Alle nickten und gingen wieder ihrer Arbeit nach. Die Leibwächter setzten sich in das Auto der beiden Beamten und entsorgten auch die letzten Spuren ihrer Anwesenheit auf der Baustelle. Samuel Miller hatte sich seit dieser Zeit verändert, er wurde noch härter zu seinen Mitarbeitern, als ob der Teufel in ihn gefahren war.
Es war fast 7.00 Uhr. Steve und Clare erreichten gerade noch pünktlich den Parkplatz der großen Mall. Einige andere Autos parkten bereits auf dem riesigen Gelände des Einkaufzentrums. Sie schlossen ihren Wagen ab und gingen Hand in Hand zum Personaleingang auf der Rückseite des Gebäudes. Vor dem Eingang warteten etliche Personen darauf, dass endlich die Tür aufging.
Auf einmal waren Motorengeräusche zu hören. Ein silberfarbener Bentley, der in der Sonne funkelte wie ein geschliffener Diamant, bog in einem Affentempo um die Ecke des Gebäudes und kam schließlich vor der Menge zum Stehen. Die Türen wurden aufgerissen und dunkel gekleidete Männer verließen den Wagen. Sie bauten sich an der Fahrertür auf, einer von ihnen öffnete sie.
Wie in einer Show, wenn der Stargast die Bühne betritt, stieg Mr. Sulivan aus dem Bentley aus.
>> Hey Leute, 7.00 Uhr gerade noch rechtzeitig.
Freut mich, euch alle pünktlich anzutreffen.
Rick und Kyle werden die Anwesenheitsliste abhacken und dann jedem von Euch Schlüssel für die Geschäfte und eine Mappe mit den Listen der Waren, die kontrolliert werden müssen geben. Ich erwarte von euch ein sauberes und schnelles Arbeiten. Rick, Kyle und vier andere meiner Mitarbeiter werden die Arbeiten beaufsichtigen, also lasst euch nicht einfallen irgendetwas Dummes zu tun, ihr würdet es bereuen. >>
Die Ansprache von Mr. Sulivan dauerte ewig, alle waren der prallen Sonne schutzlos ausgesetzt und fingen an gewaltig zu schwitzen. Aber irgendwann war auch die langweiligste Rede zu Ende, die Tür der Mall öffnete sich und alle konnten hineingehen. Es war dunkel und kalt im Flur des Personaleinganges des Einkaufszentrums, wo es nicht notwendig war, sparte Mr. Sulivan, sei es am Strom oder an der Heizung. Eine Schlange von Mitarbeitern, geführt von Rick und Kyle bahnte sich ihren Weg in die Verkaufsbereiche der Mall. Eine letzte Tür ging es zu durchqueren, dann standen sie alle in dem riesigen Flur im Erdgeschoss des Ladens. Licht ging an und die schummrige Notbeleuchtung wurde von einem etwas helleren Putzlicht abgelöst, das ein wenig mehr von der Kostbarkeit und des Schicks des Einkaufszentrums erkennen ließ. Rick hatte allen Leuten die passenden Schlüssel und Akten mit den Unterlagen über das was abgearbeitet werden musste übergeben.
Mr. Sulivan war zufrieden.
>> So Leute ich verlasse mich auf euch, wir sehen uns Montagmorgen um 7.00 Uhr, ich werde mich dann persönlich davon überzeugen, dass alles erledigt ist. <<
Dann drehte er sich um und verschwand in dem dunklen Gang, aus dem sie gekommen waren. In seiner hoch erhobenen Hand den Schlüssel des Personaleinganges baumelnd. Mr. Sulivan verließ gegen 7.30 Uhr die Mall, verschloss sorgfältig die Tür, stieg in seinen Bentley und raste mit Vollgas davon.
1953. Die Möbelfabrik von Samuel Miller lief wie geschmiert, die letzten Arbeiten des Baues der fast drei Jahre gedauerte hatte, waren so gut wie abgeschlossen. In seiner Fabrik arbeiten mittlerweile 300 Menschen aus verschiedenen Schichten,vom Vorarbeiter bis zur billigen Hilfskraft. Die meisten von ihnen waren illegal beschäftigt und lebten auf dem Grundstück der Tischlerei in kleinen verkommenen Baracken. Es gab dort kein fließendes Wasser und kein Strom, in den kalten Wintermonaten mussten sie Abfallholz des Betriebes kaufen, um ihre spärlich ausgestatteten Hütten zu beheizen. Zu dieser Zeit gab es nicht viel Arbeit, deshalb waren sie froh überhaupt einen Job zu haben, egal wie hart er war. Den Vorarbeitern ging es besser, sie wohnten in Häusern im Ort, hatten Autos und verdienten nicht schlecht.
Allerdings mussten sie alles tun, was Samuel Miller ihnen befahl und das war nicht immer einfach.
Immer wieder waren Unfälle an der Tagesordnung. Meist waren es kleinere Fleischwunden, aber es kam auch vor, dass ganze Körperteile einer Säge oder einer Richtbank zum Opfer fielen. In der Fabrik gab es ein kleines Lazarett. Es war spärlich ausgestattet, aber immerhin waren dort zwei Leute mit weißen Kitteln beschäftigt, die irgendwie nach Sanitätern aussahen. Das beruhigte die Arbeiter in der Fabrik und trieb sie an ihrer Arbeit weiter nachzugehen. Am 16.02.1953 durchdrang ein Schrei die Halle der Sägerei in der Fabrik. Ein Helfer wurde beim Holzzuschnitt in die Kette des Antriebes gezogen und kam langsam der Säge näher. Sein Fuß hatte sich verfangen und er versuchte mit aller Kraft irgendwie freizukommen. Vergeblich bemühte er sich von der öligen Kette losgelassen zu werden, die ihn unerbittlich immer dichter den scharfen Zähnen der Säge zuführte. Andere Mitarbeiter versuchten ihn zu befreien und die Säge abzuschalten, vergeblich. Der Produktionsablauf war zu lang, das Band brauchte einige Minuten, um vollständig zum Stillstand zu kommen.
Da war es auch schon geschehen, die ersten Zähne der riesigen Säge erreichten seinen Schuh, der wie Styropor auseinander gefetzt wurde und trafen Sekunden später auf das Fleisch seines Fußes. Immer noch bewegte er sich wie wild und versuchte der Säge zu entkommen, da spritzte das erste Blut. Die Zacken der Klinge durchtrennten alles, was ihnen in den Weg kam. Knochen, Sehnen und Muskeln wurden so schnell zerschnitten, das es fast wie eine Wurstscheibe ausgesehen hätte wäre da nicht das viele Blut gewesen. In der Mitte der Wade trat das erste Blatt der Säge aus, das Zweite hatte aber schon seinen Oberschenkel erreicht und fetzte den Stoff der Hose auseinander. Wahnsinnige schreie durchdrangen die gesamte Fabrik, überall drehten die Arbeiter voller schrecken ihre Köpfe in die Richtung aus der die Laute kamen. Stan, so nannten ihn seine Freunde, verlor nicht nur seinen linken Fuß, sondern auch sein rechtes Bein. Oberhalb des Knies rumpelte die Säge durch seinen Oberschenkelknochen und kam irgendwann zum Stillstand. Kollegen liefen zu ihm, konnten ihn aber nicht befreien, das Sägeblatt steckte genau in seinem Bein. Das viele Blut ließ nicht erkennen, wie weit es durchtrennt war. Die Sanitäter kamen. Stan war bereits bewusstlos, der große Blutverlust hatte dafür gesorgt. Harry, einer der Sanitäter, erkannte sofort die Notwendigkeit ihn aus der lebensbedrohlichen Lage zu befreien. Er zog sein Messer und begann sofort, das restliche Fleisch, das im Sägeblatt fest hing zu durchtrennen. Schwer arbeitete sich das Messer durch die Sehnen und Muskelstränge. Plötzlich gab der Druck nach und der Körper von Stan war frei. Freiwillige Helfer trugen ihn in das Lazarett, andere brachten seine in Tücher eingewickelten Körperteile. Harry und Lloyd banden die schweren Verletzungen von Stan ab um die Blutung zu stoppen, da wurde die Tür geöffnet.
Samuel Miller betrat den Raum.
>> Was ist hier los, was hat dieser Idiot schon wieder angestellt? <<
>> Er ist in die große Säge gekommen Boss, aber er wird überleben! <<
>> Ihr wisst doch genau was passiert, wenn wir ihn ins Krankenhaus fahren, nicht nur ich verliere meine Arbeit, sondern auch ihr. <<
Samuel Miller knallte die Tür zu und schritt entschlossen zu der Sägeanlage in Halle drei. Dort angekommen trieb er seine Vorarbeiter an mit den Arbeiten fortzufahren, das Blut an der Säge mit Sägemehl abzustreuen und die Stelle von Stan anderweitig zu besetzen.
Auf die Fragen der Kollegen, was mit Stan geschehen wird, antwortete er lässig.
>> Leute, wir haben ihn sofort ins Krankenhaus gebracht. Er wird dort versorgt, ich hoffe, er schafft es, er ist ein guter Kerl. <<
Читать дальше