Mitte Juni 1953 ging ich wieder zu meiner Klavierlehrerin zum Körnerplatz und war bass erstaunt, dass dort ein sowjetischer Panzer mitten auf den Strassenbahngleisen stand. Von der Klavierlehrerin (deren Ehemann Beamter und NSDAP-Mitglied im Dritten Reich war und den Entnazifizierungsprozess gründlich absolvieren musste) erfuhr ich, dass es einen Aufstand der Arbeiter deutschlandweit gegeben hatte, weil die Arbeitsnormen bei gleichem Lohn ständig heraufgesetzt wurden. Des Weiteren sagte sie, dass die Russen diesen Aufstand mit Waffengewalt unterdrückten und es auch Tote gab. Deshalb stand dieser Panzer als Drohung noch einige Tage dort. Das war sehr mutig von ihr mir „reinen Wein“ einzuschenken, aber sie kannte mich schon eine Weile und wusste genau, dass ich ihr nicht schaden werde. Mich hat das sehr nachdenklich gemacht und diese Machtdemonstration passte so gar nicht in das Gefasel vom Sozialismus und dem korrekten Handeln einer Arbeiter- und Bauernmacht. Ich bin überzeugt, dass ab diesem Zeitpunkt viele Menschen in der DDR, die bisher noch geglaubt hatten, dass dieses System das Richtige sei, eines Besseren belehrt wurden. Von da an beugten sie sich der Siegermacht, wurden entweder Handlanger des Systems aus Vorteilsgründen oder zu Heuchlern. Nur wenige hatten dann noch das Rückgrat zu ihrer Meinung zu stehen.
Mein Pflegevater kaufte sich ein Radio aus der DDR Produktion. Von da ab hörten wir sehr oft den Westberliner freien Sender „Rundfunk im amerikanischen Sektor (RIAS)“, soweit ein Empfang möglich war, denn die Besatzungsmacht setzte vehement Störsender ein, die ein Anhören der Sendungen oft unmöglich machte. Hier wurden viele Machenschaften der DDR-Führung aufgedeckt, aber auch eine gewisse Hetze betrieben. So sollte angeblich Walter Ulbricht in Leipzig Bordellbesitzer gewesen sein, was ich nicht glauben kann. An die Sendung „Die Insulaner“ und den „Genossen Professor Quatschnie“ kann ich mich noch lebhaft erinnern. Ein Feature ist mir besonders erinnerlich, weil da von einer Konferenz der Siegermächte die Rede war, bei der in einem Geheimpapier festgelegt worden sei, dass die Besetzung Deutschlands durch die vier Siegermächte spätestens nach 45 Jahren zu beenden ist. Mit einigen Mitschülern, die mit mir den gleichen Schulweg hatten, diskutierte ich das und meinte, dass spätestens 1990 Deutschland wiedervereinigt wird. Anlässlich eines Klassentreffens nach 1990 sprach ich dies an und meine ehemaligen Mitschüler konnten sich sogar daran erinnern und wussten, dass dies einer „RIAS-Ente“ entstammte und nun exakt Wirklichkeit geworden ist.
Von der Nachbarfamilie des Doppelhauses wurden wir informiert, dass auf dem Boden eine große Ratte sei, die dort ihr Unwesen treibt und ob wir nicht mal unsere Katze auf den Boden lassen wollen. Da Miez immer mit mir ins Bett ging, erhielt ich den Auftrag mit ihr doch mal auf unseren Boden zu gehen. Gesagt, getan! Kaum hatte ich Miez freigelassen kletterte sie an einem Holzbalken ins Dachgebälk und nach wenigen Sekunden konnte ich sehen, wie sie die im Gebälk flüchtende Ratte von hinten ansprang, das Genick durchbiss, wobei ein heller Schrei der Ratte zu hören war. In Rekordzeit waren wir dank Miez die Rattenplage los. Miez war sehr flink und mutig.
Einer meiner Lebensmittelkarten-Kunden hatte einen großen Schäferhund, der jedes Mal mit einem wütenden Gekläff die vorbeilaufenden Menschen erschreckte. Einmal ging Miez hinter mir her und richtig, wie immer beim Vorbeigehen erschreckte uns dieser Schäferhund. Kurz entschlossen sprang Miez auf den Holzzaun des Grundstücks und von da auf den Rücken des Schäferhundes. Mit ihren Krallen hat sie dem körperlich weit überlegenen Schäferhund mächtig von hinten zugesetzt, sodass er vor Schmerzen heulte. Miez sprang behände ab, überquerte den Zaun und war für den Hund nicht mehr erreichbar. Ich denke mal sie hat mich verteidigen wollen. Tiere sind oft dankbarer und treuer als Menschen!
Zur damaligen Zeit hatten es die Hausfrauen gar nicht leicht, denn Wäschewaschen war ein Tagesgeschäft - elektrische Waschmaschinen, Wäscheschleudern und Kühlschränke gab es da noch nicht, händig Wäschewaschen und Einwecken in Gläsern war die Devise.
Unten im Haus befand sich ein eingemauerter Waschkessel mit darunter befindlichem Ofen, mit Holz und Kohle befeuert.1948 wurde dieser Kessel zweckentfremdet dazu benutzt, um aus Zuckerrüben (die wir vom Stoppeln heimgebracht hatten) so eine Art Rübenzucker zu gewinnen. Geschmacklich war das eine Zumutung, aber der Hunger treibt es hinein!
Im selbigen Kessel wurde Wasser eingelassen, Bleichpulver zugegeben und der Kessel angefeuert. Wenn das Wasser entsprechend heiß war gab man die Kochwäsche ein und rührte mit einem Rührholz ein paar Mal um. Auf zwei Waschböcken ruhte daneben ein grosser Holzbottich in den dann die gekochte Wäsche mit dem Rührholz eingegeben wurde. Etwas kaltes Wasser hatte man vorher in diesen Holzbottich eingelassen, damit die kochend heiße Wäsche etwas abgekühlt wurde. Mit einem Rubbelbrett und Seife wurde dann jedes einzelne, noch heiße Wäschestück händig bearbeitet und anschließend in die mit Wasser befüllte Volksbadewanne zum Klarspülen eingebracht, händig ausgewrungen und landete zum Schluss in einem Wäschekorb. Waren alle Wäschestücke fertig gewaschen und im Garten die Wäscheleine gespannt, wurde ein Teil der Wäsche auf dem Rasen gebleicht und der andere Teil direkt mit Klammern auf der Leine aufgehängt. Mit der Gießkanne wurde ab und an klares Wasser auf die Bleichwäsche gegossen. Selbstverständlich war es notwendig, dass man einen Tag zum Wäschewaschen wählte, an dem die Sonne schien. Hierbei wurde die keimtötende Wirkung der Sonnenstrahlen ausgenutzt. Nach dem Bleichen hängte man diese Wäscheteile ebenfalls auf die Leine. Bettwäsche, Handtücher und Ähnliches wurden bei grösseren Stückzahlen gemangelt. Hierzu fuhren wir die Wäsche mit dem Leiterwagen in eine Mangelstube. Dort meldete man sich beim Besitzer an, entrichtete einen Obolus, wurde eingewiesen und konnte dann eigenständig seine Wäsche mangeln. Das monströse Gerät, das einen Riesenkasten prall gefüllt mit Feldsteinen schwerster Art und mit Holz abgedeckt enthielt, hatte einen Elektromotor-Antrieb, der über einen Riementrieb und ein Zahnrad auf eine lange Zahnstange seine Kraft übertrug. Der Riesenkasten wiederum ruhte auf zylindrischen Doggen, die sich in die jeweilige Richtung drehten, in der sich die Zahnstange bewegte. Am Ende einer Bewegungsrichtung kippte der mordsschwere Kasten etwas ab und gab dann die gegenüberliegende Dogge frei. Nun konnte man die Sicherungsöffnung betätigen, die Dogge herausnehmen und auf dem gegenüberliegenden Doggentisch mit Doggenhalterung ein Schutztuch um die Dogge wickeln und danach die zu mangelnde Wäsche gut geordnet einlegen. Nach und nach wurde eingewickelt und weiter Wäsche eingelegt bis das Schutztuchende erreicht war. Nun wurde die Dogge wieder in die Maschine so eingelegt, dass sie sich in Laufrichtung aufwickelt und danach wurde die Klappe geschlossen. War die Maschine am anderen Ende angelangt, konnte die andere Dogge herausgenommen werden und das Spiel wiederholte sich. Am anderen Ende war dann die gemangelte Dogge fertig und konnte entladen werden. Irgendwann war man endlich fertig! So etwa aller 3-4 Wochen war dann wieder Waschtag. Schon aus der Länge der vorstehenden Beschreibung eines Waschtages ist ersichtlich, wie aufwändig, umständlich und mühevoll diese Hausfrauentätigkeit war. Da ich selbst mithalf, insbesondere was das Mangeln betrifft, sind mir diese Abläufe noch heute geläufig. Wie gewebeschonend diese Art der Wäschebehandlung war, liegt wohl auf der Hand. Es bedarf auch weniger Vorstellungskraft, wie erschwerend so ein Waschtag im Winter gewesen sein mag.
1954 war meine Flegelzeit schon längst überwunden und mein Schuldurchschnitt erreichte die Note 1,5.
Читать дальше