Am Anfang wollte ich mir bloß ein paar Stichworte notieren. Als Entscheidungshilfe. Eine kleine Liste mit Fragen: Warum zahlen, wenn man doch nie in die Kirche geht? Was hat Kirche eigentlich mit Religion zu tun? Warum überhaupt Religion? Was bekennt man da eigentlich beim ‚Glaubensbekenntnis‘? Ich erinnerte mich wieder an das seltsame Gefühl, das mich schon als Jugendlicher bei der einen oder anderen Formulierung beschlichen hatte, die man da aufsagt. „Das soll ich glauben? Echt?“ Und dann natürlich: Gott ... Was erwartet der eigentlich von einem, falls es ihn gibt? Was kann man umgekehrt von ihm erwarten? Nicht vielleicht doch lieber Buddhismus? Vor allen der Zen-Buddhismus hatte mich schon immer fasziniert. Und was ist mit Islam? Gehört ja neuerdings auch zu Deutschland...
Kaum gibt man bei Google die ersten Suchwörter ein, stößt man auf alle möglichen überraschenden oder seltsamen Sachen. Teilweise sogar auf Absurdes. Beim Stichwort ‚Heiligenverehrung‘ zum Beispiel. Oder ‚Reliquien‘. Auch beim christlichen ‚Gottesdienst‘ kommt man schnell vom Hölzchen aufs Stöckchen. Wie das förmlich richtig abläuft (Stichwort ‚Liturgie‘), wozu man sich da glaubensmäßig so alles bekennen muss (da gibt es ja nicht nur das ‚Glaubensbekenntnis‘. Auch unter ‚Vaterunser‘ sollte man mal nachsehen). Und dann die diversen speziellen Riten (‚Sakramente‘): Was sie bedeuten und was dabei tatsächlich angeblich geschieht (unbedingt mal ‚Wandlung‘ checken!). Letztlich alles nichts wirklich Neues, was man da entdeckt. Jedenfalls wenn man damit aufgewachsen ist. Aber wenn man sich das nach so langer Zeit und mit Abstand mal genau ansieht, kommt man mehr und mehr ins Staunen. Bei Manchem fragt man sich sogar, ob das Satire ist (‚Marienerscheinungen in Marpingen‘ oder die ‚72 Jungfrauen‘ des Islam). Auch das ‚Westliche Paradies‘ der Buddhisten ist nicht so ganz ohne...
Meine Unternehmung, geplant als kurzer, abschließender Ausflug in die Welt der Religion, die mir so vertraut und durchaus harmlos erschienen war – noch dazu von zeitloser Erhabenheit, entrückt wie der Mt. Everest oder Japans heiliger Fuji – wurde mehr und mehr zu einer abenteuerlichen Expedition auf einen mir immer exotischer erscheinenden Kontinent. Immer offenkundiger erschienen mir die Risiken und Nebenwirkungen des Glaubens, nach denen seltsamerweise sonst so gut wie niemand zu fragen schien. Kurz: Ich fühlte mich herausgefordert.
Ich ordnete die Notizen, die ich mir aufgrund meiner ersten Internetrecherchen schon gemacht hatte, suchte in unseren Regalen die einschlägigen Bücher zusammen, die ich im Laufe der Jahre hier und da gekauft, aber nie gelesen hatte, durchforstete Wikipedia und andere Webseiten nach weiteren wichtigen Stichworten und begann zu schreiben. Aus den ersten Stichworten wurden schnell Sätze, aus Sätzen bald ganze Abschnitte und nach knapp zwei Wochen hatte ich schon über zwanzig Seiten zusammen. Und da war ich noch nicht mal bei den richtig heißen Sachen angelangt. ‚Sünde‘ oder ‚Hölle‘ etwa. Von ‚Erleuchtung‘, ‚Erlösung‘ oder ‚Gott‘ noch gar nicht zu reden. Kurz gesagt: Ich hatte begonnen, ein richtiges Buch zu schreiben. Und – das gebe ich zu – es hat mir auch immer mehr Spaß gemacht. Es sollte ja nun auch ein ganz besonderes Buch werden. Das Buch der Bücher sozusagen. Das ultimative Werk der Aufklärung, in dem nicht nur das Christentum, sondern alle Weltreligionen mal wirklich gründlich hinterfragt wurden. Ernsthaft und konstruktiv das Ganze, klar, aber trotzdem unterhaltsam. Wie sich herausstellte, konnte und musste das teilweise sogar ins Satirische gehen.
Zumindest einige unserer Freunde würden das sicher auch interessant finden. Martinas alter Schulfreund zum Beispiel, der uns kurz nach unserem Einzug mal wieder besucht hatte. Als Theologe und Pfarrer immer noch so überzeugt von seinen Glaubenswahrheiten, dass ich mir ein paar provozierende Bemerkungen nicht hatte verkneifen können. In aller Freundschaft natürlich. Er selbst hatte ebenfalls Spaß an unserer lebhaften Diskussion. Jedenfalls schien auch er etwas enttäuscht zu sein, als Martina schließlich dazwischen ging. Auch sonst gab es ja so manchen in unserem Bekanntenkreis, der sich anscheinend für Glaubensfragen interessierte. Hanns und Gerda zum Beispiel. Die hatten so von ihrer ‚spirituellen Auszeit‘ auf dem Jakobsweg geschwärmt. Mussten dann allerdings auf Nachfrage zugeben, dass die Zeit nur für die letzten dreißig Kilometer bis Santiago de Compostela gereicht hatte, leider. Überhaupt schien Religion hierzulande ja wieder ein beliebtes Thema zu sein. Kaum noch eine Talkshow, in der es nicht um Kopftuch, Burka oder die religiösen Gefühle irgendwelcher Leute ging. Genau genommen musste es eigentlich massenhaft Leser geben, die sich für ein solches Buch interessieren würden. Also zugegeben: Insgeheim erwachte mein alter Traum, mal einen richtigen Bestseller zu schreiben, nochmal zu spätem Leben.
Das erste Mal beschlich mich das etwas ungute Gefühl, mich da vielleicht in etwas verrannt zu haben, als Martina plötzlich von hinten (ich hatte sie gar nicht kommen hören) ihre weichen Arme um mich schlang und mir ins Ohr hauchte, ganz so hätte sie sich unseren Ruhestand nicht vorgestellt. Mein Hinweis, dass ich es mir als Pfarrerssohn mit der Frage nach Gott nun mal nicht ganz so einfach machen könne, zeigte nicht die erhoffte Wirkung. Sie löste zwar Ihre Umschlingung, aber nur, um sich hoch aufzurichten. Und schon prasselte es auf mich herab:
„Was hast du mir nicht alles versprochen. Dass wir endlich mal richtig Zeit für uns haben würden. Dass wir es uns so richtig schön machen würden zusammen. Was hatten wir uns nicht auch schon alles ausgemalt an gemeinsamen Unternehmungen. Ausgedehnte Stadtbummel, zum Beispiel, ohne den Druck, schnell irgendwelche Einkaufslisten abarbeiten zu müssen. Uns mit alten Freunden treffen, die wir schon seit Jahren nicht mehr gesehen haben. Ganz spontan irgendwo hinfahren. Und jetzt?“
Ich hörte, wie sie noch einmal tief Luft holte. „Ehrlich, dafür bin ich nicht all die Jahre mit dir um die halbe Welt getingelt und habe die brave Diplomatengattin an deiner Seite gespielt. Dieses ewige sich Aufbrezeln für irgendwelche langweiligen Damenkränzchen oder Empfänge. Ganz zu schweigen von einsamen Nächten in Hitze und Finsternis, weil schon wieder der Strom ausgefallen war, während du dich auf irgendwelchen Dienstreisen im Gastland herumgetrieben oder dich auf endlosen aber dafür umso luxuriöseren Banketten gemästet hast“. So ganz unvertraut waren mir diese Vorhaltungen nicht, aber dies war eine regelrechte Predigt. „Nein, ich habe nicht so lange jedermanns Dackel gespielt, damit du jetzt hier ewig an deinem Schreibtisch hockst. Ich habe echt keinen Bock drauf, jetzt endgültig an deiner Seite zu versauern.“ Amen!
Sie ließ sich demonstrativ erschöpft auf die Couch fallen. Ich habe es dann noch mit Argumenten versucht, obwohl mir da schon klar war, dass wir einen Kompromiss würden finden müssen.
„Du ahnst gar nicht“ – ein echt starkes Argument, wie ich fand – „wie viele Leute das Thema Glaube hier heutzutage wieder umtreibt! Allein die ganze Islamdiskussion. Oder die Forderung neulich von diesem Oberprotestanten Beauford-Stramm, die Kirche müsse sich wieder mehr in die Politik einmischen. Das Thema ist gerade wieder voll in. Etwa ein Drittel aller Deutschen glaubt an Gott. Das sind doch fast dreißig Millionen Gläubige! Aber kaum einer von denen weiß überhaupt noch so richtig, was er tatsächlich alles glauben müsste, wenn er ernsthaft Christ oder Moslem sein wollte. Und dann noch all die hippen Auf- oder Aussteiger, die glauben, man müsste nur ein wenig achtsam sein, und schon ist man Buddhist. Echt, da gibt es eine Marktlücke! Und die Nichtgläubigen müssten ja eigentlich erst recht Interesse an einer mal wirklich gründlichen und umfassenden Religionskritik haben. Ja, so ein Buch könnte sogar ein Bestseller werden! Wär' doch super. Als erstes würde ich dann eine richtig tolle Kreuzfahrt für uns beide buchen. Eine Luxusweltreise. Außenkabine. Mit Balkon!“
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