Alexander von Humboldt analysiert die Gesteine, deren Veränderungen, die Luft darüber und die Menschen, die den anbaufähigen Boden nutzen. Die Menschen vergisst er nie.
Nach der Anlandung in St. Cruz. „Der erste Gegenstand, der unseren Blicken auffiel, war eine Frau von hagerer Statur, sehr dunkler Farbe und schlecht gekleidet, welche man die Capitana nannte. Sie war von mehreren anderen begleitet, deren Aufzug nicht anständiger war. Alle verlangten dringend, an Bord des PIZARRO zugelassen zu werden, welches ihnen natürlicher Weise nicht zugestanden wurde. In diesem Hafen, welcher von den Europäern so häufig besucht wird, nimmt die Entartung der Sitten die Form der Ordnung an. Die Capitana ist ein Anführer, von den übrigen ihres Standes erwählt, über die sie ein großes Ansehen ausübt. Sie hindert das, was dem Dienst der Schiffe schaden könnte, sie nötigt die Matrosen, an den ihnen vorgeschriebenen Stunden auf ihr Schiff zurück zu kehren; und die Offiziere wenden sich an sie, wenn man befürchtet, dass jemand von der Mannschaft sich verberge, um zu desertieren.“
„Die Wurzel der Pteris aquilina dient den Einwohnern von Palma und Gomera zur Nahrung, sie pulvern dieselbe und mischen etwas Gerstenmehl darunter. Diese Mischung führt geröstet den Namen Gofio; und der Gebrauch einer so rohen Speise beweist das große Elend des niederen Volks auf den canarischen Inseln.“
Er fragt, „was ist aus den Guanen geworden, deren Mumien allein, in Höhlen begraben, der Zerstörung entgangen sind?“ Und antwortet: „Die christliche Religion, welche in ihrem Ursprung so mächtig die Freiheit der Menschen begünstigte, diente der Habsucht der Europäer zum Vorwande. Jeder Einzelne, der vor empfangener Taufe gefangen gemacht wurde, war Sklave. In dieser Epoche hatte man noch nicht zu beweisen versucht, dass die Schwarzen eine Zwischen-Rasse zwischen dem Menschen und den Tieren bilden: der braune Guane und der afrikanische Neger wurden zugleich auf dem Markt von Sevilla verkauft, ohne dass man die Frage untersuchte, ob die Sklaverei allein auf Menschen mit schwarzer Haut und krausen Haaren lasten müsse... Es ist tröstlich zu denken, dass die Weißen nicht immer verschmäht haben, sich mit den Eingeborenen zu vermischen.“
Von ,glücklichen Inseln’ will er nichts wissen. „Wenn die Völker ermüdet von den Genüssen des Geistes, in der Verfeinerung der Sitten nur den Keim moralischer Verderbnis erblicken, so schmeichelt ihnen der Gedanke, dass in einer fernen Gegend, in der ersten Morgenröte der Zivilisation, die entstehenden Gesellschaften eines reinen und beständigen Glücks genießen.“
Ökonomisch-politische Untersuchungen nahm er nicht in seinem Werk auf, da mehrere Gelehrte die kanarischen Inseln nach ihm besuchten und ihre Ergebnisse mit viel Genauigkeit in Werken auseinander gesetzt hatten, die vor dem seinigen bekannt gemacht wurden. „Es schien uns, die Natur habe in diesem Archipel, wie in allen gebirgigen und vulkanischen Ländern ihre Wohltaten sehr ungleich verteilt. Die canarischen Inseln leiden im Durchschnitt Mangel an Wasser; aber überall, wo es Quellen, künstliche Wässerungen oder häufige Regen gibt, ist der Boden von der größten Fruchtbarkeit. Das niedere Volk ist arbeitsam, aber seine Tätigkeit entwickelt sich mehr in entlegenen Kolonien als auf Teneriffa, wo es Hindernisse vorfindet, welche eine weise Verwaltung allmählich entfernen könnte. Die Auswanderungen werden sich vermindern, wenn man dahin gelangt, die unbebauten Domainengüter unter Privatpersonen zu verteilen, diejenigen zu verkaufen, welche an Majorate großer Familien gebunden sind und nach und nach die Feudalrechte aufzuheben.“
„Die Canarier gefallen sich darin, ihr Land als einen Teil des europäischen Spaniens zu betrachten. Sie haben wirklich die Reichtümer der castilischen Literatur vermehrt. Die Namen eines Clavijo, Verfassers des Pensador, eines Viera, eines d’Yriarte und eines Bethencourt sind ehrenvoll in den Wissenschaften und in der Literatur bekannt; das canarische Volk ist mit jener Lebhaftigkeit der Einbildungkraft begabt, welche die Einwohner von Andalusien und Granada auszeichnet und es ist zu hoffen, dass die glücklichen Inseln, wo der Mensch, wie überall, die Wohltaten und Strenge der Natur erfährt, eines Tags durch einen eingeborenen Dichter würdig besungen werden.“
AUTOREN
Humboldt, Alexander von
Reise in die Äquinoktialgegenden des Neuen Kontinents; Aus dem Französischen übersetzt von Th. Heyne; 1815 - 1832; 6 Teile; Stuttgart
Reise in die Äquinoktialgegenden des Neuen Kontinents; Aus dem Französischen übersetzt von H. Hauff, 4 Bde.; 1859 - 1860; Stuttgart
Adelbert von Chamisso ist in Deutschland vor allem als Verfasser der Erzählung PETER SCHLEMIHL bekannt und vielleicht durch sein Lied DIE ALTE WASCHFRAU. Weniger bekannt ist seine Teilnahme an der Entdeckungsreise in die Südsee und nach der Beringsstraße zur Erforschung einer nordöstlichen Durchfahrt, 1815 - 1818. Und noch weniger bekannt ist sein kurzer Aufenthalt auf Teneriffa im Oktober 1815.
Adelbert von Chamisso 1781 - 1838 Naturforscher Poet
„Am 28. mittags um 11 Uhr ließen wir auf der Reede von Santa Cruz die Anker fallen... Der Zweck, wofür in Teneriffa angelegt wurde, war, Erfrischungen und hauptsächlich Wein an Bord zu nehmen, da wir bis jetzt nur Wasser getrunken hatten. Zu dem Geschäfte sollten drei Tage hinreichen und es ward uns freigestellt, diese auf eine Exkursion ins Innere der Insel zu verwenden... Ich hatte die erste Gelegenheit benutzt, ans Land zu fahren. Der gelehrte Mineralog Eskolar, dessen Bekanntschaft ich machte, übernahm es lieb- und hilfreich, mir einen Führer für den andern Morgen zu besorgen. Den 29. Oktober früh trat ich mit Eschscholtz die Wanderung an. Wir wollten den gebahnten Weg nach Laguna vermeiden; Senor Nikolas, unser Bote, führte uns irr in den östlichen, felsigen, öden Tälern. Um wenige zerstreut liegende Ansiedelungen sah man den Drachenbaum und die amerikanische Agave und Cactus Opuntia. - Die mehrsten bezeichnenden Formen der tropischen Natur waren dem Menschen hörige, ausländische Gewächse. Wir kamen nach 3 Uhr zu Laguna an. Es begann zu regnen. Wir speisten Weintrauben und besuchten den gelehrten Dr. Savignon, der uns ein Empfehlungsschreiben an Herrn Cologan in Orotava gab... Wir hatten uns verspätet und hätten in Orotava nur Stunden der Nacht zubringen können; wir fanden es angemessen, nicht weiter zu gehen. Ich rauchte, votum solvens eine Pfeife unter einem Palmbaume, schnitt mir zum Andenken ein Blatt desselben ab und gebrauchte die Rippe als Wanderstab; wir suchten ein Unterkommen für die Nacht. Wir mußten bis Matanza zurückgehen, wo wir in einer Hütte Weintrauben fanden und als Lager die nackte Erde. Um animalische Nahrung nicht ganz zu entbehren, hatten wir selber in verschiedenen Häusern Hühnereier aufgekauft... Wir kehrten am 31. bei anhaltendem Regen über Laguna, wo wir noch einen Garten besuchten, nach Santa Cruz zurück. Zuvorkommend traten uns hier verschiedene unterrichtete Bürger entgegen und luden uns ein, Gärten, Naturaliensammlungen, Guanchenmumien zu sehen; unsere Zeit war aber abgelaufen... Auf unserer Wanderung erschien uns im allgemeinen das Volk äußerst arm und häßlich, dabei heiteren Gemüts und von großer Neugierde... Am 1. November 1815 lichteten wir die Anker und verließen die Reede von Santa Cruz.“
Zwischen diesen Erlebnissen schildert Chamisso noch etwas von der Natur, viel mehr hat Chamisso auf der Insel nicht erlebt. Dem jungen Adelbert von Chamisso war es nicht an der Wiege gesungen worden, dass er sich dereinst als deutscher Dichter Ruhm erwerben würde. Einem altfranzösischen Adelsgeschlecht entstammend wurde er am 30. Januar 1781 geboren. Die Eltern flohen vor den Massakern der Revolution durch mehrere Länder bis nach Bayreuth und dann nach Berlin, wo zwei seiner Brüder Miniaturmaler waren. Adelbert von Chamisso wurde Page bei Königin Luise, lernte am französischen Gymnasium Rhetorik und Philosophie und wurde Fähnrich in der preußischen Armee, später Leutnant und schrieb seine Doktordissertation. „Jetzt bin ich Leutnant der Philosophie und Doktor im Regiment.“ In Berlin gab er mit Varnhagen von Ense den MUSENALMANACH heraus und wurde im Kreis der Berliner Poeten heimisch. 1805 verließ Chamisso mit seinem Regiment Berlin und rückte in Hameln ein. Er wollte aus der Armee rauskommen, um nicht gegen seine Landsleute kämpfen zu müssen, was ihm aber erst im Januar 1808 gestattet wurde. Vorher kam er noch in französische Gefangenschaft, erhielt einen französischen Pass, ging wieder nach Berlin, dann nach Paris, lernte Frau von Stael kennen und lebte mit ihr am Genfer See. Dort verliebte er sich - in die Botanik. Ging nach Berlin zurück und hörte als Medizinstudent Vorlesungen über Anatomie, Zoologie, Botanik und Mineralogie. Jetzt schrieb er sein Märchen von Peter Schlemihl. Als Chamisso mal wieder schwermütig bei Julius Hitzig herumsaß, las er in der Zeitung von einer bevorstehenden russischen Entdeckungsreise nach dem Norden. „Ich wollte, ich wäre bei den Russen“, „das läßt sich arrangieren“ meinte Hitzig. Hitzig hatte gute Beziehungen zu August von Kotzebue, dessen Frau die Schwester von Adam Krusenstern war. Sein Sohn Otto von Kotzebue wurde Leiter der russischen Expedition zur Erforschung der Nordostpassage. Chamisso reichte seine Bewerbungsunterlagen ein und wurde als Naturwissenschaftler angenommen. Am 9. August 1815 betrat er in Kopenhagen den ,Rurik’. Ende Oktober 1818 war er wieder in Berlin.
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