Es war spät geworden und Mia fielen die Augen zu. Gern hätte sie noch den genauen Grund dafür erfahren, warum man Tante Juana in das Sanatorium gesteckt hatte, aber darüber gaben ihre Aufzeichnungen keinerlei Auskünfte - wenigstens bisher noch nicht. Und was es genau mit der Gruppe Vereinter Offiziere auf sich hatte, interessierte Mia nicht wirklich. Das Notizbuch lag noch auf ihrer Brust, als sie in einen unruhigen Schlaf verfiel. Kurz nach Mitternacht wachte sie erschrocken auf. Ein uniformierter Mann in einer SS Uniform war hinter ihr her. Oder war es nur ein Pfleger gewesen? Sie konnte es nicht mit Gewissheit sagen, wusste nur, dass sie ziemlichen Schwachsinn durcheinander geträumt hatte. Ihr Herz pochte wie wild. Sie ging ins Bad, trank ein Schluck Wasser und legte sich wieder hin. Das Notizbuch war auf den Fussboden gerutscht. Sei´s drum, sie würde später darin weiterlesen.
Als sie das nächste Mal erwachte, blinzelte bereits die Sonne durch die blitzblank geputzte Fensterscheibe ihres Hotelzimmers. Mia fühlte sich wie gerädert, auch wenn sie ein paar Stunden geschlafen hatte. Oder war es vielleicht, weil sie ein paar Stunden geschlafen hatte?
Der kleine digitale Wecker auf dem Nachttisch neben ihr zeigte 8.30 Uhr an. Der Morgen war viel zu schön um noch länger im Bett zu bleiben. Außerdem wartete ein reichhaltiges Frühstücksbuffet auf sie. Frohen Mutes stieg sie aus dem Bett, ging ins Bad und dort direkt unter die Dusche. Das half. Ihre Lebensgeister kehrten zurück. Allerdings war da auch eine Idee, die langsam Formen annahm. Sie hatte mit Tante Juanas Notizbuch zu tun. Ehrlich gesagt, der Anfang ihrer Geschichte hatte Mia ganz schön mitgerissen. Kamen daher die merkwürdigen Träume? Hatte sie deshalb so schlecht geschlafen?
Jedenfalls brannte sie darauf herauszufinden, was es mit jenem Sanatorium auf sich hatte, beziehungsweise ob diese Institution überhaupt noch existierte. Sie beschloss sich unten an der Rezeption zu erkundigen und genau das tat sie auch, bevor sie das Frühstücksbuffet aufsuchte.
Die junge Dame am Empfang staunte nicht schlecht, als sie von Mias Anliegen hörte. Aber weiterhelfen konnte sie nicht.
„Es tut mir furchtbar leid, aber von einem Sanatorium in unserer Stadt ist mir nichts bekannt. Aber ich kann Sie gerne mit der Touristeninformation verbinden. Vielleicht wissen die etwas...“, sagte sie.
Mia bedankte sich und wartete - die Empfangsdame hob den Hörer, wählte eine Nummer, sagte etwas auf Spanisch und drückte Mia den Hörer in die Hand. Eine Senora Rosario grüßte am anderen Ende der Leitung mit freundlicher Stimme.
„Guten Tag, mein Name ist Mia Sastre“, sagte Mia. „Ich hätte gerne Auskunft über ein ehemaliges Sanatorium, dass es in dieser Stadt gegeben haben muss.“
Stille.
„Hm...ein Sanatorium, sagen Sie? Davon ist mir nichts bekannt.“
„Aber es muss so etwas gegeben haben. Oder eine Spezialklinik für Psychisch Kranke vielleicht?“
„Einen Moment bitte, ich schaue mal nach.“
„Ja bitte.“
Die Minuten vergingen, ohne dass sich etwas tat. Mia wollte etwas in den Telefonhörer sagen, als sie das Besetztzeichen vernahm. Die Dame von der Touristeninformation hatte sie einfach aus der Leitung geworfen. Blieb noch das Internet. Mit ihrem Smartphone konnte Mia zwar das Whatsapp nutzen, sich aber nicht direkt ins Internet einloggen, da sie eine Sim-Karte besaß, die nur in den USA gültig war. Anders war es mit dem wlan des Hotels, das aus irgendwelchen Gründen aber nur sehr notdürftig funktionierte. Zum Glück gab es hier eine Bibliothek mit zwei, wenn auch älteren Computern. Frühstück oder Internet?
Mia entschloss sich zu einem schnellen Café mit zwei Croissants und etwas Marmelade. Eine weitere Tasse Kaffee und eine Apfelsine nahm sie mit in die Bibliothek, obwohl das eigentlich nicht gestattet war. Sie setzte sich an den Computertisch und ließ das Gerät hochfahren. Windows 98. Das Betriebssystem war total überaltert, aber trotzdem, nach einigem figurieren mit der Maus hatte sie die Webseite von Google auf dem Monitor.
„Sanatorium in Córdoba“, schrieb sie mit der Tastatur. Es erschienen alle möglichen Informationen zu solchen Einrichtungen in Córdoba-Spanien.
„Verdammter Mist!“
Sie versuchte es mit Córdoba Argentinien. Es erschien das Sanatorio Allende und ein Link zu „Obskuren Geheimnissen der Santa Maria Klinik. War es das, was sie suchte?
Sie öffnete den Link und fand einige Informationen über eine Psychiatrische Klinik neuern Datums. Das, was dort geschrieben stand, war keineswegs schön, konnte sich aber auf keinen Fall auf jenes Sanatorium beziehen, von dem in Tante Juanas Notizbuch die Rede war. Sie musste weitersuchen. Zwischendurch nippte sie immer wieder an ihrem Kaffee, der mittlerweile schon kalt geworden war.
Auch unter „Ehemailiger Psychiatrie“, fand sie keinen Eintrag. Sie dachte daran, wie das Gebäude ausgesehen haben mag. Normalerweise waren Psychiatrische Kliniken in historischen Prachtbauten untergebracht – etwa in einem Herrenhaus oder in einem Schlösschen? Sie bearbeitete die Tastatur aufs Neue.
Bingo! Diesmal gab Google etwas her. Mia fand einen Eintrag über ein mysteriöses Schloss in Córdoba. Dazu gab es auch die entsprechenden Bilder. Nachdem sie diese gesehen und den dazugehörigen Text gelesen hatte, war sie sich sicher den Ort gefunden zu haben, wo ihre Tante mehrere schlimme Jahre ihrer Jugendzeit verbracht hatte.
Auf den Fotos glich das Gebäude einem Geisterschloss. Mia konnte sich gut vorstellen, welcher Horror sich hinter seinen Mauern abgespielt haben musste. Sofort reifte ihn ihr der Entschluss das verlassene Gebäude aufzusuchen und es mit eigenen Augen zu begutachten. Vielleicht würde es ihr helfen Tante Juana besser zu verstehen. Zumindest wollte sie es versuchen.
Sie öffnete noch einige andere Links und fand heraus, dass in dem Schlösschen einst das ehemalige Sanatorium Bermann untergebracht war. Der Name klang deutsch, gehörte aber zu einem Juden russischer Abstammung, der gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Argentinien eingereist war - Gregorio Bermann.
In den Jahren 1938 bis 1943, als Tante Juana in besagter Institution einsaß, beinhaltete das sogenannte Sanatorium eine psychiatrische Klink. Was also war mit Tante Juana geschehen, dass man sie in eine Anstalt steckten? War sie psychisch krank gewesen? Hatte sie etwas Schlimmes verbrochen? Mia erhoffte sich insgeheim mehr Klarheit über die Ereignisse jener Zeit zu bekommen. Sie musste unbedingt das verlassene Gebäude finden.
Es lag im Stadtviertel Escobar, in der Nähe des Flusses Suquia, knapp 30 Minuten von ihrem Hotel entfernt. Obwohl relativ nah gelegen, wusste erst der dritte Taxifahrer, den sie fragte, wohin sie wollte. Und das auch nur, weil er einmal in unmittelbarer Nähe gewohnt hatte. Dementsprechend überrascht war sein Gesichtsausdruck, als Mia ihm ihr Fahrziel nannte. Er duzte sie sofort, so wie es die Argentinier gewöhnt waren und sagte: „Das ist aber kein guter Ort für eine allein reisende Touristin...“
Mia war baff.
„Aber...wieso denn nicht? Ich dachte...“
„Das Schlösschen ist nicht geheuer. Ich meine, dort gehen unheimliche Dinge vor sich. Ich selbst habe nachts Schreie gehört und dunkle Schatten gesehen, die durch den anliegenden Park schlichen. Besser, du gehst nicht dorthin.“
„Das ist schon Okay, aber ich muss zu dem ehemaligen Sanatorium. Es ist wichtig “, erwiderte Mia.
„Bitte glaube mir. Auf dem Gelände und in dem Gebäude geschieht unheimliches. Es existiert auch noch ein Friedhof, auf dem man die verstorbenen Patienten beerdigt hat. Sie sind niemals von ihren Verwandten und Familien gesucht worden. Die meisten von ihnen seien bei merkwürdigen Experimenten ums Leben gekommen, erzählt man sich in der Stadt.“
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