Und sollte das nicht wirken, gab es ja noch andere Mittel und Wege um an die Macht zu kommen, die ihr zustand, dachte sie bei sich.
+++
Samo hatte noch einen langen Ritt vor sich, für den er vermutlich die restliche Nacht brauchen würde.
Die Awaren waren kurz vor der Dämmerung in das Dorf gekommen und er war gespannt, was in den anderen Dörfern geschehen war.
Er folgte dem Lauf der March, kürzte bei den vielen Mäandern des Flusses jedoch ab, damit er nicht zu lange brauchen würde. Ladislaus hatte ihm diese Abkürzungen gezeigt, durch die sich teilweise eine Stunde Wegstrecke sparen ließen.
Sein junger Freund war weiter nach Norden gereist, um den Awaren dort aufzulauern, wie er sagte. Aber Samo hatte den Verdacht, dass Ladislaus dort oben mittlerweile eine Geliebte hatte und dass er den Winter bei ihr verbringen wollte.
Er konnte ihn gut verstehen und dachte an Drahomira, die er vor ein paar Wochen verlassen hatte.
Sie hatte sich etwas von ihm zurückgezogen und immer öfter Bozena zu ihm geschickt. Als er sie darauf angesprochen hatte, hatte sie ihn angelächelt und gemeint, dass sie gern die Nächte mit ihm verbringen würde, aber sich in den nächsten Monaten etwas schonen müsste.
„In mir reift die Frucht unserer Liebe heran und diese Frucht wollen wir doch nicht gefährden. Oder?“ hatte sie ihm lächelnd gesagt.
Samo freute sich darauf wieder Vater zu werden, auch wenn die Zeiten eines Krieges wohl kaum die richtigen waren, um an Kinder zu denken.
Aber es hatte in den letzten Jahren immer wieder Kriegszüge gegeben und niemand ließ sich davon abhalten Kinder in die Welt zu setzen.
Er bedauerte nur, dass er vermutlich mehr damit beschäftigt sein würde gegen die Awaren zu kämpfen, als sich um sein Kind zu kümmern. Dabei musste er schmerzhaft an die Leiche seines ersten Sohnes Ingvar denken, dessen Haare er nach wie vor in einem Beutel an der Brust trug.
In jedem Fall war ein Kampfgebiet nicht der richtige Ort für Kinder, weder für die eigenen noch für fremde. Deshalb hatte er auch dafür gesorgt, dass die Frauen und Kinder der Bauern, deren Dörfer sie gesichert hatten, in das Castellum Kunibertis gebracht wurden. Dort waren sie in jedem Fall sicherer, als in ihren Dörfern.
Hatte das den awarischen Hauptmann zögern lassen, als er vom Pferd stieg?
Samo vermutete es, aber es sollte dabei bleiben. Die Wunde, die der Tod seines Sohnes Ingvar und seiner Frau Adelgunde hinterlassen hatte, war noch nicht geschlossen. Auch seine Rache an dem Goten Alberich hatte daran nichts geändert.
Drahomira und ihr gemeinsames Kind würden diese Wunde vielleicht etwas mildern können, aber schließen würde sie sich nie mehr. Davon war er überzeugt.
Aber er war auch darüber hinaus, sich deshalb selbst den Tod zu wünschen. Das Leben ging weiter.
Menschen starben und Menschen wurden geboren, so war es schon immer gewesen.
Nun aber wollte er seine Frau Rodźisława kennenlernen, wobei ihn eine innere Stimme davor warnte, ihr irgendetwas über die Schwangerschaft von Drahomira zu sagen. Er behielt dieses Geheimnis für sich – sie wäre damit vermutlich sicherer, als wenn alle Welt darüber Bescheid wüsste.
Er kürzte, mal wieder, an einem Mäander ab, nur der Mond, der hoch am Himmel stand erhellte das Gelände etwas, als Samo auf dem Weg vor sich den Schein eines Feuers entdeckte.
Vorsichtshalber stieg er ab und zückte sein Sax, das er am Rücken trug. Das Pferd band er mit dem Zügel an einem Baum fest.
Leise schlich er sich zum Schein des Feuers hin. Dort saßen zwei Männer in awarischen Rüstungen, die allerdings slawisch sprachen.
Soweit er es verstehen konnte, hatten die Männer Gerüchte gehört, dass sich die slawische Bevölkerung gegen die Awaren erheben wollten und dass ein fränkischer Kaufmann namens Samo, sie dabei unterstützen wollte. Nachdem sie selbst in der awarischen Armee dienen mussten, sie dabei aber schlechter behandelt wurden, weil zwar ihre Väter Awaren, aber ihre Mütter Opolanen waren, überlegten sie, was es wohl bringen würde, sich diesem Aufstand anzuschließen.
Samo wusste nicht, was er davon halten sollte und verhielt sich still.
Nach einiger Zeit legten sich die beiden schlafen, das Feuer brannte leicht herunter und Samo schlich sich an die beiden näher heran, um ihnen ihre Dolche abzunehmen. Sollten sie sich wieder begegnen, hätte er einen Beweis für dieses Gespräch.
Unbemerkt, von den beiden awarischen Opolanen, setzte er seine Reise fort und gelangte, vollkommen übermüdet, am nächsten Morgen erst, bei der Burg des Vazlav an.
Er wurde ohne Umschweife eingelassen und in eine Kammer geführt, die für ihn hergerichtet worden war. Mehrere Kundschafter aus anderen Dörfern waren bereits angekommen und berichteten ihm, was dort vorgefallen war.
Er gab einem Diener, der ihm von Vazlav überlassen worden war, den Auftrag dafür zu sorgen, dass zu jedem dieser Orte ein Wagen geschickt werden würde, um die erbeuteten Waffen einzusammeln – sofern sie nicht von den dort anwesenden Kämpfern selbst gebraucht wurden.
Danach sollte er ihm etwas zu essen besorgen. Die Boten sollten ebenfalls hier ein Quartier und Verpflegung bekommen, sofern dies noch nicht geschehen war.
+++
Über den Tag hinweg kamen nach und nach immer mehr Boten an, die im Wesentlichen das Gleiche berichteten: Die ersten Scharmützel waren ein voller Erfolg!
Etwa fünfzehnhundert Awaren waren getötet worden, zwanzig Mann wurden gefangen genommen und nur fünf waren entkommen. Unter den eigenen Leuten gab es lediglich kleinere Verletzungen, die leicht auskuriert werden konnten. Die umkämpften Dörfer wurden weiter befestigt und die Bauern waren wieder zurückgeholt worden.
In dem gesamten Gebiet, das die March durchquerte, waren lediglich an ihrer Mündung noch etwa zweitausend Awaren vorhanden, die in ihrer Burg noch nichts vom Schicksal ihrer Kameraden ahnten, die sie in „deren slawischen Dörfern“ vermuteten.
Die fünf Männer, die entkommen waren, konnten noch nicht dort angekommen sein, da ihnen die Pferde abgenommen werden konnten und sie deshalb laufen mussten. Sollten sie sich Boote gestohlen haben, um damit schneller vorwärts zu kommen, würden sie kurz vor dem Burgfelsen an der Marchmündung abgefangen werden, da die Slawen dort eine Sperre mit Booten eingerichtet hatten.
Darüber hinaus war wohl einer der gefangenen Awaren eine höher stehende Persönlichkeit, er behauptete nämlich der Sohn des Khagan zu sein.
Samo frohlockte mal wieder innerlich, sollte das stimmen, hätten sie nun ein wertvolles Pfand gegen die Awaren in Händen, das sich sicherlich einsetzen ließ, um unnötiges Blutvergießen zu vermeiden.
Aber so ganz traute er seinem Glück noch nicht, zunächst mussten die Dörfer gesichert werden und die von Awaren besetzte Burg an der Marchmündung erobert und ebenfalls gesichert werden. Kein Aware sollte sich mehr sicher in diesem Territorium bewegen können.
Außerdem musste er in Erfahrung bringen, was es mit den Kindern von awarischen Vätern auf sich hatte, die in der awarischen Armee ihren Dienst tun mussten, von denen er in der letzten Nacht zwei belauscht hatte. Sollten sich diese Kämpfer ihnen anschließen, würde seine Arbeit umso leichter werden.
Die Türe öffnete sich und er sah auf.
Der Diener kam herein und brachte das Essen mit, außerdem vermeldete er, dass die Wagen und Maulesel auf dem Weg in die Dörfer waren, um die Waffen und Rüstungen abzuholen. Die Boten wären ebenfalls versorgt worden und hätten sich zum Schlafen hingelegt.
Bei dem Essen war das herbe Schöl dabei und so fragte Samo nach, ob er einen einfachen Krug Wasser bekommen könnte, außerdem wollte er sich einmal waschen, bevor er seiner Frau Rodźisława begegnen wollte.
Aber das war schon zu spät, denn diese stand bereits in der Türe: Eine atemberaubende Schönheit, groß gewachsen, mit langen Beinen, einer schmalen Taille und einem kleinen Busen, in einem aufwändig besticktem, dunkelrotem Kleid, das ihr auf den Leib geschneidert zu sein schien. Dazu die braunen Haare aufwändig zu einem Zopf geflochten, der wie ein Kranz um ihren Kopf lag.
Читать дальше