Seine Mutter bemerkte ihn. Ihre Augen zogen sich wie in Schmerzen zusammen, als ob sie nicht wollte, dass er in ihnen las.
„Geh raus!”, schrie sie. „Sofort!”
Brokk wandte ihm grinsend das Gesicht zu, ohne mit dem aufzuhören, was er tat. Seine bleichen Hinterbacken zitterten wie vor unterdrücktem Gelächter.
„Geh raus!”, schrie Folkes Mutter noch einmal. Es klang, als wäre sie dem Irrsinn nahe.
Folke warf noch einen Blick auf sie in dem schwarzen Gefängnis, in dem sie steckte, dann drehte er sich um und lief hinaus. Es war, als müsste er nur noch laufen. Schon wieder. Als trieb das Dorf selbst ihn immer wieder hinaus.
Im Wald traf er auf Egli, fand ihn beim Fällen der Bäume, die in den Öfen der Schmiede verschwinden sollten. Seine Gedanken waren festgefroren wie das Wasser des Ententeichs im kältesten Mittwinter. Auch wenn er noch so fest trat und hüpfte, das Eis wollte nicht zerbrechen. Daher wollte er sich zurückziehen, wusste nicht, ob er sprechen konnte, fürchtete sich vor dem Zersplittern des Eises. Aber dann blieb er doch. Egli war sein Freund. Wenn das Eis zerbrach, war er der einzige, der es hören durfte.
Egli hörte nicht mit der Arbeit auf, als er ihn kommen sah. Seine stämmige Gestalt schien in den immer gleichen Bewegungen gefangen. Selbst als Folke direkt neben ihm stand, holte er ungerührt weit mit seiner Axt aus und schlug sie hart in einen Baumstamm hinein.
Folke sah ihm eine Weile zu.
„Ich hab das nicht gewollt”, sagte er dann. Es klang wie eine Entschuldigung, aber es war kein Splittern zu hören.
Egli sagte nichts. Vergrub nur immer wieder die Axt im Baumstamm. Späne flogen, klebten an Folkes Hose fest. Das scharfe Hackgeräusch hallte weithin durch den Wald.
„Es war Brokk, der Schmied. Er hat mich reingelegt. Hat Zauberei angewandt.”
Ein weiterer Schlag mit der Axt.
„Er ist ein Zauberer!”, rief Folke beschwörend.
Die Wunde des Baumes wuchs und wuchs.
„Hörst du? Ein Zauberer!”, schrie Folke. „Du hast es selbst gesagt! Die Schmiede sind Zauberer! Ich kann nichts dafür!”
Egli zog die Axt aus dem Stamm, stellte sie auf den Boden und stützte sich darauf. Er sah Folke nicht an, sondern schaute auf die Erde, die mit weißen feuchten Holzsplittern übersät war, als wären Folkes Eisgedanken dort zerbröckelt.
„Du warst ständig in der Schmiede”, sagte Egli. „Hast dir angesehen, was sie dort machen. Warum warst du ständig in der Schmiede?”
Seine Stimme klang merkwürdig. Folke hörte bittere Vorwürfe darin. Und Wut. Aber sie klang leise, unsicher.
„Ich weiß nicht. Ich wollte sehen, ob sie zaubern. Sehen, wie sie die Waffen herstellen.” Und dann, als ob das alles erklärte, fügte er hinzu: „Brokk hat mir ein Schwert versprochen.”
Egli lachte verächtlich. „Nun, jetzt hast du eins.” Er nahm die Axt wieder in die Hand und führte den nächsten Schlag mit solcher Wucht, dass der Stamm erzitterte und einige schon gelbe Blätter auf die Jungen herabrieselten.
Folke wusste nicht, was er sagen sollte.
Egli warf plötzlich die Axt beiseite.
„Du musst ihm dein Blut gegeben haben!”, schrie er. „Wir haben dich gewarnt, und du bist trotzdem hingegangen. Du musst es gewollt haben! Warum hast du ihm dein Blut gegeben?”
Folke schüttelte den Kopf. „Ich erinnere mich nicht. Ich hatte einen Traum. Brokk hat viel geredet. Als ich zu mir kam, hatte ich diese Wunden.” Er zeigte seinen Arm vor, zog den Verband beiseite.
Egli wich zurück. „Es ist Zauberei!”, rief er. „Es ist verfluchte Zauberei! Du weißt, was das bedeutet, verdammt! Komm mir nicht zu nahe!” Er hob schnell die Axt wieder auf und hielt sie, als ob er sich gegen Folke verteidigen wollte.
Die Geste verwirrte Folke. „Was hast du? Glaubst du, ich würde dich angreifen?”
„Du bist ein Blutschwertmann.”
„Aber was bedeutet das?”, schrie Folke verzweifelt. „Ich bin derselbe wie vorher!”
Egli schüttelte den Kopf und ließ die Axt sinken. „Du weißt nicht, was es bedeutet, ein Blutschwertmann zu sein? Hat Brokk es dir nicht erklärt?”
„Nein. Erzähl es mir!”
„Frag Atli. Er hat es uns vorhin erklärt.”
„Sag es mir! Du bist mein Freund.”
„Frag Atli.” Egli schlug die Axt wieder in den Stamm. Neue Splitter flogen aus der Wunde.
Folke sah ihm einige Augenblicke lang zu. Dann drehte er sich um und ging zurück ins Dorf.
Atli saß auf einem Hocker vor seiner Hütte. Er hielt das Gesicht in die untergehende Sonne; die Augen waren geschlossen. Folke glaubte, dass er schlief, und überlegte, ob er ihn wecken sollte. Wollte er wirklich hören, was der alte Mann zu sagen hatte? Zögernd wandte er sich ab.
„Bleib hier, Blutschwertmann!”, sagte Atli.
Folke fuhr zusammen. Es war ihm, als hätte er seinen Namen verloren. Er war nicht mehr Folke Farlissohn. Er war der Blutschwertmann. Ein völlig anderer.
Missmutig setzte er sich neben Atli ins Gras und wartete ab, was der Alte sagen würde. Es gab nur eine Frage, die er stellen konnte, aber er hatte noch nicht genug Mut dafür.
„Sie haben dich reingelegt”, sagte Atli sachlich.
Folke schaute auf.
„Diese verdammten Schmiede!”, rief der Alte ungeduldig. „Es ist immer einer dabei, der Zauberei betreibt.”
„Warum tut niemand etwas gegen solche Zauberer?”
Atli lachte grimmig. „Weil er das Spiel der Fürsten spielt. Er bekommt eine hohe Bezahlung für jeden Blutschwertmann, den er dem Fürsten verschafft.” Er sah auf Folke herab, versetzte ihm eine Kopfnuss, aber keine wirklich schmerzhafte. „Du hättest besser aufpassen müssen! Was hattest du in der Schmiede verloren? Sie warten nur auf solche wie dich. Solche, die gierig dastehen, die Augen weit offen für das Blinken des Stahls. Er hat dir ein Schwert versprochen, nicht wahr?”
Folke nickte.
„Dummkopf!” Es klang nicht böse, eher mitleidig. „Vielleicht ist es meine Schuld”, murmelte er. „Ich hätte euch davor warnen sollen.” Er schien in Gedanken zu versinken.
„Was ist ein Blutschwertmann?”, fragte Folke. Es klang wie die Frage eines Kindes, und er schämte sich dafür.
„Zauberei”, sagte Atli. „Sie haben sie irgendwann von den Aelfen gelernt. Es gibt immer Leute, die nach ihnen suchen, mit ihnen verhandeln, ihr dunkles Wissen erwerben. Hexen. Und unter den Schmieden gab es immer Zauberer. Vielleicht sind sogar alle welche. Man sagt, die Schmiede haben Schwarzaelfenblut in ihren Adern. Auf jeden Fall ist das Schmieden eine schwarze Kunst. Eine Kunst, die zwischen den Elementen vermittelt. Sie verwandelt Erde durch Feuer, Luft und Wasser in etwas anderes. In Stahl, der töten kann.” Er brummte unwillig. „Ich hab es euch gesagt, aber ihr habt nicht auf mich gehört. Jedenfalls du nicht. Man muss sich vor der Zauberei hüten. Ja”, sagte er fest, als wollte er sich selbst davon überzeugen, seine Pflicht getan zu haben, „ich habe es euch gesagt.”
„Üben die Aelfen die Schmiedekunst denn auch aus?”, fragte Folke verwirrt.
„Sicher”, sagte Atli. „Auch sie haben Waffen. Schwerter, Schilde, Helme. Oh ja, es gibt Schmiede unter ihnen, seit alter Zeit. Aber sie meiden das Eisen. Sie arbeiten mit Silber. Es taugt nicht so viel wie Stahl, aber sie haben auch Waffen aus Stein. Sie lieben die Steine, machen Pfeilspitzen und Lanzen aus ihnen. Mit dem Silber schmücken sie sich lieber. Dafür haben sie ihre Schmiede. Und auch ein Schwert aus Silber kann tödlich sein, vor allem wenn es verzaubert ist.”
„Das Schwert, das Brokk für mich geschmiedet hat”, fragte Folke vorsichtig, „ist es auch verzaubert?”
Atli nickte. „Der Schmied hat dein Blut in den Stahl geschmiedet. Nun bist du mit dem Schwert verbunden, so lange du lebst. Es ist ein Teil von dir. Blut in Waffen zu verschmieden ist alte Zauberei. Es ist ein Fluch. Die Blutzauber bringen Unheil.”
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