Die letzten Tage waren die Hölle gewesen. Jeden Tag wurde Walter aufs Neue befragt. Jedes Mal musste er sich anhören, dass es weder einen mysteriösen Mann, noch eine geplante Besprechung und schon gar keine Bilder von der abgestürzten Sonde gab. Der Generaldirektor persönlich hatte ihm erklärt, weder von dem Treffen noch von irgendwelchen Bildern zu wissen. Walter versuchte ihnen alle Einzelheiten zu beschreiben, doch er merkte schnell, dass ihm keiner Glauben schenkte.
Die Explosion wurde auf eine defekte Gasleitung zurückgeführt und hinter vorgehaltener Hand wurde Walter inzwischen für verrückt erklärt. In zwei Tagen sollte er die Heimreise nach Wien antreten, da man seine Hilfe bei der europäischen Raumfahrtbehörde nicht mehr benötigte.
Er saß auf einer Parkbank, in einen dicken Mantel gewickelt und telefonierte mit seiner Tochter Monja.
»Ja, mein Schatz. Ich freue mich schon sehr auf Dich. Ich weiß, dass auch Du Dir schwertust, mir zu glauben, aber ich werde meine Untersuchungen nicht aufgeben.«
»Vater, komm zurück und wir reden in aller Ruhe darüber. Vielleicht kannst Du, wenn etwas Gras über diese Sache gewachsen ist, zurückkehren und Deine Arbeit fortsetzen«, sprach die junge Frau auf ihren Vater ein.
»Nein, mein Kind. Die werden mich nie wieder in ihre Nähe lassen oder mir etwas glauben. Wer auch immer dieser Mann war und wer auch immer uns töten wollte, hat ganze Arbeit geleistet. Ich habe hier nichts mehr. Ich will nur noch heim und mich einfach nur verkriechen. Mit der Zeit werde ich überlegen, wie es weitergehen soll.«
Nachdem er ihr nochmals versprach, sich sofort zu melden, sobald er in Wien gelandet war, verabschiedete er sich von seiner Tochter. Seine Frau war vor über zehn Jahren verstorben, seitdem gab es nur noch Monja, sein Kind. Er hatte sie die letzten Jahre vernachlässigt und immer seine Arbeit als wichtiger angesehen, doch nun war sie die Einzige, zu der er wollte.
Wahrscheinlich würde es ihn nicht lange in Wien halten und er sich bald auf die Suche nach Hinweisen zu der Höhle machen, aber zuerst wollte Walter seine Tochter besuchen.
Als er aufstand und einige Schritte in Richtung des berühmten Wahrzeichens von Paris machte, gesellte sich ein Mann an seine Seite.
»Ein beeindruckender Bau, dieser Eiffelturm, finden Sie nicht auch?«, fragte der Mann mit spanischem Akzent.
Walter drehte sich zu ihm.
Der sonnengebräunte Mann war mindestens einen Kopf größer als er und hatte millimeterkurz geschorene dunkle Haare, auf denen einige Schneeflocken glänzten. Am auffälligsten waren seine abstehenden Ohren und sein Körperbau, der Walter im ersten Moment auf einen Bodybuilder schließen ließ. Seine dunklen Augen wirken freundlich und er lächelte Walter an.
»Kenne ich Sie?«, fragte er den Fremden.
»Nein, Herr Knoth, noch nicht. Ich bin Miguel und ich glaube Ihnen.«
Miguel sah ihn an und ließ seine Nase leicht wackeln. Der Anblick war für Walter belustigend, aber er ließ sich nichts anmerken. Noch konnte er sich kein Bild machen, ob er diesem Fremden vertrauen konnte.
»Sie glauben mir was?«, fragte er skeptisch nach.
»Die Explosion bei der ESA, die Bilder vom Mars, das Zeichen an der Wand, die Verbindung zu den Maya. Gehen wir etwas spazieren, ich möchte Ihnen etwas über mich und meine Freunde erzählen. Sie werden schnell merken, dass Sie mir vertrauen können«, sagte er mit sanfter Stimme zu ihm.
»Ihnen vertrauen? Warum sollte ich das?« Walter war immer noch sehr unsicher, ob er dem Mann Glauben schenken sollte.
»Weil wir zu Joaquim gehören, ich glaube, das ist Grund genug.«
Der Name ließ Walters Skepsis sofort verfliegen.
»Lassen Sie uns gehen, ich habe Ihnen viel zu erzählen«, meinte Walter lächelnd.
Wien
Acht Jahre später
10. Jänner 2013
Die schwarze Limousine parkte am Flughafen. Der Fahrer stieg aus, sein Gesichtsausdruck verriet, dass es nicht sein bester Tag war.
Für Eric Solado war es sogar ein besonders schlechter Tag. Gestern noch hatte er mit Freunden seinen 35. Geburtstag gefeiert und war bester Laune.
Doch die hatte sich am Nachmittag bei Dienstantritt sofort drastisch verschlechtert. Er musste zu seinem Chef und dieser verkündete ihm keine guten Nachrichten.
»Es tut mir sehr leid, Herr Solado. Aber mir sind die Hände gebunden, diese Anweisung kommt von ganz oben. Ich muss mehrere Fahrer entlassen und darunter sind leider auch Sie. Mein Angebot wäre, dass sie die Fahrt heute Abend noch erledigen und dann den restlichen Monat und auch den kompletten Februar bezahlt bekommen«, waren seine Worte gewesen.
Eric hatte sich sehr zusammenreißen müssen, um nicht ausfällig zu werden. Er war seit fast vier Jahren Chauffeur für dieses Unternehmen gewesen, hatte sich in all den Jahren nichts zuschulden kommen lassen und keinen Unfall verursacht. Doch das alles zählte wohl in den Augen der Geschäftsführung nicht.
Es war 19 Uhr, in wenigen Minuten würde eine Maschine aus Paris landen. Er sollte einen Wissenschaftler zu zwei Adressen chauffieren und dann den Wagen abgeben. Damit wäre sein Job bei dieser Firma erledigt.
Wütend knallte er die Fahrertür zu.
»Caramba, Coño!«, fluchte er und strich sich durch seine schwarzen Haare, die vom heftigen Schneefall durchnässt waren.
Außerdem hasste Eric den Winter, er war ein absoluter Sommermensch. Das lag mit Sicherheit auch an seiner Familie. Sein Vater David stammte aus Spanien, genauer aus Callela. Seit Erics Geburt lebte die Familie in Wien, wo seine Mutter als Innenarchitektin arbeitete. David Solado war selbstständiger Dolmetscher und verbrachte zwischen seinen Aufträgen immer wieder viel Zeit daheim. Dank ihm war Eric auch zweisprachig aufgewachsen und sprach sowohl Deutsch als auch Spanisch perfekt.
Er nahm das Namensschild aus dem Kofferraum.
»Nun gut, Herr Doktor Walter Knoth. Dann lassen wir den Abend noch gemütlich ausklingen«, meinte er sarkastisch und nahm das Schild unter den Arm, bevor er sich mit schnellen Schritten durch den dichten Schneefall auf den Weg in die Ankunftshalle machte.
Die Anzeige in der warmen Ankunftshalle verriet ihm, dass die Maschine aus Paris pünktlich um 19 Uhr gelandet war. Somit konnte der Wissenschaftler jederzeit auftauchen. Eric wusste nicht, wie er aussah, und stellte sich weit nach vorne, das Namensschild in der Hand auf Brusthöhe.
Es dauerte noch eine Viertelstunde, dann kam ein älterer Mann heraus und schritt auf ihn zu.
»Ich bin Walter Knoth, guten Tag«, stellte er sich Eric vor.
Der Mann war sicher über sechzig, tiefe Falten zeichneten sein Gesicht. Er machte den Eindruck, sehr gestresst zu sein. Eric griff nach dem Koffer des alten Mannes.
»Guten Tag, ich bin Eric. Ich werde sie in die Stadt bringen, soweit ich weiß, zuerst zu ihrer Wohnung und dann zu einer zweiten Adresse.«
»Genau. Ich muss einige Unterlagen aus meiner Wohnung holen und dann möchte ich so schnell wie möglich zu meiner Tochter«, erklärte ihm der Wissenschaftler.
»Wenn Sie mir bitte folgen würden.«
Wortlos gingen sie zu der schwarzen Limousine. Eric verstaute den Koffer und hielt Herrn Knoth die Tür auf.
Die Wohnadresse von Walter Knoth lag im Villenviertel des dreizehnten Bezirks von Wien. Eric versuchte mit dem Mann ins Gespräch zu kommen, damit die Fahrt nicht zu langweilig werden würde.
»Wenn ich fragen darf, auf welchem Gebiet sind sie tätig, Herr Knoth?«
»Eigentlich die Astronomie, aber in den letzten Jahren habe ich mich mit vielen verschiedenen Dingen beschäftigt. Vor allem mit den mesoamerikanischen Kulturen in Mexiko und deren Bezug zum Weltraum.«
»Sie meinen die Maya zum Beispiel?«
»Vor allem, ja. Diese ganze Hysterie um das Ende des Maya-Kalenders im letzten Jahr hat es zwar erschwert, ernsthaft darüber zu recherchieren. Nachdem die Menschen eingesehen haben, dass die Welt doch nicht untergegangen ist …«
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