Viktoria stand der Mund offen.
„Was sagst du da?“
Jetzt war es an Mo, mitleidig zu schauen.
„Hast du es denn immer noch nicht begriffen?“
Die Antwort erübrigte sich, denn sie lag auf der Hand.
„Lass mich dir etwas erklären: Ich bin seit vier Jahren hier. Soll ich dir erzählen, wie vor dieser Zeit der Stand der Dinge außerhalb dieser Anstalt war?“
Sie zögerte. Wenn sie dieses Angebot annahm, konnte sie ihre Traumwelt aufgeben. Die Welt, in der ihr Bruder noch lebte und da draußen auf sie wartete. Mo schaute sie immer noch mitleidig an.
„Geh in dein Zimmer. Mach die Tür zu. Wenn du morgen noch lebst, komm wieder vorbei.“
Viktorias Augen wurden immer größer. Wenn sie noch lebte? Sicher, Bully war ein Tier, ein primitives Stück Biologie. Aber umbringen würde er sie nicht. Oder?
„Los, geh“, wiederholte Mo.
Wortlos erhob sie sich, warf noch einen letzten verzweifelten Blick zurück und ging gesenkten Haupts zurück zu ihrer Höhle.
Freiheit (Ursprung plus 16 Jahre)
– Viktoria –
Dort angekommen fand sie ein kleines Tablett ohne Besteck auf ihrem Bett. Vielleicht von Peter. Hungrig stopfte sie sich das Brot in den Mund und schaufelte sich mit ihren Fingern den Brei in den Rachen. Zuletzt schleckte sie das Tablett sauber und stellte es unter ihr Bett. Dort sah man es nicht auf den ersten Blick und wer auch immer ihr wohlgesonnen war, konnte es trotzdem schnell entfernen, bevor jemand anderes auf seine Spur käme. Anschließend saß sie auf ihrer Pritsche und starrte auf die weiße Wand. Ihr Magen knurrte immer noch.
In Gedanken projizierte sie Bilder auf die helle Wand und spann dunkle Fäden dazwischen. Von dem Regime zur Vorsteherin, zu Bully, zu ihr. Eine gerade Linie, die zum Zweck hatte, sie ruhig zu halten. Die Frage nach dem Warum drängte sich in den Vordergrund. Ging es darum, sie stillschweigend zu verstecken? Dann konnten sie das mit einer Kugel und einem dunklen Grab effizienter und kostengünstiger erledigen. Seit sie fünf Jahre alt war, befand sie sich in der Anstalt. Sie hatte keine Fäden, die sie mit der Außenwelt verbinden würden. Hier drin kannte sie niemanden so gut wie Sue und Mags. Vermutlich nur noch Sue, korrigierte sie sich in Gedanken. Und Bully. Der sie heute Nacht besuchen kommen würde, daran bestand kein Zweifel. Von ihm aus ging ein Faden ins Nichts. Wieso meinte er, auf sie aufgepasst zu haben? Wer sollte ihn vergessen haben? Und warum würde Bully deshalb Rache an ihr nehmen wollen? Sie seufzte auf. In Wahrheit wusste sie einfach nichts.
Eine weitere Linie erschien vor ihrem inneren Auge – vom Regime zur Anstalt zu Mo. Was auch immer sie angestellt haben mochte, woraus bestand der Faden zwischen Mo und der Vorsteherin? Er mochte so dünn sein wie ein Spinnenfaden, aber auch er hatte Bestand. Niemand außer der Vorsteherin gab in diesen Wänden die Befehle. War Mo nichts weiter als ein braver kleiner Zinnsoldat, der unter den Bewohnern seine Ruhe behielt und Unterhaltungen und Verhalten an die Spitze weitermeldete? Viktoria stellte sich vor, wie sie ihre Hand zu dem Spinnenfaden hob und daran zupfte. Ein leichter Ton erklang, als wäre er die Saite eines Instruments. Er mochte zart sein, aber er war widerstandsfähig. Dennoch führte er auch von Mo zu ihr, denn sie hatte Viktoria gewarnt. Von Mo führte je ein Faden zu einem Patient. Sie war eine Person, um die man als Insasse einfach nicht herumkam. Strategisch explizit gut platziert.
Viktorias Stirn kräuselte sich. Es gefiel ihr nicht, was um sie herum geschah. Was mit ihr geschah. Denn sie war es, die plötzlich Gespenster in jeder Ecke sah. Die Misstrauen in sich aufwallen fühlte. Das wiederum einen Anspruch an sie stellte: Was war die Wahrheit? Sie lebte in einem Kokon, der sie von der Außenwelt abschottete. Und beschützte. Ohne Rafi brauchte sie jeden Schutz, den sie bekommen konnte.
Es klopfte. Viktoria fuhr herum und wich ein paar Schritte zurück. Sie antwortete nicht, sondern stand sprungbereit neben ihrem Bett und starrte auf den einzigen Ausgang ihrer Höhle. Die Türklinke senkte sich ein bisschen ab. Millimeter für Millimeter arbeitete sie sich lautlos nach unten, bis ein erster Spalt erschien. Etwas Licht stahl sich hindurch und fiel auf den Boden, direkt bis hin zu Viktorias Füßen. Sie hatte keine Waffe. Sie hatte keine Möglichkeit, sich zu verteidigen. Eine männliche Hand schob sich durch den Spalt und tastete nach dem Lichtschalter. Ohne jedes Geräusch glitt sie darüber und zog sie wieder zurück. Ein Überfall im Dunklen also.
Viktoria atmete durch. Ihre Hände ballten sich zu Fäusten. Die Tür öffnete sich ein weiteres Stück. Halb erwartete sie, dass Bully nun mit Schwung durch die Öffnung springen würde und spannte sich an. Nur weil sie keine Waffe hatte, musste sie es ihm nicht unnötig leicht machen!
Dann traute sie ihren Augen kaum. Eine Tasche wurde auf dem Boden durch den Türspalt gehoben und die Tür leise und langsam wieder geschlossen. Viktoria verharrte auf ihrer Position. Hier stimmte etwas nicht. War der Typ vor ihrer Tür überhaupt Bully? Was sollte die Tasche? Warum wollte ihr jemand etwas geben? Vielleicht wollte ihr jemand was anhängen. Sie für immer nach unten in die Verliese bringen. Unruhe bemächtigte sich ihrer und zwang sie zum Ausatmen. Sie lockerte ihre verkrampften Hände und ließ die Schultern sinken. Die Tür war zu, der Griff horizontal. Wenn jemand doch wieder reinkommen wollte, würde sie es sofort sehen.
Unsicher stakste sie einige Schritte nach vorne und ließ sich auf ein Knie sinken. Bevor sie weiter darüber nachdenken konnte, streckte sie eine Hand aus und zog die Tasche zu sich. Sie war alt. Scheinbar hatte sie damals einen künstlichen Verschluss, der sich wie eine Naht der Länge nach hinzog. Irgendwann mochte er den Geist aufgegeben haben, wie so einige Dinge der alten Welt. Jemand hatte grobe Holzstücke auf der einen Seite befestigt und schmale Löcher in die andere geschnitten. Nicht wirklich wasserdicht, aber tat wohl seinen Dienst. Ihre Hand stahl sich ins Innere und fühlte Stoff. War das etwa Kleidung? Sie zog am Stoff und eine Hose stahl sich aus der Lücke zwischen den Knöpfen. Das Material war seltsam glatt und fest. Verwundert strich sie darüber. Dann nahm sie ihren Mut zusammen und knöpfte die Tasche gar auf. Eine Art Jacke aus dem gleichen Material. Viktoria war sich nicht sicher, ob sie da wirklich reinpassen könnte. Sie hatte eine Kapuze! Das war unerhört praktisch. Dass es solche Kleidung heutzutage überhaupt noch gab? Nachdenklich breitete sie vor sich aus. Wer würde so hart daran arbeiten, sie in Schwierigkeiten zu bringen? Ein Löffel unter der Matratze hätte vollkommen ausgereicht.
Einer verrückten Eingebung folgend schlüpfte sie in die Hose und ein T-förmig geschnittenes Oberteil mit langen Ärmeln, das unfassbar eng an ihrem schmalen Körper anlag. Die Jacke legte sich wie eine zweite Haut darüber. Verwirrt starrte sie an sich herab, als ihr ihre Füße auffielen, die immer noch in den weißen Stoffschlappen steckten, die zur Anstalt gehörten. Ein leises Klopfen ertönte. Sofort zuckte Viktoria zurück. Sie verfluchte ihre Neugier, als sie vergeblich versuchte, in der dunklen Kleidung mit der weißen Wand zu verschmelzen. Grandios, wirklich großartige Vorstellung meine Damen und Herren. Die Tür öffnete sich einen Spaltbreit und eine tiefe Stimme flüsterte eine Botschaft. In ihrer Angst verstand Viktoria kein Wort.
Stille. Der Unbekannte wartete auf ihre Antwort. Sie öffnete den Mund, aber brachte kein Wort heraus. Sie räusperte sich leise.
„Wie bitte?“
Fast konnte sie die Wut des Unbekannten mit den Händen greifen.
„Fertig?“, zischte es als Nächstes aus dem Dunkel.
„Ich glaube ja.“
Ein ungeduldiges Zungenschnalzen ertönte und der Spalt öffnete sich ein weiteres Stück. Ein vermummter Kopf erschien und Viktorias Herz schlug ihr bis zum Hals. Sie wurde von Kopf bis Fuß gemustert und es dauerte keine Sekunde, bis die Gestalt hineinhuschte, die Tasche ergriff und sie ihr vor die Füße warf. Ein dunkles Wesen. Die Erinnerung an den Todestag ihres Bruders überrollte sie wie ein Tsunami. Ihr wurde schwindlig, sie sackte gegen die Wand. Tränen schossen ihr in die Augen, die Angst vor den dunklen Gestalten saß wie eine hässliche Kröte vor ihr und lachte sie hämisch aus. Aber die Gestalt in ihrem Zimmer blieb wo sie war und machte keinerlei Anstalten, sich auf Viktoria zu stürzen.
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