Eine Etage höher, auf dem Dach des Ufos, gibt es eine Aussichtsplattform mit Blick über die ganze Stadt. Man sieht die Burg im Norden, die österreichischen Windräder im Westen. Und man sieht die Hochhäuser von Petrzalka, einem Vorort, in dem Bratislava nicht anders aussieht als Moskau, Krakau oder Magdeburg. Knapp 100.000 Menschen wohnen hier, es ist die größte Trabantenstadt Europas. Architektur, denkt man sich, kann so grausam sein. Und dort drüben, in Petrzalka, ist sie es ganz besonders.
Kurz informiert:
Information: www.visit.bratislava.sk
Einreise : Gültiger Personalausweis oder Reisepass
Währung: Euro
Einwohner: ca. 5,4 Mio., Bratislava: ca. 0,4 Mio.
Hauptstadt: Bratislava
Geodaten: 48°07'17.8"N 17°05'54.9"E (Bratislava), Google Maps
Reisezeit: ganzjährig
Gesundheit: Pflichtimpfungen sind nicht erforderlich.
Nicht verpassen: Der beeindruckendste Blick auf die Stadt bietet sich von der Aussichtsplattform auf der Brücke des Slowakischen Nationalaufstands. Wer sie am Abend besucht, kann außerdem einen spektakulären Sonnenuntergang über der Donau beobachten.
Besonderheiten: Bratislava hat eine lange zurückreichende jüdische Geschichte. Heute muss man allerdings erst nach ihr suchen - zum Teil auch unter der Erde. Unterhalb der Burg wurde Anfang des Jahrtausends ein Teil des jüdischen Friedhofs wieder aufgebaut. Dort steht auch das Mausoleum des Rabbiners Chatam Sofer, zu dem Juden aus aller Welt pilgern. Bratislava liegt übrigens nur 55 Kilometer von Wien entfernt.
Schweiz
Kaminfeger – ein Unglück
Auf Reisende übt das Verzasca-Tal im Tessin einen Zauber aus. Der Fluss hat im Tal-Grund eine bizarre Felslandschaft geschaffen.
Heute ist der Kanton Tessin wohlhabend. Früher war er so arm, dass die Bergbauern ihre Kinder verkauft haben
Von Richard Mayr
Wie viele sind dieser Landschaft, diesem Flecken Erde schon verfallen! Wer ein Herz für diese Mischung aus mediterranem Flair und Bergen hat, den packt eine Sehnsucht nach dem Tessin, die schwer zu stillen ist, die gar nicht mehr nachlassen will. Unten am Lago Maggiore, am Großen See, wachsen Orangen, Zitronen und Palmen, oben in den Höhenlagen wandert man durch ausgewachsene Mondlandschaften. Die Gegensätze könnten kaum größer sein. Das spiegelt sich auch beim Essen, dieser Mischung aus deftiger Bergküche und raffinierter italienischer Kochkunst. Die Dichte der Feinschmecker-Restaurants im Tessin sucht ihresgleichen. Nicht nur dort, auch in den Grottos, den früheren "Fels-Lokalen" draußen im Freien, ist das Essen etwas Besonderes. Deftig, aber eben auch mit Raffinesse - alpin und mediterran in einem. Das Tessin verwöhnt seine Gäste.
Diesem besonderen Reiz erlagen zuerst die Künstler. Aussteiger wollten am Monte Veritá in einer Kolonie ein neues Menschsein erproben. Wenig später ließ sich Hermann Hesse dauerhaft in Montagnola nieder, es folgten Stefan George, der in Minusio starb, Max Frisch und Alfred Andersch, die Häuser in Berzona bezogen. Den Künstlern folgten die Reichen, die vor allem aus Ascona eine Luxusenklave machten. Die Häuser und Villen der Stadt sind für Normalverdiener heute unerschwinglich. Wer sich nicht dauerhaft niederlassen will und über genügend große Barschaft verfügt, findet in dem kleinen Ort am großen See gleich mehrere Fünf-Sterne-Hotels, wie es sie in mancher ausgewachsenen deutschen Großstadt nicht einmal gibt - mit besten Gourmet-Restaurants, Wellness-Paradiesen und ganzen Parklandschaften zum Flanieren.
Es ist geradezu paradox: Das frühere Armenhaus der Schweiz hat sich in sein Gegenteil verwandelt. Das geht so weit, dass sich heutzutage Lehrerinnen mit Hochschulabschluss aus Italien darum bewerben, in den Schweizer Hotels als Zimmermädchen zu arbeiten, weil sie dort - wegen des Mindestlohns - mehr verdienen als in Italien. Eine erstaunliche Entwicklung, vor allem wenn man bedenkt, dass es vor 150 Jahren genau andersherum war. Damals verkauften die Bauern in den Tessiner Seitentälern für ein paar Franken ihre Kinder an die Mailänder Kaminfeger. Eine erschreckende Geschichte, die zeigt, wie hart und entbehrungsreich das Leben früher dort war.
Ergreifend, einfühlsam und spannend erzählt die Geschichte dieser Kaminfeger-Jungen die Schweizer Schriftstellerin Lisa Tetzner in ihrem Kinderbuch-Klassiker "Die Schwarzen Brüder". Der Roman handelt von dem Jungen Giorgio, der in einem katastrophalen Hunger-Jahr aus Not von seinen Eltern nach Mailand verkauft wird. Das Buch bietet nicht nur Kindern eine spannende Geschichte in historischem Ambiente, es zeigt auch Erwachsenen auf, wie es den Ur-Ur-Ur-Großeltern einmal im Leben erging, wenn sie so beschwerliche Böden wie das wild-romantische Verzasca-Tal bewirtschaften mussten.
Rund 1000 Einwohner leben heute im Verzasca-Tal
Heute ist dieses Tal eine der Sehenswürdigkeiten bei einem Kurz- und Lang-Trip ins Tessin. Eine Autofahrt von 200 Höhenmetern auf knapp 1000 Höhenmeter, entlang an einem Bach, der zur Schneeschmelze oder bei schweren Unwettern eine reißende, zügellose Kraft entfalten kann. Die harmlose Verzasca hingegen hat etwas Zauberhaftes. Eingebettet in fantastisch abgeschliffene Felsen, umgeben von steil nach oben ziehenden Hängen, umrahmt von Dörfern, die mit ihren trutzigen Steinhöfen Geschichte gespeichert haben. Rund 1000 Einwohner hat das Tal noch. Die meisten von ihnen arbeiten nicht mehr in der Landwirtschaft, sondern sind zum Pendeln gezwungen.

Dieses Tal hat eine Geschichte des Leidens: Denn die Bauern mussten ihre Kinder für ein halbes Jahr als Arbeiter verkaufen.
Wie sich das Leben im Tal früher abgespielt haben muss, das erzählt Tetzner in ihrem Roman "Die Schwarzen Brüder" eindringlich, wenn sie etwa beschreibt, was für Böden dort bewirtschaftet werden mussten: "Dann kamen sie auf eine kleine Matte, die sich wie ein schmales Band um eine Felswand zog. Auf der Matte wuchs schönes hohes Gras. "Das wollen wir heute mähen." [...] Er nahm die lange Leine heraus, die er mitgebracht hatte, und sah sich um. Dort war ein kleiner Kastanienbaum. Er prüfte seine Stärke. Ob er wohl hielt? Sicher. Er band den Strick fest um den Baum, knüpfte sich das Ende um den Leib und ließ sich langsam hinunter. Er rutschte bis an den Rand der abschüssigen Matte. Sie fiel beinahe dreihundert Meter steil ab. Unter ihm kochte, zischte und donnerte das Wasser der Verzasca."
So bekannt diese Geschichte um den Kaminfeger-Jungen Giorgio auch ist, so sehr rührt sie heute an einen wunden Punkt der Tessiner Seele. "Das Tessin schämt sich", sagt Marco Solari, hoch gewachsener ehemaliger Manager, Präsident des Filmfestivals in Locarno und ein Impresario. Der 70-Jährige erzählt bereitwillig, wie seine Mutter früher ihnen die Geschichten von den armen Kaminfeger-Jungen aus dem Tessin erzählt habe - mit einer Mischung aus Mahnung und Scham. Die Bauern der Seitentäler waren so arm, litten teilweise so große Not, dass sie gezwungen waren, ihre Jungen für eine Knochenarbeit verkaufen zu müssen, die für viele tödlich endete.
Es gab fürchterliche Hungersnöte
Am Ende des Verzasca-Tals in Sonogno, einem wunderbaren Dorf, erinnert man im örtlichen Museum an diese Vergangenheit. Dort sind auch die Spachteln zu sehen, mit denen die Jungen die Kamine von innen auskratzen mussten. Tetzner beschreibt das folgendermaßen: "Giorgio fasste Mut, schloss die Augen, packte das erste Eisen und zog sich an ihm in die Höhe. Der Ruß stürzte wie ein Bach über ihn. Er rieselte seinen Rücken hinunter. Er stieg in seine Nase, dass er niesen musste, in seine Ohren, in seinen Mund. Es war wirklich gut, dass er die Augen geschlossen hatte. Jetzt musste er sie aber öffnen. Er hob die Hand, um nach dem zweiten Eisen zu fassen. Da fiel ein solcher Berg Ruß über ihn, dass der feine, schwarze Staub auch in beide Augen kam. Am liebsten hätte er aufgeschrien, biss aber die Zähne zusammen und zog sich zum dritten Eisen."
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