Juan Peron war 1955 vom argentinischen Militär gestürzt worden, eine Tatsache, die ihre Eltern stets bedauert hatten. Und immer wenn Vater und Mutter von Peron sprachen, hatte Mia leichte Anzeichen von Resignation in ihren Stimmen gehört. All die Jahre hatten sie für seine Sache gekämpft, für ihn ihre Kraft und Energie eingesetzt. Es waren vergeudete Jahre gewesen, mit vielen Sackgassen, falschen Freunden, vertanen Bemühungen. Aber seine Ideologie hatte irgendwie zu ihnen gepasst. Wahrscheinlich trugen sie selbst Schuld daran.
In der vordersten Reihe, direkt an der Trennwand zur Businessklasse saß der finster dreinschauende Typ mit dem Blutschwamm am Hals. Wachsam wie ein Fuchs waren seine Augen beim Einsteigen über die Gesichter der Mitreisenden gewandert. Dabei hatte er keine Miene verzogen und versucht mit eiskaltem Blick jede verdächtige Regung zu registrieren. Und genau daran glaubte Mia ihn erkannt zu haben. An dem ruhelos- lauernden Ausdruck in den Augen. Bestimmt war er ein Mitglied der National Security oder was vielleicht noch schlimmer war, vom amerikanischen Geheimdienst CIA, und mit keinen von beiden Organisationen war gut Kirschen essen.
Tief unter ihr glitt der atlantische Ozean vorüber, doch davon bekam sie nichts mit. Ihr fielen die Augen zu, aber schlafen konnte sie nicht. Wie sollte sie auch, entfernte sie sich doch immer mehr von jenem Land, in dem sie in Frieden und Freiheit gelebt hatte. Fast unmerklich lichteten sich draußen, hinter dem Rollo, die Wolken und ein sanfter Lichtstrahl beförderte die tosende Gicht des Meers aus einem tiefen Schatten. Kleine Inseln leuchteten wie grüne Punkte in einem endlosen Blau, aber Mia sah diese Schönheit der Natur nicht. Stattdessen befand sie sich in einem Zustand der Schwerelosigkeit. Ohne ein Gewicht, das sie am Boden hielt, pendelte sie zwischen gestern und morgen hin und her, losgelöst von einem Leben, an das sie sich so sehr gewöhnt hatte. Sie wusste, es würde ein Abenteuer werden. Sie, ganz allein in Argentinien auf den Spuren ihrer Tante, von der sie noch nicht einmal richtig wusste, wie sie gewesen war. Sie erinnerte sich nicht einmal mehr an ihr Gesicht. War es leicht von der Sonne gebräunt gewesen? Hatte sie intelligente Augen, einen sanften Mund, vielleicht eine leicht gekrümmte Nase gehabt?
Sie hatte versucht ihre Überraschung zu verbergen, als die Nachricht vom Tod ihrer Tante eintraf. Der Brief, von den argentinischen Behörden in Buenos Aires aufgegeben, hatte sie über Umwege erreicht. Danach hatte sie zum ersten Mal mit dem Testamentsvollstrecker in Córdoba telefoniert und erfahren, dass sie nach Argentinien kommen sollte, um das Erbe von Tante Juana anzutreten. Und jetzt saß sie in diesem Flugzeug, um genau das zu tun.
Etwas begann an ihrem Inneren zu nagen. Etwas, dass sie nicht mehr los lassen wollte und das auf keinen Fall nur auf ihre Flugangst zurückzuführen war.
Nach mehr als zehn Stunden Flugzeit verlor der Airbus von Aerolineas Argentinas langsam an Höhe und war im Begriff sich dem internationalen Flughafen Ezeiza von Buenos Aires zu nähern. Mia drückte ihre Nase gegen das ovale Fenster und beobachtete die Umgebung des Airports in der grellen Sommersonne. Die Umstände, die zu ihrer Reise geführt hatten, kamen ihr jetzt irgendwie skurril vor. Mit zwiespältigen Gefühlen bereitete sie sich auf die Ankunft in einem Land vor, das ihre Familie gespalten hatte. Die Räder des enormen Jets berührten den Boden und verursachten eine leichte Erschütterung in der Kabine. Einige der Passagiere applaudierten, froh wieder festen Boden unter ihren Füßen zu wissen. Das Flugzeug blieb nach einem letzten Rütteln endlich stehen und der Lärm der Motoren verstummte. Eine allgemeine Aufbruchsstimmung machte sich unter den Passagieren breit als sie auf das Verlassen der Maschine vorbereitet wurden. Mia blieb noch sitzen und beobachtete die leichten Wolken über dem Himmel von Buenos Aires. Fast kam es ihr so vor, als würden sie sagen: „Bienvenidos a Argentina.“
Letztendlich erhob sie sich aber doch, verließ den Flieger durch die Vordertür und folgte der Menge auf dem schmalen Gang hinüber zur Abfertigung ihres Inlandfluges nach Córdoba. Die Menschenmenge sammelte sich um sie herum, aber niemand schien etwas anderes zu sein als einfach ein Reisender ohne Eile….
Die Fahrt mit dem Taxi vom Flughafen „Ing. Ambrosio Taravella“ bis zur Innenstadt von Córdoba dauerte eine knappe Halbestunde, wenn man die E-53 nahm. Die Stadt ist mit 1,3 Millionen Einwohner die zweitgrößte des Landes und gilt als das industrielle und kulturelle Zentrum Zentralargentiniens. Cordoba wurde 1573 gegründet und lag einst an der wichtigen Handelsroute zwischen Buenos Aires und der Silberstadt Potosi in Bolivien.
Auf dem Parkplatz vor der Kanzlei von Notario Guzman in der Avenida Santa Ana standen nur zwei hochwertige Fahrzeuge, mehr nicht. Mia ließ das Taxi an einer Ecke anhalten und wollte aussteigen. Ihr Chauffeur, ein junger Bursche sah sie lächelnd an.
„Un momento, por favor, le ayudaré con el equipaje...“
Er wollte ihr beim ausladen des Gepäcks behilflich sein. Ihr Gepäck bestand aus einem mittelgroßen Koffer, das war alles. Es war November und in Argentinien stand der Sommer vor der Tür. Das bedeutete Hitze, Hitze und noch einmal Hitze. Dementsprechend hatte Mia nur leichte Kleidung eingepackt - das musste reichen. Sie gab dem Taxista einen zehn Dollar Schein. Damit war die Fahrt gut bezahlt, Trinkgeld inklusive. Der junge Mann bedankte sich und gab ihr zum Abschied seine Visitenkarte.
„...für den Fall, dass Sie einmal meine privaten Dienste in Anspruch nehmen wollen, vielleicht eine Stadtrundfahrt oder so etwas...“, sagte er, grinste und kniff ein Auge zu. Mia wusste was er meinte. Sie hatte schon davon gehört, dass die Latinos bei allein reisenden Frauen nicht lange fackelten. Allerdings verschwendete sie keinen Gedanken daran, sein Angebot anzunehmen. Sie streifte sich ihre Handtasche über die Schulter, griff nach ihrem Koffer und stöckelte los.
Die Kanzlei von Manuel Guzman lag in einer pompösen Villa. Sie stammte wie so viele Bauwerke in Córdoba noch aus der Kolonialzeit, also aus jener Zeit als hier noch die Spanier das Sagen hatten. Allein der Eingang war bemerkenswert. Die schwere drei flügelige Eichentür mit Oberlicht aus buntem Bleiglas unterstrich eindrucksvoll die gesellschaftliche Stellung des Besitzers.
Einen festen Termin hatte Mia nicht, aber der Notar wusste, dass sie unterwegs war. Sie richtete ihre Kleidung und betrat die Räumlichkeiten. Eine freundliche Dame in ihrem Alter führte sie in ein Wartezimmer. Dies war genauso beeindruckend gestaltet, wie der Rest der Kanzlei. Bis auf einen waren die wenigen antiken Stühle unbesetzt. Mia setzte sich in die zweite Reihe und beobachtete den einzigen Anwesenden. Es war ein junger Mann in einem eleganten Anzug der seinen Blick starr auf irgendwelche Papiere gerichtet hatte, die auf seinen Knien lagen. Mia kam sich reichlich verloren vor. Ob sie nicht doch besser zuerst in ihr Hotel gefahren wäre und sich frisch gemacht hätte? Zu spät, jetzt war sie nun einmal hier und brannte darauf zu erfahren, was ihr Tante Juana hinterlassen hatte. Duschen konnte sie später immer noch.
Nach ein paar Minuten erschien die freundliche Dame und brachte ihr einen Fragebogen, den sie ausfüllen sollte. Mia machte die entsprechenden Angaben, gab bei der Frage nach der Dauer ihres Aufenthaltes in Argentinien 14 Tage an und wunderte sich darüber, was der Notar so alles von ihr wissen wollte. Kurzdarauf erschien die freundliche Angestellte ein weiteres Mal und nahm ihr den Zettel wieder ab. Dabei erkundigte sie sich, ob Mia etwas zu trinken wünschte. Sie entschied sich für Mineralwasser, das ihr sofort gebracht wurde. Dann ging das Warten weiter. Der junge Mann, der noch anwesend war, würdigte Mia keines Blickes, sondern blätterte weiterhin in seinen Dokumenten herum. Mia wagte nicht ihn anzusprechen. Die Situation kam ihr ähnlich schlimm vor, wie bei den jungen Leuten heutzutage, mit ihren Smartphones. Die durfte man auch keinesfalls ansprechen. Es vergingen weitere endlose Minuten, bis die Angestellte abermals erschien. Diesmal schien das Warten ein Ende zu haben. Die Angestellte forderte Mia auf, sie in einen anderen Raum zu begleiten. Der war wesentlich größer und noch pompöser ausgestattet. Die Wände waren weiß gestrichen und behangen mit alten Ölgemälden ehemaliger politischer Größen. Mia erkannte, dass sich Abbilder von Eva und Juan Peron unter ihnen befanden.
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