„Ja, und du musstest ihn dann ja unbedingt daran erinnern, dass dieses soziale Experiment am Ende brutal ausgelöscht worden ist.“
„Das weißt du noch? OK. Aber ich hatte nun mal kurz zuvor den Film „Die Mission“ gesehen. Den mit dem tollen Soundtrack von Enrio Morricone. Hatten wir uns den nicht sogar zusammen angeguckt?“
„Deshalb erinnere ich mich ja so gut an deine Bemerkung. Aber ebenso an das anschließende Schweigen unseres Jesuiten. Das hat sich noch bedrückender angefühlt, als seine Aufzählung all dieser Grausamkeiten davor.“
„Trotzdem hat er mir am nächsten Tag, als wir uns von ihm verabschiedet haben, noch einen Durchschlag seiner Dokumentation in die Hand gedrückt – soweit er sie bis dahin schon abgetippt hatte.“
„Die müsstest du doch eigentlich noch irgendwo haben. Oder hast du die etwa weggeschmissen?“
„Das ist bestimmt in irgendeinem Umzugskarton gelandet. Wir sind dann ja gleich anschließend nach Tokyo umgezogen.“
„Dann guck mal, ob du es noch irgendwo findest. Das würde mich ja nun doch noch mal interessieren. Aber jetzt muss ich erstmal an die frische Luft.“
Die Aussicht an Deck war auch nicht besser, als die aus unserem kleinen Bullauge. Nirgendwo Land in Sicht. Es sah aus, als hätte sich unser Dampfer in die Wolken verirrt. Wir kuschelten uns in einen windgeschützten Winkel aneinander.
„Ich glaube, ich weiß, warum unser Priester damals seine Sonnenbrille nie abgenommen hat.“, sagte ich. „Nach allem, was er gesehen und gehört hatte, konnte er der Menschheit einfach nicht mehr ungeschützt in die Augen sehen.“
„Und ich musste gerade an Robert denken. Wie er nach seiner Scheidung von Elisabeth gesagt hat, ihm wäre plötzlich bewusst geworden, er hätte seine Frau eigentlich gar nicht richtig gekannt. Dabei kannten die sich doch schon aus Kindergartentagen.“
So richtig habe ich nicht verstanden, was die Scheidung unseres alten Freundes Robert mit unserem Jesuitenpriester zu tun haben sollte. Aber es wurde uns auch zu kalt da oben an Deck und wir haben es uns erst mal wieder in unserer warmen Koje gemütlich gemacht.
Meine Hoffnung, ich könnte Martina überzeugen, dass mein Buch veröffentlicht werden müsste, indem ich sie an Bali und Ruanda erinnerte, wurde enttäuscht. Sie blieb dabei:
„Wenn du tatsächlich meinst, mit deinem ‚Werk‘ unbedingt an die Öffentlichkeit gehen zu müssen, dann such dir dafür irgendeinen kleinen Fachverlag für Philosophie oder sowas aus. Dann gibt es wenigstens nicht gleich Schlagzeilen in der Bildzeitung.“
„Schade“, sagte ich, „dann wird es wohl so schnell nichts mit Bestseller. Dabei hatte ich schon überlegt, ob wir uns für das Geld nicht lieber eine kleine Villa in der Karibik anschaffen sollten, statt eine Luxuskreuzfahrt zu buchen. Auf den Bahamas ist es zumindest nicht so neblig wie hier.“
Wenigstens diese Idee fand sie „eigentlich gar nicht so schlecht“.
Der Rest unserer kleinen Kreuzfahrt wurde dann aber noch richtig schön. Kurz hinter Bergen kam endlich die Sonne aus den Wolken. Wir konnten mal länger raus aufs Deck und die Abstecher in die Fjorde wurden tatsächlich sehr eindrucksvoll. Das Gefühl, auf dem falschen Dampfer zu sein, stellte sich erst wieder ein, als es in Hamburg von Bord gehen sollte. Aus der Kabine nebenan wackelte ein alter Opa am Krückstock – allein, und offensichtlich schon längst jenseits von Gut und Böse. Entweder hatte es dort gegen Ende einen von uns unbemerkten Wechsel in der Belegung gegeben oder der alte Herr hatte sich die ganze Zeit irgendwelche Pornofilme reingezogen, die er nur bei voller Lautstärke überhaupt noch so richtig mitbekam.
Als wir vom Schiff runter waren, sagte Martina unvermittelt: „Tut mir echt leid.“
„Wieso das denn?“, fragte ich.
„Es war doch dein Geburtstagsgeschenk, und fast die ganze Zeit war das Wetter so schlecht.“
Ich habe sie in den Arm genommen.
„Ich finde, es war eine fantastische Geburtstagskreuzfahrt. Allein, wenn ich an das tolle Fischbuffet denke.“
Kaum waren wir wieder zu Hause, bin ich runter in den Keller. Zuallerunterst, in einem schon seit Jahrzehnten nicht mehr geöffneten Umzugskarton voller Bücher und Papiere, die ich schon längst mal hätte wegschmeißen sollen, habe ich sie ausgegraben: Die Mappe mit den Durchschlägen der Dokumentation über den Völkermord in Ruanda.
Das Wort Hyacinthe habe ich tatsächlich schon auf Seite sieben gefunden. Martinas Gedächtnis für Namen hat mich schon immer beeindruckt. Die Geschichte war sorgfältig dokumentiert. Der Name der Kirche (‚Sainte Famille‘) und dieses Priesters, Namen weiterer seiner Opfer, genaue Zeitangaben zu den einzelnen Vorkommnissen, Namen von Zeugen und ihre Aussagen im Wortlaut – alles ganz sachlich und nüchtern. Unser Jesuitenpriester hat damals wirklich sauber gearbeitet, Seite um Seite. Ich sah unseren Freund mit der Sonnenbrille wieder vor mir, wie er damals Fall um Fall vor uns ausgebreitet hat, hörte wieder, wie manchmal seine Stimme so stockte, genauso wie jetzt beim Lesen mein Blick.
An der Stelle zum Beispiel, wo der Priester einer Gemeinde südlich von Kigali seelenruhig zugesehen hatte, wie Kleinkinder vor seiner Kirche in Jutesäcke verschnürt und in den Fluss geworfen wurden, bevor sich die Mörder mit Macheten über ihre Mütter hermachten, die das hatten mit ansehen müssen. Die Männer und älteren Kinder waren schon Stunden zuvor aus der Kirche getrieben und abgeschlachtet worden.
Beim Bericht eines Überlebenden über den Bischof, der eine Gruppe von 90 Schülern überredet hatte, sich im Speisesaal ihres Internats zu versammeln, da ihnen dort nichts passieren werde. Er hatte gewusst, dass ihre Killer dort bereits warteten.
Beim Fall der zwei Benediktinerschwestern, die siebentausend Flüchtlinge, die sich auf ihr Klostergelände gerettet hatten, den Milizen ausgeliefert hatten. Als alles vorbei war, hatten sie noch mitgeholfen, die Opfer zu verbrennen.
Bei dem Priester, der aktiv Menschen in seine Kirche gelockt hatte, die dann in seinem Beisein mit Bulldozern eingerissen wurde...
An der Stelle, wo die Aussage einer deutschen Ordensschwester protokolliert war, die in Kadiha über hundert Kinder gerettet und in ihre Obhut genommen hatte, da das Morden sie zu Waisen gemacht hatte. Da standen die Namen Dutzender Priester und mehrerer Bischöfe, die nach ihren Erkenntnissen zu Tätern geworden waren.
Eben habe ich dieses über zwanzig Jahre alte knisternde Bündel muffig riechenden Durchschlagpapiers noch ein weiteres Mal durchgeblättert. Es gehört natürlich auch zu der Sammlung von Dokumenten, die ich hierher auf meine Insel mitgebracht habe. Gerade in diesem Fall darf ja nichts in meinem Bericht stehen, das nicht schwarz auf weiß zu belegen ist. Deshalb habe ich mich, bevor ich hierher aufgebrochen bin, auch extra nochmal an meinen Laptop gesetzt und im Internet das ein oder andere nachrecherchiert. Zahlreiche Geistliche aus Ruanda – von Priestern und Ordensleuten bis hin zu Bischöfen – sind tatsächlich wegen Mittäterschaft angeklagt und teilweise auch verurteilt worden. Der Priester der Kirche ‚Sainte Famille‘ in Kigali aber hat sich damals gleich nach Frankreich abgesetzt. Er ist dort weiter als Priester tätig gewesen. Die Kirche hat die besten Rechtsanwälte des Landes angeheuert, die schließlich erreicht haben, dass das letzte Verfahren gegen ihn wegen seiner Rolle im Völkermord im Jahr 2015 eingestellt worden ist. „Hat sicher auch weiter von Liebe und Barmherzigkeit gepredigt“, habe ich zu Martina gesagt, die während meiner Recherche im Internet die ganze Zeit neben mir saß. Auch andere beschuldigte Priester und Ordensleute leben heute noch unbehelligt und im Schutz und im Dienst der Kirche in Frankreich, Belgien oder Italien. Ein Verfahren in Ruanda gegen den Bischof, der die 90 Schüler ihren Mördern ausgeliefert hatte, endete im Jahr 2000 nach massivem Druck aus dem Vatikan mit einem Freispruch. Die deutsche Ordensschwester Milgitha – ganz offensichtlich diejenige, die mehr als hundert Waisenkinder gerettet und unserem Jesuitenpriester zahlreiche Namen in die Morde verwickelter Kirchenvertreter genannt hatte – wurde 2010 aus ihrem Orden der Clemensschwestern ausgestoßen. Wegen Unterschlagung. Sie hatte das schwere Vergehen begangen, Spenden für ihre Waisenkinder direkt vor Ort auszugeben, anstatt sie über ihr Mutterhaus in Deutschland zu leiten. Angeblich lebt sie heute unter erbärmlichen Verhältnissen in Kigali. Unser junger Jesuitenpriester hat sich damals also völlig vergeblich bemüht. Nirgendwo ein Hinweis, dass seine Dokumentation jemals irgendwo veröffentlicht oder auch nur diskutiert worden wäre. Kein Wunder: Der Papst hatte schon 1996 jegliche Mitverantwortung der Kirche für den Massenmord im christlichen Ruanda zurückgewiesen.
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