Also trottete sie, einen Fuß vor den anderen setzend und dem Regen trotzend, die drei Kilometer bis zu ihrer Wohnung. Nasser konnte sie eh nicht werden. Das Wasser lief ihr den Rücken hinunter und sammelte sich zwischen ihren Pobacken. Ein widerliches Gefühl! Und als ob das nicht reichen würde, stolperte sie gut zwanzig Meter vor ihrer Wohnung über eine Bodendelle und legte sich der Länge nach auf den Gehweg. Nach einer Bestandsaufnahme feststellend, dass nichts gebrochen war, rappelte sie sich wieder auf, sah sich um – niemand hatte ihr Malheur bemerkt – und lief weiter. Der Gips war intakt. Lediglich ihre Jeans war kaputt. Gut, dass sie gleich mehrere davon im Sonderangebot ergattert hatte.
Sie verabscheute ihr ungeschicktes Selbst.
Andererseits war es weitaus gefährlicher, wenn sie ihr Wesen nicht unterdrückte und ihrem gemischten Genpool freien Lauf ließ. Wer weiß, ob Briony dann noch mit ihr befreundet sein wollte.
Klatschnass und vor Kälte zitternd schloss Alisa die Tür hinter sich, streifte mit klammen Fingern den Rucksack ab, ließ den Regenschirm und die Jacke an Ort und Stelle fallen, drückte mit einem quietschenden Geräusch die Schuhe von den Füßen und pellte sich aus der Jeans, die an ihr klebte, wie eine zweite Haut. Auch das Shirt, die Socken und die Unterwäsche zog sie aus. Nackt lief sie durchs Wohnzimmer zur Couch. Dort hüllte sie sich in eine flauschige Decke und setzte sich. Alle ihre Instinkte drängten sie, ihre Gestaltwandlersinne zu aktivieren. Doch mit geschlossenen Augen und gekreuzten Beinen auf der Couch hockend und tief ein- und ausatmend vor sich hin meditierend, hielt sie diesen Drang zurück.
Eine Stunde später hatte Alisa die nassen Klamotten in die Waschmaschine verfrachtet, die rumpelnd vor sich hin wusch, sich selbst unter der Dusche etwas aufgewärmt, sich einen heißen Tee mit ordentlich Zucker und Zitrone gemacht, hockte wieder auf der Couch, die Beine untergeschlagen, an ihrem Tee nippend und sah fern. Sie liebte Zitrone über alles, obwohl das ihrer Wergestalt die Haare sträubte.
Obwohl sie schon seit Jahren ihre tierische Seite unterdrückte, konnte sie die Abscheu deutlich fühlen.
„Erklären Sie mir, warum sie nach Weller-Opt gesucht haben, Frau Sommer. Ich bin wirklich neugierig.“ Eigentlich hatte ich vermutet, dass mein Chef mir die Leviten lesen würde, aber vor mir saß Huber, der Leiter der Sicherheitsabteilung. Ein Respekt einflößender Mann, dem ich nicht allein im Dunkeln begegnen wollte. Etwas in mir schrie mir zu, ihm alles zu sagen – nur nicht die ganze Wahrheit. Meine Hände sittsam auf dem Schoß gefaltet, arbeitete mein Gehirn auf Hochtouren.
Ich brauchte eine plausible Antwort. Und zwar schnell!
„Ich… also, ich war neugierig. Am Freitag hab ich beim Einkaufen den Namen aufgeschnappt. Ich war mir sicher, ihn schon mal gehört zu haben. Oder gelesen. Und da dachte ich…“ Der Sicherheitschef trommelte ungehalten mit den Fingern auf die Schreibtischkante. „Da dachten sie was, Frau Sommer?“ Schluckend wich ich seinem Blick aus. „Ich dachte, ich schaue mal nach. Es hat mich gewurmt, dass es mir nicht eingefallen ist. Woher sollte ich denn wissen, dass ich keinen Zugriff auf die Akte habe oder dass der Mann ein Verbrecher ist.“ Der Kerl vor mir ließ sich nicht anmerken, ob ihm meine Antwort genügte, aber er hakte weiter nach. „Wie kommen Sie darauf, dass er ein Verbrecher ist?“ Ha, als ob ich das ernsthaft glaubte! „Wäre sonst seine Akte für mich gesperrt? Ich habe sämtliche Akteneinsichten, außer bei Dingen, die die nationale Sicherheit betreffen. Etwa bei Terroristen oder Leuten, die durch auffälliges Verhalten von der Behörde für innere Sicherheit ins Auge gefasst wurden.“
Huber drückte einen Knopf der Gegensprechanlage und instruierte seinen Gesprächspartner, den Scanner herein zu bringen. „Sie haben doch nichts dagegen, wenn ich den Wahrheitsgehalt ihrer Aussage überprüfe?“ Vorsichtig den Kopf schüttelnd, erklärte ich mich einverstanden. Etwas Gegenteiliges hätte mir vermutlich nur noch mehr Schwierigkeiten gebracht. „Natürlich nicht. Ich habe Ihnen die Wahrheit gesagt.“
Hatte ich wirklich. Nur dass ich die Dinge so formuliert hatte, dass sie zwar alles sagten, aber ich die Hälfte verschweigen konnte. Niemand musste von Alisa erfahren. Das war es vermutlich, was mein Instinkt mir vorhin zugeschrien hatte. War Alisas Leben in Gefahr?
Warum war die Weller-Opt Akte gesperrt?
War er gefährlich?
Was hatte er mit Alisa zu tun?
Hatte er überhaupt etwas mit ihr zu tun oder war der gleiche Familienname nur ein Zufall?
Trebhold, einer von Huberts Untergebenen kam kurz darauf mit dem Scanner herein. Einem kleinen, viereckigen Kasten, der kaum größer als ein Zehn-Euro-Schein war. „Sind Sie nervös?“ Und ob ich das war! „Ja, ich war bisher nie in einer solchen Situation.“ Mein Herz klopfte mir bis zum Hals, und meine Stimme war kurz davor, den Geist aufzugeben. „Das ist normal. Der Scanner berücksichtigt das. Nehmen Sie ihn in die Hand und beantworten Sie meine Fragen lediglich mit Ja oder Nein. Verstanden?“ Ich nickte und schloss meine Finger fest um das viereckige Stück Metall, das mich vernichten könnte. Wenn ich nicht derart fest in meinen Gedanken wäre, um dieses kleine Ding zu überlisten. „Ist ihr Name Rosalie Sommer?“ Ah, die Einführungsfragen. „Ja.“
„Sie sind 34 Jahre alt. Ist das korrekt?“
„Ja.“
„Lügen Sie jetzt, bitte. Sind Sie verheiratet?“
„Ja.“ Ein lautes Piepen hätte mich das Ding fast fallenlassen. Huber lächelte zuvorkommend, während er mir versicherte, dass ich den Scanner nicht derart fest halten müsse. Das sagte sich so leicht! Trotzdem lockerte ich meine Finger ein wenig. „Gut. Dann können wir anfangen. Sie haben nach der Akte von Weller-Opt gesucht, weil Ihnen der Name zu Ohren gekommen ist?“
„Ja.“
„Waren Sie wirklich nur neugierig?“
„Ja.“
„Ist es korrekt, dass Sie Einsicht in sämtliche Akten haben, sofern diese nicht der inneren Sicherheit unterliegen?“
„Ja.“
„Kennen Sie jemanden mit dem Namen Weller-Opt?“ Mein Gehirn ordnete die Option derart schnell, dass ich sofort mit einem Nein antworten konnte. Ich war Alisa nur einmal begegnet. Ich kannte sie also nicht wirklich. „Hatten Sie ein persönliches Interesse die Akte zu suchen?“
„Ja.“
„Weil es sie gewurmt hat, wie Sie sagten?“
„Ja.“
„Hat Sie jemand damit beauftragt, nach Weller-Opts Unterlagen zu suchen?“
„Nein.“
„Hatten Sie die Absicht, den Inhalt der Akte an eine andere Person weiterzugeben?“
„Nein.“
„Waren Sie sich darüber bewusst, dass dieses Vorgehen Konsequenzen nach sich ziehen würde?“ Was? Woher denn? Als ob ich nach dem Namen gesucht hätte, wenn ich vorher gewusst hätte, dass dessen Akte gesperrt war! „Nein.“ Huber nickte zufrieden. „Sie sehen ein bisschen blass aus. Geht es Ihnen gut?“ Ich hauchte ein leises Ja, was den Scanner sofort laut und schrill lospiepen ließ. Vor Schreck blieb mir fast das Herz stehen; ich umklammerte den Kasten noch fester. Huber klaubte ihn mir aus meinen tauben Fingern, die leicht zitterten. „Alles in Ordnung, Frau Sommer. Es wird für Sie zwar Konsequenzen nach sich ziehen, doch so schlimm wird es nicht sein. Ich verdächtigte Frauen ungern, aber ich tue nur meinen Job. Sie haben nichts zu befürchten. Holen Sie sich draußen einen Kaffee, trinken Sie ihn und gehen Sie dann zu Herrn Oberer. Keine Panik, er wird Ihnen schon nicht den Kopf abreißen.“ Da war ich mir nicht so sicher. Lieber würde ich mich vor ein Rudel Wölfe werfen, als meinem Chef gegenüber zu treten. Aber Huber hatte Recht. Ich konnte unmöglich hier sitzen bleiben und den Kopf in den Sand stecken.
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