Er besaß ein perfektes Timing, um nach Hause zu kommen.
Das Gesicht ohne jeglichen Ausdruck, die Hände in den Hosentaschen. Am liebsten hätte Alisa sich metertief begraben. „Alisa, Alisa.“, sagte er mit monotoner Stimme, „Was soll ich nur mit dir machen?“ Oh bitte, nicht beißen , dachte sie. „Mir hochhelfen?“, fragte sie stattdessen kleinlaut. Dabei versuchte sie, ihre bereits vorhandene tiefdunkle Gesichtsfarbe nicht weiter zu vertiefen. Bingham brach in schallendes Gelächter aus. Was bei einem Vampir nicht unbedingt hieß, dass er sich amüsierte. Das war Alisa klar. Klar war ihr jedoch nicht, in welchem Gemütszustand sich Bingham im Augenblick befand.
Leise zischend rappelte sie sich auf. Ihre linke Hand stand in einem absurden Winkel vom Unterarm ab, und sie spürte ihre Knie viel deutlicher als sonst. Sie brannten wie die Hölle! „Du bist wirklich der größte Tollpatsch, den ich kenne.“, resümierte ihr Chef. Alisa fand diese Aussage sehr schmeichelhaft. Gleich im nächsten Atemzug wies er darauf hin, dass sie einen Arzt aufsuchen müsse. Alisa schauderte. Aber Widerworte waren zwecklos, zumal ihr der Schmerz gehörig zusetzte. Bingham schwenkte unterdessen seine Hand, wodurch sich die Scherben wie von Geisterhand in Luft auflösten. Wozu brauchte er einen Butler und eine Haushälterin? „Weil ich es mir leisten kann.“, beantwortete er die Frage, die Alisa nicht laut gestellt hatte. Alisa fand das gruselig.
Mit einem großen G!
„Alli?“ Briony, ihre neue, einzige Freundin und gleichzeitig auch ihre Chefin und Binghams Frau, bedachte sie mit einem Blick der zwischen Mitleid und Belustigung schwankte. Sie warf ihrem Mann mit zitternder Unterlippe einen Luftkuss zu und kümmerte sich dann beinah mütterlich um Alisa. „Komm Alli, du darfst die Hand nicht belasten. Und nicht bewegen. Halt sie am besten fest. Geht das?“
Während Alisa geistesgegenwärtig nickte, wandte Briony sich an ihren Mann und fragte ihn, warum er noch keine erste Hilfe geleistet hatte. Schließlich war er dazu in der Lage. Vampire konnten sowas. Erste Hilfe hieß in deren Fall fast sofortige Heilung. Unwillkürlich zuckte Alisa zurück. Briony war das sicher aufgefallen. Von Bingham hingegen kam keine Antwort. Möglicherweise unterhielten sich die zwei Binghams gedanklich. Dessen war Alisa sich nicht ganz sicher. Brionys Miene verriet Alisa, dass ihr Chef ihr die Hilfe nicht wegen ihrer Ängste versagte, sondern weil es ihm schlichtweg unwichtig erschien. Dafür musste Alisa keine Hellseherin sein.
Briony blieb jedoch die Ruhe in Person, bugsierte Alisa zum Auto, winkte ihrem Mann kurz zu und fuhr ihre verletzte Freundin ins nächste Krankenhaus.
Alisa war froh, dass Briony keine Zeit hatte, um den ganzen Prozess des Wartens und der Untersuchung bei ihr zu sein. „Sobald du fertig bist oder irgendwas brauchst, rufst du mich bitte an. Ok?“ Alisa nickte. So musste sie keine Ausrede finden, warum sie lieber allein ins Behandlungszimmer gehen wollte. Briony hielt sie für einen Menschen. Und wenn es nach Alisa ginge, sollte das auch so bleiben. Sie hatte keine Angst, dass Briony nicht aufgeschlossen war. Sie war immerhin mit einem Vampir verheiratet. Alisa fragte sich, ob die beiden Kinder bekommen konnten. Sie hatte ihre Freundin nie danach gefragt. Da Briony ein Mensch war und Roman Bingham ganz offensichtlich nicht – Vampire stammten immerhin von den Urdämonen ab – bezweifelte sie eine mögliche, von der Natur vorgesehene, Elternschaft der beiden.
Bei Menschen und Gestaltwandlern sah das Ganze schon wieder anders aus. Alisa wusste das. Sie war schließlich aus solch einer Verbindung hervorgegangen. Sogar in Brionys Verwandtschaft gab es zwei Kinder, die mit einer ähnlich vermischten DNA aufwuchsen wie sie. Mit anderen Fähigkeiten und einer anderen Wergestalt.
Alisa wusste, dass sie einzigartig war.
Besonders einzigartig darin, wie der hopsende Elefant im Porzellanladen zu wirken.
Zwei linke Hände und zwei linke Füße, obwohl sie anatomisch korrekt geformt waren. Oft wunderte sie sich, wie sie hatten 24 werden können, ohne sich den Hals zu brechen. Vielleicht lag es auch nur an ihrem guten Heilfleisch. Vielleicht auch Glück im Unglück, wobei sie letzteres magisch anzog. Sinnbildlich, denn es war keine ihrer Fähigkeiten. Selbst wenn ihre Eltern das mehrmals in Erwägung gezogen hatten.
Ihre Eltern…
Wie sehr sie sie vermisste.
Wie sehr sie das Rudel vermisste.
Doch Alisa hatte fortgehen müssen, um nicht mehr an den grausigen Unfall erinnert zu werden. Um nicht mehr allein in dem Haus zu sein, das mit Erinnerungen an glückliche Zeiten gefüllt war. An Zeiten vor dem Unfall, bei dem ihre Eltern und drei weitere Rudelmitglieder ums Leben gekommen waren.
Schnell schüttelte sie die aufkeimenden Erinnerungen ab. Es war besser, diese in einer dicken Stahltruhe zu verschließen. Gesichert mit undurchdringlichen Schlössern und massiven Stahlketten, bis sie irgendwann – in hundert Jahren oder so – besser mit ihrem Verlust würde umgehen können.
Das Haus hatte Alisa nicht verkauft. Noch nicht. Denn dann würde sie ausräumen müssen, wozu sie sich nach wie vor nicht durchringen konnte. Somit fehlte ihr ein finanzielles Polster. Der von ihren Eltern angesparte Betrag, den sie zu ihrem 18. Geburtstag von ihnen bekommen hatte, war längst aufgebraucht: für den Führerschein, ihr Auto, das Einrichten der Wohnung in dieser Stadt. Demzufolge war Alisa froh, für Briony und Roman Bingham arbeiten zu können. Auch wenn sie sich momentan in der Ausbildung befand, war das nach dem letzten Desaster in einer Handwerksfirma ein großer Fortschritt. Freilich hätte sie auch studieren können. Alisa war nicht dumm. Doch das wiederum setzte eine finanzielle Freiheit voraus, die sie nicht besaß.
Natürlich könnte sie einen reichen Mann heiraten und sich aushalten lassen. Es würde ihr nicht gefallen. Ganz zu schweigen davon, dass derart reiche Knacker dünn gesät waren, noch dünner aufgegangen und sich unter Garantie nicht mit genetischem Mischmasch wie ihr abgeben würden.
In ihrer momentanen Erscheinung war sie ungeschickt – das war nicht zu leugnen.
In ihrer anderen…
Das erfuhr besser niemand.
Die Wergestalt, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte, allein war gefährlich. Vermischt mit den Genen ihres Vaters war Alisa jedoch eine brandgefährliche Waffe. Und das war wörtlich zu nehmen! In dieser von ihr unterdrückten Seite war sie alles andere als tollpatschig. Nicht einmal ihre Eltern hatten es gewusst. Mit dem Einsetzen der Pubertät und damit den ersten Anzeichen ihrer Fähigkeiten hatte sie einen folgenschweren Fehler begangen. Niemand wusste davon. Doch für Alisa war es nur logisch gewesen, einen Schlussstrich zu ziehen. Ihre Eltern hatte sie angelogen. Hatte ihnen erklärt, dass sie sich nicht mehr wandeln konnte. Nie hatte sie erwähnt oder ihnen gar gezeigt, was ihr die väterlichen Gene vererbt hatten. Alisas Eltern hatten vielleicht etwas geahnt, ihre Aussage jedoch nie in Zweifel gezogen. Vermutlich weil sie wussten, dass es dann nur eine Frage der Zeit wäre, bis die Behörden davon erfuhren.
Denn auch wenn sie zum Rudel gehörte, musste ihre Gabe als movere bei den menschlichen Behörden verzeichnet werden. Theoretisch. Reine Vorsicht, erklärten die Obrigkeiten. Doch ihr war aufgefallen, dass einige der wirklich gefährlichen movere ab und an verschwanden.
So wie ihr Vater.
Immer öfter fragte sie sich, ob es tatsächlich nur ein Unfall gewesen oder ob nachgeholfen worden war. Bisher hatte sie nämlich gedacht, dass die potentiell interessanten movere für die Regierung abgeworben wurden. Sie selbst hatte ihren Vater nie in Aktion gesehen. Sie ahnte jedoch, wozu er fähig gewesen war. Ihre Gabe verdankte sie schließlich ihm. Obwohl sie vermutete, dass ihre noch einen Tick aggressiver und weitreichender war.
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