Stirbt ein Mensch, so der griechische Jenseitsglaube, wird seine Seele von dem Gott Hermes – einem der bekanntesten Götter des griechischen Glaubens – hinunter in die Welt des Todes geleitet. Hermes bringt die Verstorbenen bis zu den Flüssen um die Unterwelt, an denen sie von dem göttlichen Jenseitswesen und Fährmann Charon in Empfang genommen werden. Dieser setzt, gegen einen kleinen Obolus (eine Münze, die dem Toten in den Mund gesteckt wurde) die Seele hinüber zur Pforte der Totenwelt Tartaros. Dieser Fährmann des Todes nimmt in diesem Glaubenssystem eine wichtige Rolle ein, denn nur er kann die Verstorbenen sicher an dem dreiköpfigen Monster Zerberus, das vor den Toren der Unterwelt wacht, vorbeiführen.
Charon aber nimmt ausschließlich Seelen mit auf seine Fähre, die auf Erden korrekt und mit den richtigen Ritualen bestattet wurden. Alle anderen müssen am Ufer des Flusses Acheron ruhe- und rastlos umherirren, bis eine würdevolle Bestattung sie erlöst. Dieser Glaube ist interessant, denn auch andere Völker wie die Ägypter sahen sich veranlasst anzunehmen, dass die exakte Einhaltung von Bestattungsritualen Voraussetzung für eine Fortexistenz sei. Und selbst heute nehmen einigen Parapsychologen an, dass Geister bzw. Spukerscheinungen darauf zurückzuführen seien, dass es sich hierbei um „unruhige Seele“ von Toten handelt.
Die Seele des Verstorbenen in der Religion der Griechen, und hier zeigt sich erneut eine Parallele zu anderen Völkern, muss in der Unterwelt vor einem Totengericht Rechenschaft über sein Leben abgeben. Dieses Gericht besteht aus den drei Gottheiten Minos, Rhadamanthys und Äahos, alles Söhne des Hauptgottes Zeus, die nach Beratung entscheiden, was mit der Seele geschehen soll. Die in ihren Augen zu Lebzeiten gnadenreich und „richtig“ gelebt haben, dürfen in das „Elysische Feld“ einziehen. Dieses „Feld“, das vom „Strom des Vergessens“ Lethe umgeben war und auch als Elysium, die „Insel der Seligen“, bezeichnet wird, wurde von den Griechen als Ort ohne Arbeit, Krankheit, Hunger und Sorgen gepriesen. Vor allem Dichter, Heroen, Lieblinge der Götter und wichtige Personen aus Mythologie und Geschichte durften diese Insel der Seligen betreten. 28
Das erstaunliche ist hierbei, dass die mesopotamischen Völker, die Jahrtausende vor den Griechen lebten, von einer paradiesischen Insel mit Namen Dilmun sprachen, auf der es nach deren Mythologie sehr ähnlich zuging. Einige Archäologen sehen sich sogar zu der These veranlasst, dass Dilmun eine reale Insel im Persischen Golf war/ist.
Jene Seelen, die nach dem göttlichen Tribunal in der Unterwelt nicht in das Paradies einziehen dürfen, werden umgehend in die Hölle Tartaros verbannt, die ewige und grausame Qualen verheißt. Diese endlosen Qualen der Ewigkeit sind in der theologischen Betrachtung des griechischen Jenseitsglaubens interessant. Während im Christentum zum Beispiel die Qualen der Seele in der Hölle als körperliche Leiden mit bestialischen Ritualen und Handlungen der Dämonen des Satans betrachtet werden, zeichnen sich die ewigen Leiden der bösen Seelen im griechischen Glaubenssystem durch puren Unnütz aus. Ein Beispiel soll dies verdeutlichen.
Die 50 Töchter des Königs Danaos von Argos wurden gezwungen die verhassten 50 Söhne des Ägyptos, des Bruders von Danaos, zu ehelichen. Der Hass auf ihre 50 Cousins ging so weit, dass sie ihre neu angetrauten Ehemänner noch in der Hochzeitsnacht erdolchten. Das sah das Dreiergericht der Götter in der Unterwelt als Anlass, die 50 Töchter des Danaos im Jenseits dazu zu verdammen, bis in alle Ewigkeit Wasser in ein Fass mit durchlöchertem Boden zu schöpfen.
Der intensive und komplexe Unterweltsglaube, wie aber auch die Kultur der Griechen selbst, färbte auch auf die römische Welt ab. Auch der Glaube der Römer über das Danach war ähnlich aufgebaut. So dachten die Römer, dass in der Unterwelt der Gott Orcus herrsche und dort die bösen Menschen nach dem Leben als Lemuren weiter existieren. Diese Lemure, unsterbliche Geistwesen, schleichen, so die religiöse Überzeugung, nachts durch die Welt der Lebenden und erschrecken sie immer wieder. Aber auch die „guten Menschen“ leben als Geister – Manen genannt – nach dem Tode weiter, zwar nicht in der schrecklichen Unterwelt des Orcus, aber dennoch unterhalb der Erde.
Die Angst vor bösen Geistern zeigte sich bei den Römern vor allem dadurch, dass man am 9., 11. und 13 Mai zu Ehren dieser Geistwesen ein spirituelles Fest um Punkt Mitternacht feierte. Aber auch die guten Manen-Wesen wurden in Zeremonien geehrt. So wurde beispielsweise bei der Gründung einer neuen Siedlung ein Loch in die Erde gegraben, das als eine Art Öffnung zur Welt der Verstorbenen diente. Diese Löcher wurden von einem Altar überbaut und nicht mehr geöffnet. Nur am 24. August, 5. Oktober und 8. November öffnete man unter großen Feierlichkeiten diese Tore zur Unterwelt und warf im Zuge dieses Ritus Früchte hinein, die als Opfergabe für die guten Manen dienten. 29
Wie bei vielen anderen Kulturen und Völkern auch, war bei den Römern der Glaube vorhanden, dass Tote nach ihrer Bestattung wiederkehren konnten. Diese global zu findenden „Wiedergänger“ sind im römischen Volk jedoch besonders interessant. So sah man nicht nur in Menschen, die bei einem Unfall, einem Attentat oder auch durch eine schwere Krankheit umkamen solche „unheilvollen Geister“, sondern auch in Selbstmördern. In Rom war es hierbei sogar nicht unüblich, dass sich ein zum Beispiel durch einen Schuldner betrogener Römer das Leben nahm, um als Geist wiederzukommen und so an diesem Menschen Rache zu nehmen. 30
Es ist interessant, dass viele Kulturen der Geschichte sich vorstellten, das Jenseits bzw. die Unterwelt sei von einem oder mehreren Flüssen umgeben, wie wir es etwa bei den Griechen gesehen haben. Auch verschiedene Indianerstämme in Nordamerika (aber auch anderswo), wie zum Beispiel die Meonmini-Indianer, teilten diesen Glauben. Nach ihren Vorstellungen musste der Tote durch rituelle Waschungen etc. auf seinem Weg in das „große Dorf“ begleitet werden und die letzte Hürde war hierbei ein schneller Fluss, der von einem großen Hund bewacht wird.
Ganz besonders erstaunlich ist die religiöse Vorstellung der Guaimi-Indianer aus Panama. Nach ihrem Jenseitsglauben mussten die Seelen der Dahingeschiedenen bei ihrer letzten Reise drei Flüsse überqueren, die die Unterwelt umfließen. Dabei war es nur wichtig, dass der Tote bei der Beerdigung eine schöne und ordentliche Körperbemalung trug. War dies nicht der Fall, musste seine Seele so lange ruhelos an den Ufern der Flüsse umherirren, bis ein Verwandter verstarb, der die erforderliche Bemalung trug. Dies erinnert sehr stark an den griechischen Glauben. Doch die Guaimi waren nicht von einem „ewigen“ Leben überzeugt, denn sie glaubten, dass die Seele im Jenseits zehnmal so lange wie auf der Erde in einem wahren Paradies leben, aber dann für immer sterben würde. 31
Auch die Inkas aus dem heutigen Peru sahen im Tod nicht das Ende der Existenz der menschlichen Seele. Die Inkas dachten, dass der Verstorbene in ein Totenreich Einzug hält, das von einem Fluss umgeben ist. Dabei wurde auch im Glauben der Inkas die lebendige Seele begleitet. Dieser „Führer“ der Seelen war nach ihrer Meinung ein Hund, bei den Menschen, die nahe der Pazifikküste lebten, übernahm ein Seehund diese Aufgabe.
Interessant ist, dass Hölle und Himmel, wenn wir an die christlichen oder auch islamischen Glaubensvorstellungen denken, bei den Inkas vertauscht waren. Die Hölle lag im Himmel und das Paradies unter der Erde. Alle guten Seelen, die den Fluss um das Totenreich sicher überquert hatten, zogen in ein Reich voller Ruhe und Glück im Inneren der Erde. Von dort, so der Glaube, sei einst die Seele auch hervorgekommen. Die Seelen der schlechten Menschen werden nach ihrem Tod, wie in vielen anderen Religionen auch, in der Hölle (im Himmel) von Dämonen gequält. Wahrscheinlich dachten die Inkas, dass die Hölle über den Wolken lag, da dort das Feuer (Sonne) herrschte. Nach dem Glaubensdenken der Inkas waren die Seelen aber nicht für „ewig“ in ihrem Totenreich, denn die Inkas waren auch von der Wiedergeburt überzeugt. Tatsächlich wurden zum Teil Menschen durch Austrocknung an der Luft mumifiziert und sie gaben ihren Toten all ihren irdischen Besitz mit in das Grab. Die körperliche Auferstehung war für sie real. 32
Читать дальше