Sehr im Gegensatz zu östlichen Religionen ist die christliche Welt der Überzeugung, der Mensch hat nur eine einzige Chance um mit Gott und der himmlische Welt eins zu werden. Hinduistische Glaubenssysteme geben ihren Anhängern durch das Dogma der „ewigen“ Wiedergeburt die Möglichkeit, sich immer weiter dem göttlichen Ideal zu nähern.
Es ist aber bei genauer Auseinandersetzung mit dem frühen Christentum geradezu Erstaunliches festzustellen: Die heutigen, im Laufe der Jahrhunderte erstandenen Dogmen, in denen alle anderen religiösen Meinungen mit „Verbannung“ geartet werden, verfälschten die religiösen Anschauungen der ersten Kirchenvertreter nach Christus.
Eine der herausragenden Personen urchristlicher Glaubensvorstellungen war zweifelsfrei Origenes von Alexandria (185 bis 254 nach Christus). Origenes verfasste zu Lebzeiten rund 2000 Schriften, die aber heute zum größten Teil nicht mehr im Original vorliegen. Der frühe Kirchenmann war aber von einem überzeugt: der Reinkarnation der christlichen Menschen. Und diese Lehre teilten zahlreiche weitere frühchristliche Theologen, Philosophen und Kirchenväter. Zum Beispiel Justinus der Märtyrer (100 bis 165), Tatian (2. Jahrhundert), Clemens von Alexandria (150 bis 214), Gregorios von Nyssa (334 bis 395), Bischof Nemesios von Emesa (400 bis 450) und sogar der Heilige Augustinus und der berühmte Dalmatier Hieronymos (347 bis 419).
Diese sicher viele erstaunende Tatsache wird durch die heute bekannten Schriften und „prädogmatischen“ Texte der frühen Theologen verifiziert. So beispielsweise schrieb Origenes in De principiis folgendes:
„ Wenn man wissen will, weshalb die menschliche Seele das eine Mal dem Guten gehorcht, das andere Mal dem Bösen, so hat man die Ursache in einem Leben zu suchen, das dem jetzigen Leben voranging. Jeder von uns eilt der Vollkommenheit durch eine Aufeinanderfolge von Lebensläufen zu. Wir sind gebunden, stets neue und stets bessere Lebensläufe zu führen, sei es auf Erden, sei es in anderen Welten. Unsere Hingabe an Gott, die uns von allem Übel reinigt, bedeutet das Ende der Wiedergeburt .“ 12
Diese theologische Lehre eines der bekanntesten Kirchenphilosophen des Christentums lässt eine unverkennbare Verwandtschaft zum buddhistischen Glauben erkennen. Diese Aussage beinhaltet nichts anderes als den Glauben, der Mensch bzw. seine Seele, sei auf einer stetigen Wanderung bis zu Perfektion und damit zu Gott selbst.
Auch Hieronymus, der ab 382 nach Christus als erster die Bibel ins Lateinische übertrug ( Vulgata genannt) und noch heute als einer der größten Vordenker des Christentums angesehen wird, schreibt in seinen Epistulae :
„ Alle körperlosen und unsichtbaren vernünftigen Geschöpfe gleiten, wenn sie in Nachlässigkeit verfallen, allmählich auf niedere Stufen herab und nehmen Körper an je nach Art der Orte, zu denen sie herabsinken: zum Beispiel erst aus Äther, dann aus Luft, und wenn sie in die Nähe der Erde kommen, umgeben sie sich mit noch dichteren Körpern, um schließlich an menschlichem Fleisch gefesselt zu werden [...] Dabei wechselt der Mensch seinen Körper ebenso oft, wie er seinen Wohnsitz beim Abstieg vom Himmel zur Erde wechselt .“ 13
Diese Lehre von einer Prä-Seele , also der Existenz der Seele vor der Entstehung oder Geburt des Menschen auf der Erde, ist heute im Christentum verpönt und wird durch verschiedene Dogmen als Fehlglaube verunglimpft. Dies ist vor allem dem byzantinischen Kaiser Justinian I. (527 bis 565) zu verdanken, der im Jahr 543 in Konstantinopel (Istanbul) eine Synode der Ostkirche einberief. Er wollte diesen Reinkarnationsglauben einer Seele, die Wanderungen durch verschiedene Welten bzw. Sphären durchlebt, ausmerzen. So legte er allen an dieses System glaubenden Menschen schlicht eine „Bannfluch“ auf:
„ Wenn einer sagt oder meint, die Seelen der Menschen seien präexistent gewesen, insofern sie früher Geistwesen und heilige Mächte gewesen seien, es habe sie aber Überdruss ergriffen an der Schau Gottes und sie hätten sich zum schlechten gewendet [...] und seien zur Strafe in Körper hinabgeschickt worden – der sei anathema [verflucht] .“ 14
Diese Verfluchung „falscher Glaubensansichten“ ist für christliche Dogmen typisch. Doch der Kaiser Justinian I. rief im Jahr 553 das 5. Ökumenische Konzil zu Konstantinopel ein, auf dem endgültig der Reinkarnationsglaube der Christen verboten werden sollte. Dabei ist es besonders interessant, dass der damalige Papst Vigilius sich weigerte an diesem Konzil teilzunehmen! Den Vorsitz übernahm deshalb der Patriarch Eutychius, der von den 165 teilnehmenden Bischöfen nur wenige aus der westlichen Welt einlud. Da der Papst sich weigerte, die bei diesem Treffen beschlossenen Dogmen zu akzeptieren, drohte ihm der Kaiser (!) sogar mit der Exkommunikation, so dass Papst Vigilius vier Monate nach dem Konzil am 8. Dezember 553 schließlich die Beschlüsse unterzeichnete.
Diese – hier knapp aber notwendigerweise wiedergegebene – Geschichte der christlichen Festlegung ihres Dogmas verdeutlicht, dass also auch das frühe Christentum von einer Seelenwanderung im Sinne einer Unsterblichkeit überzeugt war. Auch in der Bibel heißt es zum Beispiel bei Jeremia 1:4-5, dass Gott den Propheten auserwählte, bevor er ihn überhaupt „im Mutterleib bildete“. Weltlich gesehen führen diese Lehren heute natürlich zum ewigen Streit mit der Kirche beim Thema Abtreibung.
Auch das Judentum ist in dieser Hinsicht für uns von Interesse, denn auch im jüdischen Glauben existiert die Überzeugung an eine Wiedergeburt. In dem Artikel Eine Reinkarnation wirbelt Staub auf 15der Baseler Zeitung , in dem es 1998 um die angebliche Wiedergeburt der berühmten Anne Frank geht, war zu lesen, dass die Mehrheit der Juden nicht an eine Reinkarnation glaubt. Dagegen schilderte jedoch David Schweizer, Präsident der Zionistischen Vereinigung Basel , Schweiz, in seinem Leserbrief Reinkarnation im Judentum anerkannt zum besagten Artikel am 6. Juni 1998:
„ In diesem Artikel wird behauptet, dass die Mehrheit der religiösen Juden nicht an Reinkarnation glaubt. Das ist falsch. Die Wiederverkörperung (Gilgul) ist im religiösen Judentum weitgehend anerkannt. Für die chassidischen Juden ist der Glaube an Reinkarnation ein zentrales Element ihres religiösen Selbstverständnisses. Sie bildeten vor dem Holocaust die Mehrheit des europäischen Judentums und sind auch heute einer der größten jüdischen Gruppierungen. Dass die Opfer des Holocaust wiedergeboren werden, ist für sie eine Selbstverständlichkeit .“ 16
Schweizer berichtet in seinem Internetleserbrief demnach, dass die Juden von der Wiedergeburt der unter dem Naziregime ermordeten Juden überzeugt sind. Weiter aber auch, dass er selber nicht sagen kann, dass eine gewisse Barbro Karlén die Reinkarnation der Anne Frank ist. Über die Meinung einiger jüdischer Kreise, dass die von den Nazis beim Holocaust ermordeten Juden „ewig Tod“ seien, schreibt Schweizer:
„ Aus den Quellen des Judentums erfahren wir ganz anderes. Diejenigen, die gelitten haben, werden andere, bessere Leben haben, und die Verbrecher können zum Guten umkehren – wenn nicht in diesem Leben, dann in einem anderen.“
In der Tat werden religiöse Ansichten nach Art der Wiedergeburt bzw. der Reinkarnation heute kaum mit dem Christentum oder dem jüdischen Glauben in Verbindung gebracht. 17Doch scheinbar war oder ist diese Anschauung auch heute in diesen Religionen zu finden, obwohl sie im Christentum durch dogmatische Beschlüsse verboten wurde.
Die gerne als „heidnische“ Kulte (wozu heute auch die Reinkarnationsreligionen zählen) verunglimpften religiösen Welten verschiedener Urvölker auf der ganzen Erde hingegen haben eine recht einfache Vorstellung darüber, was nach dem Tode mit dem Menschen geschieht. Religionen aus dem Pazifik aber auch Buschvölker in Afrika glauben, dass sich ihre Verstorbenen in einer Geisterwelt befinden, zu der man durch Gebet, Drogen und Trance Kontakt aufnehmen kann. Unterschiedliche Rituale mit dem gleichen Ziel dienen den Anhängern, wie beispielsweise denen des so genannten Voodoo im karibischen Raum, dazu, die Toten zu rufen um mit ihnen zu kommunizieren. Diese Menschen sind der Überzeugung, die Sterbenden sind nicht einfach „weg“, sondern befinden sich in einer anderen Sphäre um die Lebenden herum, in der sie auch durch Tanzrituale und tranceähnliche Zustände gerufen werden können.
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