Irgendwie konnte er Josef Wiegler verstehen. Die Raffinesse ihres gelben Bikinis bestand darin, dass das Höschen so locker saß, dass es je nach Sitzhaltung verschiedene Einblicke bot. Jonas Bogner war sich sicher, dass die Frau genau wusste, welche das waren.
„Die Geschichte geht also nicht gut aus?“, fragte Maria Wiegler nach.
„Nein, sie hat kein Happy End.“
„Und wie geht es mit den beiden weiter?“
„Dazu möchte ich nichts sagen, schließlich soll man ja mein Buch kaufen und lesen.“
„So kann man sich aus der Affäre ziehen“, bemerkte Josef Wiegler.
Mal sehen, wie du dich aus deiner Liaison ziehst, dachte Jonas Bogner, sagte aber nichts zu dessen Einwand.
„Und um was geht es in der Bergarbeitergeschichte?“, fragte Josef Wiegler nach.
Jonas Bogner vermutete hinter der Frage die Absicht, von der Liebesgeschichte abzulenken.
„Ich werde versuchen, das Leben der Grubenarbeiter im Vergleich zu dem der Bergwerksbesitzer so realistisch wie möglich zu beschreiben. Auch hier wird es natürlich um die Beziehungen der Menschen untereinander gehen.“
An dieser Stelle schaltete sich Maria Wiegler erneut in das Gespräch ein: „Schön wäre es doch, wenn Sie da die Liebe zwischen einem armen Arbeitermädchen und dem Sohn des Bergwerksbesitzers beschreiben würden“, schlug sie vor.
Jonas Bogner griff ihren Vorschlag auf, obwohl er nichts dergleichen im Sinn hatte.
„Das habe ich auch vor. Vielleicht so: Auf dem Weg zur Arbeit begegnet das arme Mädchen an einer Wegekreuzung dem Sohn aus reichem Hause. Das Mädchen kann gerade noch zur Seite springen, als die Pferdekutsche an ihm vorüberrast, ein paar Meter weiter aber zum Halten kommt.
Der junge Herr springt vom Kutschbock, rennt zu der jungen Frau, die am Wegrand sitzt und sich ihren Fuß hält, den sie sich wahrscheinlich verstaucht hat. Er bietet ihr seine Hilfe an, doch sie ist wütend und humpelt weiter ihres Weges.
Kurz entschlossen packt der junge Mann das Mädchen und trägt es auf seinen Armen zur Kutsche, setzt es auf einen der Sitze, hüllt es in eine Decke ein, weil inzwischen dunkle Wolken aufgezogen sind.
Anna, nennen wir die junge Frau mal so, würdigt Wilhelm, den Sohn des Grubenbesitzers, keines Blickes.
Der bringt sie zu sich aufs Schloss, denn der Bergwerksbesitzer ist der Fürst zu Solms-Braunfels. Dort angekommen lässt der junge Herr Anna sofort ärztlich versorgen.
Inzwischen ist ihr Groll gegen den jungen Fürstensohn verflogen, was sie sich aber nicht anmerken lässt. Sie ist von dem Luxus, der sie plötzlich umgibt, total begeistert. Sie humpelt ein bisschen umher, staunt über den Reichtum allenthalben. Wilhelm immer neben ihr, um sie zur Not stützen zu können.
So kommt es, wie es kommen musste, sie strauchelt, er kann sie gerade noch auffangen, hält sie mit seinen starken Armen umschlungen. Für einen Augenblick nur schauen sie sich tief in die Augen, bis sich Anna von ihm losmacht, ihn gespielt angiftet.“
Jonas Bogner hielt inne, wartete auf Reaktionen.
„Die Geschichte gefällt mir richtig gut“, strahlte Maria Wiegler. „Und wie geht sie aus?“
Ähnliches hatte er erwartet, innerlich schmunzelnd.
„Da will ich mal eine Ausnahme machen.“
Er blickte in die Runde, wollte Maria Wiegler etwas zappeln lassen. Doch jetzt blickten ihn alle erwartungsvoll an, die Aufforderung an ihn, weiterzuerzählen, stand ihnen ins Gesicht geschrieben.
„Leider“, fuhr er fort und machte dabei ein betrübliches Gesicht, „doch nein, erst noch etwas anderes. Der junge Herr bringt die Anna, weil ihr Fuß immer noch ein wenig schmerzt, mit der Kutsche nach Hause.
Zunächst ist Annas Mutter in großer Sorge um ihr Kind. Als sie zudem noch erfährt, wer der junge Herr ist, versteinert sich ihr Blick, mit dem sie ihn ansieht.
Wilhelm registriert ihn nicht. Er blickt sich interessiert in der engen Wohnküche um, bewundert die dort herrschende Ordnung und Sauberkeit. Also geht es ihnen doch gar nicht so schlecht, den Arbeitern seines Vaters, denkt er bei sich. Schließlich widmet er seine Aufmerksamkeit wieder der Anna, fragt sie nach diesem und jenem.
Annas Mutter scheint sich gefangen zu haben, lässt aber ihre Tochter und den Fürstensohn nicht aus den Augen.
Als Wilhelm, indem er sich verabschiedet, um ein Wiedersehen bittet, reagiert die Mutter schroff. Darüber wolle sie zuerst mit Annas Vater reden, wenn der am Abend von der Schicht heimkommt.“
Wieder macht Jonas Bogner eine Pause.
„Und, wie geht es weiter?“, fragte Maria Wiegler ungeduldig.
„Ja, wie ich das angedeutet habe, endet auch diese Geschichte tragisch. Anna und Wilhelm treffen sich heimlich und schlafen schließlich miteinander. Als sie ihre Schwangerschaft nicht mehr verheimlichen kann, gesteht Anna ihrer Mutter, wer der Vater ist.
Die Mutter, einer Ohnmacht nahe …“
Jonas Bogner unterbricht sich, blickt in die Runde.
„Lassen Sie mich raten“, meldete sich Jennifer Haller zu Wort. „Wilhelm ist ihr Bruder.“
„Stimmt das?“, fragt Maria Wiegler entsetzt.
„Ich sagte doch, dass die Geschichte tragisch endet. Mehr möchte ich aber wirklich nicht verraten.
Von da an nutzen sie jede Gelegenheit, sich heimlich zu treffen. Josef Wiegler war verrückt nach dieser Frau. Noch nie hatte ihn jemand so geliebt. Dabei machte er seiner Frau keine Vorwürfe. Verlässlichkeit war eine der Eigenschaften, die er an ihr so schätzte. Den Kindern war sie immer eine gute Mutter, führte den Haushalt geradezu vorbildlich. Nur im Bett, da überließ sie stets ihm das Handeln. Sie hatte sich ihm noch nie verweigert. Stets löschte sie das Licht, wenn er zu ihr kam, legte sich auf den Rücken und ließ ihn gewähren. Auch sonst stellte sie keine Ansprüche. Sie schien mit sich und der Welt total zufrieden zu sein. Häkeln und Sticken waren ihre großen Leidenschaften.
Einen Urlaub außerhalb ihrer vier Wände hatten sie sich bisher nicht leisten gekonnt. Eines Tages jedoch war Josef Wiegler von der Arbeit nach Hause gekommen, er war Sachbearbeiter bei der Stadtverwaltung, hatte ein großes Paket aus dem Kofferraum der Familienkutsche geladen und auf die Frage seiner Frau, was es enthalte, kurz und bündig geantwortet: „Unseren nächsten Urlaub.“
„Lass die Späße, Josef, seit wann fahren wir in den Urlaub?“
Er hatte nicht geantwortet, das Paket in der Mitte des Wohnzimmers auf den Teppich gelegt und begonnen es auszupacken.
„Ein Zelt!“, hatte Maria Wiegler erstaunt ausgerufen, als sie das Bild auf dem Leinensack gesehen hatte. „Josef, was soll das?“
„Komm einmal her, Maria.“ Er hatte sie bei der Hand genommen, zog sie mit sich hinunter auf den Fußboden. Beide knieten sie vor dem Zeltsack. Josef hatte aus der auf den Sack genähten Plastiktasche ein dünnes Heft gezogen. Aufbauanleitung stand unter dem Bild des großen Hauszeltes.
So begeistert hatte Maria Wiegler ihren Josef noch nie reden gehört. Sogleich hatte er ihr die Zeltaufteilung erklärt: Da gäbe es drei Schlafkabinen, eine große für sie beide und zwei kleine für die Kinder, die ja schließlich nicht mehr zusammen schlafen könnten. In der Mitte gäbe es eine Art Innenhof, groß genug für einen Tisch mit vier Stühlen drum herum, in einem giebelähnlichen Vorbau Platz für die Küche.
„Ich hab das alles genau durchdacht, Maria. Unser Kombi bietet für alles notwendige Gepäck ausreichend Platz.
Der Kollege Rumpert, du weißt, mein neuer Abteilungsleiter, hat letztens so begeistert über seinen Urlaub auf Sardinien gesprochen, dass ich gedacht habe, das wäre auch etwas für uns.“
Alles hatte so harmonisch begonnen. Der schöne Platz, direkt oberhalb des Strandes, in der kleinen Bucht. Nur wenige Nachbarn insgesamt und das nette Paar im Wohnwagen nebenan. Dann der Abend, als sie Brüderschaft getrunken hatten. Einen winzigen Augenblick nur hatte Jennifer Hallers Zunge seine Lippen berührt, doch lang genug um ihn völlig außer Fassung geraten zu lassen. Doch er hatte sich in der Gewalt gehabt, sich nichts anmerken zu lassen. Niemand würde etwas bemerkt haben, hoffte er.
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