Inzwischen waren wir systemangepasst, jedoch zu Hause wurde Klartext gesprochen. Der Pflegevater entwickelte sich inzwischen zu einem richtigen Systemkritiker. Gemeinsam hörten wir abends oft RIAS und tauschten unsere Meinungen aus.
Durch meinen Klavierunterricht hatte ich natürlich eine überdurchschnittliche musikalische Ausbildung und wurde wegen meiner guten Stimme in den Schulchor berufen. Wie es dazu kam, dass ich mich beim Dresdner Kreuzchor anmelden sollte, ist mir heute nicht mehr erinnerlich. Zunächst musste ich eine Aufnahmeprüfung (zu der mich der Pflegevater begleitete) bei Professor Mauersberger absolvieren, die ich bestand. Mir wurde sofort mitgeteilt, dass eine Frau Lange - Frohberg meine weitere Ausbildung als Stimmbildnerin übernehmen werde. Hier lernte ich einige Talente kennen, Menschen mit absolutem Gehör und musikalischen Fähigkeiten, von denen ich nur träumen konnte. Diese Ausbildung als Sopran war für mich anstrengend und zugleich fordernd und fördernd. Es dauerte gar nicht lange, da wurden wir Auszubildenden laufend als Verstärkung des Kreuzchores Dresden für Christ- und Ostermetten eingesetzt, zumal Frau Lange-Frohberg hierfür zuständig war. Hier durfte ich mit solchen Größen wie Peter Schreier (der sich später als Tenor und Dirigent internationale Anerkennung verdiente) im Kreuzchor singen. Die Kruzianer konnten auch zu besonderen Anlässen ins kapitalistische Ausland reisen, was natürlich besonders erstrebenswert war. Musterkinder waren diese Kruzianer aber nicht! Eines Abends waren wir in der Kreuzkirche als Verstärkung beim Weihnachtsoratorium eingesetzt. Die Stammbesetzung machte gern Schabernack mit uns Auszubildenden. Einer dieser Jungen hat während der Aufführung mir derart schmerzhaft in den Hintern gekniffen, dass ich durch meine Reaktion dem dirigierenden Professor Mauersberger aufgefallen bin. Er beorderte mich anschliessend zu sich und alle meine ehrlichen Antworten zu Ursache und Wirkung halfen mir nicht. Natürlich verleugnete sich der Verursacher! Als Chorleiter und Musiker war Mauersberger allerseits anerkannt, als Pädagoge war er in meinem Fall ein Versager. Plötzlich fiel ihm auf, dass ich nicht der Kirche angehöre und damit im Kreuzchor nichts zu suchen habe. So plötzlich ausgeschlossen zu sein war für mich beschämend und enttäuschend zugleich. Komisch nur, dass er das bei der Eignungsprüfung nicht abgefragt hatte! Und wieder mal war menschliche Bosheit im Spiel! Nur gut, dass ich bald in den Stimmbruch kam, denn das wäre dann sowieso das Ende im Kreuzchor gewesen.
Irgendwie haben daraufhin wohl zwei Dinge bei den Pflegeeltern eine Rolle gespielt, die zur Entscheidung führten, mich fürderhin am Religionsunterricht teilnehmen zu lassen. Zum einen war da die eigene Tradition, weil nun mal mit der Konfirmation der Schritt ins Erwachsenenleben gemacht wurde, zum anderen war es von der Staatsmacht nicht gewünscht oder gewollt, dass sich die kirchliche Tradition fortsetzt, weil an diese Stelle die sozialistische Jugendweihe gesetzt wurde. Daher gab das “ nun gerade“ den Ausschlag. Interessanterweise haben sich die Eltern meiner Mitschüler ebenfalls für die traditionelle Variante entschieden, was in den 50er Jahren vom Regime noch toleriert werden musste. Nahe der Krügerstraße direkt am oberen Ende des Schulbusches hatte die Kirche ein abgezäuntes Waldareal mit der sogenannten Wichernhütte (ein großer Flachholzbau) darin. Ein junger Vikar, der den Zweiten Weltkrieg überlebte und nach seiner Aussage an der Front Gott schwur, wenn er überlebt, sich der Kirche im Dienste Gottes widmen zu wollen, unterrichtete uns. Er war sehr wahrhaftig, freundlich und gläubig. Noch heute tut es mir leid, wie wir Buben diesen frommen und geduldigen Mann mit unseren kleinen Streichen ständig ärgerten. In mir war sowieso noch der Rauswurf aus dem Kreuzchor lebendig, wobei die Pracht und Herrlichkeit der Kirchen und die gottgefälligen Aufführungen grossen Eindruck auf mich machten, andererseits der „liebe Gott“ es zuließ, dass mir Unrecht angetan wurde. Wir betrachteten damals den Konfirmationsunterricht in der Wichernhütte als eine Art Märchenstunde, was er im Grunde auch ist. Hiermit möchte ich niemandem zu nahe treten, der Gott- oder Christgläubig ist, denn viele Menschen benötigen einen Halt im Leben, etwas woran sie sich besonders in der Not klammern können. Ein höheres Wesen eben, das über uns wacht, uns lenkt und beschützt. Dieser fromme Wunsch existiert natürlich bei jedermann nur im Kopf, in der Realität ist das leider eine Fiktion, denn jeder ist seines Glückes Schmied, und es gilt immer der Grundsatz: Helf dir selbst, dann hilft dir auch Gott. Welch grausame, fortschrittshemmende und machtpolitische Rolle die Religionen in ihrer langen Geschichte gespielt haben ist hinlänglich bekannt. Waren die Religionen doch den Machthabern jeglicher Couleur willkommene Unterstützung bei der Unterdrückung der kleinen Leute, die durch religiösen Glauben willfährig gemacht wurden (gib dem Kaiser was des Kaisers ist und der Kirche ihren Zehnt), wobei sich natürlich die Gotteshäuser auch selbst bereicherten (unter anderem durch Ablasshandel). Wie lebensfremd und manchmal gar nicht glaubenskonform es heute in der katholische Kirche zugeht zeigen beispielsweise die zahlreichen Missbrauchsdelikte katholischer Priester an den ihnen anvertrauten schutzbefohlenen Kindern. Und in Allahs Namen wurden und werden abertausende unschuldige Menschen getötet und heutzutage meinen die Selbstmordattentäter auch noch für ihre Untaten ins sogenannte Paradies zu kommen. Die schlimmste Form menschlicher Kontakte ist der Krieg, wo Menschen, die sich überhaupt nichts getan haben, von skrupellosen Machthabern, Politikern und Geschäftemachern dazu gezwungen werden, sich gegenseitig abzuschlachten – und das noch im Namen Gottes.
Wie kopf krank und pervers ist denn sowas?
1954 tauchte plötzlich Lotte mit einem neuen Freund auf, angeblich einem Elbschiffer und bat um kurzzeitige Unterkunft für beide. Wieder waren die Pflegeeltern zu gutmütig und konnten nicht nein sagen. Sie durften auf dem Trockenboden auf behelfsmäßigen Liegeflächen nächtigen. Da wir in unmittelbarer Nähe unsere Betten hatten und im Sommer die Tür nicht verschlossen war, konnte man sehr oft recht eindeutige Geräusche hören, die ich damals nicht richtig einordnen konnte. Am nächsten Morgen ergab es sich, dass wir Brüder zufällig in der Küche Lotte splitternackt am Waschbecken überraschten. Sowas hatte ich in natura noch nie gesehen und mein Bruder fragte sie frech, ob er mal die Brüste anfassen darf, was erlaubt wurde. Damit keiner zu kurz kam, durfte ich das auch einmal….danach war ich sehr verwirrt. Schon nach wenigen Tagen war Lotte mit ihrem Gefährten wieder verschwunden und erst nach vielen, vielen Jahren habe ich sie an der Kasse in der Dresdner Markthalle wiedergesehen - aufgedunsen, gealtert und kaum wiederzuerkennen.
Bereits in der siebenten Grundschulklasse wurde ein neuer Schüler namens Klaus-Peter angekündigt und von unserer Klassenlehrerin als eine Art Wunderkind angepriesen und wir sollten uns doch anstrengen, damit wir mithalten können, denn er habe ein außerordentlich gutes Zeugnis, sagte sie. Dieses Wunderkind entpuppte sich dann aber als ganz normaler guter Schüler. Später bin ich dann dahinter gekommen, warum er zum Wunderkind hochstilisiert worden ist. Dann dauerte es gar nicht lange und noch so ein guter Schüler namens Wolf wurde angekündigt. Er war ein sehr guter Schüler, aber eben auch kein Wunderkind und erhielt in der Grundschule den Spitznamen “Sapperle“. Er hatte noch 2 Geschwister, eine große Schwester, die später auf der Uni als „ostfriesische Hilke“ von den Kommilitonen bezeichnet wurde und eine äußerst kleinwüchsige jüngere Schwester. Zu einem Geburtstag von Wolf wurde auch ich eingeladen und lernte die Familie dabei kennen. Sie hatten eine luxuriöse Villa auf der Wachbergstraße erhalten. Seine Mutter fiel mir wegen ihrer übergroßen Nervosität auf. Sein Vater muss wohl viel im Ausland gewesen sein, denn auch ein Tropenhelm gehörte zu seinem Equipment. Im Garten durften wir munter mit einem Luftgewehr auf Zielscheiben schießen. Wolf war dabei absolute Spitze und ich genau das Gegenteil. Er hat später Holztechnologie an der TU Dresden studiert (wahrscheinlich wie sein Vater) und war auch nach der Wende in führender Position im Ausland tätig. Heute weiß ich mit großer Sicherheit, dass sein Papa auch als Mitarbeiter der Stasi tätig gewesen sein muss, denn die ihn umgebenden unsympathischen Herren zogen sich geheimnisvoll während der Geburtstagsfeier gemeinsam in einen separaten Raum zurück, was mich damals schon stutzig machte. Nur linientreue Genossen durften damals im sogenannten kapitalistischen Ausland tätig sein!
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