Kurz spannte sich sein Nacken an, dann aber zerrte er sie nur im Laufschritt hinter sich her. Als sie oben im Bürotrakt angekommen waren, war Viktoria unfassbar schwindelig. Vielleicht waren die zwei Bissen Brei doch nicht so nahrhaft gewesen, wie ihr Magen geglaubt hatte.
„Lass uns in Ruhe“, wies die Vorsteherin Bully zurecht, der sich neben dem Tisch aufbauen wollte.
„Natürlich.“ Er nickte unterwürfig und verließ das Zimmer.
Unschlüssig stand Viktoria vor dem massiven Schreibtisch der Vorsteherin, die in einem breiten Sessel dahinter saß. Nirgendwo sonst hatte sie jemals Möbel wie diese gesehen. Dunkles Holz und etwas, von dem sie glaubte, dass es Leder war. Wir Rafis schwarze Jacke aus der alten Zeit. Abschätzig musterte die Vorsteherin sie.
„Es ist lange her, dass du in eines der Verliese gesteckt werden musstet.“
Viktoria schwieg. Sie wusste nur zu genau, dass dieser Satz nicht als Aufforderung ihrer Verteidigung gedacht war. Er war nur eine Einleitung zu dem, was die ältere Frau wirklich von ihr wollte.
„Was schade ist, denn ich dachte, du gehst mit positivem Beispiel voran und zeigst den anderen Patienten, wie gut das Leben hier sein kann, wenn man sich zu benehmen weiß.“
Es brauchte ein bisschen, bis Viktoria begriff, was die Vorsteherin meinte.
„Unser Zentralrat hält diese Einrichtung nicht umsonst am Leben. Trotzdem oder gerade deswegen muss hier alles nach Plan laufen. Kann ich dabei wie bisher weiter auf dich und deine Kooperation zählen?“
Mit einem Mal fühlte sie sich, als hätte ihr jemand mit der Faust in den Magen geschlagen und alle Luft und allen Sauerstoff aus ihren Lungen geprügelt. Sie spielte eine Randrolle. Sie wurde von niemandem beachtet, weil sie niemandem Achtung schenkte. Das war ihr Mantra. Was die Vorsteherin ihr da zu verstehen gab, war, dass sie eine Vorzeigepuppe des Zentralrats war. Des Regimes, wie Annabelle es genannt hatte. Saurer Geschmack zog sich in ihren Mundwinkeln zusammen und Viktoria erbrach sich in den halbleeren Mülleimer, der zur Leerung neben der Tür gestanden hatte. Als die Würgreize verebbten, blickte sie auf in das steinharte Gesicht der Vorsteherin.
„Ich bitte dich. Hatte ich nicht gerade von Benehmen gesprochen?“
Wieder erbrach sich Viktoria, doch ihr Körper mühte sich vergebens ab. Wo nichts war, konnte nichts hochkommen.
„Ich fasse mich kurz, liebes Kind, denn das bist du noch immer. Kehr zurück in deine Zelle, sei ein braves Mädchen, zeig dich von deiner besten Seite!“
Nun säuselte sie fast schon und das gewinnende Lächeln geriet zu einer grotesken Grimasse.
„Ich bin mir sicher, wenn wir bisher so wunderbar miteinander ausgekommen sind, wirst du keine Schwierigkeiten haben, zu diesem Status zurückzukehren. Sicherlich weißt du noch, wie wir mit Widerständlern umgehen. Du darfst gehen.“
Mit mechanischen Bewegungen drehte Viktoria sich um und verließ das Zimmer. Hinter ihr fiel eine schwere Stahltür ins Schloss. Vielleicht für den Fall, dass eine weitere Rebellion losbrach. Und offenbar war das genau das, wovor die Vorsteherin sie gewarnt hatte: Sie sollte die Füße still halten und sich brav benehmen. Ihr wurde schwarz vor Augen und sie sackte gegen die Wand.
Sie erwachte davon, dass raue Hände sich am Gummizug ihrer Stoffhose zu schaffen machten. Mit einer schwachen Handbewegung wollte sie die lästigen Finger beiseiteschieben, aber die hörten nicht auf. Jemand schnaufte ihr ins Gesicht. Entsetzt riss sie die Augen auf und war mit einem Schlag hellwach.
„Nein!“, rief sie erstickt, als sich auch schon eine haarige Pranke über ihren Mund legte. Bully grinste gierig, während er sie von oben bis unten musterte.
Viktoria versuchte zu schreien, aber seine Hand erstickte jeden Laut. Mit Leichtigkeit drückte er ihre Hände gegen die Wand und drängt seinen Körper gegen ihren.
„Was meinst du, sollten wir uns ein leeres Büro suchen?“, schnaufte er in ihr Ohr. „Ich musste lange genug auf dich aufpassen, warum sollten wir jetzt nicht endlich ein wenig Spaß haben, bevor unser gemeinsames Abenteuer zu Ende geht?“
Viktoria antwortete nicht, sondern mühte sich vergeblich damit ab, sich unter ihm herauszuwinden.
„Wer weiß, ob ich dieses Drecksloch jemals verlassen werde!“
Wut schlich sich in Bullys Stimme und gab ihm noch mehr Kraft. Sein Schweißgeruch stieg ihr in die Nase und wieder musste sie heftig würgen. Das schien Bully zu gefallen, denn er begann, sich an ihr zu reiben. Dabei rutschte seine Hand etwas von ihrem Mund herunter. Viktoria nutzte die Chance und biss ihm in die Finger. Vor Überraschung und Schmerz schrie er laut auf.
„Du Schlampe!“
„Lass mich los!“, kreischte Viktoria und bäumte sich auf.
Gegenüber wurde die Tür gemächlich aufgeschoben.
„Was ist hier los?“, verlangte die Vorsteherin mit lauter, aber ruhiger Stimme zu wissen. Augenblicklich ließ Bully von ihr ab.
„Sie wollte nicht in ihre Zelle zurückgehen“, log er mit unbewegter Miene.
Viktorias Entsetzen zeigte sich in ihrem Gesicht und die Vorsteherin musterte sie aufmerksam.
„Findest du den Weg alleine zurück?“
Zitternd nickte Viktoria. Sie entzog Bully ihren Arm und rannte sofort los. Die Situation mochte jetzt glimpflich verlaufen sein, aber wer würde später eingreifen, wenn sie allein in ihrer Zelle war? Sie musste sich etwas einfallen lassen und zwar bald.
Sie beachtete niemanden und zog sogar die Tür zu ihrer Höhle zu, bevor sie sich auf ihr Bett fallen ließ und einigen Tränen freien Lauf ließ. Dann trocknete sie ihr Gesicht ab und ging in die Waschräume. Seit dem Aufenthalt unten stank sie erbärmlich nach Schimmel und Moder, außerdem wollte sie das Gefühl von Bullys Händen auf ihrem Körper loswerden.
Auf dem Rückweg ging sie bei Mo vorbei. Sie hatte keine Ahnung, wie die Frau wirklich hieß. Jeder nannte sie Mo und dabei würde es wohl für immer bleiben.
„Du bist schon wieder da?“
In der Tat, es war unüblich, nur einen bis zwei Tage in den Verliesen zu verbringen.
„Hast du eine Scheibe Brot?“
„Komm her, setz dich hin“, sie wies auf ihre Bettkante. Viktoria wusste genau, dass Widerspruch hier mehr als nur zwecklos war. Nicht umsonst war Mo eine zentrale Anlaufstelle für die Einwohner dieser Anstalt. Gehorsam ließ sie sich nieder und starrte den Boden an. Prüfend wurde sie gemustert und die Stille zog sich in die Länge. Schließlich blickte sie auf, eine Träne glitzerte in ihren langen Wimpern.
„Der Dreckskerl hat es also endlich versucht?“
Schweigend nickte sie.
„Hatte er Erfolg?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Braves Mädchen.“
Die Erinnerung an die Worte der Vorsteherin gingen ihr durch den Kopf und ihr wurde übel. Sie bekämpfte den Reiz und schluckte krampfhaft hinunter. Mo reichte ihr einen harten Kanten Brot, den Viktoria sofort anknabberte.
„Wie wirst du dich verteidigen?“
„Ich weiß es noch nicht. Einen Löffel klauen?“ Sie lachte bitter auf. „Lange genug hat es gedauert, bis einer was versucht hat. Jetzt bin ich eben einfach dran.“
„Sag das nicht! Außerdem solltest du niemals so leicht aufgeben!“
Die Verzweiflung musste sich in ihren Augen zeigen, denn Mo setzte sich neben sie und legte ihr den Arm um die Schultern.
„Gib nicht auf, ich bitte dich. Du bist wie lange hier? 15, 16 Jahre? Dann bist du nach der Rebellion hergekommen und ich möchte wetten, dass es kein gestohlenes Stück Brot war, das dich hier rein gebracht hat.“
„Nicht wirklich“, gab Viktoria mit leiser Stimme zu.
„Siehst du. Und wenn sie dich nicht dafür getötet haben, sondern so lange in einer Anstalt eingesperrt, musst du für sie noch von Nutzen sein. Den Aufwand machen sie sich schließlich nicht umsonst.“
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