Alle jubelten los. Das war ein Abenteuer das ihr Ausbilder extra für heute geplant hatte. Sie zogen alle grölend in die Judengasse. Wie die Gestapo zogen sie durch die Gassen und schmissen viele Scheiben ein. Dann stand plötzlich dieser Josef auf dem Gehsteig und wollte nicht zur Seite gehen. Wie aus dem Nichts fielen die Hitlerjungen über ihn her, nur Willi hielt sich zurück. Der stand wie versteinert da und konnte sich nicht rühren.
Sie schlugen mit allem was sie hatten auf ihn ein. So sehr sich Josef auch wehrte, er hatte gegen so viele Gegner keine Chance.
Es dauerte nicht lange, da bewegte er sich nicht mehr und erst da ließen sie von ihm ab. Josef lag Regungslos auf den Gehsteig, aus seinem Hinterkopf floss Blut. Er regte sich nicht mehr und die Hitlerjungen zogen einfach weiter und schlugen wieder Scheiben ein.
Willi kniete sich neben Josef nieder. Er konnte es nicht begreifen, dass ein paar Jugendliche außer Rand und Band gerieten, nur weil ein Ausbilder es verlangte.
Plötzlich kam auch Gido zurück, um nach den Jungen zu sehen. „Er ist tot.“, sagte Willi und sah Gido dabei in die Augen.
Der wurde auf einmal nervös, dass jemand dabei sterben würde hatte er nicht bedacht.
„ Was siehst du mich so an, ich habe ihn nicht erschlagen!“, schrie Gido wütend.
„ Nein Gido, du hast ihn nicht erschlagen, aber durch dein Verhalten ist mein Freund Josef umgekommen.“, sagte Willi wütend.
„ Was ist mit dem Judenbalg?“, fragte Rudi auf einmal. „Hat er noch nicht genug? Dann bekommt er noch eine Abreibung!“
„ Er ist tot, du und die anderen ihr habt ihn Erschlagen.“
Nun waren auch die Anderen da und hörten die Worte von Willi.
„ Das sollte doch nur eine Abreibung sein, stotterte Walter ängstlich.“
Da kamen auch schon ein paar Gestapoleute, die erkannten sofort, was hier passiert war.
„ Was seht ihr so ängstlich, das ist doch nur ein Jude.“
„ Es war ein Unfall!“, schrie Gido doch der Dicke lachte nur leise.
„ Wir erledigen das hier, geht jetzt weiter sagte er mit strenger Stimme.“
Gido sammelte seine Hitlerjungen zusammen, als der Dicke noch etwas zu ihnen sagte.
„ Ich bin stolz auf Euch, nicht alle hätten so gehandelt wie ihr. Er hat euch angegriffen, ihr habt euch nur gewehrt. Also macht euch um den toten Judenjungen keine Gedanken, ihr wart im Recht und wir sind sehr stolz auf euch.“
Dann gab Gido den Befehl zum abrücken. Sie jubelten den ganzen Weg zurück, denn sie waren von ihrem Vorgehen überzeugt.
Wie Helden benahmen sie sich, aber Gustav hatte bemerkt, dass Willi sich zurück hielt. „Was ist schon wieder mit dir los?“, schrie er ihn an. „Es war ein Jude, wir waren im Recht also tu nicht so als hätten wir etwas Schlimmes gemacht.“
„ Ein Junge der so viele Mal mit uns in die Schule gegangen ist. Sein Tot ist etwas Schlimmes und ihr seid dafür verantwortlich.“
„ Nein sind wir nicht, außer dir macht hier keiner einen Aufstand wegen diesem Judenbalg.“, kicherte Gustav.
Willi sah ihn eine Weile schweigend an, doch dann verließ er sie. Von diesem Tag an hielt sich Willi etwas zurück und man sah ihn immer weniger mit den anderen Freunden.
Als er nach Hause kam stand plötzlich sein Vater wieder vor ihm. „Ich bin ganz stolz auf dich mein Sohn, du warst dabei als man diesen Juden Respekt beigebracht hat.“
„ Das war kein Respekt. Sie haben ihn totgeschlagen. Josef hat doch gar nichts getan, er stand nur da.“
„ Ich bin es leid, dein Gejammer anzuhören!“, und diesmal bekam Willi eine kräftige Ohrfeige von seinem Vater. Willi flog ein paar Meter zurück, so kräftig war sie.
„ So lange wie du deine Beine unter meinen Tisch steckst, wirst du nie aber auch nie wieder diese Juden in Schutz nehmen. Wegen dir werden wir noch Schwierigkeiten bekommen, aber vorher werde ich dich in ein Umerziehungslager stecken lassen.
Du bist eine Schande für die Familie! Ich selbst werde den nächsten Judentransport leiten. Geh jetzt auf dein Zimmer! Das Abendessen fällt für dich heute aus.“
Auch Rudi kam zu Hause an, er aber ging mit erhobenem Kopf in die Stube. „Wir waren Helden Vater, diese Juden haben bei uns im Viertel keine Zukunft.“
„ Sieh mal mein Junge, endlich schaffen sie die Familie Goldmann weg.“ Die Gestapo warf Herrn Goldmann wie ein Stück Vieh auf den Laster.
Rudi begriff mit seinen siebzehn Jahren noch nicht, was er angerichtet hatte. Vater Gerd dagegen sah seinen Sohn an und war sehr stolz auf ihn.
„ Sieh mal mein Sohn, diese neue Uniform ist für dich.“
„ Danke Vater, ich bin auch stolz auf dich weil du bei der Gestapo bist. Wir haben heute einen Judenjungen totgeschlagen, weil er uns nicht vorbei lassen wollte.“
„ Das weiß ich schon mein Sohn, meine Kameraden haben mich angerufen. Ich habe diesen Goldmann abholen lassen.“
Dann fuhren die Gestapoleute mit der Familie Goldmann ab und das war auch das letzte Mal das Rudi sie gesehen hatte.
„ Du hast einen Judenbalg totgeschlagen!“, schrie sein Vater voller Freude. „Mein Sohn ist ein Held!“, sagte er zu dem Nachbarn, der gerade bei ihnen war. Unsere Jugend reinigt die Stadt von diesem Ungeziefer.“ „Heil Hitler!“, schrien sie alle zusammen.
1933 war eine schwere Zeit, die Nazis hatten leichtes Spiel die Bevölkerung auf ihre Seite zu ziehen. In den nächsten Monaten änderte sich sehr viel zwischen den vier Freunden. Sie waren jetzt alle Achtzehn Jahre alt. Willi hatte eine Stelle für sein Ärztestudium bekommen. Rudi, Gustav und Walter hatte man auf eigenen Wunsch eingezogen. Natürlich hatte Rudis Vater ein Wort eingelegt und so sah man kein Hindernis.
Alle drei dienten in einer Scharfschützen Spezialeinheit, wo sie auch hinwollten. Die Ausbildung war sehr hart, aber auch hier war Gido ihr Ausbilder, der Wille der Beste zu sein lohnte sich.
Sie stiegen in ihren Rang immer höher. Immer wenn es um Säuberungen ging, waren sie in der Nähe. Es waren inzwischen drei Jahre ins Land gezogen.
Als Willi die Straße entlang lief, kam er an eine Straßensperre. Er blieb stehen, wie viele andere auch. Man räumte gerade scheinbar ein Haus, denn zwei Laster standen davor. Als die Tür aufflog, wurden ein paar Juden rausgeprügelt.
Willi konnte es nicht glauben: Der Offizier, der den Einsatz leitete, war Rudi. Auch Gustav und Walter waren dabei. Da erkannte Walter ihn.
„ He Willi, lange nicht gesehen.“ lachte er. Sie waren reifer geworden, man sah ihnen ihr junges alter gar nicht an. Rudi war sehr stolz in dieser Uniform, man konnte es ihm ansehen, mit welcher Genugtuung er die Juden rausprügelte.
„ Hallo, wie geht es Euch?“, fragte Willi etwas zurück haltend.
Da kam Rudi zu ihm rüber. „Schaft das Judenpack auf die Laster, ich komme gleich nach. Ich muss noch einen Freund begrüßen, den ich lange nicht gesehen habe.“
Willi hatte gar keine Lust sich mit ihm zu unterhalten, aber um des Friedens Willen gab er nach.
„ Hallo Willi. Wie ist es dir die letzten Jahre ergangen?“, fragte Walter.
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