Müde und zermürbt lehnte ich mich an die Aufzugswand, blickte in mein erschöpftes Gesicht, das mir die vielen Spiegel zeigten. Im achten Stock hielt der Aufzug und der Pförtner brachte mich zu meinem Apartment, das rechts am Ende eines tristen, mit grauem Linoleum ausgelegten Flurs lag. Lichterfunzeln, im wahrsten Sinne des Wortes, hingen von der Decke. Ihr spärliches Licht stand in krassem Gegensatz zur voll illuminierten Eingangshalle.
»Dieser Flur wird auch noch renoviert. Er ist einer der letzten und auf dem Boden wird noch Holzlaminat verlegt «, sagte Lyman, der augenscheinlich die Überraschung auf meinem Gesicht gesehen hatte. Kaum merklich nickte ich. Trotzdem sinnierte ich vor mich hin: Ob das mit dem Zimmerteilen nicht auch noch ein Reinfall wird?
Nach dem Aufschließen empfing mich ein dunkler Flur, von dem vier Türen abgingen. Schuld waren das dunkle Rot an den Wänden und die braunen Zimmertüren, die die Wohnung eher düster und wenig einladend wirken ließ.
»Der linke Raum ist die Küche, der rechte gegenüber das Badezimmer und die Tür gleich neben dem Bad ist Ihr Zimmer. Die Tür ist nicht verschlossen, der Schlüssel steckt von innen. Sie können Tag und Nacht am Empfang bei Fragen anrufen und Hilfe von uns bekommen.«
Ich verabschiedete mich und drückte Mr. Lyman ein Trinkgeld in die Hand.
Neugierig öffnete ich die Tür. Ein helles, großes Zimmer hieß mich willkommen, in das ich all mein Gepäck hineinschob und achtlos Handtasche und Mantel auf das Bett warf. Es roch nach Desinfektionsmittel. Ich blickte mich um und entdeckte einen kleinen Balkon. Als ich die Tür öffnete, um frische Luft hereinzulassen, konnte ich es nicht fassen. In Schätzungsweise fünfhundert Meter Luftlinie lag der Pazifische Ozean vor mir, es roch salzig. Über den Strand flogen Möwen, die ich trotz der Entfernung schemenhaft wahrnahm. Der Himmel war wolkenlos und die Sonne strahlte mit mir um die Wette. Ich vollführte einen Freudentanz auf dem kleinen Balkon, den ein blauer Bistrotisch und zwei gelbe Klappstühle zum Verweilen einluden. Blumenkästen mit undefinierbaren Grünpflanzen hingen am Geländer zur Innenseite.
Plötzlich war meine Müdigkeit verflogen. So schnell wie möglich packte ich meinen Koffer und Rucksack aus, bezog das Bett mit Bettzeug aus dem Schrank. Ich war nicht zu bremsen, riss mir die Klamotten vom Leib, zog meinen Bikini an, darüber unifarbene Shorts und ein T-Shirt mit Blumenmuster, griff nach dem Handtuch und einer kleinen Tasche für Geldbeutel und Handy. Den Rest der Wohnung konnte ich auch später noch inspizieren. Der Anblick des türkisfarbenen Wassers hatte mich in Hochstimmung versetzt. So schnell wie möglich wollte ich ans Meer. Auf dem Weg dahin würde ich Ausschau nach einem Geschäft halten, um ein paar Lebensmittel einzukaufen.
»Mr. Lyman, können Sie mir bitte sagen, wie ich auf direktem Weg zum Strand komme und wo ich einen Supermarkt finden kann?«
Überrascht schaute er mich an, lachte dann jedoch, als er meine Ungeduld bemerkte.
»Sobald Sie aus der Tür kommen, gehen Sie nach rechts. Dort stoßen Sie auf einen schmalen Weg, der direkt zum Meer führt. Ungefähr eine viertel Stunde zu Fuß, vielleicht auch weniger. Unterwegs sehen Sie nach der Klinik auf der linken Seite einen kleineren Lebensmittelladen, weit größere erreichen Sie nur mit dem Bus oder Auto.«
»Dankeschön.« Wie ein kleines Kind an Weihnachten oder Geburtstag stürzte ich nach draußen. Pfeifend bog ich in die kleine Gasse ein. Je näher ich der Küste kam, desto intensiver hörte ich das Geräusch der Wellen, sanft spürte ich die Brise auf meinem Gesicht und der Wind zerzauste mein Haar. Die warme Sonne kitzelte meine Haut. Blumen in bunten schillernden Farben säumten den Weg, und in den sehr gepflegten Vorgärten der Häuser wuchsen Palmen und exotisch aussehende Bäume. Die Klinik und unser Wohnheim lagen anscheinend am Rand eines Wohnviertels. Was dahinter lag, darüber konnte ich nur spekulieren, aber es schien mir im Moment unwichtig.
Als ich dann endlich die Küste mit dem Sandstrand und dem türkisfarbenen Wasser erreichte und die unendliche Weite erblickte, stockte mir der Atem. Der Anblick war wunderschön und ich konnte es nicht mehr erwarten, meine Füße in das Wasser zu strecken. Ich zog meine Espadrilles aus. Seit Jahren spürte ich wieder das erste Mal den knirschenden Sand zwischen meinen Zehen. Mit meinen Eltern bin ich in den Sommerferien immer in die Berge gefahren. Nach dem schrecklichen Erlebnis auf Mallorca vor sieben Jahren, mieden wir das Meer. Ich schob die traurigen, immer noch schmerzenden Erinnerungen schnell beiseite und rannte lächelnd zum Wasser. Achtlos legte ich meine Sachen ab. Erste Wellen, die sanft am Ufer ausliefen, umspülten meine Füße. Ich hätte die Welt umarmen können und breitete symbolisch die Arme aus.
Gemütlich setzte ich mich auf mein Handtuch, zog das T-Shirt aus und holte mein Handy aus der Tasche. Ich machte ein Foto und sendete es meiner besten Freundin Beate in Deutschland. Ich spürte den warmen Sand durch das Laken: Herrlich! Ich war so glücklich und blickte entspannt über das fast stille Meer. Weiße Schaumkrönchen zierten die sanft auslaufenden Wellen.
All die letzten Jahre musste ich auf Urlaube und vieles andere verzichten, denn ich wurde während meines Studiums nur begrenzt von zuhause unterstützt. Neben dem Studium arbeitete ich in einem kleinen Bistro, so oft es meine freie Zeit erlaubte. Das Büffeln und der Stress der letzten Monate fielen nun von mir ab. In diesem Augenblick blendete ich alles hinter mir aus und fühlte mich so frei und unbeschwert wie schon lange nicht mehr. Genau in diesem Moment vibrierte mein Handy und ich bekam eine SMS.
Ich las Michaels Namen und öffnete die Nachricht.
>Hoffe du hast mehr Glück mit deiner Wohnung als mit deinem Koffer? ;-) <
Mein Herz setzte kurz aus und mein Puls beschleunigte sich. Als mein Atem endlich wieder ruhiger floss, schrieb ich zurück.
>Sitze gerade am Meer und bin überglücklich. Meine Wohnung war nicht frei, aber wurde durch einen unglaublichen Ausblick entschädigt. ;-)<
Glückselig steckte ich mein Handy in die Tasche, nahm das Handtuch, zog mein T-Shirt wieder an und ging zum Supermarkt, denn mein leerer Magen meldete sich allmählich, außerdem hatte ich Durst. Schnell waren ein paar Lebensmittel für den Abend und das Frühstück eingekauft. Von Milch, Haferflocken und Obst ernährte ich mich auch zuhause. Sie waren billige Nahrungsmittel und schmälerten nicht allzu sehr mein geringes Budget. Dann beeilte ich mich, um in die Wohnung zurückzugelangen. Den Rückweg an den wunderschönen Gärten vorbei, kannte ich nun schon und beachtete sie nicht weiter.
Bereits beim Aufschließen bemerkte ich, dass meine Nachbarin wohl nun zuhause war, denn die Küchentür stand offen. Ein himmlischer Duft nach mediterranem Essen empfing mich. Schon blickte eine junge Frau um die Ecke.
»Hey, ich bin Susan Smith.« Freundlich strahlend streckte sie mir ihre Hand zur Begrüßung entgegen.
»Hallo, und ich bin Emma Ritter.«
»Warst du gerade am Strand?«
»Ja, ich konnte es einfach nicht abwarten und kaufte bereits ein paar Sachen ein. Ich habe einen Bärenhunger.«
»Bist du nicht erst heute aus Europa angereist?« Sie machte große Augen und sah mich erstaunt an.
»Vor vier Stunden bin ich gelandet. Ich komme aus Deutschland. Ich koche mir noch schnell eine Kleinigkeit und dann lege ich mich schlafen.«
»Mein Essen ist schon fertig. Du bist herzlich eingeladen. Es gibt Pasta mit Tomatensoße und dazu einen Salat. Es ist genug für Zwei da. Sollen wir zusammen auf dem Balkon essen?« Sie wartete meine Antwort nicht ab und ging in die Küche zurück. Dort hantierte Susan am Herd. Die Küche war mit weißen und roten Möbel ausgestattet. Alles wirkte sauber und neu. Meine Nachbarin reckte sich, um an die tiefen Teller im Oberschrank zu kommen. Sie war etwas kleiner als ich, hatte eine samtige dunkle Haut und wunderschöne lange schwarz gelockte Haare. Ihre zierliche schlanke Figur steckte in weißen Jeans und blauem Polo-Shirt, auf dem das Abzeichen der Klinik aufgedruckt war.
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