„Hier, trink noch etwas Warmes, bevor du zu fest schläfst.“
Verschlafen und vertrauensvoll nahm die Kleine einige Schlucke aus der Tasse und sank dann matt zurück auf ihre Felle.
„Kleine Viktoria. Ich hoffe, du wirst mir eines Tages verzeihen können.“
„Ist sie so weit?“
Eine helle Jungenstimme ließ die Besucherin Viktoria herumfahren. Rafi! Als etwa zehnjähriger Junge stand ihr großer Bruder vor ihr und blickte abwechselnd zwischen der alten Frau und seiner kleinen Schwester hin und her. Brummig nickte die mit Falten übersäte Eigentümerin der Hütte.
„Sie wird sich an nichts erinnern.“
Grimmig nickte der Junge.
„Gut. Ich kann sie nicht auch noch verlieren. Sie darf sich nicht an unseren Bruder erinnern. Wenn die Leute und wir ihn vergessen, werden vielleicht weder er noch Viktoria jemals in dieser Anstalt landen.“
Nana nickte, dann legte sie ihre faltige Hand auf die Schulter des für sein Alter hochgeschossenen Jungen.
„Du musst auch vergessen oder wenigstens verdrängen. Deine Eltern waren nach der Anstalt nie wieder die Gleichen, das weißt du. Sie haben es versucht.“
Rafi nickte.
„Die Experimente haben sie kaputt gemacht“, erwiderte er und schluckte unter großer Anstrengung seine Tränen hinunter.
Entsetzt kam die Besucherin ins Straucheln. Sie schwankte und fiel zu Boden. Dunkelheit umfing sie, während sie mit der Macht ihrer Erinnerung kämpfte. Rafi. Die alte Frau war ihre Großmutter. Von welchem Bruder sprachen sie? Sie und Rafi hatten Eltern, die kurz davor gestorben waren. Was war das mit der Anstalt, meinten die etwa ihre Anstalt? Die Macht der Erinnerung überflutete Viktoria. Sie hatte ihr keinen Widerstand entgegen zu setzen und wurde mitgerissen. Magie war real. Der magische Funke, den sie zwischen ihren Händen hin und her springen lassen konnte und sie als Zeitenwandlerin identifizierte, war Schuld an allem, was ihrer Familie passiert war. Magie war real und Viktoria war eine Zeitenwandlerin. Die Bilder und Emotionen an ihre Kindheit prasselten auf sie ein. Viktoria krümmte sich zusammen, presste sich die Hände an den Kopf und begann zu schreien.
Sie wusste nicht, wie lange sie zusammengesackt auf dem Boden verbracht hatte. Sie fühlte sich, als wäre sie auf einen Schlag – anders. Es war, als kämen ihre Gedanken sich selbst nicht mehr hinterher. Als würde sie, wie nach einer heftigen Erkältung, das erste Mal wieder richtig durchatmen. Als wäre sie endlich vollständig. Die Energie brauste durch ihre Nervenbahnen. Sie war nicht müde, sie war einfach nicht mehr kaputt, bedurfte keiner Reparatur mehr. Bei sich selbst angekommen. Ihr neues Bewusstsein erbebte mit jeder Erinnerung, die eine nach der anderen zu ihr zurückkam. Sie hatte schon immer mit ihrem Funken gespielt, bis ihr Vater es irgendwann gesehen hatte. Panik beherrschte seine Gesichtszüge für einen Augenblick, bevor er es zu seiner Alltagsmaske entspannte. Wenn andere Leute ihren Funken sähen, würden sie sie in den nächsten Teich werfen oder Schlimmeres mit ihr anstellen. Sie mitnehmen in ein Gebäude, das tief im Wald stand. So hatte er es gesagt. Viktoria, die nur planschen, aber nicht schwimmen konnte, bekam Angst. Sie verstand diese anderen Leute nicht.
Das kleine Mädchen begann, sie zu beobachten und was sie sah, gefiel ihr gar nicht. Nachbarn und Freunde bespitzelten sich gegenseitig. Der Zentralrat ging gegen alle vor, die anders dachten oder eine Bedrohung darstellen konnten erklärte ihr Vater. Jegliche magische Begabung gehörte dazu. Nicht einmal ihrer Mama hatte sie ihren Funken gezeigt, nur Rafi. Er war krank und lag fiebernd im Bett, ihre Mama war sowieso mit dem neuen Baby beschäftigt. Der Kleine war ständig am Schreien und schien permanent krank zu werden. Irgendjemand hatte Rafi also unterhalten müssen. Als niemand hinsah, schlüpfte sie in sein Zimmer und zeigte ihm, was sie tun konnte. Ohne Scheu hatte er ihr dabei zugesehen und gelächelt. Aber er war auch traurig, Viktoria spürte das deutlich. War sie nicht gut genug? Sie konzentrierte sich und kniff die Lippen fest zusammen. Ihr Funken strahlte nun heller, während er zwischen ihren Händen hin und her kreiste. Dann verschwand das Licht, als Rafi seine Hand über die ihren legte und sagte, dass niemand mehr diesen Funken sehen dürfte. Niemand. Jemals.
Eines Tages nahm ihr Vater sie bei der Hand und ging mit ihr zum Marktplatz. Rafi musste es ihm erzählt haben. Schon von weitem stieg ihr der Gestank in die Nase. Erst einige Minuten später begriff sie, was sie da roch: brennende Menschen. Die Bewohner ihres Städtchens verbrannten Menschen. Blanker Horror ergriff sie und sie weigerte sich, auch nur einen Schritt weiter zu gehen. Ihr Vater bückte sich herab, um die schreckensstarre Viktoria auf seine Arme zu nehmen. Sie wollte ihr Gesicht verstecken, doch seine Hände waren eisern. Er drehte sie so herum, dass sie sah. Alles sah. Das Grauen nistete sich in ihrem Herz ein. Hinterher sagte ihr Vater, dass die Menschen das Gleiche mit der ganzen Familie machen würden, wenn jemand ihren Funken sah. Viktoria verstand die Welt nicht mehr.
Eine andere Erinnerung war an der Reihe. Dann die Nächste. Irgendwann fühlte sie sich ausgelaugt, hatte keine Kraft mehr und blickte auf ihre Hände im Schoß herab. Doch es fehlte noch etwas. Das Knirschen der Stiefel im Schnee. Geflüsterte Befehle. Waffen, die in Anschlag gebracht wurden. Die Tür, die mit einem Donnern aufflog und an der gegenüberliegenden Wand abprallte. Rafis Gesicht, das angstverzerrt aus seinen Fellen zu seinen kleinen Geschwistern hinüber blickte. Ihre Mutter, die sich totenbleich von ihrer Bettstätte erhob, ihre Hände in die Höhe hielt und schweigend nach hinten wegtrat. Viktoria robbte an die Kante der Wand, die ihre Schlafstätte vom Wohnzimmer trennte. Sie sah, wie ihr Vater ungläubig auf seine Frau schaute, angstvoll zu ihr hinüber, etwas flüsterte und sich mit langsamen Bewegungen auf den Boden kniete. Die Gestalten in ihren dunklen Uniformen nahmen ihn mit. Es war das letzte Mal, dass Viktoria ihren Vater sehen sollte. Niemand von ihnen ging zur öffentlichen Hinrichtung.
Einige Tage später fand man ihre Mutter im Teich. Niemand bekannte sich schuldig und so geriet ihr Fall in Vergessenheit. Viktoria dagegen lebte in Angst. Ihr Vater wusste von ihrem Funken, ihre Mutter hatte ihn verraten. Was, wenn sie auch etwas über sie erzählt hatte? Wenn sie sie holen kommen würden? Doch niemand kam. Nur Nana, die die drei Geschwister bei sich aufnahm. Doch dem Jüngsten ging es nicht gut. Ob er nun seine Mutter vermisste, seinen Vater oder einfach spürte, dass etwas Schreckliches geschehen war, Nana wurde nicht mit ihm fertig. Eine Frau aus der Stadt kam täglich, um ihn zu stillen, wenn ihr eigenes Kind etwas Milch übrig gelassen hatte. Eines Abends beruhigte Viktoria ihren kleinen Bruder, indem sie ihm ihren Funken zeigte und spielerisch vor seinem Gesicht hin und her springen ließ. Rafi unterbrach das Spiel, indem er ihr auf die Finger schlug und sie ins Bett schickte. Wieder eine Nacht, in der Viktoria sich allein gelassen in den Schlaf weinte.
Am nächsten Tag kam die Amme wieder, doch dieses Mal wollte Nana das Stoffbündel mit dem kleine Jungen darin nicht wieder annehmen. Sie wehrte ab und nach einem kurzen Wortwechsel zuckte die Frau mit den Achseln, sah auf das Bündel in ihren Armen hinab und verschwand für immer. Viktoria verstand die Welt nicht mehr, aber genau genommen war das noch nie der Fall gewesen.
Die anderen Kinder begegneten Rafi weiterhin mit Misstrauen, Viktoria dagegen scherte sich nicht um sie. Sie war zu jung, um die Wahrheit zu begreifen, doch eines wusste sie genau: Sie musste sich warm anziehen, die Menschen waren kalt draußen.
In der Hütte atmete Viktoria aus und starrte weiter auf ihre Hände, die Werkzeuge des Todes. Es war Zeit.
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