Toni legte Torsten Klarmann, in der Stammtischrunde kurz "Klaro" genannt, seine Rechte auf den Unterarm. „Nun komm mal wieder von der Urlaubspalme herunter, so schlimm wird es schon nicht werden. Höchstens noch schlimmer“, grinste er abschließend.
Auch Ole versuchte, Klaro zu beruhigen: „Sei vorsichtig mit deinen Worten. Hast Du nicht den Auftritt des selbst ernannten Erzengels der SPD im ZDF gesehen? Da wurde alles, was nicht seiner Meinung war, als Pack bezeichnet und in die rechte Ecke gestellt. Also eine Schwarz-Weiß-Malerei bei einer roten Partei. Mir stellt sich nur die Frage, wo da die Meinungsfreiheit unserer Demokratie bleibt. Ich kenne genau so etwas ja von 30 Jahren Honecker und Konsorten und lege keinerlei Wert auf eine Wiederholung.“ Ole, 59, kam aus Wismar und wollte eigentlich Architektur studieren. Da er nicht, wie verlangt, die SED-Parolen nachplapperte und lieber dummerweise seine eigene Meinung äußerte, wurde er nach Abschluss der 10. Klasse von der „Erweiterten Oberschule“ (Gymnasium) geschmissen und erlernte den Beruf eines Maurers. Während eines Urlaubes nach der Wende hatte er die verwitwete Pensionsbetreiberin Rosa hier in Traunstein kennengelernt. Beide verliebten sich schnell ineinander und waren seit nun 12 Jahren glücklich miteinander verheiratet. Da Rosas verstorbener Ehemann früher Mitglied dieser Stammtischrunde war und Anton und Rosa über vier Ecken miteinander verwandt waren, wurde dann Ole durch Anton eingeladen, am Stammtisch teilzunehmen.
Torsten, der aus Thüringen stammte und zusammen mit Max mit 57 Jahren der zweitälteste in der Runde, entgegnete: „Ich schaue mir schon gar nicht mehr die GEZ-Sender an, mir kommt das genau so wie Ole vor: regierungstreues Zensurfernsehen so ähnlich wie die „Aktuelle Kamera“ damals in der DDR. Ich sehe mir eigentlich nur noch die ZIB auf ORF2 an, da bekommt man wenigstens halbwegs stimmende Zahlen. Der Ösi weiß ja, wie viele er zu uns durchgewunken hat. Für mich ist das mit dem ORF so ähnlich wie Westfernsehen zu Ostzeiten.“ Torsten hatte mit 46 Jahren die Arbeit als Softwareentwickler in Thüringen verloren und erst wieder etwas hier in Traunstein gefunden. Er war mit seinem hiesigen Arbeitgeber, bei dem er jetzt schon 11 Jahre arbeitete, sehr zufrieden. Von seinem Vollbart, den er während seiner Jahre in Nordostdeutschland getragen hatte, war als Relikt lediglich ein inzwischen fast komplett weißer Schnauzbart übrig geblieben. Zwei kräftig ausgeprägte Geheimratsecken und ein am Hinterkopf durchscheinendes "Knie" wurden von seinen nur wenige Millimeter langen, weißen Haaren noch betont. Sein Vater hatte zu dessen Lebzeiten eine deutlich kräftigere Ausprägung einer Glatze gehabt und versucht, diese mittels weniger, langer Haarsträhnen zu verdecken, die dann bei jedem Windhauch umhergewirbelt wurden. Dies mochte Torsten absolut nicht und spottete immer wieder bei seinem Vater über dessen Versuche, den "Hühnerpopo" zu verstecken. Torstens Frau Gudrun hatte zwar eine Art Bürokauffrau gelernt, war aber noch zu DDR-Zeiten strafversetzt worden und musste ab dann als Verkäuferin zu einem Hungerlohn arbeiten, weil sie damals keine VD-Verpflichtung unterschreiben wollte - diese hätte ihr den Kontakt mit ihrer in Brühl bei Köln lebenden Oma untersagt. Wie das Leben so spielt, starb ihre Oma kurz danach. Hier in Traunstein saß Gudrun an der Kasse eines Supermarktes.
Max, ein Traunsteiner Urgestein, war Torstens Hausarzt und hatte vor etwa zehn Jahren bei Torsten einen Infekt mit schwerwiegenden Folgen diagnostiziert. Trotz rasender Schmerzen im Rücken und immer wieder wegknickender Beine war Torsten erst dann zum Arzt gefahren, als es wirklich nicht mehr ging. Max war von dem Verhalten des damals erst seit ein paar Monaten in Bayern lebenden angetan - da wurde nicht gleich wegen eines kleinen Risses im Finger der Notarzt gerufen, wie das heutzutage oft der Fall war! Und bei einem echten Notfall ist dann kein Notarzt verfügbar. Nach Torstens Rückkehr aus der Spezialklinik erhielt er von Max die Einladung, am Stammtisch den gerade frei gewordenen Platz einzunehmen - sein „Vorgänger“ war kurz zuvor zu den „Isarpreissn“ gezogen, da ihm die tägliche Pendelei zwischen Traunstein und München zu viel war. Torsten war nicht so der Stammtisch-Fan und befürchtete, unter den vielen Bayern auch sprachlich unterzugehen. Als Gudrun mal an einem Stammtischtermin Spätdienst hatte, ging er trotzdem hin und blieb dabei. Obwohl Max und Torsten beide gern in den heimischen Bergen wanderten, hatten sie noch nie zusammen eine Tour unternommen. Der Grund dafür lag in der Art der "Bergwanderung": Während Max versuchte, möglichst schnell auf den Berg zu kommen und natürlich auch wieder schnellstmöglich zurücklief, wanderten Torsten und seine Frau Gudrun nicht gegen die Uhr. Sie betrachteten es als Ausgleich zu ihrer sitzenden Tätigkeit, legten Wert auf eine gute Aussicht und wollten möglichst auch Tiere beobachten. Gudrun hatte ihre Art des Bergwanderns einmal als "Genusswandern" bezeichnet. Max dagegen rannte auch bei Nebel oder Regen los, ihm ging es ausschließlich um die sportliche Leistung.
Dieser Stammtisch war im Prinzip schon praktiziertes innerdeutsches Miteinander. Jeder hatte aufgrund seiner Erfahrungen einen anderen Blickwinkel auf die Dinge und so gab es immer wieder Grund zu mehr oder weniger sinnvollen Diskussionen, die auch meist sachlich blieben. Im Prinzip waren sich alle am Stammtisch einig: Den Flüchtlingen musste geholfen werden. Aber mit Augenmaß und Überlegung. Beides ließ die Bundesregierung in dieser Zeit leider sehr vermissen. Der Einzige, der in Deutschland versuchte, den Flüchtlingsstrom in geordnete Bahnen zu lenken, war der bayrische Ministerpräsident Horst Seehofer. Dafür wurde auch er sehr schnell als „Rechter“ abgestempelt. Im Endeffekt galt aber bei ihm leider auch nur der Spruch: Hunde, die bellen, beißen nicht. Er konnte rein rechtlich der Bundesregierung nichts vorschreiben. Und Angela Merkel ließ sich auch nichts sagen. Wie wurde damals so schön gelästert: Alle haben das Recht auf Merkels Meinung.
Schnell wurde es am kleinen Stammtisch ruhiger: Osaro, der nigerianische Koch, brachte selbst das Essen. Er wurde von dieser Runde aufgrund seiner Kochkunst sehr geschätzt. Klaros Meinung war, dass die Bayern keinen Kuchen backen können, wogegen Toni und Max natürlich lautstark protestieren mussten. So hatte Klaro Osaro die Rezepte für Thüringer Rahm- und Mohnkuchen verraten; seitdem brummte auch der Kaffeebetrieb am Wochenende. Wirt Alois ließ sich nicht lumpen, als er den Grund dafür feststellte. Nun gingen bei Klaro zu jedem Stammtisch, der immer am letzten Freitag eines Monats stattfand, das erste Hefeweizen und ein großer Teller Bratkartoffeln mit Leberkäs und Spiegelei auf das Haus. Er ließ es sich gefallen.
Osaro war nur als Aushilfe zufällig in der Küche gelandet. Als Alois einmal krankheitsbedingt ausfiel, kochte er einfach und zeigte, dass er die bayerische Küche sehr gut kennt. Dazu kamen noch ein paar Spezialitäten aus seiner Heimat und der „Wolpertinger“ hatte, als Alois gesundet zurückkam, eine etwas größere Stammkundschaft. Seitdem war der immer fröhliche Osaro bei Alois fest als Koch angestellt. Osaro war schon als Kind nach Deutschland gekommen und besaß die deutsche Staatsbürgerschaft. Anton hatte ihn einmal nach der Bedeutung seines Vornamens gefragt. „Gott ist hier“, antwortete Osaro und lächelte. „Welcher denn, der christliche Gott, Allah oder sonst einer?“, wollte Anton wissen und grinste. „Ich bin Katholik, also der christliche Gott. In Nigeria leben etwa 50% Muslime und 46% Christen, von Letzteren sind wiederum nur 25% katholisch“, antwortete Osaro. Seine Eltern seien geflohen, weil es immer wieder tödliche Angriffe auf die im Süden des Landes lebenden Christen gab.
Nach dem Essen fragte Toni Torsten: „Vor ein paar Tagen habe ich im Fernsehen diese Demo der Bevölkerung in Sachsen gegen die Flüchtlinge gesehen. Weshalb seid ihr Ossis nur immer so gegen andere?“
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