„Es war einmal ein Prachtbau. Bist du auch auf dem Friedhof gewesen?“
„Nein, daran habe ich überhaupt nicht mehr gedacht.“
„Nun gut, das ist auch besser so. Was hast du jetzt vor?“
„Ich denke, ich werde auf jeden Fall noch ein paar Tage in Córdoba bleiben.“
„Ich bin dir gerne behilflich, falls du dir noch etwas anschauen möchtest.“
Den Satz kannte sie schon. Sie wollte schon dankend ablehnen, als ihr noch etwas einfiel.
„Sag mal, kennst du zufällig den Friedhof von La Falda?“
„Welchen meinst du? In der Nähe des Örtchens La Falda, gibt es gleich vier.“
„Oh, da muss ich nachsehen. Warte, ich habe den Namen aufgeschrieben.“
Sie kramte in ihrer Handtasche und nippte an ihrer Kaffeetasse, die ihr in der Zwischenzeit gebracht worden war.
„Hier habe ich ihn: „ Friedhof Valle Hermoso.“
Ihr Gegenüber nickte ihr zu.
„Den kenne ich. Der liegt ungefähr sieben Kilometer südlich von La Falda.“
„Ich verstehe. Und wie weit ist es von Córdoba aus bis nach La Falda?“
„Ungefähr 1,5 Stunden. Es sind knappe 70 Kilometer. Warum fragst du? Hast du vor dorthin zu fahren?“
„Ich spiele mit dem Gedanken, in der Tat. Wahrscheinlich liegt meine Tante dort begraben.“
„Wenn du nach La Falda kommst, vergiss nicht das ehemalige Hotel Eden zu besuchen. Es ist zwar heute nur noch eine Ruine, hat aber eine ziemlich dunkle Geschichte.“
Mia sah ihrem Gegenüber zum ersten Mal in die Augen. Sie waren dunkel und groß.
„Schon wieder eine Ruine? Und um was für eine dunkle Geschichte handelt es sich denn?“
„Wenn ich Geschichte sagte, meinte ich mehr die Vergangenheit. Angeblich sollen dort geflüchtete Nazigrößen übernachtet haben.“
Bei dem Wort Nazi zuckte Mia unwillkürlich zusammen. Sie dachte an die Utensilien ihrer Tante, die noch in der kleinen Metallkassette lagen. Und jetzt hatte sie schon wieder einen Hinweis auf deren Existenz in Argentinien bekommen. Sollte da wirklich etwas dran sein? Der Taxifahrer bemerkte ihren Stimmungswandel.
„Stimmt etwas nicht“, fragte er.
„Nein, es ist alles gut. Ich bin nur verdammt müde von dem langen Flug und von der Zeitumstellung. In den USA ist es bereits mitten in der Nacht.“
„Wenn du möchtest, fahre ich dich morgen nach La Falda...“
„Im Ernst?“
„Ja, ob ich nun hier in Córdoba meine Runden fahre, oder....“
„Und was würde das kosten?“
„Ach darüber sprechen wir noch. Mach´ dir keine Sorgen. Ich berechne dir einen Sondertarif.“
Sie grinste ihn an. „Besonders billig oder besonders teuer?“
„Sehe ich etwa wie ein Gauner aus?“
„Weiß man´s?“
Sie lachten sich an und der Bann war gebrochen.
„Also gut, dann hol´ mich morgen ab. Ich wohne im Hotel Gran Victoria. Sagen wir um zehn Uhr vor dem Eingang?“
„Abgemacht, ich werde pünktlich sein.“
„Gut, dann werde ich jetzt gehen. Vielen Dank für den Kaffee.“
Sie stand auf, aber er hielt ihre Hand fest.
„Ich kenne noch nicht einmal deinen Namen.“
Seine Stimme klang beinahe vorwurfsvoll.“
„Ich heiße Mia.“
„Angenehm, Roberto.“
„Fein, dann sehen wir uns morgen, Roberto.“
Damit löste sie ihre Hand aus der Umklammerung und ging. Eigentlich war das mit der Müdigkeit eine Ausrede gewesen, aber die Latinos konnten so verdammt aufdringlich sein. Obwohl, wenn sie es sich ganz genau überlegte, war ihr Roberto keinesfalls unsympathisch. Sie schlenderte hinüber zur Kathedrale und sah sich das beeindruckende Bauwerk an. Sie war 1578 erbaut worden. Direkt im Anschluss daran befand sich das Cabildo. Einst die Behausung des Bürgermeisters sowie der Stadtregierung, beherbergte es heute das Museum der Stadt. Mia besah sich die Aushänge. Zurzeit lief gerade eine Ausstellung – Medizin früher und heute. Das klang interessant. Der Eintritt war frei. Mia beschloss die Ausstellung zu besuchen. Im Untergeschoss des kolonialen Gebäudes gab es Informationen zu den ehemaligen Krankenhäusern und Heilstätten der Stadt. Sollte da etwa auch...? Eine Vorahnung beschlich sie, als sie die großen Steinstufen hinunterging. Unten im Erdgeschoss war es angenehm kühl. Überall waren Tafeln mit Fotos und Dokumentationen aufgestellt. Mia schritt von Tafel zu Tafel. Da gab es Informationen zum Krankenhaus San Martin. Es war das erste von ganz Argentinien. Dem folgte eine Tafel mit Infos zum Santa Maria Krankenhaus. Das war eine psychiatrische Klinik von zweifelhaftem Ruf gewesen. Und dann kam das, wonach sie gesucht hatte und was sie jetzt beinahe von den Beinen riss – eine Dokumentation über das Sanatorium Bermann. Mia sah sich alles genau an, las in den Beschreibungen.
Das Schlösschen, welches das Sanatorium Bermann beherbergte, wurde in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts von einem Deutschen Einwanderer nach Plänen eines bereits im Rheintal existierenden Vorbildes gebaut. Es galt als eines der modernsten Zentren für Neuropathie Argentiniens, wenn nicht ganz Südamerikas. Das Institut arbeitete eng mit der argentinischen Regierung zusammen und war in den 70er Jahren ein Prestigeobjekt der Militärjunta. Seine medizinischen Erfolge waren weltweit anerkannt worden.
Mia konnte kaum glauben, was sie las. Die Beschreibung auf der feinen, weißen Tafel klang so ganz anders, als das, was Tante Juana aufgeschrieben hatte. Konnten Tatsachen derart verfälscht werden? Und falls ja, wer mochte ein Interesse daran haben die Wahrheit zu vertuschen? Mia wusste nicht, wem sie glauben sollte. Der Widerspruch zwischen dem hier geschriebenen und Tante Juanas Version war einfach viel zu groß. Sie spürte eine tiefe Verwirrung in sich und auf einmal war sie wieder da, die Müdigkeit der langen Reise, die man allgemein Jetlag nannte. Mia sehnte sich nach ihrem Hotelzimmer, nach einer Dusche, nach einem Bett. Zum Glück befand sich all dies in angenehmer Reichweite. Sie nahm sich ein paar Informationsbroschüren mit und kehrte zurück zu dem Aufgang, der direkt hinaus auf die Fußgängerzone führte. Dort tauchte sie in die Menge ein und spürte wie die innere Anspannung wieder von ihr abließ. Die Sonne und die lachenden Menschen, die ihr entgegen kamen, taten ihr übriges dazu. Mia schlenderte die Fußgängerzone entlang und sah sich die Auslagen der Geschäfte an. Viele Preise kamen ihr überteuert vor, was auch kein Wunder war, schließlich befand sich Argentinien wieder einmal in einer schlimmen Wirtschaftskrise, wobei der Peso zum US-Dollar beinahe zusehends an Wert verlor. Trotzdem waren die Menschen fröhlich und gut gelaunt. Sie taten so, als ob sie das alles überhaupt nichts anging. Als Mia ihr Hotel erreichte, verschwand die Sonne gerade hinter den Häuserblocks. Mit müder Stimme verlangte sie an der Rezeption nach ihrem Zimmerschlüssel. Er wurde ihr sofort ausgehändigt. Sie ging hinüber zum Aufzug und fuhr hinauf in den zweiten Stock. Dort erinnerte sie sich an den Trick mit der Zimmertür. Die lies sich diesmal auf der Stelle öffnen. Mia stieß einen tiefen Seufzer aus, schloss die Zimmertür von innen und warf sich auf das Bett. Südamerikanische Großstädte in der Sommerzeit konnten verdammt ermüdend sein.
Der Zustand der Schläfrigkeit dauerte gerade einmal eine Viertelstunde an. Unzählige Gedanken schwirrten Mia im Kopf herum. Sie wälzte sich von einer Seite auf die andere, ohne den ersehnten Schlaf finden zu können. Das ging so lange, bis sie wieder aufstand, nach der Flasche mit Mineralwasser suchte und eine kräftigen Schluck nahm. So würde das nichts werden mit der geruhsamen Nachtruhe. Mit einem kräftigen Gähnen stand sie auf, nahm die Notizbücher von dem kleinen Tischchen, warf sich wieder auf das Bett und fing an zu lesen. Tante Juana schrieb:
Unter dem Deckmantel der Neutralität begannen die GOU-Militärs still und heimlich die Nationalsozialisten im fernen Deutschland zu unterstützen. Sie schlossen mit dem Chef des Sicherheitsdienstes der Reichführer SS ein Abkommen über wechselseitige Zusammenarbeit. Es garantierte die Immunität der Nazi-Agenten vor strafrechtlicher Verfolgung und bot ihnen eine Tarnidentität als Mitglieder des argentinischen Geheimdienstes. Ferner konnten sie das argentinische Diplomatengepäck für den Transport von Informationen zwischen Berlin und Buenos Aires nutzen. Von nun an versorgten argentinische Tanker deutsche U-Boote in internationalen Gewässern, ohne das jemand davon wusste. Sie beförderten Personen, Wertgegenstände und Divisen, während Juan Peron seinen Aufstieg zum eigentlichen Machthaber vorbereitete. Ich bestand den Eignungstest bei der GOU mit Bravour und wurde zu einer sechs Monate dauernden Ausbildung in ein Internat geschickt. Dieses befand sich in einem Vorort von Buenos Aires. Das unsere Militärs damals ein gefährliches Spiel trieben, wurde mir erst sehr viel später bewusst. Bei einem Sieg Hitlers sollte Argentinien die Führungsrolle in Südamerika bekommen. Genau darum ging es, um nichts anderes.
Читать дальше