Sowieso ist "(...) das Eigentliche dort zu suchen, wo die wissenschaftliche Interpretation nichts mehr findet, die alles, was ihr Gehege übersteigt, als unwissenschaftlich brandmarkt" (Martin Heidegger, Einführung in die Metaphysik , Max Niemeyer Verlag, Tübingen 1987, S. 124) . Man braucht also nicht so weit zu gehen wie Richard Feynman ("Science is the belief in the ignorance of the experts", www.real-science.com/) um mit Leibowitz zweifelnd den Kopf zu wiegen.
Bossuet's – übrigens gleichzeitig mit Leibnizens "Théodicée" angestellten – Betrachtungen zur Geschichte als Heilsgeschichte, so wie sie in Discours sur l'Histoire universelle (Garnier-Flammarion, Paris 1966) niedergelegt sind, bieten wohl die biblisch beschlagenste, historisch (immer noch) überzeugendste und literarisch beste Darstellung dessen, was nun zu behandeln ist.
Auβer Bossuet aber sind hier Leute wie Corbin, Grousset, Kalisky oder auch Arnaldez heranzuziehen die, weil "islamspezifischer" als Bossuet, uns jetzt die Munition für die am Anfang des Kapitels angekündigte "Fundamentalistenschelte" liefern werden. Denn da besagte Fundamentalisten im Nahen/Mittleren Osten "wirken" oder jedenfalls dort ihre Wurzeln haben, so kann es überhaupt nicht schaden, ihnen das genau dort stattgehabte Wirken jenes "Geistes" der auch im Islam als "heiliger" bekannt ist ("rûh"), doch einmal näher vor Augen zu führen:
Im Petersdom zu Rom wird der Hl. Geist zwar als Taube dargestellt, aber die Manifestierungen seines Wirkens sind oft alles andere als sanft. Es gibt denn auch in der Bibel einen Satz der ungefähr lautet "wen Gott liebt, den züchtigt er". Das gilt, sagt Bossuet, auch für Völker. Nur, die "Liebe" Gottes wird meist erst im Nachhinein ersichtlich und auch nur, wenn man die Geschichte als das sieht, was sie auch ist, nämlich "Heilsgeschichte". Es geht dabei um viel mehr als nur um "des einen Uhl, des andern Nachtigall".
Ganze Reiche wurden ja zu Groβmächten weil blutrünstige Herrscher und Schriftgelehrte eines Nachbarlandes mit vereinten Kräften irgendeiner Bevölkerungsgruppe dort das Leben sauer machten, allein weil sie "anders dachte". Hier in Flandern denkt man dabei vor allem an die vom Herzog Alba vertriebene flämische Intelligentsia die dann in Holland die "gouden eeuw" (das "goldene Jahrhundert" der nl. Weltmacht) heraufführte. Bekannt ist aber auch die Geschichte der 4.000 Toten in der "nuit de la St. Barthélémy" und der dadurch vertriebenen französischen Hugenotten, die maβgeblich am Aufbau Preuβens, also des "Erbfeindes", beteiligt waren.
"Hierauf stellte der Herzog von Guise seine Hauptleute zu beiden Seiten des Louvre auf, mit dem Befehl, keinen, der im Dienste des Prinzen von Bourbon stand, herauszulassen. Was Cosseins betrifft, so vermehrte und erneuerte man seine Mannschaft und gab ihm denselben Befehl (...) Charron benachrichtigte alle Hauptleute der Stadt, sie hätten sich um Mitternacht vor dem Rathaus einzufinden. Dort empfingen sie aus dem Munde Marcels - weil dieser beim König viel galt - den ihnen willkommenen, wenn auch seltsamen Befehl und vor allem das Verbot irgendjemanden zu verschonen; in allen Städten Frankreichs geschehe, was hier (...) Am Tor des Louvre und drinnen wurden getötet: Pardillan, Saint Martin, Beauvais und Pilles; wie dieser letzte seine Gefährten tot sah, rief er: 'Ist das der Friede, den der König mit seinem Treuewort uns zugesichert? Räche, o Gott, diese Treulosigkeit!' Mit diesen Worten zog er seinen Mantel aus und starb unter den Streichen der Halbarten. Der Vizegraf von Léran stand nach den ersten Streichen wieder auf und stürzte sich auf das Bett der Königin von Navarra; die Kammerfrauen retteten ihn... " (nach Théodore Agrippa d'Aubigné). Die letzten Worte des Herrn von Pilles "Räche, o Gott, diese Treulosigkeit!" nun also, die haben sich später auf eine furchtbare Art verwirklicht :besagte Bartholomäusnacht und, noch massiver, die spätere "révocation de l'édit de Nantes / Widerrufung des Toleranzedikts von Nantes", haben bekanntlich zwei Hugenotten-Auswanderungswellen verursacht, die einerseits der frz. Wirtschaft erheblichen Schaden zufügten weil diese Leute überdurchschnittlich geschult waren, und die andererseits in allererster Linie dem damals kaum erst flügge gewordenen Mini-Staat Preuβen zugute kamen. Nicht nur Theodor Fontane (selbst ein Nachfahre jener Hugenotten) hat die kaum zu überschätzende Rolle seiner Vorfahren im plötzlichen Groβmachtsstreben Preuβens hervorgehoben. Welches zu unterstützen auch in späterer Zeit noch der "liberale Kaiser" Napoléon III unternahm, getreu dem alten Adagium quos Jovis vult perdere, prius dementat (wen Jupiter verderben will, dem raubt er zuvor den Verstand) , denn "Napoleon III, der ehemalige Umstürzler, Geheimbündler und Hochverräter, verband den verschwommenen, sentimentalen Liberalismus seiner Zeit mit der alten französischen Passion für la gloire . Um seine persönliche Stellung zu stärken, betrieb er einen Kreuzzug gegen die Verträge von 1815 und 1818, die Frankreich Sicherheit gewährt hatten, und beschleunigte Preuβens Aufstieg und Frankreichs Niedergang durch seine antiösterreichische Politik in Italien, die einen Rückfall in die unzeitgemäβe, längst diskreditierte Politik darstellte, der die französische Monarchie schon einmal mit dem Allianzwechsel von 1756 ein Ende gesetzt hatte" (Sir David Kelly, Die hungernde Herde , Piper, München 1959, S. 94).
Diesem Groβmachtsstreben und seinen weltpolitischen Folgen haben wir Europäer die beiden Weltkriege sowie, in deren Folge, allerdings auch ("objektiv-dialektisch") die EU zu verdanken.
Vergleichbares nun gab's auch im oftmals umkämpften türkisch-persischen Grenzgebiet, wo eine durch irgendeinen sunnitischen Osmanen-Selim gleichfalls befohlene "nuit" die Verschmelzung der verschiedenen damaligen Invasoren mit den iranischen Bewohnern erst möglich gemacht hat. Der Shi'ismus im Iran, das heiβt: die zukunftsträchtigere Version des Islam, ist denn auch so recht eigentlich das Produkt eines der fürchterlichsten religiösen Gemetzel aller Zeiten. Dies ist das erste wirklich gelungene und, wie es sich gehört, "objektiv-dialektische" Beispiel einer nicht auf ethnischer, sondern religiöser Basis errichteten Nation. Besagte "nuit", das waren allerdings auch nicht läppische 3- oder 4000 Tote, das waren schon mal locker 40.000. Nun, Schah Ismail oder Schah Tahmasp und wie sie alle hieβen, die haben jedenfalls ganze Arbeit geleistet. Das persische Groβreich der Séféviden ist denn auch beinahe ausschlieβlich den Qizilbaschs zu verdanken gewesen.
Auch einen gewissen Al-Tustarî gab's mal in Nahost, sowie seinen Schüler, den späteren Märtyrer Al-Hallâj. Als Soufis sind sie zwar eher "verdächtig", weil mystisch , aber man sollte nicht vergessen dass es der "mystische" Nicolaus Cusanus war, der das aristotelische Genauigkeitsideal gebrochen viiund damit, in schönster "objektiver Dialektik", die Entwicklung zur wissenschaftlichen Neuzeit überhaupt erst möglich gemacht hatte. Wobei diese allerdings ohne jenen mittelalterlichen Zwang von dem Nietzsche schreibt (hinter allen Phänomenen immer den Einen Gott sehen zu müssen), mit Sicherheit niemals stattgefunden hätte.
Besagten Zwang gab's also nicht nur bei uns. Dass nun Leute wie al-Hallâj blutig unterdrückt wurden, läβt aber zumindest vermuten, dass damit eine durchaus ernstzunehmende, der cusanischen in etwa ähnliche Entwicklungslinie abgeschnitten wurde (wie ja auch die der Mu'taziliten: fünf Jahrhunderte vor St. Thomas und zehn Jahrhunderte vor Kant hatten schon Leute wie 'Amr b. 'Ubayd und vor allem Wâsil b. 'Atâ die Erklärung und Interpretation des Koran durch traditionelle Vermittlung verworfen). Im übrigen leistete sich die islamische Welt gerade damals auch noch den Luxus, eine andere vielversprechende Entwicklung zu unterdrücken: Im Gegensatz zu den alten Griechen, bei denen verschiedene Grammatiker auch schon epische Griffelschlachten ausgefochten hatten, war nämlich im Islam der Streit zwischen der Schule von Koufa und jener von Basra von ungeheurer Wichtigkeit, da ja die Interpretation des Korans davon abhing.
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