„ Ähm … ja. Auf dem Dachboden. Komm, wir nehmen eine Taschenlampe und holen die Kerzen“, flüstere ich ihm zu. Er kommt tatsächlich mit. Bestimmt hat er Angst, dass ich die Leiter runter falle und folgt mir deswegen.
Langsam tasten wir uns die Treppe hoch. Einmal wäre ich fast hingefallen, aber Alex hat mich von hinten festgehalten. „ Huch“, kichere ich.
Ich hole eine Taschenlampe aus meinem Zimmer und leuchte Alex an. Er grinst. „ Was?“, frage ich.
„ Du bist echt betrunken“, antwortet Alex und lächelt noch mehr. Erst jetzt bemerke ich, dass Alex – im Gegensatz zu mir – noch nüchtern ist.
„ Quatsch, ich bin nur ein bisschen beschwipst“, entgegne ich und wanke aus dem Zimmer. Zusammen schleichen wir in Richtung Dachboden und er hilft mir die Treppe hoch. Heute ist sie irgendwie ganz besonders wackelig.
Oben angekommen, suche ich auf allen Vieren nach den doofen Kerzen. Der Dachboden ist eigentlich ziemlich gemütlich so mit dem Teppich … und er ist echt riesig – so wie alles hier. „ Ich hab sie!“, rufe ich Alex zu, der am anderen Ende des Dachbodens ist.
„ Cool; komm, wir gehen schnell wieder nach unten, damit die anderen auch was sehen können.“
„ Na gut …“, seufze ich. Wieso küsst du mich nicht, du verdammter Idiot?! Trotzdem wanke ich den Weg wieder nach unten und wir machen überall die Kerzen an. „ Oooooh, romantische Stimmung! Hätten wir jetzt noch Musik, wäre es ja totaaal romantisch!“, schwärmt April. „ Ich hab 'ne Idee! Ich hab die Gitarre von meinen Eltern noch aufgehoben. Kann irgendwer Gitarre spielen?“ Und ob! Mark, Tim und Alex melden sich zu Wort. Mensch, Alex kann wohl alles …
„ Okay, ich gehe die Gitarre holen! Komm mit, Mark!“ Und schon verschwinden sie nach oben.
„ Ob die wohl wirklich die Gitarre holen?“, meint Carmen verschmitzt, die auf einmal neben mir steht.
„ Hey, Sophie! Na, wie läuft's mit dir und Alex? Ich hab euch noch gar nicht küssen sehen! Wieso denn nicht? Das ist doch nicht so schwer! Ich zeig's dir!“, redet Jessica auf mich ein und ruft Paul zu sich. Ich hab's geahnt. Sie zieht ihn an sich und küsst ihn eng umschlungen. „ Na? Gesehen? Und jetzt du!“
„ Mensch, Jessica. Ich … ich will halt nichts … überstürzen! Und … vielleicht haben wir uns ja schon geküsst, aber du hast es nur nicht gesehen! Aber man sollte es langsam angehen, nicht wahr Carmen?“ Hilfesuchend wende ich mich an sie, doch die sieht mal wieder so aus, als müsste sie sich gleich übergeben.
„ O-oh. Also, wenn du kotzen willst, dann ins Klo, okay?“, warne ich sie und verdrücke mich schnell, damit Jessy mich nicht weiter nerven kann.
„ Wo gehst du denn jetzt hin?“, höre ich Jessy hinter mir her rufen.
„ Ich hole mir einen Drink“, rufe ich zurück, da es das erste ist, was mir einfällt.
„ Ihr habt euch eh noch nicht geküsst!“, schreit Jessica noch, was mich zusammenfahren lässt. Wie peinlich … In der Küche begegne ich Chris, der anscheinend auch ganz schön betrunken ist. „ Naa, Sophie“, lallt er. „ Du, Tim hat mir erzählt, dass du keinen Freund hast. Willste mir deine Handynummer geben?“ Ich weiß, ich bin auch nicht mehr nüchtern, aber noch nüchtern genug, um zu merken, dass dieser Typ mich gerade auf echt bescheuerte Art anmacht.
„ Ähm … nee, du. Lass mal.“
„ Ach, komm schon!“, entgegnet Chris. „ Ich weiß genau, dass du auf mich stehst und nur zu schüchtern bist, um mich anzusprechen.“ Er kommt näher auf mich zu geschwankt. „ Komm schon, Baby. Wir zwei auf einer Party bei Kerzenschein …“, redet Chris einfach weiter und kommt immer näher auf mich zu.
Langsam wird mir die Sache echt zu eklig. Als Chris gerade noch so einen blöden Spruch raus hauen will, kommt Alex hereingestürmt und schubst ihn weg. Mein Retter! Doch anstatt aufzugeben, schubst Chris ihn zurück, nachdem er sich wieder aufgerappelt hat. O-oh.
„ Chris, hör auf! Lass ihn!“ Ich versuche, zwischen die beiden zu gehen, aber Alex lässt es nicht zu. Einerseits finde ich es ja echt süß von ihm, dass er mich beschützen will, andererseits ärgere ich mich auch. Ich will ihm doch nur helfen! Ich, die betrunkene Sophie. Ist klar.
Als ich schon dachte, die beiden hören auf, sich so kindisch zu benehmen und hin und her zu schubsen, geht es erst richtig los. Chris schlägt Alex mitten ins Gesicht und ich schreie auf. Ich kann nicht sehen, ob er blutet oder nicht; dafür ist es hier echt zu dunkel. Jetzt reicht es auch Alex; er schmeißt sich auf Chris und schlägt auf ihn ein. Mittlerweile haben sich viele Schaulustige um sie herum versammelt und feuern entweder Chris oder Alex an, aber keiner greift ein, um das Schlimmste zu verhindern. Doch dann kommen Mark, George und Kevin – auch ein Kollege - und schaffen es, die beiden voneinander loszureißen.
George sieht mich an und sagt: „ Sophie, geh doch mal gucken, wie schlimm es ist.“ Als wir hoch gehen, sehe ich schon das Ausmaß der Schlägerei: Seine Lippe ist aufgeplatzt und er blutet an der Schläfe. Außerdem hat er ein blaues Auge.
Und das alles nur wegen mir. Irgendwie süß, aber auch echt bescheuert. Und das sage ich ihm auch, als ich vorsichtig das Blut abtupfe. Also, das mit dem „süß“ lasse ich weg. Alex verzieht das Gesicht.
„ Ja, ich weiß. Aber er ist ein Vollidiot und wie er dich da angemacht hat … das hat mich echt wütend gemacht.“
„ Ja, das war auch voll widerlich! Ich kann dich ja auch irgendwie verstehen, aber es war echt bescheuert!“
Er seufzt und nach einer kurzen Pause sagt er: „ Ich glaube, ich gehe dann gleich besser.“ Ich merke, wie diese sieben Worte meinem Herz einen Stich versetzten.
Am liebsten würde ich schreien: „ Nein! Geh noch nicht! Ich will jede Minute, jede Sekunde, mit dir verbringen!“ Und mich ihm an den Hals schmeißen.
Doch stattdessen sage ich nur leise: „ Ja, ist okay. … So ich bin fertig. Du kannst gehen.“
„ Okay, dann … danke. Für alles.“ Seine blutige Lippe verzieht sich zu einem Lächeln. „ Wer hätte das gedacht? Dass ich dein erster Patient bin.“ Er zwinkert mir zu, verzieht dann jedoch vor Schmerz das Gesicht und diese Worte lassen mein Herz schneller schlagen. Die Zuneigung Alex gegenüber überwältigt mich wie eine riesige Welle und ich lächle ich liebevoll an.
„ Bis … bis Montag, dann.“ Und mit diesen Worten verabschiedet er sich. Er gibt mir keinen Abschiedskuss, umarmt mich nicht.
Mit diesen Worten geht er und die Party nimmt sein Ende.
Als ich am nächsten Morgen aufwache, pocht mein Kopf wie verrückt. Ich stöhne leise auf. Auch wenn der Abend gestern wundervoll war, muss ich jetzt die Konsequenzen tragen und bereue es augenblicklich. Doch dann fällt mir wieder ein, was ich da in den Händen habe und mir wird ganz warm ums Herz. Alex' Hemd. Er hatte es hier liegen lassen und als ich gestern ins Bett gefallen bin, habe ich es in die Hände genommen und an mich gedrückt. Es riecht so wundervoll nach Alex. An manchen Stellen zumindest … den Großteil hatte ich ja mit Sekt überschüttet. Ich denke an ihn und mir wird ganz heiß. Sofort merke ich, wie meine Wangen rot anlaufen und doch kann ich nicht aufhören zu lächeln. Nicht mehr an ihn zu denken, scheint unmöglich und jedes Mal macht mein Herz einen Satz und tausende von Schmetterlingen schwirren durch meinen Bauch. Er ist so ein toller Kerl, er ist mein Traumprinz!
Auf einmal werden meine wundervollen Gedanken durch einen spitzen Schrei unterbrochen. Was war das? Oder besser gesagt, wer war das? Ich will aufstehen, aber mein Kopf weigert sich. Doch ich beiße die Zähne aufeinander, springe auf und laufe, dicht gefolgt von Carmen, die Treppe hinunter.
„ April?“, schreie ich durch das Haus. „ April, warst du das? Was ist denn los? Wo bist du?“ Ich schaue mich um und entdecke sie in der Küche.
Читать дальше