Hinter einem schweren antiken Schreibtisch saß ein älterer Herr mit grauem Haar. Als er die beiden Damen eintreten sah, erhob er sich schnell, ging auf Mia zu und schüttelte ihr die Hand.
„Freut mich sehr, dass Sie doch noch zu uns gefunden haben, Senora Sastre. Ich bin Manuel Guzman.“
Der Herr vor ihr war also der Notar. Mia grüßte freundlich zurück, entschuldigte sich für ihr wie sie glaubte ungepflegtes Äußere, das in Wirklichkeit überhaupt nicht so schlimm war und Notar Guzman kaum zu interessieren schien. Schließlich erwähnte sie noch, dass sie nicht hätte früher kommen können, da sie sein Brief über die argentinische Botschaft nur verspätet und über Umwege erreicht hätte, und sie zweitens, nicht so ohne weiteres zwei Wochen hätte freinehmen können. Guzman nickte verständnisvoll und bat Mia vor dem wuchtigen Schreibtisch Platz zu nehmen. Sie tat wie ihr geheißen und blickte dabei auf die Zeiger einer französischen Konsolenuhr, die mit einer Halterung über dem Kopf des Notars an der Wand angebracht war und alt und äußerst kostbar aussah.
In dem Raum herrschte eine beinahe feierliche Atmosphäre. Es gab keine Unterhaltung, kein sich räuspern, kein Zeitungsrascheln, nur das stille Warten auf das, was jetzt kommen würde. Mia zählte die Sekunden. Notario Guzman saß mit verschränkten Armen vor ihr und blickte auf seine goldene Armbanduhr. Mia blickte wieder auf die Konsolenuhr. Der große Zeiger zuckte weiter und verharrte schließlich auf der vollen fünf. Guzman murmelte etwas vor sich hin, während er in die oberste Schublade seines Schreibtischs griff und einen großen braunen Umschlag herausholte, den er mit einem goldenen Brieföffner aufschlitzte. Mia konnte das runde Siegel erkennen, das er dabei beschädigte. Er brachte sich in Pose und erhob endlich das Wort.
„Gut, fangen wir an. Als Vertrauter von Frau Juana Marques eröffne ich nun das Testament der Verstorbenen, nachdem Sie, Frau Mia Sastre, sich ausgewiesen haben, um der amtlichen Korrektheit Genüge zu leisten. Ist das richtig, Frau Sastre?“
Mia war überrascht, dass sie so direkt angesprochen wurde, wunderte sich über so viel Amtsspanisch, nickte ein wenig unsicher und nahm eine gerade Sitzhaltung ein. Guzman sprach weiter.
„Ich danke ihnen dafür, dass sie sich extra hierher bemüht haben und verlese nun den Wortlaut des Testaments, welches mir die Verstorbene am 05. Mai 2014 diktiert hat. Der Text lautet wie folgt: Ich, Juana Maria Marquez, im Vollbegriff meiner Sinne, vermache für den Fall meines Ablebens, im Folgenden einzeln aufgeführten Besitz meiner Nichte Mia Sastre:
1 Mein Haus in Bariloche, Provinz Rio Negro.
2 Bargeld in Höhe von 50.000 US Dollar
Sachwerte, sowie meine persönlichen Notizbücher
Mia wurde unruhig. Schließlich ging es um ein beträchtliches Vermögen, dass sie erben sollte. Mit so viel hatte sie nicht gerechnet. Wieder sprach sie der Notario direkt an und lächelte zynisch.
„Senora Sastre, werden Sie das Erbe antreten?“
Mia dachte nicht lange nach, bejahten seine Frage. Und sie setzte sogar noch einen drauf, sagte das, was sie bereits gedanklich vorbereitet hatte.
„Ich bin gewiss, dass in mir verjüngt und verwandelt der Geist, der Wille und die Liebe meiner Tante weiterleben. Ich werde ihr Erbe in Ehren halten. In diesem Sinne und zum Gedenken an meine Tante Juana.“
Ihre Worte hörten sich zwar ein wenig abgedroschen an, verfehlten aber ihre Wirkung nicht. Notario Guzman schien schwer beeindruckt zu sein, erhob sich, nickte zustimmend mit dem Kopf und schüttelte abermals ihre Hand. Mia wusste, dass ihr kurzes Statement gesessen hatte. So etwas hatte sie in den USA gelernt. Sie unterschrieb noch einige Dokumente und vereinbarte sogleich einen weiteren Termin beim Notario Guzman. Sie hatte sich vorgenommen vorerst in Córdoba zu bleiben, zumindest, bis die Papiere aus Bariloche eingetroffen waren. Auch die Überweisung der Gelder würde ein paar Tage in Anspruch nehmen. Das, was sie sofort mitnehmen durfte waren eine Anzahl vergilbter Notizbücher sowie ein Metallisches Gefäß, das wie eine Geldkassette aussah. Mia staunte nicht schlecht, als Guzman ihr die Hinterlassenschaften ihrer Tante aushändigte. Sie verstaute die Utensilien in ihrer Handtasche und erkundigte sie sich nach dem Ort, wo genau ihre Tante begraben lag. Danach ließ sie sich ein Taxi rufen, verabschiedete sich und ging nach draußen. Hier rann ihr die Nachmittagsluft wie ein heißes Getränk durch die Kehle. Mia wusste, was sie zu tun hatte, bestieg das Taxi und ließ sich zu ihrem Hotel fahren. Sie wollte nur noch eins - raus aus ihren Klamotten und unter eine erfrischende Dusche.
Das Hotel Gran Victoria lag in der Avenida 25 de Mayo, genauer gesagt mitten im Zentrum von Córdoba. Von hier aus hatte man es nicht weit bis zur Fußgängerzone. Das Gebäude stammte aus der Kolonialzeit und strotzte nur so vor geschichtlichem Hintergrund. Es wurde bereits seit vielen Jahren als Gästehaus genutzt.
Mia stand vor der Rezeption und fragte nach ihrem Zimmerschlüssel. Ihr gegenüber stand ein Bild von einem Mann – schwarzer Anzug, dunkler Haaransatz, groß gewachsen mit ebenmäßigen und symmetrischen Gesichtszügen. Schon von weitem konnte man seine italienischen Wurzeln erkennen.
Er sah Mia prüfend an, wobei er mit keinerlei Regung verriet, ob er das, was er da vor sich hatte mochte oder nicht.
„Wenn Sie sich bitte in unser Gästebuch eintragen würden, Senora...“
„Sastre, ist mein Name. Mia Sastre“, antwortete Mia brav und tat was er von ihr verlangte. Der Mann schaute auf eine Liste, die er neben dem Telefon liegen hatte. Einen Moment später strahlte er Mia an.
„Ah ja, richtig, Sie kommen aus den USA, nicht wahr? Wie ich sehe, haben Sie für fünf Nächte reserviert.“
„Ja, das stimmt“, beteuerte Mia. Der Mann griff hinter sich wo ein Bord mit Schlüsseln hing.
„Muy bien, hier habe ich ihren Schlüssel. Ihr Zimmer liegt im zweiten Stock. Nummer 27. Ich werde ihr Gepäck sofort hinaufbringen lassen.“
„Oh, das geht schon in Ordnung. Ich habe nur diesen einen Koffer, den trage ich selbst nach oben“, erwiderte Mia.
„Ganz wie Sie möchten, Senora. Aber nehmen Sie wenigstens den Aufzug.“
Der Mann zeigte nach rechts, wo sich unverkennbar zwei Aufzüge befanden. Mia nahm den Schlüssel an sich, griff nach ihrem Koffer und stöckelte in die angezeigte Richtung. Der Aufzug kam und brachte sie in das gewünschte Stockwerk. Mia schlenderte den frisch gebohnerten Flur entlang und suchte das Zimmer mit der Nummer 27. Es befand sich ganz am Ende. Sie stellte ihren Koffer ab und steckte den Schlüssel ins Schloss. Nichts geschah. Sie drückte und zog beinahe gleichzeitig an dem Knauf der Tür. Wieder nichts. Die Tür war aus Holz. Wahrscheinlich war sie ein wenig verzogen. Sie versuchte es mit einem Trick, hob die Tür an ihrem Knauf ganz leicht ein wenig an und siehe da, diesmal ließ sich der Schlüssel einwandfrei umdrehen und die Tür sprang auf. Mia tat einen Schritt nach vorn und stand in einem Zimmer, das schlicht aber sauber war. An Möbeln war nur das nötigste vorhanden, eben das, was man so brauchte. Sie stellte ihren Koffer vor einem Kleiderschrank mit Facettentüren ab, knöpfte sich die Bluse auf und machte Anstalten ins Bad zugehen. Da fiel ihr Blick auf ihre Handtasche. Soll ich nicht zuerst...?
Die Dusche lockte wie ein Jungbrunnen, aber ihre Neugierde war stärker. Sie wollte unbedingt wissen, was sich in der kleinen Metallkassette befand. Das Ding besaß ein Zahlenschloss. Zum Glück hatte ihr der Notar die Kombination genannt 14-08-22. Es war das Geburtsdatum von Tante Juana. Nicht gerade originell, aber immerhin. Mia stellte die Zahlen mit Hilfe der kleinen Rädchen ein und drückte den Deckel der Kassette nach oben. Dann hielt sie den Atem an.
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