Das Resultat der Begegnung vor fünf Wochen war heute sichtbar: Das Anlein-Schild war verschwunden. Beide mutmaßten, ob das Paar das Schild einfach bei Nacht und Nebel entfernt hatte oder ob die Waldbauern einen entsprechenden Beschluss gefasst hatten. Zu einem Ergebnis kamen sie aber nicht. Nun konnte sich dieser höherwertig fühlende Bayer sicher sein, nicht mehr von niedrigeren "Saupreißn" berechtigt gemaßregelt zu werden. Doch dieses Verhalten hat nichts mit Bayern zu tun, leider können wir so etwas tagtäglich überall auf der Welt erleben. Am anderen Ende des Weges waren beide etwas überrascht: Hier hing das Schild noch! Also stand für Klarmanns fest, dass die angesprochenen Hundebesitzer das Schild bei Nacht und Nebel "entsorgt" hatten und dies nicht offiziell durch die Waldeigentümer erfolgt war. Auf dieser Seite des Weges wäre es wohl doch irgend jemandem aufgefallen, da man durch die Fenster der Mariandlbergalm genau in Richtung des Schildes schaute. Torsten fotografierte das verbliebene Schild, vielleicht könnte er das Foto noch irgendwie gebrauchen.
Ende Oktober gab es den letzten kleinen Stammtisch vor Klaros geplantem Urlaub. Egal, wo man sich befand - ohne das Thema „Flüchtlinge“ gab es seit Wochen keine Diskussion mehr. Die Wunschblase von Regierung und Industrie nach einem hohen Anteil sehr gut ausgebildeter Syrer war inzwischen geplatzt. Es würde Jahre dauern, bis die Ersten hier in Arbeit kommen würden. Da war nicht nur die Sprachbarriere, sondern es mussten auch in vielen Berufen die hiesigen, meist anderen Vorschriften und Regelungen erlernt werden.
Doch damit tat sich eine neue Frage auf: Wie lange wird das unser, nun auf den Kopf gestelltes, Sozialsystem aushalten? Normalerweise zahlt man ein und erhält irgendwann bei Bedarf Krankengeld, medizinische Versorgung und Rente. Jetzt ist es plötzlich so, dass erst einmal sehr viel ausgezahlt werden muss, ohne dass neue Beitragszahler hinzugekommen sind.
Und wie lange können die Kommunen und Länder das stemmen, was ihnen die Bundesregierung ungefragt aufs Auge gedrückt hat? Letztere zahlte nur einen geringen Anteil der echten Kosten. Einige bereits stark verschuldete Städte rutschten so noch weiter in die Nassen.
Außerdem waren inzwischen mehrere Zehntausende an Flüchtlingen mit Erlaubnis der deutschen Regierung unkontrolliert ins Land geströmt und davon schon einige Tausend untergetaucht mit unbekanntem Aufenthaltsort. Wie sich das auf die innere Sicherheit auswirken würde, konnte man nur vermuten.
Neben der Flüchtlingsfrage interessierte Torsten noch etwas anderes, was er schon immer mal Anton fragen wollte: „Was ich jetzt frage, soll weder ein Angriff gegen dich oder irgendeinen anderen Bauern sein. Ich würde nur mal gern deine Meinung dazu hören: Gudrun hatte heute ihren freien Tag und musste zweimal die Wäsche wieder vom Balkon holen, weil der Gassner-Bauer gleich zweimal gegüllt hatte. Die nasse Wäsche nimmt ja diesen ekeligen Gestank sehr schnell an. Wie ich aber gelesen hatte, gibt es die Möglichkeit, durch Zugabe eines bestimmten Salzes den Gestank zu vermeiden - weshalb wird das nicht praktiziert?“ „Weil die meisten Bauern so schon kaum in den schwarzen Zahlen bleiben können. Sieh dir doch die Milchpreise bei den Discountern an - davon kann man kaum überleben!“, regte sich Anton sofort auf.
„Also Gudrun und ich würden sehr gern 10, 20 oder auch 30 Cent mehr pro Liter Milch zahlen, wenn dadurch der Gestank vermieden würde. Bei Gudrun ist es ja auch ihr Asthma, das nach jedem Güllen wieder stärker wird.“
Anton lachte höhnisch: „Da seid ihr aber die Einzigen. Geiz ist geil, ist die Devise! Egal, wie andere darunter leiden. Und hat ein Discounter den Preis gedrückt, ziehen alle anderen nach. Sollte sich irgendwann euer Preis im Supermarkt durchsetzen, kommen von zehn Cent maximal zwei beim Bauern an - das ist die Realität!“
„Ich finde es aber echt Scheiße, wenn man auf dem Balkon sitzt, in Richtung der Berge zum Hochfelln schaut, will Kaffee trinken und dann wird der Geruch des frischgebackenen Kuchens von dieser bayerischen Gülle-Idylle übertüncht - igitt! Stört dich das denn nicht?“
Anton machte den Vorstellungen von einem bayerischen Bauern alle Ehre, indem er verschmitzt äußerte: „Na, i ward mid am Odln, bis i da Kafä gsuffa hob!“ Das lautstarke Lachen am kleinen Stammtisch tönte durch das gesamte Wirtshaus. Dann mischt sich Max, immer noch lachend, ein: „Könnte denn nicht der Bauernverband oder eine Verkaufsgenossenschaft da Abhilfe schaffen? Arbeit soll sich lohnen, tönt es immer aus dem Arbeitsministerium. Meiner Meinung nach aber für alle und nicht nur für die gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmer!“
Torsten brachte noch ein anderes Problem auf den Tisch: „Es ist ja nicht nur der Güllegestank, der Gudruns Asthma zu schaffen macht. Unter uns wohnt ein Spätaussiedler aus Kasachstan, Anatoli Scheggers, zusammen mit seiner Frau. Beide sind bis auf einen einzigen Punkt an sich Musternachbarn: Es gibt kein Geschrei oder Krawall zur Nachtruhe. Ich verstehe nur etwas nicht: Da kommen Menschen, die seit Generationen in Russland gelebt haben, aufgrund ihrer Abstammung nach Deutschland. Und was machten Scheggers als Erstes nach ihrem Einzug in die Wohnung? Es wurde eine riesige Sat-Schüssel installiert, damit sie den ganzen Tag weiter Putin-TV gucken können! Weshalb sind sie dann nicht in Russland geblieben? Aber um zum Thema zurückzukommen: Der Anatoli selbst ist äußerst stark nikotinsüchtig: Der muss nur am Fenster hinter der Gardine sitzen und warten, bis er sich die nächste Kippe anzünden kann. Aller fünf bis zwölf Minuten zündet er sich auf dem Balkon eine Zigarette an. Dabei stinkt das so wie getrocknete Pferdeäpfel - wir wissen nicht, ob er da eine aus Russland importierte Machorka-Mischung raucht oder aus Kostengründen echt das, wonach es riecht. Wir hatten schon versucht, vom Balkon aus mit ihm zu reden, ohne jeden Erfolg. Wir können ja den Balkon so gut wie nicht mehr nutzen, weil er ständig vor sich hin stinkt. Und wir haben auch nichts dagegen, dass die Spätaussiedler, ohne jemals einen Pfennig in unser Sozialsystem eingezahlt zu haben, eine Rente erhalten. Aber dann sollen sie doch nicht denjenigen, die ihre Rente erarbeiten, auch noch die Balkonnutzung vermiesen. Würde er alle halbe Stunde mal eine rauchen, wäre das kein Problem für uns. Letztes Wochenende war es wieder so schlimm, dass Gudrun versuchte, mit der kleinen Gießkanne für die Geranien seine Kippe zu treffen - er hält seine Gichtfinger mit der Fluppe immer über den Balkon, um ab und zu eine Aule drüber zu spucken und ihr genussvoll hinterher zu schauen - drunter wohnen möchte ich echt nicht! Gudrun hatte beim vierten Anlauf die Fluppe getroffen - zwei Minuten später klingelte er bei uns. Ich habe ihm erklärt, dass auch wir unseren Balkon nutzen möchten: Die Wäsche stinkt nach seinen Pferdeäpfeln, die Frau bekommt Asthmaanfälle und selbst mir mit gesunden Lungen und Bronchien ist dieser Dauergestank zu viel. Ich schlug ihm vor, dass er exakt zu jeder vollen und halben Stunde rauchen könne, dann könnten wir immer zehn Minuten danach den Balkon nutzen. Er drehte mit Gebrummel wieder ab und ich rief ihm ein ‘Do swidanja’ nach - so viel ist von meinem erzwungenen Russischunterricht auf alle Fälle noch übrig geblieben. Was machte ‘unser’ Anatoli? Er ging sofort auf den Balkon und steckte sich die nächste Kippe an!“
„Euch wird nichts anderes übrig bleiben, als bei solch einem Sturkopf euch einen Anwalt zu nehmen“ war die Meinung von Max.
„Und was kommt dabei heraus außer Ärger mit den Nachbarn? Wohl kaum eine reale Balkonnutzung für uns, der Anatoli wird einfach so weiter machen. Und wir müssen tagelang protokollieren, dann erneut klagen. Bei solchen egoistischen Leuten wäre es das Beste, wenn es getrennte Häuser für Raucher und Nichtraucher gäbe. Aber das wird wohl ein Wunschtraum bleiben! Du kannst dieses Pascha-Gehabe auch sehen, wenn er mit seiner Frau einkaufen geht: Der Zwerg marschiert vorweg, auf dem Kopf eine Helmut-Schmidt-Mütze und auf der Nase seine Brille mit den kleinen, kreisrunden Gläsern. Seine Frau mit Kopftuch und Krückstock folgt mit drei Meter Abstand ihrem ‘Gebieter’. Kommen sie zurück, dann trägt sie den Einkaufsbeutel, er hat mit dem Transport seiner Kippe genug zu tun. Gudrun meinte einmal, dass sie mich erschlagen würde, wenn ich mich so verhalten werde.“
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