Richtig, sie saß inmitten einer Wiese. Die Bäume hatte sie sich auch nicht eingebildet. Die Szene war so friedlich und schön, dass sie für einen Moment vergaß, warum sie hier war. Ein Blitz durchzuckte sie. Wie WAR sie in dieser Wiese gelandet?! Sie hatte keinen Schimmer. Sie war gefallen. Ihre letzte Erinnerung vor der Dunkelheit. Panik überflutete sie. War das ihr Nachleben? Hektisch sah sie sich um und musste sich dem Schwindel geschlagen geben. Durchatmen. Wirklich erst darüber später nachdenken. Immerhin könnte jederzeit jemand auftauchen, von dem sie nicht wusste, ob er Freund oder Feind war.
Sie stand sehr langsam auf und drehte sich gemächlich um ihre Achse. Grün so weit ihr Auge reichte. Noch nie hatte sie so eine ausgedehnte Naturfläche gesehen. Mit Rafi hatte sie immer zwischen zerbombten Häusern gelebt, in denen sich gerade einmal ein paar Wildblumen verstreut hatten. Aber alles, was schön und essbar war, hatte dort nicht lange Bestand. In die Viertel hatte sie sich nie getraut und Rafi hätte sie eher festgekettet, als sie mit auf eine seine Touren zu nehmen.
Viktoria lief zum Weg und freute sich über die Schuhe, mit denen sie wie auf Wolken lief. Mit den flauschigen Pantoffeln der Anstalt wäre sie hier verloren gewesen. Geistesabwesend strich sie über das Material ihrer Hose und der Jacke. Es war glatt, fast kühl. Mit Sicherheit fest. Ein Sturz würde dem Gewebe nichts antun, vermutete sie. Viktoria fuhr sich mit den Händen durch die Haare.
Wohin sollte sie an der nächsten Kreuzung gehen? Links? Rechts? Egal. Im Prinzip hatte sie sowieso keinen Plan.
Die ganze Zeit, während sie den Weg entlang marschierte, fühlte sie sich beobachtet. Sie blickte sich um, aber entdeckte keine Person und auch keine Kamera auf einem Zaun, keine Wächter patrouillierten. Kein Roboter mit Kamera, der durch die Gegend rollte und verdächtige Bewegungen der Bevölkerung aufzeichnete. Hier gab es keinerlei Technik, nur Wiese und Wälder. Ein rhythmisches Klackern drang an ihr Ohr. Vorsichtshalber wich sie vom Weg ab und versteckte sich hinter einem der alten, knorrigen Laubbäume. Das Geräusch schwoll an und wurde ab und zu durch ein seltsames, festes Klatschen ergänzt. Viktoria sank auf die Knie und lugte ein wenig hinter dem Baum hervor. Ein ungewöhnliches Gefährt auf mehreren Rädern schoss an ihr vorbei. Fast hätte ein vorbeifliegendes Steinchen sie getroffen. Tiere liefen davor her und waren scheinbar durch ein Gestell daran befestigt. Zwischen ihnen und dem Wagen, welcher Art auch immer er war, saß ein dunkel gekleideter Mensch, der ab und an den Arm schwenkte und das Knallen ertönen ließ. Kutscher. Viktoria erinnerte sich, so etwas war in einer der Geschichten vorgekommen, die Rafi erzählt hatte. Das seltsame Gefährt, nein, die Kutsche, fuhr in atemberaubender Geschwindigkeit an ihr vorbei. Ein ungutes Gefühl setzte sich in Viktoria fest. Ob es nun real war oder eine perfide Art ihres Nachlebens – sie wollte keine nähere Bekanntschaft mit dem Besitzer des Gefährts machen. Irgendetwas daran schien seltsam. Und so lange sie nichts darüber wusste, hielt sie sich lieber fern. Sie ließ den Weg hinter sich, sodass sie ihn aus der Ferne gerade noch ausmachen und parallel verfolgen konnte. Viktoria wollte lieber abseits bleiben und dafür allein. Ihre Richtung entsprach der Fahrtrichtung des Gefährts. Wo auch immer es hergekommen sein musste, hier musste ein Ausgang sein. Oder ein Ziel.
Nach einer Weile erreichte sie einen schmiedeeisernen Zaun, der mehr schief als gerade in der Erde stand und von Efeu überwuchert war. Wieder stand sie vor der Frage, welche Richtung sie einschlagen wollte. Wenigstens hatte sie dieses Mal die Wahl zwischen zwei Möglichkeiten. Weder die dunkle Gestalt, Bully, noch ihr unrühmlicher Fenstersturz hatte oder war eine Wahl ihrer selbst gewesen. Wo zum Henker war sie hier nur? Suchend blickte sie den Zaun entlang hinauf und hinunter. Unschlüssig drehte sie sich um. Quer durch das Grün wollte sie nicht zurück, wer wusste schon, wann die nächste dunkle Gestalt hindurch sauste. Ob es nur einen einzigen Ausgang gab? Unruhe schlich sich in Viktorias Herz. Jeder Schritt, der sie näher an den Weg führte, führte sie zum dunklen Gefährt. Sie wusste nicht warum, aber sie wollte keineswegs entdeckt werden. Solange sie keine Ahnung hatte, was sich hier abspielte, musste sie Sicherheit über alles andere stellen.
„Eine kluge Entscheidung“, piepste eine hohe Stimme neben ihrem Ohr.
Vor Schreck sprang Viktoria nach rechts und landete voll im Efeu, der den rostigen Zaun verdeckte. Was zur … ? Ein kleines Etwas schwirrte vor ihr in der Luft. Viktoria wollte danach greifen, aber es war zu schnell für sie. Auf die Idee, sich etwas eingebildet zu haben, kam sie gar nicht. Sie richtete sich wieder auf und versuchte, das schwirrende Etwas auszumachen. Da, rechts oben störte etwas Flirrendes die ruhige Baumszene.
„Was bist du?“
Keine Antwort. Viktoria kniff die Augen zusammen. Es war weg. Sie sah sich suchend um. „Wo bist du?“
Nichts.
„Hallo?“, versuchte sie es erneut.
Ein Rascheln antwortete ihr, es kam vom Zaun. Vorsichtig ging Viktoria mit einem Knie auf den Boden.
„Ich tue dir doch nichts. Wer bist du?“
„Ich bin Zara“, zwitscherte das kleine Ding aus dem Efeu. „Und ich musste warten, bis du die richtige Frage stellst.“
„Die richtige Frage?“, gab Viktoria überrascht zurück.
„Natürlich. Ich bin kein Etwas, ich bin ein wer. Und wenn man das nicht erkennt, neigen Menschen dazu, uns als kleine Dinge zu betrachten, die nichts wert sind.“
Auf einer betrüblichen Ebene machte das sogar Sinn.
„Bringst du mich heim?“
Viktoria zuckte zurück. „Wie bitte?“
„Ich habe den Weg aus den Augen verloren, hilfst du mir?“
Sie zögerte. „Ich weiß nicht wie.“
Das Schweigen zwischen ihnen zog sich in die Länge.
„Wo ist dein Zuhause?“
„Die schwarze Kutsche.“
Viktoria schwindelte es.
„Dorthin willst du zurück?“
Fast kam es ihr vor, als würde Zara die Flügel traurig hängen lassen. „Ich muss. Sonst kann ich meine Aufgabe nicht erfüllen.“
Das war ein Gefühl, das Viktoria kannte, seit Mo ihr in der Anstalt den Kopf gewaschen hatte.
„Welche Aufgabe hast du denn?“
„Erinnern.“
Viktorias Stirn furchte sich. „An was willst du dich denn erinnern?“
Leise kicherte Zara.
„Nicht ich muss mich erinnern. Ich weiß genau, worum es geht. Hilfst du mir?“
„Sag mir wie und ich kann dir und wem auch immer vielleicht helfen“, bot Viktoria an.
„Wir müssen zur Kutsche“, wiederholte die kleine Gestalt.
Zögerlich drehte sich Viktoria in die Richtung des Weges, der das Gefährt verschluckt hatte. Sie versuchte, sich einzureden, dass sie sowieso nichts anderes tun könne. Sie war vom Dach gefallen, in einer Wiese aufgewacht und von einem Flatterwesen besucht. Wahrscheinlich lag sie in Wirklichkeit schwer komatös auf der Krankenstation der Anstalt. Sie zuckte mit den Schultern.
„Okay, lass uns gehen.“
Fröhliches Gekicher antwortete ihr und sie stutzte, bis sie begriff. Ein verstecktes Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie antwortete: „Fein, ich gehe, du fliegst, Zara.“
Gemeinsam pirschten sie sich immer näher an den Weg. Aus der Nähe sah er unschuldig aus. Bedeutungslos. Trotzdem mochte er an ein Ziel führen, das Unsicherheiten bereithielt. Zara zwitscherte ihr ermutigend ins Ohr. Zumindest vermutete Viktoria, dass sie es so meinte. Das Tor, zu dem der Pfad sie geführt hatte, war eine simple Öffnung im Zaun. Es gab kein Gatter, keine Tür. Die Mauer endete einfach und der Weg führte hindurch. Als wäre einfach eine Bresche geschlagen worden. Vorsichtig lugte sie um die Ecke. Vor ihr lag mehr Weg, mehr Grünanlage. Weit konnte sie allerdings nicht blicken, eine kniehohe Hecke versperrte ihr die Sicht. Für eine Weile regte sich absolut nichts auf der Anlage. Viktoria nahm ihren Mut zusammen und rannte los. Für sieben beängstigende Sekunden befand sie sich im Sichtfeld von Personen oder Wesen, von deren Anwesenheit sie nicht einmal wissen mochte. An der Hecke angekommen, ließ sie sich sofort auf den Boden fallen und verharrte in absoluter Stille. Kein Wind ging, kein Grashalm neigte sich auch nur einen Millimeter. Als Zara plötzlich vor ihr flatterte, wäre Viktoria fast umgekippt.
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