„Das sind wir überhaupt nicht. Den Bericht kenne ich. Es ging dabei um etwas ganz anderes, nämlich um die Forderung nach einer gesteuerten Migration. Blöd war nur, dass sich der Demo ein paar Rechte angeschlossen hatten - die hätten außen vor bleiben müssen.
Zum Ersten: Auch wir Ossis hatten genügend ausländische Arbeiter im Land: aus Angola, Mosambik, Vietnam, Kuba, Ungarn und dem damaligen Jugoslawien. Dazu noch die Russen als Besatzungsmacht. Probleme wird es auch damals gegeben haben, aber das wurde ja immer verschwiegen.
Zum Zweiten: Du musst die Pegida-Demonstrationen von denen der anderen Bürger auseinanderhalten. Nur ist es so, dass jeder, der mit unserer jetzigen Regierung beziehungsweise mit deren Arbeit unzufrieden ist, kein Sprachrohr hat. Damit laufen natürlich viele der AfD und Pegida zu. Zurzeit hast Du keine andere Möglichkeit, als entweder für oder gegen die Politik unserer Regierung zu sein - es wird von oben keine Schattierung dazwischen erlaubt, siehe Gabriel. Und was ich absolut nicht verstehe: 1989 nahmen wir in Kauf, erschossen zu werden oder im Stasi-Gefängnis zu landen. Und haben trotzdem demonstriert. Weshalb gehen die Wessis nicht raus auf die Straße, wenn ihnen etwas nicht passt - das ist doch jetzt viel ungefährlicher!
Zum Dritten: Wir Ossis haben schon einmal den Untergang eines Staates miterleben müssen unter Honecker. Da ist man sensibilisiert für so etwas.“
Der hagere Max nickte: „Ja, daran sieht man, dass es immer wieder zu Vorurteilen kommt, weil man nicht genügend informiert ist. Aber das wäre doch eine Aufgabe der GEZ-Kassierer!“
„Die dürfen nur das senden, was von oben erlaubt wird. Das siehst du zum Beispiel an den im deutschen Fernsehen deutlich geringeren Zahlen zu den Flüchtlingen gegenüber denen im ORF genannten. Wir leben aber heute im Informationszeitalter und jeder hat so die Möglichkeit, selbst nach konkreten Informationen zu suchen. Das sollte man auch nutzen, bevor man über irgend etwas oder irgendeinen schimpft - aber aufpassen, auf welchen Seiten man da gelandet ist“, fügte Klaro als Schlusswort hinzu.
Nach dem zweiten Hefeweizen bestellte sich Klaro ein Taxi und ließ sich nach Hause fahren, also in die Traunsteiner Mietwohnung. Die Mietpreise in Traunstein waren noch nicht ganz so in die Höhe geschnellt wie im „benachbarten“ Rosenheim, das leider von vielen Münchner Pendlern als Schlafstadt missbraucht wurde. Diese kassierten das höhere Gehalt in München und versauten aufgrund der gestiegenen Nachfrage den in Rosenheim Arbeitenden die Mietpreise. Traunstein lag schon etwas weiter weg von der Landeshauptstadt und war dadurch weniger davon betroffen.
Nach dem Begrüßungskuss sagte Gudrun wie immer, dass ihr Mann furchtbar nach dem Bier schmecke und nach Tabak stinke, obwohl er Nichtraucher war. Wie sonst soll ein Mann riechen und schmecken, wenn er aus der Kneipe kommt? Nach Parfüm? Das würde bei jeder Ehefrau sofort Misstrauen erwecken.
Er kam nach dem Duschen in die hell eingerichtete Stube. Familie Klarmann hatte sich nicht so eingerichtet, wie es durch die Marketing-Strategen gerade als 'modern' vorgeschrieben wurde mit dunkelbraunem bis schwarzem Mobiliar, sondern so, wie es ihnen am besten gefiel: eine Wohnwand im inzwischen veralteten Stil in ganz heller Buche-Optik. Diese konnte gerade noch so den weiß umrahmten LED-Fernseher aufnehmen. Ein Vorteil dieses alten Stiles war, dass man gegenüber diesen neumodischen, meist offenen, Kästen eine Menge darin staubgeschützt verstauen konnte. Dazu zartgelbe Übergardinen, deren Ton sich in den Stuhl- und Sesselauflagen wiederholte. Gegenüber der Wohnwand nahm ein riesiges Poster mit einer Rosenblüte in vielen Gelbtönen einen Großteil der weißen Wand ein. Ein großer, heller und kaum gemusterter Teppich verdeckte den größten Teil des dunklen Parkettbodens. Das Problem beim Kauf der Wohnwand war gewesen, solch eine Wohnwand noch zu bekommen: Was nicht als modern vorgeschrieben wird, ist kaum in den Läden zu finden. Sie waren nach einer Internetrecherche extra in ein Möbelhaus nach München gefahren, um die Wohnwand kaufen zu können.
Als ihr Mann ins Zimmer kam, schaltete Gudrun den Fernseher aus. "Du kannst ruhig weiter schauen, ich wollte dich nicht stören", sagte Torsten zu ihr. "Machst du auch nicht. Aber diese Dokumentation nervt mich wieder einmal, wie so viele neue Filme: Die Dialoge sind gegenüber der unterlegten Musik so leise, dass man nichts versteht. Stellst du die Lautstärke höher, wird die Musik zu laut. Ich kann nicht begreifen, weshalb das inzwischen bei jeder Sendung so sein muss! Weshalb ist es denn nicht möglich, Dialog und Musiklautstärke zu normalisieren? Ständig muss man mit der Fernbedienung die Lautstärke nachregeln, das macht einfach keinen Spaß!" "Wahrscheinlich schauen sich die Produzenten nie ihre eigenen 'Machwerke' an", vermutete er ironisch und setzte sich dann vor den PC: „Ich will nur noch schnell Mails abholen.“ „Wartest Du auf etwas?“, fragte sie ihn. „Nö, nur so mal schauen.“ Seine Frau und der Computer waren zwei Welten, die wohl nie so richtig zusammenkommen werden. Sie nutzte den PC nur als bessere Schreibmaschine. Mit dem Internet wollte sie wegen der möglichen Gefahren einfach nichts zu tun haben. Dies blieb, neben allem Technischen, sein Ressort in der Familie.
Und dann hing er doch länger an einer der E-Mails. „Was gibt es denn?“, drängte Gudrun neugierig ihren drei Jahre älteren Mann. Klaro überlegte kurz, drehte sich dann zu ihr um und fing an, zu erklären: „Wir haben doch vor, Anfang kommenden Jahres eine einwöchige Kanaren- und Madeira-Kreuzfahrt mit AHOS zu unternehmen. Ich bin gerade am Überlegen: Jetzt ist von denen ein Angebot für zwei Wochen mit der 'Atlantico' gekommen für nur 270 Euro mehr pro Person gegenüber der einwöchigen Reise. Die haben den Dampfer wohl nicht ganz voll bekommen.“
„Die 'Atlantico'?“, fragte sie. Beide hatten Ende 2011 ihre erste Kreuzfahrt auf der „Atlantico“ nach Südamerika unternommen, gleich zwei Reisen hintereinander über vier Wochen. Zwei Jahre später waren sie im Mai mit demselben Schiff zwei Wochen in Norwegen gewesen. Jedes Mal hatte es ihnen sehr gut gefallen. Man sah viele Orte, ohne jeden Tag die Koffer packen zu müssen. Es gab keine überbuchten Kabinen. Die Sauberkeit ging in Ordnung. Das Büfettessen war toll. Und beide fühlten sich irgendwie umsorgt und sicher. Sie hatten das Gefühl, so auch noch als Rentner verreisen zu können - so weit dies Rente und Miete zulassen würden.
„Und wo schippern die da lang?“, interessierte sich Gudrun für die Route. Den Begriff „schippern“ hatte sie von ihrem Mann übernommen, der in Rostock Schiffbau studiert und damit ein paar norddeutsche Begriffe in seinen Sprachschatz importiert hatte. Nur rein zufällig war er nach Abschluss des Studiums auf der Software-Schiene „gelandet“, hatte aber sehr schnell daran Spaß gefunden und war dabei geblieben.
„Kanaren, Madeira und dazu noch die Kapverden. Santiago hatte uns doch so gut gefallen vor vier Jahren. Wollen wir das nicht buchen? Die 'Atlantico' ist mit etwa 1.100 Passagieren auch nicht so groß wie die 'Caribico' mit ihren 4.500 Gästebetten, die die einwöchigen Touren fährt.“ Vor diesem riesigen „Kasten“ grauste es beiden etwas - eine Kleinstadt mit den Abmaßen von etwa 320 mal 35 Metern on Tour. Zu den Passagieren kamen ja noch mehr als 1.000 Besatzungsmitglieder.
„Wie unterscheiden sich die Touren?“, wollte sie wissen. „Beide fahren ab/bis Gran Canaria. Die 'Caribico': La Palma, Teneriffa, ein Seetag, Madeira, ein Seetag, Lanzarote. Und die 'Atlantico': La Gomera, zwei Seetage, São Vicente, Santiago, zwei Seetage, Teneriffa, La Palma, ein Seetag, Madeira, ein Seetag, Fuerteventura.“
Gudrun wurde vorsichtig: „Willst Du dir wirklich mit deinem Rückenproblem nochmals die Straßen von Santiago antun? Denk doch an die vielen Speed Bumps und die Kopfsteinpflasterstrecke auf der Rückfahrt!“
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