Dieses halbmythische "den Weibern Ausgeplauderte" nun verbirgt einen handfesten anthropologischen Hintergrund, der in primitiverer Form auch in der Tierwelt zu beobachten ist: Was schon Darwin "the female choice" genannt hat, und was, bei Licht besehen, das eigentliche Startsignal der Entwicklung vom primitiven Hominiden hin zum Menschen gegeben hatte.
Vor rund 500.000 Jahren verschwand der homo erectus und machte dem Neandertaler Platz, welcher die ersten Formen dessen zeigt was wir "Menschlichkeit" nennen: Gebrechliche versorgen und Tote begraben. Dies scheint nun allerdings überhaupt keine "Anpassung an die Natur" im eigentlichen Sinne zu sein, also muss der Selektionsvorteil allein beim Menschen liegen; bleibt die Frage, wer den dazugehörigen Druck ausübte. Die Antwort ist: es waren die Frauen.
Die Frauen, die also jenen Männern den Vorzug gaben, bei denen sie Verantwortungs- und Mitgefühl wahrnahmen, bei denen man also damit rechnen konnte, dass sie die Belange der Anderen in Rechnung stellen würden bei etwaigen schwerwiegenden Beschlüssen. Das dauerte dann einige Hunderttausende von Jahren, da gibt's richtige "Geröllhalden" von Sagen, Legenden und Mythologie, aber das weiβ man ja alles und das ist hier auch nicht weiter relevant – auβer, natürlich, jener Feststellung dass "die Weiber" (wieder mal) an allem schuld sind . Biblisch: Eva und der Apfel. Der Sündenfall. – "Man muss indessen annehmen", so ein ungefährer Zeitgenosse Clemens', der oft und gern allegorisierende Origenes, "dass all das Gute und Böse, das unserem Herzen eingeflüstert wird, nichts anderes bedeutet als einen Anreiz, der uns zum Guten oder Bösen veranlassen will". Ja, und: man muss bedenken, dass ein Groβteil jener patristischen Betrachtungen, Dispute und dogmatischen Zwistigkeiten ganz einfach daher rührt, dass man damals weder von Hormonen noch vom Unbewuβten, ob individuell oder kollektiv, irgend etwas wuβte (... umso mehr "wuβte" man von Teufeln, von Beelzebub und Satanas incubus/succubus).
In diesem Zusammenhang nun ist es doch beachtenswert, wie unsere "tabulose" Zeit sich immer noch der verstaubtesten Moralbegriffe bedient wenn es um jene Gottesgeschenke geht, die unsere Fortpflanzung zu dem machen, was sie ist: die allererste und stärkste Pflanzstätte zwischenmenschlicher Beziehungen.
Nun könnte man ganz unschuldig die Fundamentalisten aller Couleur fragen "Wer aber hat denn nicht nur Engel und Teufel, sondern auch Hormone und mit ihnen Triebe und fleischliche Lüste geschaffen? Ist nicht auch unsere Haut das Kleid, das Gott selbst uns gegeben hat?"
Anaïs Nin gab dieser elementaren Einsicht ein poetisches Gesicht. Begeben wir uns mit ihr "(...) hinunter in den Untergrund der Nacht, die dem ersten Mann und der ersten Frau zu Beginn der Welt so wohlgesinnt war, wo es keine Worte gab, mit denen man einander besitzen konnte, keine Serenadenmusik, keine Geschenke, mit denen man buhlen, keine Turnierkämpfe, mit denen man beeindrucken und ein Nachgeben erzwingen konnte, keine nebensächlichen Mittel, keinen Schmuck, keine Halsketten, Kronen, mit denen man überwältigen konnte, sondern nur ein einziges Ritual: ein freudiges, freudiges, freudiges, freudiges Aufspießen der Frau am sinnlichen Mast des Mannes" [ Die neue Empfindsamkeit , Knaur, München 1994, S. 11]. Dies hat ja nun zwar, nicht nur wegen der darin enthaltenen Geschichtlichkeit ("zu Beginn..."), durchaus auch gesellschaftspolitische Implikationen, denn schlieβlich sind Kriege historisch ja nichts anderes als auf die Spitze getriebene Beutezüge womit das Männchen seinem Weibchen imponieren will, wobei sich dann mit "männlicher Logik" die dazugehörigen Rechtfertigungsarien [gottgegebene Überlegenheit des eigenen Misthaufens bezw. des dort oben krähenden Hahns usw] entwickelten.
Die Extrem-Ausprägung dieser gottgegebenen Überlegenheit des eigenen Misthaufens heiβt bekanntlich "Rassismus" – und da ja die Italiener wirklich gute Opernkomponisten haben, sich also mit Arien aller Art bestens auskennen, kommt hier jetzt etwas für Feinschmecker: "Poiché la consegna era quella di negare agli etiopici ogni virtù, anche la più evidente, per accreditare la tesi che essi costituivano il popolo più barbaro ed incapace, si sostenne fin dall'inizio del conflitto che se erano in grado di opporre una certa resistenza, tutto il merito era dei 'mercenari bianchi' che militavano nelle loro file. Questi misteriosi bianchi, che in réaltà non furono mai più di cento fra esperti militari, piloti e medici, diventarono migliaia per la propaganda del regime, che doveva in qualche modo giustificare la lentezza con la quale procedevano le operazioni... – Weil die Losung lautete, den Äthiopiern jegliche, auch die augenfälligste Tugend abzusprechen um die These zu akkreditieren dass sie das barbarischste und unfähigste Volk seien, so wurde seit dem Anfang des Konflikts behauptet dass, wenn sie imstande waren einen gewissen Widerstand zu leisten, der ganze Verdienst den 'weiβen Söldnern' zukam die in ihren Reihen kämpften. Diese geheimnisvollen Weiβen, deren es in Wirklichkeit nie mehr als hundert gab bei den Militärexperten, Fliegern und Krankenpflegern, wurden durch die Propaganda des Regimes zu Tausenden, was irgendwie die Langsamkeit erklären sollte mit welcher der Feldzug voranschritt" (Angelo del Boca, "La guerra d'Abessinia 1935-1941", Feltrinelli Editore, Milano 1965, S. 79)
John Lukács faβt diese Einsicht in Die Geschichte geht weiter (Heyne, München 1996) in einer Fuβnote trefflich zusammen: "Die Empfindungen und Loyalitäten des Nationalismus sind männlich-kategorisch, intellektuell oder zumindest mental. Das intuitive Wesen der Frauen ist nicht so kategorisch, nicht so ausschlieβlich, menschlicher und potentiell universaler", vgl. auch Maupassant : "(...) denn die Frauen kennen weder Kaste noch Rasse, ihre Schönheit, ihre Grazie und ihr Charme sind ihre Herkunft und Familie. Ihre angeborene Feinfühligkeit, ihr Instinkt für Eleganz, ihre geistige Geschmeidigkeit sind ihre einzige Hierarchie, und machen die Volksmädchen den gröβten Damen gleich." [ Contes du jour et de la nuit (5- "La parure"), Gallimard Folio, Paris 1984]. Diese tiefe Einsicht soll im folgenden analysiert werden.
Zunächst führt sie uns zu Angelika Aliti, welche, unschwer zu erkennen, eine "Emanze" ist. Indes kann es als Tatsache bezeichnet werden, dass jene oben genannten "Geröllhalden" auch den heute als gesichert anzusehenden und von Aliti brillant behandelten historischen Fakt beinhalten, dass die früheren matriarchalischen Gesellschaften gewaltsam durch patriarchalische abgelöst wurden. Medea, Klytämnestra, Elektra kann man als symbolische Trägerinnen sehen von wichtigen Teilen jener unter besagter "Geröllhalde" subsumierten Ereignisse, die als "mythische" Legenden Eingang in die Weltliteratur gefunden haben. Dass aber sehr viel mehr als nur "Sagenhaftes" dahintersteckt, macht Aliti in ihrem Buch "Die wilde Frau" fest am Beispiel des alten Kreta.
"Als der Archäologe Sir Arthur Evans Ende des 19. Jahrhunderts an der Nordküste der Insel Kreta bei Ausgrabungen auf die Überreste einer bedeutenden Kultur stieβ, hatte er wahrscheinlich beste Absichten, diese Kultur so verstehen zu wollen, wie sie war.
Er war allerdings nicht fähig, andere Wirklichkeiten als die, in der er lebte, als Erfahrungsgrund heranzuziehen, und so wurde er ein Opfer seiner beschränkten Deutungsfähigkeit. Dies wäre nun nicht weiter erwähnenswert, wenn es nicht zur Folge gehabt hätte, dass Evans' Miβdeutungen bis auf den heutigen Tag Einfluβ auf unser Denken haben, der weit über den Bereich Archäologie und Geschichte hinausgeht. (...) Die Welt, in der er lebte, das ausgehende 19. Jahrhundert, betrachtete sich als Höhepunkt der abendländischen Kultur, die in Griechenland ihre Wurzeln hatte (...) Die Frauen seiner Zeit waren nicht geeignet, auch nur den geringsten Zweifel darüber aufkommen zu lassen, dass Männer laut Pythagoras das gute Prinzip, die Ordnung und das Licht repräsentierten. Hätte damals jemand den guten alten Sir Arthur damit konfrontiert, dass es Kulturen gab, die matriarchalisch organisiert waren, in denen es keine HERRschaft gab und männlich und weiblich ganz anders definiert wurden, so hätte er es – obwohl ihm Bachofens Erkenntnisse über das Matriarchat als natürliche Gesellschaftsform des Menschen hätten zugänglich sein können – schlichtweg einfach nicht geglaubt, sowenig wie er grüne Marsmännchen als Erbauer der Akropolis akzeptiert hätte. (...)
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