Wenn er schweigend am Tisch saß und sein Brot aß, sah sie ihn besorgt an, den breiten Mund, der immer fast wie ein Lächeln wirkte, zusammengekniffen. Vielleicht spürte sie es auch.
Jetzt, mitten unter den Dorfleuten, fühlte er, dass etwas bevorstand. Etwas Unerhörtes. Er erinnerte sich vage an den Traum in der Schmiede. In diesem Traum hatte sich sein Leben verändert, und er hatte darüber gelacht vor Freude. Aber jetzt fürchtete er sich davor. Zwei schmerzende Stellen schnitten durch diesen Traum wie Schlangenzähne, und ihr Gift brodelte in seinem Blut.
Trotz allem brachte er seine dunklen Vorahnungen nicht mit dem Vogt in Verbindung, der auf dem Stein neben der Eiche stand und auf die Leute herabblickte. Die Augen hatte er wie immer halb geschlossen, als wollte er ihnen den Anblick des gemeinen Volks nicht zumuten. Er stand fast an derselben Stelle, an der Folke im Mondlicht gestanden und sich an Zauberei erinnert hatte.
„Das Heer des Fürsten braucht jeden Mann”, sagte der Vogt bedeutungsvoll. „Der Kampf gegen die Aelfen ist nicht irgendein Krieg. Wir oder sie. Wenn wir leben wollen, müssen wir gewinnen.”
Die Mütter stellten sich schützend vor ihre Söhne.
„Ihr habt uns alle Männer genommen!”, rief Lif, Eglis Mutter. „Wollt ihr jetzt noch die Kinder in den Krieg schicken?”
Die Frauen schüttelten die Fäuste und riefen Drohungen. Ihre Gesichter waren hart, ihre Augen rebellisch. Einen Augenblick lang war Folke sicher, dass niemand ihnen etwas wegnehmen konnte.
„Wir brauchen keine Kinder”, sagte der Vogt verächtlich, als wieder Ruhe eingetreten war. „Hier im Dorf gibt es einen Blutschwertmann. Er soll vortreten!”
Die Dorfleute sahen sich verwirrt an.
„Ihr müsst Euch irren”, sagte Lif. „Ihr meint sicher ein anderes Dorf.”
Brokk trat neben den Vogt, streckte den Arm aus und zeigte auf Folke. Alle sahen ihn an. Er las Unglauben in ihren Augen und Entsetzen in denen seiner Mutter. Verstört schüttelte sie den Kopf.
„Tritt vor, Blutschwertmann!”, rief der Vogt.
Folke zögerte. Seine Beine fühlten sich so schwer an wie das Eisen der Sümpfe. Mühsam tat er einen Schritt nach vorn, während er an nichts anderes denken konnte als an dieses Wort.
Blutschwertmann.
Es klang hart. Nach Krieg und Tod. Er konnte nicht gemeint sein. Es war ein Irrtum. Er hatte nur fünfzehn Sommer gesehen. Einen zu wenig.
Aber in seinen Gedanken war ein Zaubergesang und ein gewaltiges Zischen. Eine Schlange aus Dampf und Stahl.
Und an seinem Arm waren zwei Wunden.
Eine Hand legte sich auf seine Schulter und riss ihn zurück.
„Was tust du?”, schrie seine Mutter ihn an. Dann wandte sie sich an den Vogt. „Er ist zu jung. Ihr könnt ihn nicht mitnehmen! Er ist kein Blutschwertmann! Wer hat Euch diesen Unsinn erzählt?”
Die Leute murmelten beifällig. Folke fing einen Blick vom alten Atli auf, einen Blick voller Grauen, der bedeutsamer war als der Zorn seiner Mutter. Sie verstand nicht, aber Atli verstand es. Folke konnte es in seinem Blick lesen. Es gab kein Zurück. Er war ein Mann geworden in der Schmiede. Ein Blutschwertmann. Er wusste nicht, was es bedeutete, aber es schien etwas Schlechtes zu sein.
Unheil. Sie pflanzen das Unheil in dich.
Er wandte sich ab und trat noch einen Schritt nach vorn, obwohl die Hand seiner Mutter sich in seinen Hemdrücken krallte und wütend daran zog.
Der Vogt tuschelte mit Brokk, dann winkte er Folke zu sich, der vortrat und seine Mutter dabei hinter sich her zerrte.
„Dieser hier ist ein Blutschwertmann”, sagte der Vogt. „Wir werden es beweisen.”
Brokk überreichte ihm ein Schwert, das er hinter seinem breiten Rücken hervorholte. Es sah neu und glänzend aus. Sonnenlicht tanzte über die Schneide, und Folkes Herz klopfte schneller bei diesem Anblick. Das war sein Schwert. Das war, was er gewollt hatte. Der Vogt übergab es ihm, und sobald er es berührte, leuchtete die Klinge in einem rötlichen Schimmer kurz auf, um dann wieder zu verblassen. Alle hatten es gesehen.
„Blutschwertmann!”, rief der Vogt.
Brokk grinste triumphierend.
Folke starrte auf das Schwert in seiner Hand, spürte, dass es sein Blut war, das dort in der Klinge geleuchtet hatte. Das Schwert schien ihn zu erkennen und seine Nähe zu suchen. Der Griff, ein mit rätselhaften Zeichen verziertes Stück Stahl unter einer leicht geschwungenen Parierstange, schmiegte sich in seine Hand wie der Kopf eines Kätzchens, das gestreichelt werden wollte. Folke schauderte. Gleichzeitig aber fühlte es sich gut und richtig an.
Blutschwertmann.
Das Wort dröhnte immer noch durch seinen Kopf wie eine schwere Glocke, die, einmal in Gang gesetzt, lange nicht mehr aufhören würde zu schlagen. Mühsam wandte er den Blick von dem Schwert ab und schaute in die Augen der Leute rundum. Egli und die anderen Jungen wirkten schockiert. Die Augen seiner Mutter waren so fremd, dass er es nicht ertragen konnte.
„Verfluchte Zauberer!”, rief der alte Atli und spuckte aus.
Folke warf das Schwert von sich, obwohl ihm das seltsam schwer fiel, und rannte los, stieß Leute zur Seite, den Blick zu Boden gesenkt, und lief zwischen den Häusern aus dem Dorf heraus. Er wollte nicht noch mehr von diesen Blicken sehen, keine Augen, die wie Mauern waren, die ihn ausschlossen. Über Wiesen lief er und zwischen weidenden Rindern hindurch, die mit unwilligen Gebrüll schwerfällig auseinanderstoben, bis er einen Bach erreichte, an dessen Ufer er sich niederwarf, um sein Gesicht zu kühlen und mit dem Wasser des Bachs das Wasser der Augen abzuwaschen, das heiß auf seiner Haut brannte. Dann legte er sich auf den Rücken und starrte zum unbewölkten Himmel hinauf. Er fühlte sich wie eins der Grasbüschel, die von dem schweren Wagen der Schmiede überrollt und zerdrückt worden waren.
Was hatte er getan? Etwas Entsetzliches. Etwas Verbotenes. Er hatte es in den Augen seiner Mutter gesehen, die ihn angestarrt hatte wie einen Fremden, vor dem sie sich fürchtete. Und dahinter war nichts gewesen. Kein Verzeihen, kein Lächeln, kein Verständnis. Alle waren vor ihm zurückgewichen. Bei allen hatte er diese Angst gespürt, die er sich nicht erklären konnte. Er verstand es nicht. Verstand das Wort nicht.
Blutschwertmann.
Darin steckte etwas Schreckliches, das ihn zu einem Ausgestoßenen, Mutterlosen, Dorflosen machte. Er spürte den Verlust wie körperlichen Schmerz. Das war es nicht, was er gewollt, was er in der Schmiede gesucht hatte. Ein Krieger hatte er werden wollen, zu dem alle aufschauten, den alle bewunderten. Jetzt war er zu etwas geworden, das alle fürchteten und verabscheuten.
Die Einsamkeit, die ihn umfing, war greifbar, wie ein Mantel, den er selbst um sich geschlungen hatte. Selbst hier am Bach war alles totenstill, als ob alle, sogar die kleinsten Tiere ihn flohen. Er fror in diesem Mantel, fror bis auf die Knochen, und konnte ihn doch nicht abwerfen.
Lange Zeit blieb er liegen und wartete darauf, dass die Glocke in seinem Kopf aufhören würde zu schlagen.
Blutschwertmann. Blutschwertmann.
Der Tag ging vorbei, lautlos, schleichend, wie eine Seele auf dem Weg ins Totenreich.
Als er ins Dorf zurückkam, wandten sich alle ab, denen er begegnete. Sie verschwanden schnell in ihren Häusern und schlugen die Türen zu.
Er war ein Fremder geworden. Vor dem Haus seines Vaters fragte er sich einen Moment, ob er es noch betreten durfte.
Dann öffnete er die Tür.
Auf dem Boden der Stube, gleich neben dem Tisch, an dem sie immer aßen, lag seine Mutter, wand sich stöhnend unter Brokk, dem Schmied, dessen fahl weißes, pumpendes Hinterteil nicht zu seiner sonstigen Schwärze passen wollte. Folke konnte den Gestank des Mannes riechen und hatte augenblicklich das Bedürfnis, sich zu übergeben.
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