Es muss auch 1951 gewesen sein, als unserer Klasse Heimkinder zugeordnet wurden. Schüchtern, schlecht gekleidet und ungesund anzusehen waren sie. Ursache hierfür war eine Heimgründung in Rochwitz, in der aber keine schwer erziehbaren Kinder, sondern meist Vollwaisen lebten. Es hat aber nur 2 Jahre vorgehalten, dann waren diese Schüler wieder weg. So hätte es mir ergehen können, dachte ich damals, hätte ich nicht Pflegeeltern gefunden!
Viele unserer Lehrer waren noch vom alten Schrot und Korn, meine Klassenlehrerin ab der 5. Klasse, Eva, war jedoch Neulehrerin und äußerst engagiert. Verblüfft war ich, als der Geschichtslehrer uns in die Geheimnisse des Kreuzworträtsels einweihte und als Lösungswort „Schliemann“ herauskam, als wir die griechische Antike behandelten und die Ausgrabungen in Troja Thema waren.
Ab Herbst 1952 mit Beginn der 6. Grundschulklasse änderte sich in der Gesellschaft und auch in der Schule einiges grundlegend. Wir erhielten eine neue Schulleiterin, deren Tochter Sabine in meine Klasse kam. Ab da war sie dann die Klassenbeste. Warum wohl? Bei mir begann das Flegeljahr, was dazu führte, dass ich öfters den Unterricht störte, aber auch kritischer wurde. In der Schule wurde von dieser fanatischen Schulleiterin nun all das umgesetzt, was das neue Regime anordnete. Da wurden ein Freundschaftsrat und Gruppenräte der Pionierorganisation gegründet. Meine Systemgläubigkeit und Begeisterung bekam immer mehr Risse und sehr schnell lernte ich, dass man heucheln und sich anpassen muss, wenn man keine Nachteile haben wollte. Während die Kommunisten der DDR über den alten Mann in Bonn, Konrad Adenauer, lästerten, der Staatsbankette noch stehend absolvierte und frei sprechen konnte, musste der inzwischen senile Wilhelm Pieck, von dem im RIAS behauptet wurde, dass er Ernst Thälmann verraten hätte, durch den Mundartredner Walter Ulbricht ersetzt werden. Da das Hauptaugenmerk der DDR Führung gemäß sowjetischer Ansage auf den Aufbau einer Schwerindustrie in der DDR gerichtet war (Parole „Max braucht Futter“, wobei das Stahlwerk in der Maxhütte Unterwellenborn gemeint war), wurden Dienstleistungen und Leichtindustrie vernachlässigt, die Landwirtschaft durch die Zwangskollektivierung zunächst uneffektiv, da der Wille der Bauern, die um ihr Land gebracht wurden, nicht gerade auf hohe Produktivität gerichtet war. So kam es verstärkt zu grundlegenden Mangelerscheinungen.
Im Januar 1953 kündigte die Schule anlässlich des bevorstehenden Jahrestages der Zerstörung Dresdens durch die Westalliierten ein Preisausschreiben an und forderte die Schüler auf, ihre Meinung oder eigene Erlebnisse als Aufsatz niederzuschreiben und einzureichen. Als Preis wurden ein Paar Skier ausgelobt. Das war natürlich für mich ein großer Anreiz und ich hatte meine Erlebnisse der Bombennacht in der mir damals möglichen Form niedergeschrieben, vom Pflegevater nochmals Korrektur lesen lassen, und dann eingereicht. Gewonnen hat das Preisausschreiben ein gewisser Hartmut, der damals der Freundschaftsratsvorsitzende war und dessen Vater in der Dresdner SED eine große Rolle spielte. Mein Beitrag wurde zwar gelobt, eines Preises war er nicht wert. Dass dies ein abgekartetes Spiel war, hatte ich damals noch nicht erkannt. Meine Enttäuschung war jedenfalls gross, hätte ich doch gern ein Paar Skier gehabt.
Mein Bruder musste später die Lehre als Rohrnetzmonteur aus gesundheitlichen Gründen abbrechen, da er der schweren Arbeit nicht gewachsen war. Danach begann er eine Lehre als Technischer Zeichner im gleichen Unternehmen, was damals eigentlich ein ausgemachter Frauenberuf war, lernte dabei Konstruktion- und Rohrpläne zu lesen. Da war mein Bruder in seinem Element. Hahn im Korb unter lauter jungen Mädchen, das hat ihm gefallen. Nach einem halben Jahr hat er aber seine Lehre als Rohrnetzmonteur fortgesetzt und später erfolgreich abgeschlossen.
Mein Bruder nutzte ein Fahrrad mit Karbidlampe, das im Keller stand und vermutlich Vater Rieck gehörte, auf dem auch eine Sattelstütze mit Sattel war, aber nicht höhenmäßig angeglichen werden konnte, weil total eingerostet. Jedenfalls wollte mein Bruder mir das Fahrradfahren beibringen und meinte, dass das gar nicht schwer sei. Da der Sattel zu hoch war wurde dieser abgebaut, die festgerostete Sattelstütze blieb. Die Wachbergstraße in „Kamerun“ Oberloschwitz ist eine abschüssige Straße, die am Ende in eine steile Treppe mündet, die zur Grundstraße führt. Er meinte, er würde neben mir herlaufen und mir helfen, falls es Probleme gibt. Vom Amselsteg schoben wir das Fahrrad rechts bergauf auf die Wachbergstraße. Dann half er mir beim “Aufsitzen“ also Stehen auf den Pedalen und zeigte mir den Handbremshebel. Vom Rücktritt war keine Rede. Er meinte sobald ich in Fahrt bin hätte ich auch Balance und schob mich ab. Was er nicht bedacht hatte war, dass ich wesentlich schneller in Fahrt kam als er rennen konnte. Sehr bald merkte ich, dass von meinem Bruder weit und breit nichts mehr zu sehen war und ich zwar in Balance aber immer schneller vorwärts fuhr. Den Handbremshebel hatte ich später zwar betätigt, aber die Bremswirkung war äußerst minimal. Da ich wusste wie abrupt steil diese Straße in einer Treppe endet und das es am Ende nur zu einer Katastrophe kommen konnte, versuchte ich dann nach Möglichkeit links einzubiegen. Etwa in Höhe des damaligen Fleischkonsums neben der Gaststätte „Kamerun“, konnte ich leider die Kurve nicht so gut meistern und fuhr direkt in die Eingangstür hinein, die aber am Wochenende mit einem Rollladen verschlossen war. Das Holz splitterte, die Sattelstütze rammte sich in meinen Hintern und ich kam zu Fall. Glücklicherweise hatte das niemand bemerkt! Ich rappelte mich auf, das Fahrrad dessen Vorderrad mehr als eine “Acht“ hatte, so verbogen war es, schob ich in der Seitenstraße so schnell weg wie es nur ging um mich dann heimwärts zu begeben, so ramponiert wie ich war. Das Konsumpersonal wird sich am folgenden Montag sicher sehr gewundert haben.
Seitdem konnte ich aber Fahrradfahren und mein Bruder lernte dann das Auswuchten!
Neben diesem Fleischkonsum war die Gaststätte „Kamerun“ mit Biergarten. Sonnabendabends wurde dort erstmalig wieder zum Tanz aufgespielt. Nachdem ich alle meine Pflichten erfüllt hatte bin ich einmal hingegangen, um mir dieses Treiben anzusehen, weil das für mich etwas völlig Neues war. Es muss so gegen 23:00 Uhr gewesen sein, als ich feststellen konnte, dass dort einige Jugendliche herumlungerten. Ein etwas schmächtiger, stark angetrunkener, schon etwas in die Jahre gekommener Tänzer wollte sich wahrscheinlich im Biergarten etwas abkühlen. Das war für die Jugendlichen das Signal, diesen Mann, der ihnen nichts getan hatte, eine Lektion zu erteilen. Nach dem Motto: Wir sind viele und nüchtern, du bist allein und betrunken - deshalb können wir mit dir Schindluder treiben so viel wir wollen. Ständig wurde er von einem der Jugendlichen bedrängt und geschlagen, wendete er sich gegen einen, bekam er Prügel von einem anderen. Ich bin dann angeekelt weggegangen, weil ich diese Art noch vom Heim für Schwererziehbare kannte….
Eines Tages kam von Lotte ein Brief mit äußerst dubiosem Inhalt. Lieber Paps schrieb sie, hier ist so eine Teppichnot und du hast ja so viele Teppiche, bitte schicke doch einen Teppich an die im Brief genannte Adresse. Da wussten wir, dass Lotte wieder auf Betrügertour war….
Nun war ich in der 6. Grundschulklasse und ab jetzt erlernten wir die russische Sprache. „Nina, Nina tam kartina, eto traktor i motor“ war eine Bilddarstellung auf der ein Mädchen namens Nina, eine Landkarte, ein Traktor und ein Motor dargestellt waren und wir damit die ersten russischen Worte zu bilden hatten. Das war so simpel und einprägsam, dass ich es bis heute nicht vergessen habe. Irgendwie fiel mir das Erlernen dieser Fremdsprache sehr leicht und jedes Diktat brachte mir eine Note 1, was ich stolz der Pflegemutter zeigte. Hier machte sie einen grundlegenden Fehler, der mir für die Zukunft Nachteile erbrachte. Sie meinte nämlich, dass Russisch gar nicht wichtig sei, besser wäre es, wenn ich mich mehr in Schönschrift üben würde, da ihrer Meinung nach meine Schrift liederlich sei. Von da ab gab ich mir keine Mühe mehr in Russisch, mit dem Resultat am Schuljahresende eine Note 3 in Russisch auf dem Zeugnis zu haben. In dieser Zeit lernte ich auch durch die Schule das Schwimmen, wenn auch mit Note 3. Hier spielte mein Erlebnis im Feuerlöschteich eine Rolle, weil ich beim Erlernen ständig Angst hatte.
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