Dieses göttliche Gericht bestimmt die Zukunft des Toten im Leben nach dem Tod. Das Ka , die Seele nach dem Glauben der Ägypter, kann dabei entweder in die „Unterwelt“ verbannt werden, oder aber gleich wie eine Gottheit zu den Sternen emporsteigen. Die Unterwelt, so der Glaube weiter, sei aber keine dunkle Sphäre der Verstorbenen, denn die Ägypter meinten, dass die Sonne während der Nacht die Unterwelt durchläuft und auf diesem Wege den Dahingeschiedenen Licht spendet.
Im Laufe der ägyptischen Geschichte hat sich auch der Glaube entwickelt, dass sich durch die korrekte Einhaltung der Bestattungsriten jedem, nicht nur dem Pharao, der Weg zum Paradies des Osiris offen steht. Im 110. Kapitel des Ägyptischen Totenbuches wird dieser „Garten Eden“ als „Feld der Freuden“ beschrieben, das dem Toten vollkommene Glückseligkeit, Gesundheit und ein Leben ohne Mangel an irgendetwas verspricht. 22
Interessant ist, dass bereits die Ägypter vor Jahrtausenden folgerichtig der Überzeugung waren, nach dem Ende gäbe es nicht nur ein „neues Leben“, sondern auch eine Selektion zwischen Gut und Böse vor einem jenseitigen Tribunal der Götter. Das ägyptische Totenbuch diente dem Verstorbenen hierbei als ein magischer Leitsatz, wie er sich vor diesem göttlichen Totengericht zu verhalten habe. Im 125. Kapitel des Totenbuches ist dieses Gericht genannt, und es fehlt in keinem der bekannten Sammlungen der doch zum Teil erheblich unterschiedlichen Totenbücher. Bei dieser Rechtfertigung vor den Göttern – im alten Reich der Sonnengott Ra , dann Osiris – muss sich der Verstorbene zu 43 Sünden äußern. Dabei ist es interessant, dass diese Sünden bzw. irdischen Verfehlungen, die von Unzucht über Gotteslästerung bis Mord und Raub reichen, auch unter heutigen sozialen und humanen Gesichtspunkten als solche empfunden werden. 23Dieser Grundsatz lässt sich bis zu heutigen modernen Sekten nachweisen. Praktisch alle Glaubenssysteme der Welt sprechen von einer Fortexistenz des eigenen Ichs und vor allem auch von einem Totengericht, bei dem der Mensch sich für sein irdisches Tun im Sinne der jeweiligen Glaubenswelt rechtfertigen muss.
Die viel diskutierten Zeugen Jehovas beispielsweise sind eine christlich abgesplitterte Sekte, die erst in jüngerer Zeit geboren wurde (seit 1931 heißt die Sekte so). Ihr Glaubenssystem ist in ihrem Extrem vor allem auf den Einzug der Toten in ein Paradies der Glückseligen ausgerichtet. Anhänger dieser Gemeinschaft glauben, dass nur durch ihre Art der Religion der Mensch und vor allem seine Seele am Ende der Tage ( Endzeit ) „erlöst“ werden wird. Dies ist durchaus mit dem Dogma des „Jüngsten Gerichts“ des Christentums zu vergleichen, das besagt, dass am Ende der Zeiten Jesus Christus über die gesamte Welt Gericht halten wird. 24Dabei beruft sich das Christentum vor allem auf Aussagen Jesus Christus im Neuen Testament, in denen er gesagt haben soll, dass der Weg zu Gott und damit ins Paradies nur durch ihn erfolgen kann.
Ähnlich wie die Ägypter bauten auch die Maya in Mexiko Pyramiden als sakrale Bauten im Zeichen des Todes. Die Völker der Maya hatten ebenfalls die Vorstellung, dass die Menschen nach dem Tode als Geister oder vergeistigte Wesen ein neues Dasein erlangen. Die sehr bildlichen Hieroglyphen der Maya zeigen die Götter der Unterwelt bzw. des Todes als menschliche Totenschädel. Da wir heute kaum etwas über konkrete Jenseitsvorstellungen und die Ereignisse nach dem Ableben des Menschen von diesem Volk wissen, da die westlichen Eroberer praktisch alle Schriften als „Teufelszeug“ vernichteten, lässt sich über deren Glaubenssystem nichts Verbindliches aussagen. Wohl aber scheinen Pyramidenbauten, die als Gräber dienten und bei denen die Verstorbenen reich geschmückt bestattet wurden, auf einen Glauben an ein Leben nach dem Leben hinzudeuten.
Ein sehr gutes Beispiel ist der „Tempel der Inschriften“ von Palenque, in dessen unterirdischer Krypta der letzte Fürst Pacal der Große bestattet wurde. Anhand der prachtvollen Ausstattung der letzten Ruhestätte sowie des mit einer kostbaren Maske geschmückten Toten liegt auch hier die Vermutung nahe, dass man an ein Leben nach dem Tod glaubte. In dieser Krypta liegt auch die bekannte Grabplatte von Palenque, die nach den Thesen, einstmals hätten Außerirdische die Erde besucht, die stilisierte Darstellung eines Raumfahrzeuges sein könnte. Die „übliche“ Interpretation dieses Kunstgegenstandes sieht hier jedoch den Fürsten selbst, der in die „Unterwelt“ hinab fährt. Auch haben die Archäologen bei Ausgrabungen entdeckt, dass die Maya ihrem Fürsten, Pacal wie auch anderen Herrschern, Menschen von seinem Hofe als Gefolge mit in sein Grab gaben. Dieser weltweit nachweisbare Brauch verdeutlicht, dass auch die Maya der Meinung waren, nach dem Tode beginne eine neue Existenz im Jenseits, die sich an der irdischen Welt orientiert, so dass der Verstorbene in dieser Welt durchaus Diener nötig hat. 25
Am deutlichsten ist dieser Glaube an ein dem irdischen Leben ähnliches Jenseits in China erkennbar. Die chinesischen Kaiser ließen sich gewaltige Grabanlagen errichten, die zum Teil auch die Form von Pyramiden hatten. Weltweites Aufsehen erregte dabei der Fund des Grabes des ersten Kaisers von China, Qin Shihuang Di (259 bis 210 vor Christus). Etwas über einen Kilometer östlich von seinem eigentlichen, bis heute nicht angetasteten Grab entdeckten die Archäologen im Jahr 1974 eine gewaltige Armee an lebensgroßen Kriegern, Pferden und Streitwagen aus Terrakotta, die wie zum Gefecht aufgestellt auf das Grab des Kaisers zuzumarschieren scheinen. Über das eigentliche Grab selbst kursieren, seit der chinesische Historiker Sima Qian (ca. 145 bis 86 vor Christus) von der glanzvollen Grabeinrichtung schrieb, die wirrsten Ideen, was in diesem Grab alles für Schätze verborgen sein sollen. Man sprach gar davon, dass selbstauslösende Armbrüste montiert seien und das ganze chinesische Reich mit Flüssen und dem Ozean aus Quecksilber dort nachgebaut worden sei. 26
Diese einmalige Grabanlage zeigt uns heute, dass die religiöse Glaubensvorstellung der alten Chinesen von einem Leben nach dem Leben beherrscht wurde. Die Chinesen waren der Meinung, dass der Mensch zwei Seelen habe. Zum einen die spirituelle und intellektuelle Seele Hun , und zum anderen die körperliche Seele P´o . Die Seele Hun sei dabei ein nicht fassbares und eher geistig zu verstehendes Etwas, das nach dem Tode des Menschen in den Himmel aufsteigen wird. P´o hingegen werde mit dem Verstorbenen zu Grabe getragen oder würde sogar in die dämonische Unterwelt hinabsteigen.
Die Chinesen glaubten, dass man durch die korrekte und strenge Befolgung von seit ewigen Zeiten vorherbestimmten Begräbnisritualen die Hun-Seele dazu veranlassen könne, sich mit anderen ihrer Art im Himmel zu vereinen. Gleichzeitig sollte durch diese Riten erreicht werden, dass die Seele P´o – praktisch das negative Gegenstück zu Hun – zu einem Geist wird. Dazu bedienten sich die Gläubigen oft auch eines einfachen „Tricks“, denn sie legten dem Verstorbenen einen Edelstein in den Mund, so dass die körperliche P´o-Seele meinte, die Menschen behandelten sie mit Respekt und Achtung. Eine „Umwandlung“ zu einem negativen Geistwesen war nach diesem Glauben dadurch ausgeschlossen. 27
Über den Glauben der Griechen, was mit ihren Verstorbenen nach dem Tod geschieht, wissen wir dank der Vielzahl der schriftlichen Überlieferungen von Dichtern und Geschichtsschreibern eine Menge. Der griechische Glaube über das Jenseits und den Weg der Toten ist ein interessantes, da vielschichtiges System von verschiedenen Dingen, die die Seele des Menschen dort über sich ergehen lassen musste.
So kannten auch die Griechen eine Unterwelt, die sie Tartaros oder auch Erebos (von den Römern als Orcus übernommen) nannten. Regiert oder beherrscht wurde diese Welt von dem Totengott Hades, dem Sohn des Gottes Kronos und der Rhea. Ihm zur Seite stand seine Gemahlin Persephone oder auch Kore (= „Mädchen“). Die Unterwelt Tartaros ist eine streng abgeschottete Welt der Toten, die von einer dreifachen und sehr dicken Mauer, von den Gewässern Acheron , Kokytos und Styx und einem Feuerstrom namens Pyriphlegeton umgeben ist.
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