mit vergänglicher Biomasse oder gar mit Materie verbunden sein. Vielleicht ist das Universum selbst intelligent und wird von dieser Intelligenz gesteuert.
Vor kurzem haben Wissenschaftler Wasser außerhalb der Erde entdeckt, als Eiskristalle oder als vereiste Fläche. Man hat es auf Asteroiden entdeckt und sogar auf Planeten. Dass außerhalb der Erde Leben existieren kann, belegt die Existenz des Wassers im All. Denn Wasser ist auch vor allem Schöpfungsakt: die Mutter allen Lebens – auch auf Erden.
Einige Wissenschaftler gehen heute sogar von der Hypothese aus, dass das Wasser von herabstürzenden Asteroiden auf die Erde – sozusagen – ›importiert‹ wurde: ein chaotisches Element zuerst, bevor Leben, also Kosmos hier entstanden ist. Vielleicht ist Leben woanders sogar weiter entwickelt?
Mit all dem hatte der biblische Elohim nichts zu tun. Er ist, wenn man die Bibel aufmerksam liest, genauso wenig der Schöpfer des Alls wie andere semitische Götter. Er hat an einem kurzen Tag das Licht zwischen Himmel und Erde erschaffen, damit er sieht, was er noch zu tun hat, um das anfängliche Chaos in Ordnung zu bringen. Dann widmete er die weiteren sechs Tage der kleinen Erde, und einen einzigen Tag brauchte er, um das Dach über der Erde zu schmücken, die zwei großen und die kleineren Laternen zu erschaffen, »damit sie über die Erde leuchten«.
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