Obwohl er seine Wohnung in Rom hatte er lebte das Leben eines Singles und das schon seit Jahren war es das erste Mal, dass er im Begriff war, den Petersplatz zu betreten. Zu oft war er unterwegs gewesen, in fremden Ländern, im Auftrag der Regierung oder aus reiner Abenteuerfreude. Ausgrabungen an den verschiedensten Orten der Erde waren für ihn zur Faszination geworden und er würde wahrscheinlich dieser Beschäftigung auch in den nächsten Jahren nachgehen, hätte sich ihm nicht diese Gelegenheit geboten, die alle seine Pläne über Bord warf.
Er sah vorbei an dem riesigen Obelisken in der Mitte des Platzes, streifte mit den Augen den nördlichen Brunnen von Carlo Maderno, dann hinüber dem zweiten, dem Werk von Carlo Fontana. Seine Blicke wanderten über die 140 Statuen der Heiligen auf die Kuppel des Petersdoms, um schließlich am Ende der trapezförmigen Piazza Retta innezuhalten.
Zanolla kniff seine Augen zusammen und richtete seinen Blick auf die linke Seite des Platzes, an dessen Ende er zwei Wachhäuschen ausmachte, vor denen jeweils ein Gardist der Schweizer Garde patrouillierte. Plötzlich wurde ihm klar, dass man ihm dort nicht ohne Weiteres Einlass gewähren würde. Seine Gedanken arbeiteten fieberhaft.
Man wird mich anhören müssen, sagte er sich und fragte sich geleichzeitig, wie er es anstellen musste. Nun, da er hier auf dem Petersplatz stand, begann er sich darüber Gedanken zu machen. Er war ohne Plan einfach drauflosgelaufen, euphorisch in der Ansicht, nun stehen ihm alle Türen offen. Doch plötzlich sah er das ganz anders. Wer wird mir Gehör schenken? fragte er sich im gleichen Atemzug. Wer wird mir glauben? Der Papst? Ja, der Heilige Vater wäre für ihn der richtige Ansprechpartner. Doch diesen Gedanken verwarf er sofort wieder. Nein, daraus würde nichts würde nichts werden. Er musste sich der Schweizer Garde anvertrauen … oder nein, es wäre fatal, wenn sie sein Geheimnis nicht für sich behielten und vielleicht sogar selbst Kapital daraus schlügen.
Er musste zur Obrigkeit vordringen, zu einem Monsignore, zu einem Bischof, zu einem Kardinal. Immer wieder beschlichen ihn Zweifel. Sie werden mir nicht glauben. Sie werden Beweise wollen, dachte Zanolla und seine rechte Hand tastete seine Jackentasche ab. Ja, Beweise hatte er. Doch wie musste er es anstellen, damit sie ihm seine Nachricht bezahlten? Diese wertvolle Nachricht! Sie würde sein Leben verändern. Sie würde es ihm ermöglichen, bis ans Lebensende sorgenfrei zu leben. So wie er es sich schon immer ersehnte: Auf einer Insel auf den Malediven … oder den Seychellen … oder gar auf Bali? Er würde es sich aussuchen können. Aber dem Lohn stand noch eine Menge Arbeit gegenüber. Arbeit in Form von Überzeugungskraft, die er leisten musste.
Also auf! spornte er sich selbst an, erhob sich aus seiner kauernden Haltung und schritt über den Petersplatz, vorbei an den Touristen und Gläubigen, von denen es immer einige Hundert hier gab, auf das Tor zu, vor dem die beiden Gardisten Wache schoben. Beide hatten ihre Wachhäuschen verlassen, standen in der Mitte des mächtigen schmiedeeisernen Tores und unterhielten sich angeregt, die passierenden Menschen beobachtend.
Zanollas Blick blieb auf dem Älteren der beiden Hellebardiere haften und glitt über deren orangeblau vertikal gestreifte Kleidung. Die Ärmel der Blousons waren bis zum Ellenbogen und die Beinkleider ebenso nach der mittelalterlichen spanischen Mode gepufft, letzte unterhalb des Knies zusammengebunden.
Diese Renaissanceuniformen wurden von Michelangelo entworfen, kam es ihm in den Sinn. Irgendwo hatte er es einmal gelesen, in einer Zeitschrift bei seinem Friseur oder in der Bordlektüre eines Fliegers. Er wusste es nicht mehr. Es war ihm egal. Was scherte ihn die Kleidung der Garde? Es gab Wichtigeres für ihn.
Zanolla sah, dass sich die beiden Gardisten trennten und jeder zu seinem Wachhäuschen marschierte. Er entschloss sich, einen Versuch zu wagen und steuerte zielstrebig auf den Wachmann an der linken Seite des Portals zu. Angesichts der vermeintlichen Bedrohlichkeit, die sein Gegenüber auf ihn ausstrahlte, straffte sich der Körper des Gardisten und seine Augen verengten sich, bereit, jederzeit auf einen Angriff reagieren zu können. Auch der Wachmann an der anderen Seite des Tores sah zu ihnen herüber, bereit, im Falle einer Notwendigkeit einzuschreiten.
„Ich habe eine Meldung zu machen“, begann Luigi Zanolla mit zittriger Stimme, als er die Wache erreicht hatte und innerlich bebend vor dem Gardisten stehenblieb. Schweiß hatte sich auf seiner Oberlippe gebildet und er leckte ihn mit einer schnellen Zungenbewegung weg.
Kaum hatten die Worte seinen Mund verlassen, hätte er sich auch sogleich ohrfeigen können. Was rede ich da? Geht man so mit einer weltbewegenden Meldung um? Ich bin es doch, der die Forderungen stellt.
Er sah in das Gesicht seines Gegenübers, der mit zusammengekniffenen Augen voller Erwartung vor ihm stand. Dann atmete er tief durch und wagte einen neuen Versuch.
„Ich muss mit jemandem sprechen!“, begann er und überlegte fieberhabt, wie er einen glaubwürdigen Satz zustandebringen konnte.
„Was heißt: Sie wollen mit jemandem sprechen? Haben Sie was getrunken?“ Der Hellebardiere baute sich in bedrohlicher Haltung vor Zanolla auf.
„Nein, ich habe nichts getrunken“, stotterte Luigi. „Aber ich muss mit jemandem reden. Mit jemandem, der befugt ist, Erkenntnisse entgegenzunehmen, die fundamental für die katholische Kirche sein werden. Bitte, bringen Sie mich mit Ihrem Vorgesetzten oder einem Monsignore zusammen. Es ist äußerst wichtig!“
Zanolla versuchte, seine Stimme forsch klingen zu lassen, doch ihm selbst kam sie vor wie das Krächzen eines ungeölten Türscharniers.
„Einer wie Sie wird das Fundament der Kirche nicht zum Schwanken bringen. Gehen Sie weiter!“ Die Anordnung des Gardisten war kurz und knapp. Er sah Zanolla auffordernd und drohend zugleich an. Trotz aller Ernsthaftigkeit in der Miene des Gardisten konnte Zanolla darin den Hauch eines mitleidigen Lächelns erkennen.
„Hören Sie!“, begann Zanolla erneut und versuchte seiner Stimme einen eindringlichen Klang zu geben. Sein Herz schlug ihm fast zum Hals heraus. „Sie werden Ihre Konsequenzen ziehen müssen, wenn sie verhindern, dass meine Nachricht den Vatikan erreicht. Ich würde es mir an Ihrer Stelle gut überlegen.“
Zanolla hatte eine Idee, die ihm Oberwasser geben würde. „Wenn Sie mich nicht augenblicklich zu jemand Kompetentem geleiten, werde ich mich von hier aus zur Presse begeben. ‚La Stampa“ oder ‚La Republica‘ oder auch ‚Libero‘ werden mir aufmerksam zuhören, darauf können Sie sich verlassen.“
Zanollas Stimme klang nun fest und fordernd, so dass er über sich selbst erstaunt war. Er stellte mit Genugtuung fest, dass der Gardist zusammenzuckte und hörte seine knappe Frage.
„Und um was genau geht es?“
Ich habe gewonnen, dachte Zanolla hocherfreut. Er wird mich vorlassen. Siegessicher sah er den Gardisten an. „Ich kann es Ihnen nicht sagen. Aber ich verspreche Ihnen: Man wird es Ihnen danken, wenn Sie mich melden.“
„Warten Sie hier!“ Kopfschüttelnd drehte sich der Gardist ab und winkte seinen Kollegen achselzuckend zu sich. Sie wechselten einige Worte, worauf der andere den Platz des ersten einnahm und Zanolla weiterhin den Weg in das Innere des Gebäudes versperrte.
Der von Zanolla angesprochene Wachmann drehte sich um und begab sich hinter dem wuchtigen schmiedeeisernen Tor in das Innere des Gebäudes, dessen Tür er hinter sich ins Schloss fallen ließ.
Es wird klappen! Es muss einfach klappen! Luigi Zanolla umfasste seine kleine hochauflösende Digitalkamera in seiner Hosentasche. Wenn sie Beweise wollen, dann bekommen sie Beweise, frohlockte er. Alles ist festgehalten. Klar und deutlich. Makro-Aufnahmen. Man kann alles genau erkennen.
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