Momentan verfügte das Castellum über lediglich zweitausend Mann Besatzung, da sich die anderen Krieger in ihren Slawendörfern befanden, um sich verköstigen zu lassen und während des Winters aufzuwärmen. In dem Castellum konnte es sehr kalt und einsam werden.
Nach etwa zwanzig Tagen wurden kehrten die frisch aufgewärmten Krieger wieder zurück und lösten die verbliebene Besatzung ab.
Sollte es jemand wagen sein Castellum anzugreifen, konnten die anwesenden Krieger problemlos die Verteidigung halten, bis die auswärtigen Männer einem eventuellen Belagerer in den Rücken fallen konnten.
Aber wer sollte das schon wagen?
Das Dorf zu dem er jetzt wollte, lag am Zufluss der Velička in die March und würde ihn und 50 weitere Männer für die nächste Zeit beherbergen.
Targitios' Kundschafter waren gut, auch wenn er in den letzten Monaten einige von ihnen verloren hatte. Weshalb das so war, konnte er nicht so ganz nachvollziehen.
Planten die Slawen einen Aufstand?
Nackte, schlecht bewaffnete Krieger gegen eine vollausgerüstete, awarische Einheit?
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Samo saß hoch in den Bäumen auf einem Sitz, den seine Pioniere – wie in jedem anderen Dorf auch – gebaut hatten.
Etwa in Weite eines Pfeilschusses entfernt, auf dem Pfad, der in das Dorf führte, schlängelte sich ein Zug von etwa 50 Awaren zu dem Dorf an der Velička hin.
Sie schienen vergnügt und sorglos zu sein, denn sie machten keinerlei Anstalten auch nur die geringsten Anzeichen von Vorsicht walten zu lassen. Oder waren Samo und seine Männer in den letzten Monaten so übervorsichtig gewesen, dass ihm das sofort auffiel?
Er ahmte den Ruf eines Käuzchens nach und sah von seinem Beobachtungsposten aus, dass sich seine Männer und die Slawen, die sich ihnen angeschlossen hatten, in den Hütten verschwanden.
Die Awaren waren nun in dem Dorf angekommen, allerdings stieg nur der Anführer – ein kräftiger Mann, der wohl schon einige Schlachten gesehen hatte – ab und bedeutete seinen Leuten auf den Pferden zu bleiben. Jedenfalls stieg sonst niemand ab.
Der Anführer hatte eine bessere und aufwändiger gearbeitete Rüstung als seine Männer und an dem Helm waren drei Pferdeschwänze befestigt.
Irgendetwas lies ihn langsamer und vorsichtiger wirken, als noch vor ein paar Minuten. Hatte er etwa die Falle gerochen?
Jetzt betrat er das erste Haus.
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Der Ruf eines Käuzchens ertönte kurz bevor die Awaren in das Dorf kamen und es begann leicht zu schneien, was nicht ungewöhnlich war, wenn man bedachte, dass der Mond dieses Jahr bereits zum elften Mal im letzten Viertel stand. 23
Targitios wurde misstrauisch. Irgendetwas passte hier nicht so recht ins Bild, irgendetwas fehlte hier – nur konnte der Aware beim besten Willen nicht erkennen, was das war. Er zügelte sein Pferd und stieg ab, bedeutete aber seinen Begleitern auf den Pferden zu bleiben.
Dann betrat der awarische Befehlshaber Targitios, der Jüngere das erste Haus. Zwei Sekunden später wusste er, was ihm seltsam vorgekommen war – aber da war es für ihn zu spät.
Der letzte Gedanke den er hatte war: „Kinder!“
Aber seine Kinder würden ihren Vater nicht mehr wiedersehen.
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Sollte alles so funktionieren, wie Samo es geplant hatte, dann sollte der Aware jetzt mit aufgeschlitzter Kehle in dieser Hütte liegen. Gab es Probleme, hatte Samo um das Dorf zwanzig Bogenschützen verteilt, die ebenfalls in den Bäumen saßen und nur auf ein Zeichen von ihm warteten.
Unten im Dorf geschah inzwischen … NICHTS!
Die anderen Awaren blieben auf ihren Pferden sitzen, als wären sie zu Stein erstarrt.
Samo wartete ab. Der Dorfzugang würde jetzt von zehn Schwert- und Axtkämpfern geschlossen werden, die auf ihren Pferden den Reitern der Awaren einen harten Kampf liefern würden.
Einer der Awaren stieg vom Pferd und schritt vorsichtig zu dem Häuschen, in dem sein Anführer verschwunden war.
Vorsichtig öffnete er die Tür und stieß einen gellenden Schrei aus. Offenbar hatte er seinen Anführer gefunden.
Samo blies in sein Horn und sofort wurde ein Pfeilhagel auf die verdutzten Awaren abgefeuert, dem die meisten zum Opfer fielen, da die Pfeile nicht „blind“ abgeschossen wurden, sondern die Awaren gezielt trafen.
„Die monatelange Ausbildung hat sich offenbar gelohnt“, frohlockte Samo im Stillen.
Nun griffen seine Reiter ins Geschehen ein und machten die Awaren nieder, die dem Pfeilhagel entkommen waren.
Der ganze Kampf hatte gerade einmal zehn Minuten gedauert und kein Franke und kein Slawe war auch nur ansatzweise verletzt worden. Von den Awaren dagegen war keiner am Leben geblieben.
Samo kletterte von dem Baum herunter, was mit dem verletzten Bein nicht einfach war, bestieg sein Pferd und ritt ins Dorf. Die Bogenschützen waren ebenfalls von ihren Bäumen geklettert und ins Dorf geeilt. Die Männer wollten ihren Anführer hochleben lassen, aber der bremste sie:
„Ihr könnt feiern, wenn die anderen Dörfer genauso erfolgreich waren, wie wir hier und sich für die nächste Zukunft kein Aware mehr in unser Gebiet traut!“ wies er seine Leute zurecht.
„Sichert das Dorf, damit die Bauern wieder hierher zurück können und fangt nicht an irgendwelche Schlampereien durchgehen zu lassen, nur weil wir ein paar Awaren erschlagen haben. Sonst ist dieser Aufstand schneller vorbei, als er begonnen hat. Ich schicke euch einen Wagen, für die erbeuteten Waffen. Sucht Ihr Euch inzwischen die Waffen aus, die Ihr selbst gebrauchen könnt. Die erschlagenen Awaren verbrennt Ihr außerhalb des Dorfes, damit ihr Gestank nicht ins Dorf hineinzieht.“
Dann gab er seinem Pferd die Sporen und ritt zur Burg seines Schwiegervaters Vazlav, die an der Mündung der Thaya in die March lag. Er wollte wissen, wie es in den anderen Dörfern verlaufen war und freute sich darauf seine Frau Rodźisława wieder zu sehen. Seitdem er verwundet worden war, waren sie sich nicht mehr begegnet.
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Rodźisława wartete in der Burg ihres Vaters auf ihren Gemahl. Ob es den anderen Frauen auch so ergangen war wie ihr? Sie vermutete es, aber sie hatte gehört, dass Samo wegen seiner Verletzung einige Zeit bei den Hana verbracht hatte und dass die Tochter der südlichen Wenden, Drahomira, ihn dorthin begleitet hatte.
Sie sah Drahomira keineswegs als Konkurrentin, aber irgendwie wurmte es sie, dass ausgerechnet die älteste von Samos Frauen immer um ihn herum war. Außerdem war die jüngste Frau des Samo, Bozena eine Hana und sie konnte sich recht gut vorstellen, dass ein Mann wie Samo es ausnutzte, dass er zwei seiner Frauen bei sich hatte.
Rodźisława zählte mittlerweile vierundzwanzig Sommer und sie wollte ihren Mann auch ab und zu einmal für sich haben – ohne, dass seine anderen Frauen ihr im Weg waren. Da Samo zuerst zu den Hana gebracht worden war, fühlte sie sich etwas … zurückgesetzt.
Es klopfte an der Türe und ihre Magd, Theofanu, trat ein. Rodźisława wollte die Schönste unter Samos Frauen sein. Schlank war sie gewachsen, hatte einen handgroßen Busen und eine eher schmale Hüfte, dazu lange braune Haare, die ihre Magd jetzt zu einem langen Zopf flocht, der ihr dann aufwändig um den Kopf geschlungen wurde. So trug sie ihr Haar immer bei besonderen Anlässen und es brachte ihren schlanken Körper gut zur Geltung.
Bozena war etwas kleiner als sie, auch eher schmal, aber mit einem runden freundlichen Gesicht, in dem der Schalk der Jugend zu sehen war. Ihre blonden Haare trug sie meistens, als wäre es der Schweif eines Pferdes. Drahomira hingegen wirkte mit ihren 25 Lenzen wie eine große Schwester, wusste über viele Dinge Bescheid, wirkte aber eher wie ein Mauerblümchen, mit ihren vollen Hüften. Ob Samo das auch so sah, wusste sie nicht, aber für ihren Geschmack war Drahomira etwas zu rund.
Die anderen beiden Frauen von Samo kannte Rodźisława zu wenig, als dass sie sich ein Bild von ihnen machen konnte. In jedem Fall wollte sie eine Führungsrolle unter Samos Frauen einnehmen und irgendwann würde Drahomira – die diese Stellung jetzt innehatte – für Samo einfach zu alt werden. Sie jedenfalls wollte ihm zeigen, welche Frau am besten zu ihm passte.
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