Der Waschraum war feucht und kalt. Ich musste mich vor dem fremden Mann entkleiden, wäre am liebsten vor Scham im Boden versunken. Der Mann sah das Blut, das aus mir herauslief, schmierte mich mit einem groben Scheuermittel ein und steckte mich unter die kalte Dusche. Danach rieb und tastete er meinen geschundenen Körper ab und steckte mich in eine Zelle. Ich fühlte mich hundeelend und trotz der Behandlung mit dem Scheuermittel, schmutzig. Mein Körper brannte und schmerzte. Ich war allein. Alleingelassen von meinen Eltern, von meinen Geschwistern, von der ganzen Welt. Ich befand mich in einer Hölle, die sich Sanatorium nannte. Der Name war glatter Hohn. Was hatte ich nur verbrochen, das man mich derart bestrafte?
Nach einer Ewigkeit öffnete sich die Tür.
Vielleicht bringt man mir jetzt endlich etwas zu Essen , dachte ich. Weit gefehlt. Vor mir stand derselbe Mann, der mich vorhin gesäubert und abgetastet hatte.
„Anmelden!“, verlangte er.
Ich verstand nicht sofort, was er von mir wollte und fragte vorsichtig nach.
„Wie anmelden?“
„Ich denke, du solltest bereits wissen, was das ist“, antwortete der Mann barsch.
„Ich weiß nur, dass ich wissen wollte, wo sich die Toilette befindet und dafür Schläge bekommen habe“, erwiderte ich vorsichtig. Die Antwort darauf kam prompt und beinhart.
"Hier wird nicht gefragt! Du hast zu warten, bis du Anweisungen bekommst! Du bist hier, um zu lernen, Anweisungen zu befolgen, dich ein- und unterzuordnen!"
Ich sank auf die harte Matratze und fing an zu weinen. „ Wo bin ich, was passiert mit mir?“
Bald darauf wusste ich es . Ich war in einer klinischen Einrichtung gelandet, in der man mich fertig machen und meinen Widerstand brechen wollte, anstatt mir zu helfen. Und das obwohl ich an der ganzen Misere keine Schuld trug.
1939
In Europa war der Zweite Weltkrieg ausgebrochen und ich befand mich noch immer in dem sogenannten Sanatorium. Die Einrichtung war ein Witz. Alles war alt, vergammelt und heruntergekommen. Mein Tagesablauf bestand im Wesentlichen aus - aufwachen, waschen, Frühstück, Medikamenteneinnahme, Küchen, - oder Gartenarbeiten, Mittagessen, Mittagsruhe, Beschäftigungstherapien, Abendbrot, schlafen.
Ich beschloss von hier abzuhauen. Die Gelegenheit dazu bekam ich, als der Wäschewagen kam. Ich versteckte mich auf der Ladefläche und schaffte es tatsächlich durch das geöffnete Tor zu verschwinden. Erst danach wurde mir bewusst, dass ich nicht einen einzigen Ort, nicht eine einzige Person kannte, zu der ich gehen konnte. Ich versteckte mich eine Zeitlang in einer alten Scheune, bis ich vor Hunger und Durst schier wahnsinnig wurde. Daraufhin verließ ich mein Versteck und versuchte auf den Hinterhof einer Bäckerei zu gelangen. Dabei schnappten sie mich.
Diesmal brachten sie mich in eine noch stärker gesicherte Abteilung. Hier gab es keine medizinische Behandlung mehr sondern militärischen Drill auf dem Hof bis zum Zusammenbrechen. Noch schlimmer waren die Demütigungen durch die anderen Insassen.
1940
Ich hielt es nicht mehr aus und versuchte erneut zu fliehen, doch der Versuch misslang. Jemand hatte meine Fluchtpläne verraten. Dafür bekam ich die schlimmste Strafe, die es gab: Tagelange Einzelhaft in einer fensterlosen Zelle ohne Behälter für die Notdurft. Wenn ich nur wüsste, wer mich damals bei den Erziehern verpfiffen hatte? Aber war das überhaupt noch wichtig?
Für die Missstände verantwortlich war auch die Hierarchie unter den Insassen. Natürlich war das von der Obrigkeit so gewollt. Die sogenannten Patienten sollten gezielt gegeneinander aufgehetzt werden. Für kleinere Vergehen gab es Essensentzug. Dann wurde gesagt: „Ihr wisst ja, wem ihr das zu verdanken habt.“
Und dann rechneten die Patienten unter sich ab. An so manchem Morgen war ich mit einer aufgeplatzten Lippe oder einem blauen Auge aufgestanden. Und die Pfleger hatten noch hämisch gefragt: „Juana, bist du gefallen...?“
Über Jahre hinweg versuchte ich mehrere Male aus dem Sanatorium zu verschwinden. Wir waren damals mehr als fünfzig Patienten aller Altersklassen, vom Teenager bis zur alten Oma. Die meisten von uns galten als schwer therapierbar, aber es gab auch ein gutes dutzend, die freikamen oder einfach verschwanden. Ich hatte kaum Kontakt zu den anderen Insassen, bis auf Matias, einem Jungen mit blass-blondem, weichem Haar. Eines Nachts kam er in mein Zimmer, bewegte sich zögernd auf die Seite zu, wo mein Bett stand.
„Juana...“, seine Stimme war ein vorsichtiges Flüstern. Ich erwachte sofort.
„Matias? Was in aller Welt ist denn mit dir los?“
Er schluchzte angsterfüllt.
„Ich habe Angst. Darf ich mich zu dir ins Bett legen?“
„Ja, aber sei still.“
Matias war sechzehn, zwei Jahre jünger als ich, aber zu schmächtig für sein Alter. Er war als Kleinkind missbraucht worden, litt unter furchtbaren Albträumen und wachte manchmal mitten in der Nacht schreiend auf. Die anderen Patienten schikanierten ihn, aber ich versuchte ihn zu beschützen, wo ich nur konnte. Matias kroch zu mir unter die Bettdecke und ich konnte spüren, wie ihm Tränen über die Wangen rollten. Ich hielt ihn fest umschlungen, versuchte ihn zu beruhigen.
„Es ist alles gut.“
Dazu wiegte ich ihn sanft in meinen Armen. Bald schon merkte ich, wie sein Schluchzen aufhörte. Stattdessen drückte er sich noch fester an mich. Ich spürte, wie seine Erregung wuchs.
„Matias!“
„Es tut mir leid, ich kann nichts dagegen tun.“
Seine Erektion presste sich an mich.
„Ich liebe dich, Juana. Du bist die einzige auf der Welt, die sich um mich sorgt.“
„Aber wie viel hast du denn bereits gesehen…, von der Welt“, meinte ich?“
„Bitte lach mich nicht aus.“
„Das tu ich ja gar nicht.“
„Ich habe doch niemand anderen als dich.“
Ich weiß.“
„Ich liebe dich, Juana.“
„Ich liebe dich auch, Matias.“
Stille. Dem folgte:
„Juana? Würdest du es mir erlauben, dich zu lieben? So richtig, wie ein Mann es mit einer Frau macht?“
„Nein.“
Wieder Stille.
„Tut mir leid, dass ich dich belästigt habe. Ich glaube, es ist besser, wenn ich in mein Bett zurückgehe.“
Das Gesicht von Matias war ausdruckslos und traurig. Ich hatte eine Idee.
„Warte Matias.“
Ich schmiegte mich fest an ihn, fühlte mich auf einmal seltsam erregt.
„Matias, ich kann jetzt nicht mit dir schlafen, aber ich kann etwas anderes für dich tun, damit du dich besser fühlst. Würde dir das gefallen?“
„Oh ja.“
Seine Stimme war nur noch ein säuseln. Er trug einfache Pyjamas. Ich knotete die Schnur seiner Schlafanzughose auf und griff vorsichtig hinein.
Großer Gott, er ist ein richtiger Mann...
Ich hielt ihn in der Hand und begann ihn vorsichtig zu streicheln. Matias stöhnte leise auf.
„Das ist wundervoll. Ich liebe dich, Juana.“
Ich spürte das Feuer in meinem Körper und wenn er mich jetzt noch einmal gebeten hätte mit ihm zu schlafen, ich hätte es ihm höchstwahrscheinlich erlaubt, aber er lag einfach nur ruhig da und genoss meine Bewegungen. Wenige Minuten später verschwand er dahin, woher er gekommen war. In jener Nacht fand ich keinen Schlaf, doch danach erlaubte ich ihm nie wieder in mein Bett zu kommen. Die Versuchung war einfach viel zu groß. Zwei Jahre später trieb ich es mit einem Pfleger. Hätte ich doch bloß damals den Kleinen an mich heran gelassen.. .
Meine Augen werden feucht, während ich das hier aufschreibe. So ganz emotionslos, wie ich geglaubt hatte, bin ich also doch nicht. Tatsächlich stecken noch so etwas wie Gefühle tief in mir drin. Ich überlege einen Moment und frage mich, was wohl aus dem kleinen Matias geworden sein mag. Bis dato habe ich nie wieder etwas von ihm gehört.
Читать дальше