Da das Mädchen nicht aufhörte auf der Richtigkeit ihrer Behauptungen zu bestehen, wandten sich ihre Eltern letztlich an einen brahmanischen Arzt, der Shanti auf eine eventuelle Geisteskrankheit hin untersuchen sollte. Doch dieser erkannte, dass dies nicht der Fall war. Durch Nachfragen bei den entsprechenden Behörden zeigte sich sehr bald, dass in der Stadt Muttra tatsächlich ein Händler mit Namen Ahmed Lugdit lebte, dessen Frau Annes am 25. Oktober 1928 am Kindbettfieber gestorben war.
Als Shanti nun auch damit begann, Details aus dem Haus zu schildern und ihren angeblichen Mann genauer zu beschreiben (er sollte zum Beispiel einen Oberlippenbart und eine Narbe am rechten Oberarm haben), sahen sich ihre Eltern und die konsultierten Ärzte veranlasst, der Sache genau auf den Grund zu geben. Die indische Regierung erklärte sich bereit, den damals 54 Jahre alten Witwer Ahmed Lugdit – denn man konnte ihn tatsächlich ausfindig machen –, seine neue Frau und seinen Sohn (angeblich ja das Kind Shantis) auf Staatskosten nach Neu-Delhi zu bringen. Bei einer Gegenüberstellung von 15 Männern erkannte Shanti „ihren“ Mann sofort.
Auch als das Forscherteam mit der kleinen Shanti in die ihr bis dahin fremde Stadt Muttra reiste, konnte sie Beschreibungen ihres einstigen Lebens dort abgeben. Straßen und Häuser beschrieb sie, bevor man sie erreichte. Natürlich kannte sie sich auch im Haus von Ahmed Lugdit aus und suchte dort unter einem Fußbodenbrett nach einem Bündel Geld, das sie dort einstmals versteckt hatte. Erstaunt gab Ahmed an, dass er exakt an der Stelle tatsächlich Geld gefunden habe, mit dem er sein Geschäft ausgebaut hatte. Alle Zweifel an der Realität eines echten Reinkarnation-Falles waren hinweggefegt. Die Gruppe sah in der neun Jahre jungen Shanti die 1928 verstorbene Annes. 56
Auch hier also erstaunliche Ergebnisse. Auch in Verbindung mit der Frage, wo war das „Ich“ des Kindes zwischen dem Tod von Annes 1928 und ihrer eigenen Geburt 1944? Mag sie inzwischen, da sie 1991 (erneut?) starb, abermals irgendwo wiedergeboren worden sein?
Der östliche Buddhismus verbreitet vor allem durch die Reinkarnation ihres tibetanischen Dalai Lama das Dogma der Seelenwanderung. Aber auch andere hohe religiöse Persönlichkeiten werden als Wiedergeburt verschiedener wichtiger religiöser Personen oder gar göttlicher Gestalten betrachtet. 57
Doch bei diesem religiösen Beispiel des Dalai Lama stellt sich ein Problem ein. Auch wenn gewisse östliche Lehren davon sprechen, dass der Mensch sogar als Tier wiedergeboren werden kann, ist die Reinkarnation des Dalai Lama immer ein Junge. Die westliche Reinkarnationsforschung zeigt aber, dass sich die Menschen an frühere Leben erinnern, in denen sie Mann oder Frau gewesen sein können. Warum also soll das Oberhaupt des tibetanischen Buddhismus immer als Knabe wiedergeboren werden? Nur, um dann gemäß der Tradition als männliche Person den Stuhl des religiösen Führers einzunehmen?
Wir dürfen davon ausgehen, dass die Seele des Menschen kein Geschlecht hat, oder wenigstens bei einer mutmaßlichen Wiedergeburt nicht dem vorherigen Geschlecht „treu bleibt“. Doch die endgültige Klärung dieser Frage liegt wohl eher im Bereich des Glaubens.
Ebenfalls im Bereich des Glaubens liegen die hier beschrieben Orte und Ereignisse, die nach den Vorstellungen der alten Völker im Jenseits auf die Seelen warten. Und die bislang in der gesamten NTE- (Nah-Tod-Erlebnisse) und Reinkarnationsforschung übergangene Frage, was zwischen den einzelnen Wiedergeburten geschieht und welchen zeitlichen Abstand diese haben, ist mehr als ungeklärt.
Ein sehr oft angeführtes Argument gegen die Wiedergeburt ist die Kryptomnesie . Kryptomnesie ist nichts anders, als tief aus unserem Unterbewusstsein aufsteigende Erinnerungen an die verschiedensten Ereignisse, Personen und Dinge, an die wir uns bewusst nicht mehr erinnern können. Wir haben sie in uns „gespeichert“, da wir sie irgendwann irgendwo einmal – und sei es beiläufig – aufschnappten, aber nicht in unserem Bewusstsein verarbeiteten. Das äußerst spannende, praktisch jeden Menschen betreffende und interessante Phänomen von Déjà vu („schon einmal gesehen“) hängt damit zusammen. Am Rande sei hierzu erwähnt, dass ich schon als Kind von nicht einmal zehn Jahren aufgrund von eigenen Déjà-vu-Erlebnissen immer die Idee oder den Glauben hatte, jeder Mensch lebt sein jetziges Leben mehrfach (um Fehler zu verbessern), bis er „brav“ bzw. „gut“ genug ist, um in den Himmel zu kommen. Gedanken eines Kindes...
Der Forscher Melvin Harris (USA) 58vergleicht das Phänomen der Kryptomnesie mit einem riesigen Archiv des Geistes, in dem Zeitungsartikel, Fernsehsendungen, Gespräche und alle andere Informationsquellen der Menschen abgelegt werden. Wir selbst erinnern uns aber nicht, dieses Wissen in uns gespeichert zu haben. Wir wissen auch nicht, woher diese Erfahrung eigentlich stammt. Sicher wird jeder Leser dieses „Phänomen“ kennen. Das Gefühl, man wäre einstmals schon an einem bestimmten Ort gewesen, schließt aber auch und vor allem das Gefühl ein, bestimmte Situationen schon einmal erlebt zu haben und sogar Menschen innerhalb dieser Situation entsprechen dieser Wahrnehmung. Bei einer Wiedergeburt wäre dies wohl nicht der Fall, denn hierbei ist es ja so, dass der Mensch meint, früher einmal gelebt zu haben. Eine identische Situation im jetzigen Leben nach Art von Déjà vu ist folgerichtig ausgeschlossen.
Der NTE-Forscher Dr. Raymond E. Moody veröffentlichte hierzu einen interessanten Bericht über eine vermeintliche Reinkarnation seines Patienten Ted; seines Zeichens selbst Psychologe. Ted unterzog sich aus beruflichem Interesse selbst einmal einer regressiven Hypnose. Anhand dieses Beispiels erkennen wir mehr als deutlich, dass eventuelle Erinnerungen an Leben vor dem Leben immer mit Vorsicht zu genießen sind.
Ted erinnerte sich bei dieser Rückführung, dass er in einem früheren Leben Mitglied eines alten Indianerstammes im Südwesten der USA gewesen war:
„ Ich befand mich inmitten einer aus Stein gebauten Wohnanlage. Außer mir war niemand da, aber die Bauten wirkten relativ neu und bewohnt. Ich konnte in der ganzen Anlage umherwandern. Es gab da auch kreisförmige Bauten, von denen ich instinktiv wusste, dass sie religiösen Zwecken dienten. Der Boden in diesen Rundbauten war vertieft angelegt, und die Fensteröffnungen waren so gesetzt, dass das einfallende Licht eine feierliche Atmosphäre schuf. Ich sah mir das alles an und ging dann weiter.
In einer Szene trat ich gebückt durch eine Türöffnung in einen Raum hinein. Es war eine abgeschlossene Wohnung. Über und neben ihr lagen andere Wohnungen. Ich hatte das Gefühl, dass dies hier meine eigene Wohnung war.
In einer anderen Szene stand ich mitten in dieser Anlage auf einem Erdhügel und betrachtete die Landschaft ringsum – die Berge, die grünen Hänge und die weit ins sonnenüberflutete Land hineinlaufenden Täler. Ich fühlte eine große Freiheit und eine große Verbundenheit mit diesem Ort in mir .“ 59
Jeder aufgeschlossene Reinkarnationsforscher würde hier sicher ein früheres Leben des Psychologen vermuten, welches durch diese regressive Hypnose hervorkam. Auch Ted selbst war über das Ergebnis seiner Sitzung erstaunt und suchte nach einer Erklärung. Doch nur einige Monate später war Ted bei seinen Eltern zu Besuch, und seine Mutter legte einen lange vergessenen Schmalfilm ein, den sie beim Aufräumen wiedergefunden hatte. Erstaunt sah Ted dabei auf der Leinwand genau das, was seine vermeintliche Erinnerung erbracht hatte. Sein Wissen aus einem früheren Leben war nichts weiter als Kindheitserinnerungen an einen Ausflug in den Südwesten, bei dem sein Vater als Hobbyfilmer eine „Cliffdwellings“-Anlage aufgenommen hatte. Ted hatte die bewussten Erinnerungen an diesen Urlaub „vergessen“, sie waren nicht mehr bewusst vorhanden.
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