Ich war erschöpft. Das plötzliche Verschwinden von Svea hatte mich geschafft. Normalerweise säße sie jetzt hier, um mit uns nach Berlin zu fliegen. Dort wartete eine Suchttherapie auf sie. Wir, ihre vier Freunde, hatten alles mühsam vorbereitet. Aber dann war sie in letzter Minute ausgebüxt. Und nun hatte sich auch noch unsere Abflugzeit verschoben. Pünktlich um 12:45 Uhr sollte unsere Maschine nach Berlin abfliegen. Morgen könnten wir meinen 24. Geburtstag im Berliner »Zwiebelfisch« feiern. Das war der Plan.
Wie jetzt die Anzeigetafel und die Ansage in der Halle des Flughafens von Marrakesch verkündeten, würde Lufthansa-Flug 3342 erst in den späten Abendstunden fliegen. Uhrzeit ungewiss. Abflug nach Ansage. Wir waren schon eingecheckt und konnten nicht zurück in die Stadt, um uns dort die Zeit zu vertreiben oder um Stella und ihren beiden Liebhabern bei der Suche nach Svea behilflich zu sein. Unsere ganze Hoffnung lag bei Stella, der blonden Schwedin, und bei den beiden Dänen Jan-Stellan und Leif. Vielleicht würden sie Svea finden und in den nächsten Flieger setzen. Es ging um Leben oder Tod. Svea spritzte sich Heroin. Ich hatte sie dabei ertappt.
Jetzt saßen wir hier bei brütender Hitze fest.
Heute vor einem Jahr, am 11. September 1973, hatte die CIA mithilfe von vierzehn chilenischen Generälen den Präsidenten und die Demokratie dieses Landes ermordet. Ich hatte hierzu noch einen Rückblick für »die tat« , eine Zeitschrift der Verfolgten des Naziregimes, zu schreiben. Daran musste ich jetzt denken. Ich würde das in Berlin ruckzuck erledigen. Erstmal nachhause kommen.
Meine Liebste hatte bei Reisen immer ein Kartenspiel bei sich. „Doro“, sagte ich, „lass uns Doppelkopf spielen.“ Ich schaute zu Quiny und Wolle, und beide nickten zustimmend.
So saßen wir vier Freunde stundenlang auf dem Boden auf einem schattigen Plätzchen, neben uns immer ein Glas marokkanischen Tees. Eigentlich hasse ich Doppelkopf, Schafkopf und Skat, doch in der größten Not, wenn kein Buch zur Verfügung steht, lasse ich mich auch darauf ein.
Im Schatten des Betongebäudes ließ es sich aushalten. Aber in der Nähe der benachbarten Fenster, wo die Sitzreihen für die Fluggäste standen, brannten sich die einfallenden Sonnenstrahlen durch die Haut und versuchten Grillfleisch aus den Wartenden zu machen. Mein Körper schrie nach eisgekühltem Cola oder Wasser.
„Die Marokkaner trinken alle warmen Tee und selten kalte Cola bei dieser Affenhitze“, sagte Doro. „Das wird schon seinen Grund haben.“
Es war ein äußerst quälender Nachmittag. Dem folgte ein äußerst quälender Abend. Wolle kam am späten Abend als Erster auf die Idee, jetzt endlich ein kühles Bier zu bestellen. Quiny und Doro stimmten freudig zu, und selbst ich, der ich in jenen Jahren dem Bier noch nichts abgewinnen konnte, lechzte förmlich nach einem kühlen Blonden. Vielleicht lag das, was jetzt kam, genau daran.
Um 21:15 Uhr ertönte endlich die erlösende Durchsage. Unser Flug würde um 0:10 Uhr starten. Die Wartezeit war nun absehbar. Wir könnten beim Abflug mit einer Dose Bordbier auf meinen Geburtstag anstoßen, meinte Doro.
Eine viertel Stunde vor Mitternacht machte ich es mir auf Fensterplatz Nr. 7A von Lufthansa-Flug 3342, Marrakesch – Berlin, bequem. In der Dreier-Reihe neben mir saßen Doro und Quiny, und genau im Gang vor mir saß Wolle.
Ich gähnte. Ein leichter Anflug von Kopfschmerz kletterte, bewaffnet mit Steigeisen und Pickel, meinen Nacken empor. Ich hatte so gut wie nie Kopfschmerzen. Ich erinnerte mich an diesen ziehenden Schmerz nur in Verbindung mit frühen Kindheitszeiten, als ich nach der Schule gelegentlich mit den Hausaufgaben nicht zurechtkam. Migräne kannte ich bis dahin nicht einmal vom Hörensagen.
Genau jetzt, als die nervliche Anstrengung nachließ, kam etwas angekrochen, was mir unbekannt war. Ich befürchtete, wenn ich nicht bald einschliefe, sauste es wie ein Schmiedehammer auf mich herab. Ich erinnerte mich an Quinys Worte von vorhin, als unser Gepäck zur Verladung kam. „Wenn ich heute bei dieser Hitze und der Anstrengung keine Migräne bekomme, wäre das ein Wunder.“
„Rede es nicht herbei“, hatte Wolle geraten.
Aber Quiny hatte entrüstet geantwortet: „Das hat nichts mit herbeireden zu tun. Es kommt bei nervlicher und körperlicher Anspannung manchmal über mich wie ein Schmiedehammer! Da kann ich nichts dagegen tun!“
Jetzt also traf vielleicht mich der Schmiedehammer. „Wahrscheinlich mache ich heute Bekanntschaft mit Madame Migraine“, sagte ich halblaut und betonte das französische „Migraine“, wie es mein Vater betont hätte, womit er gelegentlich an unsere hugenottische Abstammung erinnerte.
Meine Augen fielen zu.
In zwanzig Minuten würde die Boeing 757-300 abheben. Ich wollte mich entspannen. Wolle beugte sich jetzt über die Sessellehne nach hinten, um mich nach meinem Wohlbefinden zu fragen.
„Kara?“
Nett, dass du mich bei meinem alten Spitznamen nennst. Aber: Verdammte Kacke, lass mich in Frieden! Nicht mehr reden, bitte!
„Ach, du schlummerst schon ein wenig?“
„Hm, hm.“ Bleib bloß still! Kein weiteres Wort!
„Möchtest du mein Kissen?“ fragte er mit kuscheligen Worten.
Ich schüttelte den Kopf. „Mhm, mhm.“ Lass mich einfach in Ruhe, du musst doch sehen, dass ich an der Grenze bin, dachte ich und stöhnte noch einmal. „Mhm, mhm.“
„Wenn es dir nicht gut geht, sag es mir, ich besorge eine Migräne-Tablette bei der Stewardess.“
Wenn du jetzt nicht deinen Mund hältst, rede ich morgen kein Wort mehr mit dir. Mein Kopf begann heftig zu brummen.
»Na, dann gute Nacht, erhol dich vom Stress der vergangenen Tage. Und von der Enttäuschung in Sachen Svea. Ab jetzt beginnt eine neue Ära.“ Halt verdammt nochmal den Mund, altes Quatschmaul!, schwirrte es durch das Stockfinster meines Kopfes.
Plötzlich sah ich Svea, wie sie sich das Heroin direkt in die Vene der Armbeuge spritzte. Ich kam ins Schwitzen. Als ich sie 1970, vor etwas mehr als vier Jahren, kennen gelernt hatte, war sie gerade siebzehn Jahre alt und erwies sich als eine der vitalsten Menschen, denen ich je begegnet war. Sie nahm Anteil an allem, was in der Welt vorging. Ihre Sinne waren wach und schienen stets auf Hochtouren zu laufen. Aber jetzt, nach all den persönlichen Niederlagen und der schleichenden Drogenabhängigkeit, hinterfragte sie nichts mehr.
Aus dem unbeschwerten, weltoffenen Hippiemädchen war eine sich nur mit sich selbst beschäftigende Drogenabhängige geworden. Keine glänzende Karriere in diesen jungen Jahren. Mir schien, sie beobachtete nur noch ihr eigenes Inneres, saugte kein neues Wissen in sich auf, wog nicht mehr ab und hatte kein Interesse mehr, sich ausgewogene Urteile über dies und das zu erlauben. Ihre Welt war sehr einfach geworden. Sie war verflacht.
„Du bist so schön und klug …“, hatte mein erstes Kompliment an sie gelautet. Aber von der Klugheit war viel verweht, vielleicht auch nur verschüttet, und ich musste ihr beim Wiederfinden behilflich sein.
Mir schoss unsere damalige Diskussion im Alamo durch den Kopf. Wir hatten uns über ihre hoffnungsvolle Lebensperspektive unterhalten:
„Ich meine, es wäre schade, wenn du dein Leben nur als Bardame oder Bedienung verbringst.“
„Diese Berufe sind auch nötig. Ohne die könnten wir hier nicht gemütlich sitzen und plauschen“, hatte sie mein Argument zurechtgestutzt. Dann war sie nachdenklich geworden. „Kara, wenn ich wirklich so schlau wäre, wie du vermutest, glaubst du, ich hätte dann mit sechzehn meine Schulausbildung abgebrochen? Ich hätte weitergemacht, um Tierärztin zu werden oder Theologin.“
Und nun, vier Jahre danach, das Drama: Heroin.
Vor mir hörte ich jetzt ein Räuspern.
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