Gleich in der ersten Woche bekam ich einen Decknamen und einen Lehrplan. Alles war neu und verwirrend. Abends beim Tango probierte ich meine neue Identität aus, den neuen Namen, und verquatschte mich prompt nach ein paar Minuten. An den Namen Isabel Ortega musste ich mich erst noch gewöhnen, aber Fehler konnte man nicht verhindern. Die Frage war halt, wie man damit umging. Wenn man darüber nachdachte, was man gelernt hatte, dann hatte man schon verloren. Und man durfte keine Angst haben. Ängstliche Menschen lernen nie etwas, hatte ich mal irgendwo gelesen.
Die neue Identität musste so nah wie möglich an der Wirklichkeit sein. Ansonsten verstrickte man sich viel zu schnell in Widersprüche. Bedienstete des Militärs waren eben keine Schauspieler!
Vier Wochen lang wurde ich alias Isabel Ortega in die Organisation der GOU eingewiesen. Fünf Monate lang bekam ich Blockunterricht und eine praktische Ausbildung in Selbstverteidigung und dem Umgang mit Waffen. Dazu brachte man mir bei, wie man verdächtige Personen observierte, geheime Nachrichten verschlüsselte, Kontaktberichte verfasste und bei den Chefs Geld für verdeckte Operationen beantragte. Außerdem umfasste der Unterricht - Staatsrecht, internationale Politik, Kommunikationswesen und Psychologie.
Wie erkannte man, welcher Ideologie jemand angehörte? Das war eine der Fragen, um die es ging. Und eine, auf die es offenbar trotz aller Forschung keine eindeutige Antwort gab. Nebenbei lernte ich Sprachen. Deutsch war Pflicht, Englisch fand ich spannend. Das Internat hatte etwas von einem alten Schullandheim. Es gab eine Sporthalle, einen Aufenthaltsraum, Schlafräume und mehrere Klassenzimmer. Alles lag dicht beieinander. Morgens, wenn ich ins Bad ging, schlurfte mein Mentor oder einer der Dozenten im Bademantel über den Gang. Man musste sich mit den anderen unterhalten, ob man wollte oder nicht. Ich war von Menschen umgeben, die sehr akribisch arbeiteten und genau das entsprach dem, was mir gefiel, und was ich mir aneignen wollte.
„Isabels Präzision ist eine Waffe“, hatte einmal ein Kollege gesagt und ein anderer hatte bestätigt: „Ja, sie ist beeindruckend. Aber mit der darfst du nicht verheiratet sein, da hast du nichts mehr zu lachen.“
Den Kameraden von der „GOU“ war das egal. Den hohen Generälen interessierte es nicht, ob jemand mit ihren Mitarbeitern verheiratet sein wollte. Sie wollten nur die besten Leute in ihren Diensten sehen. Ansonsten entsprach die Ausbildung genau meinen Vorstellungen. Sie ähnelte den Handlungen aus den Hörspielen im Radio, die sich die Leute immer anhörten. Nervtötend war allerdings die bürokratische Trägheit des Verwaltungsapparates. Es dauerte ewig, bis ein Bericht freigegeben wurde. Hierarchie hoch, Hierarchie runter – ein erneutes Überarbeiten. Dann alles wieder von vorne tippen. Ich war erst zufrieden, wenn ich nach einer Recherche ein gutes Lagebild anbieten konnte.
Ich schrieb Berichte, die durch viele Hände gingen. Jeden Tag arbeiteten dutzende Kollegen an solchen Berichten. Sie schrieben Tagesberichte, Wochenberichte, Monatsberichte, Meldungen, Warnungen, verbrauchten eine Unmenge an Papier, je nachdem wie vertraulich das Material war. Von dem, was sie schrieben, kam ein Bruchteil dort an, wo es tatsächlich hingehörte - in die Politik. Das war manchmal frustrierend, aber man musste mit dem Abenteuer und mit der Bürokratie klarkommen. Es war nicht immer einfach zu verstehen, wie beides zusammengehörte, aber mit der Zeit würde ich es lernen.
Zu diesem Zeitpunkt hatte ich keinen festen Freund. Hätte ich einen gehabt, ich hätte ihm niemals erzählen dürfen, wer mein Arbeitgeber war. Eine Legende, ein erfundenes Leben war für mich ein Schutz, aber halt auch eine Lüge und den Menschen zu belügen, den man liebte, das ging gar nicht. Sobald jemand in mein Leben trat, würde ich es melden müssen. Meine Kameraden würde dann entsprechende Untersuchungen anstellen. Das bedeutete, ich durfte nichts mehr auf meinem Schreibtisch liegen lassen. Nichts Persönliches, nichts Berufliches, keine Kontaktliste, keinen Kalender, in dem stand, wo ich wann war und wen ich getroffen hatte. Ich versuchte vorsichtig zu sein, aber nicht übervorsichtig. Ich wurde schnell misstrauisch, wenn Typen zu viel fragten. Ein Mann, der zu viel redete, war nichts für mich. Kollegen, die zu viel redeten, waren auch nicht mein Ding. Das Zauberwort hieß Verschwiegenheit. Darum allein drehte sich beim Militär alles. Am Ende meines Einführungslehrgangs war ich bereit die Welt zu retten, und wenn ich sie von einem Ende zum anderen hätte ausspionieren müssen. Überall drohte die kommunistische Gefahr den Wohlfahrtsstaat Argentinien zu überschwemmen und ich war bereit es mit ihr aufzunehmen. Lang lebe Juan Peron.
Die ersten Gehversuche fielen mir schwer. Ich war eine gerade flügge gewordene Agentin und die Wirklichkeit stellte sich doch ganz anders dar, als wie ich sie mir vorgestellt hatte. Die Zeiten waren unruhiger geworden. Etwas Unheimliches ging in Argentinien vor sich und es sollte noch schlimmer werden, doch davon ahnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nichts. Mein erster Auftrag brachte mich zurück in die Provinz von Cordoba. Genauer gesagt in die Kleinstadt „Villa General Belgrano“. Diese wurde häufig von Marinesoldaten des Panzerschiffs „Graf Spee“ besucht, die sich hier mit deutschen Siedlern trafen, welche schon lange an diesem Fleckchen Erde lebten. Die Besatzung der „Graf Spee“ hatte ihr eigenes Schiff selbst versenkt und befand sich bereits seit mehr als fünf Jahren in argentinischer Internation. Trotzdem hielt sie im Geheimen eine Art Militärregime aufrecht, welches jenseits aller internationalen Normen und Abkommen agierte. Und genau hier sollte ich ansetzen. Mein Auftrag lautete Kontakte zu den Deutschen zu knüpfen und möglichst viel über deren Pläne und Projekte in Argentinien herauszufinden.
Ich kam in Cordoba an, als das deutsche Reich in Europa unglaubliche militärische Triumphe erzielte und es bereits abzusehen war, dass Hitler nicht Halt machen würde, bevor der Endsieg erreicht war. Alles was ich besaß waren ein Starterpaket mit etwas Kleingeld, meine neue Identität und ein alter Lederkoffer mit ein paar Habseligkeiten. Das war nicht gerade viel. Was ich am dringendsten benötigte, waren eine Unterkunft und eine legale Arbeit.
„Am besten, Sie suchen sich etwas öffentliches, wo Sie persönlichen Kontakt zu den Menschen bekommen“, hatten mir die Kameraden der GOU eingebläut. Nun, Buenos Aires war weit weg und ich hieß auch gar nicht mehr Juana, sondern Isabel. Dafür musste ich mich ab sofort irgendwie allein durchbeißen. Und genau das tat ich, in dem ich in einer Cafeteria saß und die Tageszeitung studierte. Am meisten interessierten mich die Kleinanzeigen. Bei vielen Arbeitsangeboten handelte es sich um Hilfe bei der Ernte oder um Putzjobs. Das war nicht unbedingt das, was ich suchte. Gedankenversunken ging ich die Seiten durch und nippte dabei an meinem Kaffee. Irgendetwas musste mir einfallen, und zwar schnell. Später war meine Tasse leer, ich stand auf, bezahlte das Getränk an der Kasse. Dann schlenderte ich zur Garderobe, nahm meine Strickjacke vom Haken und ging weiter in Richtung Ausgang. Da sah ich das Schild. Es hing im Schaufenster neben der Tür. Serviererin gesucht, stand da beidseitig in großen Lettern geschrieben. Ich machte auf meinem Absatz kehrt und ging zurück zur Kasse. Die alte Dame, bei der ich gerade den Kaffee bezahlt hatte, lächelte freundlich.
„Haben Sie etwas vergessen, junges Fräulein?“
„Äh nein, ich habe nur gerade eben das Schild im Fenster gesehen. Komisch, dass es mir nicht schon beim Betreten des Cafés aufgefallen ist. Nun, ich bin neu hier in der Stadt und suche dringend einen Job.“
Der Gesichtsausdruck der alten Dame veränderte sich ein wenig. Reine Neugierde, ersetzte die Höflichkeit. Trotzdem schien ihr zu gefallen, was sie sah. Ich musste einen adretten und gepflegten Eindruck auf sie gemacht haben.
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