„ O mein Gott, in welchem Zimmer sind die denn verstorben!? Ich meine, April, wenn das in meinem Zimmer war, dann zieh ich wieder aus! Ehrlich jetzt!“
„ Ähm … ehrlich gesagt, weiß ich es nicht und will es auch gar nicht wissen“, schreit April aus der Küche zurück. Ich starre Carmen an. Wenn ich mir auch nur vorstelle, dass das in meinem Zimmer passiert ist … Mir läuft es kalt den Rücken hinunter.
„ Wahrscheinlich in der Küche oder im Wohnzimmer, weil da doch bestimmt die zig Flaschen Tequila oder Whisky oder was auch immer die getrunken haben, waren“, unterbricht April meine gruseligen Gedanken.
Da flüstert Carmen mir zu: „ Oder es war im Schlafzimmer, weil sie erst so viel gesoffen haben und sich dann ins Bett gelegt haben um“, sie macht eine Pause und zwinkert mir zu, „ gemeinsam zu sterben.“
„ Carmen!“, rufe ich entrüstet und werfe ein Kissen nach ihr.
„ April, welches Zimmer war das Schlafzimmer?“
„ Ähm … meins“, antwortet sie und kommt mit einer riesigen Schüssel Popcorn und Jessica im Schlepptau zurück ins Wohnzimmer. Als sie uns sieht, versteht sie sofort und reißt den Mund vor Schreck auf. „ O mein Gott! MEINS!! Shit!“
Wir lachen und es beginnt die schönste Kissenschlacht der Welt.
Heute ist der Tag. Nur noch ein paar Stunden, dann ist dieses Haus voller Menschen, die wir lieben und die mit uns feiern. Totaler Stress: Wir vier stehen in der riesigen Küche, um das Essen vorzubereiten, dabei müssen wir noch alle duschen und uns schick machen. Das Problem: Wir wissen alle noch nicht, was wir anziehen sollen! Horror pur!
Es herrscht konzentriertes Schweigen, als wir alle überlegen, wie wir das Ganze bis heute Abend hinkriegen sollen und jeweils unseren Kleiderschrank in Gedanken durchgehen, als April sagt: „ Also, wer kommt denn jetzt alles? Ich habe irgendwie voll den Überblick verloren. Wie viele waren das noch gleich?“ Mitten in unseren Bewegungen halten wir inne und starren uns verzweifelt an.
„ Mist. Also haben wir alle den Überblick verloren?“
„ Na ja, vielleicht nicht direkt …“, druckst Jessica herum, „ also ich weiß, dass es nicht sooo viele waren … halt nur die besten Freunde und so …“ Wäre die Stimmung hier nicht so angespannt und verzweifelt, hätte ich mich lachend in Jessicas Arme geworfen. Das ist noch so eine Eigenschaft von ihr: Sie will immer irgendwie die Situation retten – egal, wie aussichtslos es scheint – und ist sehr friedfertig.
Carmen und ich schauen uns an und ich spüre, wie ich rot werde. April sieht mich an und mustert mich skeptisch mit einem Was-ist-los-Blick.
Also sage ich: „ Nun ja … also Carmen und ich waren gestern schon mal im Krankenhaus. Der Chef hat uns ganz schön blöd angestarrt, das sage ich euch …“
„ Ja, jetzt sag schon! Lenk nicht vom Thema ab! Was habt ihr gemacht?“, drängt April ungeduldig mit einer gewissen Schärfe in der Stimme, bei der ich leicht zusammenzucke.
„ Na ja, also der Chef hat uns dann schon mal den anderen vorgestellt – was auch unser Ziel war – und da haben wir die gefragt, ob die nicht auch zu unserer Party kommen wollen. Sie haben sofort zugesagt. Ist das nicht cool?“ Ich schlucke. Den letzten Satz hätte ich mir auch besser sparen können, denn als ich April ansehe, verspüre ich das dringende Bedürfnis, dass sich der Erdboden unter mir öffnet.
„ Cool!?“ - Aprils rote Flecken breiten sich immer mehr auf dem Gesicht und ihrem Dekolleté aus und sie bebt vor Wut und Entrüstung - „ Hey, das sind sozusagen wildfremde Leute! Die könnten wer weiß was anstellen! Was habt ihr euch bloß dabei gedacht? Und ihr habt es noch nicht einmal für möglich gehalten, uns beide“, sie deutet auf Jessica und schließlich auf sich selbst, „ zu fragen, ob das okay ist?“
Die Stimmung ist sichtlich angespannt. Warum musste ich das bloß erzählen? Endlich sagt Carmen auch mal was: „ Mensch, April, krieg dich mal wieder ein. Die waren echt nett und da könnte auch ein süßer Typ für dich dabei sein.“
Entsetzt reißt April den Mund auf, um etwas zu sagen, doch dann schließt sie ihn wieder und stürzt sich auf den Brotteig. Jessica sagt lieber nichts zu dem Thema und wendet sich ebenfalls wieder ihrem Salat zu.
„ Warte mal, wen meinst du, Carmen? Chris? Mark? Alex? George? … Ähm, wie hießen die alle noch?“, frage ich aus purem Interesse, aber auch, um die Stimmung etwas aufzulockern.
Ohne auf meine Frage zu reagieren, kichert sie: „ Mark! Die zwei würden richtig gut zusammen passen! … Oder Tim. Na, April, wen hättest du gerne? April und Mark. Mark und April. Oder April und Tim ...“ Jetzt beginnt sie sogar noch zu tanzen und sich singend im Kreis zu drehen und der Anblick bringt mich tierisch zum Lachen.
„ Stopp!“, schreit April und dreht sich zu uns um. Sofort verstumme ich und Carmen hält mitten in ihrer Performance inne.
„ Hört einfach auf, okay? Ich bin voll im Stress, will das hier alles fertig kriegen und dann die Party genießen, okay? Ohne irgendeinen Mark oder Tim oder … keine Ahnung wen.“
Carmen und ich schauen uns an und ziehen eine Grimasse. Doch wir lassen die gute April lieber in Ruhe, sonst tickt sie noch völlig aus und widmen uns ebenfalls wieder unserer Arbeit.
Unsere ruhige liebe Jessica lächelt uns liebevoll an und stellt den Salat in den Kühlschrank.
Nachdem wir es irgendwie geschafft haben, das Essen vorzubereiten, noch etwas aufzuräumen, zu duschen, uns umzuziehen und zu stylen, stehen wir erwartungsvoll in der Küche und stoßen schon mal an. Sichtlich erschöpft, aber auch voller Vorfreude. Ich atme einmal tief durch und sehe mich um. Es kann losgehen. Wie genau wir das alles in der kurzen Zeit geschafft haben, weiß ich nicht, aber es ist mir auch egal.
„ Auf uns, das Haus und jede Menge Spaß zusammen!“, ruft April fröhlich.
Die Situation von vorhin ist schon längst vergessen. April war nur angespannt und musste ihre Nervosität an irgendwem auslassen.
„ Auf das gruselige Haus!“, lache ich und stoße mit meinen drei Freundinnen an. Alle lachen und die Stimmung unter uns ist jetzt schon genial. Also, wenn das so weiter geht, wird das die beste Party des Universums!
Dann klingelt es und wir schnappen alle hörbar nach Luft. Jetzt geht’s los! Jessica stürmt an die Tür, um die ersten Gäste zu begrüßen.
Man hört fröhliches Geschnatter und dass untereinander vorgestellt wird. Moment! Es wird untereinander vorgestellt! Mein Herz schlägt schneller. Vielleicht sind es ja unsere Kollegen aus dem Krankenhaus? Ich kann nicht anders, ich muss um die Ecke schauen, um zu sehen, wer es ist. Tatsächlich! Da stehen wirklich Mark, Chris, Tim, George, Anna, Julia und die ganzen anderen in unserer Tür!
Und … Alex. Mir stockt der Atem. Wow. Er sieht echt gut aus … Er ist mir schon im Krankenhaus positiv aufgefallen, sodass ich immer wieder verstohlene Blicke zu ihm geworfen habe.
Schnell gehe ich wieder zu den anderen, damit er nicht merkt, dass ich ihn so anstarre und flüstere April und Carmen aufgeregt zu: „ Sie sind da! Sie sind wirklich da!“
„ Wieso ist denn da wer so aufgeregt?“, fragt Carmen neugierig und stupst mich liebevoll an. Ich merke, wie ich rot werde und nehme schnell einen großen Schluck von meinem Sekt.
Dann höre ich, wie sie in Richtung Küche kommen und die Stimmen immer lauter werden. Gott, ich glaube, ich kippe gleich um! Nein, Sophie, reiß dich zusammen! Du kennst ihn ja noch nicht einmal und kriegst jetzt schon Schnappatmungen, wenn du ihn siehst? Sei nicht so kindisch!
Langsam drehe ich mich um und setze mein strahlendstes Lächeln auf.
„ Hi“, sage ich, gehe auf die – ganz schön große – Truppe zu und begrüße alle. Überraschenderweise werde ich von jedem einzelnen sofort in die Arme geschlossen und herzlich begrüßt. Wow, sind die nett. Schon jetzt sind sie für mich die nettesten Kollegen, die man kriegen kann. Okay, ich muss schon zugeben, bei Alex waren meine Beine wie Wackelpudding und ich wäre beinahe in seine Arme gefallen, aber das ist mir egal. Ich bin glücklich. Ich bin endlich angekommen.
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