Der wahre Balsamico wird tröpfchenweise konsumiert
Wem nach Geschwindigkeits-Exzessen der Sinn nach Slow Food steht, der wird im Land der Motoren mehr als nur fündig. In der „Acetaia Pedroni“ zum Beispiel gelten ganz andere Rundenzeiten. Bis der traditionelle Balsamico-Essig zum Verkauf steht, können schon einmal 37 Jahre vergehen. Zwölf, besser 25 Jahre, muss der wahre Balsamico in offenen Holzfässern lagern, bevor er tröpfchenweise konsumiert wird.

Einmal im Jahr steht Brisighella Kopf, wenn die jungen Formel-1-Stars einfliegen.
In Reihen aus mehreren Fässern, die jeweils unterschiedliche Altersstufen markieren, wartet das edle Fluid, bis es reif ist. Immer wenn im Hause Pedroni ein Sohn geboren wird, wird eine solche Reihe angelegt. Viele Jahre später trägt der fertige Essig dann den Namen des Kindes. „Giuseppe“ schmeckt süßlich-harzig und für unbedarfte Gaumen unglaublich aromatisch. Er wird im angeschlossenen Restaurant zu Mamas Pasta und zu hausgemachtem Vanilleeis serviert. In einen Holzspind am Eingang müssen Gäste ihre Handys einsperren – „für unser aller Ruhe“. Ruhe und Geduld sei das Wesentliche bei der Essigherstellung, doziert Firmenchef Italo Pedroni. Nur der echte „Aceto Balsamico Tradizionale“ darf in die ebenfalls markenrechtlich geschützten Fläschchen abgefüllt werden. Entworfen wurde das eigenwillige Flakon – wie könnte es anders sein – von einem Automobil-Designer.
Die Emilia-Romagna wird ihren Benzingeruch eben nicht los, auch nicht in dem mittelalterlichen Bergdorf Brisighella 65 Kilometer südwestlich von Bologna. „Wir sind das Land der Motoren und der Geschmäcker“, sagt Brisighellas Bürgermeister Davide Missiroli. „Das ist unser Schicksal.“ Einmal im Jahr steht das Örtchen kopf, nämlich dann, wenn die „Trofeo Lorenzo Bandini“ verliehen wird. Mit der Auszeichnung werden junge Formel-1-Fahrer geehrt. Die Formel-eins-Stars fliegen in Brisighella ein – und verwandeln die 4000-Seelen-Gemeinde in ein Motorsport-Mekka von Weltruhm. Ist der Rummel vorbei, fällt Brisighella wieder in einen sympathischen Schönheitsschlaf. Es ist wohl dieses Wechselspiel von Be- und -Entschleunigung, das den Reiz der Emilia Romagna ausmacht.
Kurz informiert
Information: www.visitemiliaromagna.de, www.motorvalley.it
Einreise : Gültiger Personalausweis oder Reisepass
Währung: Euro
Einwohner: ca. 60,9 Mio.
Hauptstadt: Rom
Geodaten: 44°13'14.7"N 11°46'10.8"E (Brisighella), Google Maps
Reisezeit: Mai/Juni und September/Oktober herrschen die angenehmsten Temperaturen
Nicht verpassen: Ein Besuch der urigen "Acetaia Pedroni" in Rubbiara die Nonantola lohnt sich doppelt. Erstens erfährt man alles zur Tradition, Herstellung und Qualitätsanspruch des echten Balsamico-Essigs, wie es ihn nur in der Region Modena gibt. Zweitens kann man die wertvolle Essenz vor Ort kosten. Mama Pedroni persönlich kocht ein einfaches, aber exzellentes Balsamico-Menü von Pasta bis Gelato ( www.acetaiapedroni.it).
Besonderheiten: Nirgendwo auf der Welt manifestiert sich Sportwagen-Faszination so verdichtet wie in der Emilia-Romagna. Praktisch alle italienischen Luxus-Autobauer sind vertreten; bieten Führungen durch Werke und Museen an. Die legendäre Rennstrecke in Monza ist nicht weit.
Montenegro
Schöne Unbekannte
Schmale Gässchen erwecken ein mediterranes Gefühl und lassen Erinnerungen an den letzten Italien-Urlaub wach werden.
Balkan mit Italo-Flair oder Italien mit Ost-Einschlag? Egal, das Land hat es verdient, wiederentdeckt zu werden
von Ulf Lippmann
So unbekannt kann also ein Land sein: „Montenegro? Ist es da nicht gefährlich in Südamerika?“, fragt die besorgte Schwester. Aber Mutter weiß es besser: „Mazedonien liegt doch auf dem Balkan.“ Stimmt, aber das Ziel ist Montenegro. Einst Königreich, dann ein Teil Jugoslawiens, seit 2006 unabhängiger Staat und nicht nur auf der touristischen Landkarte für viele ein weißer Fleck.
Na ja, ein fast weißer Fleck, denn bis in die achtziger Jahre war die Küste rund um Budva ein beliebtes Ziel für Jugoslawien-Urlauber. Dass sie in Montenegro waren, ahnten die meisten Gäste damals nicht. Die schöne Unbekannte kann also auch eine alte Freundin sein. Aber wie das so ist, beim Wiedersehen mit alten Freundinnen – sie sind nach vielen Jahren manchmal nicht gleich wiederzuerkennen.
An den Stadtmauern von Budva haben braune Loungemöbel die weißen Plastikstühle verdrängt. Dort, wo einst die Taka-Tuka-Land-Szenen für Pipi-Langstrumpf-Filme gedreht wurden, erholen sich heute frisch toupierte Ladys bei einem Aperol-Sprizz vom Shopping oder der Wellness-Anwendung im Spa-Hotel.
Der mittelalterliche Stadtkern erscheint ebenfalls wie frisch toupiert: der Sandstein blendend hell, die Dächer makellos ziegelrot und die Gassen so idyllisch, dass man blinzeln muss. Aber ihren Charakter hat die geliftete alte Freundin zum Glück nicht verloren. In den Lokalen an der Strandpromenade gibt es Oldiemusik aus der Hammondorgel zum frischen Fisch und der selbst gebrannte Schnaps namens Loza fließt in Strömen.
Ist das Balkan mit Italo-Flair oder Italien mit Ost-Einschlag? Egal, es ist Montenegro, das es verdient hat, neu oder wieder entdeckt zu werden. Wer es darauf anlegt, kann hier morgens im Mittelmeer baden und nachmittags im Hochgebirge Ski fahren.
Eine ganze Insel für ein Hotel
Vor allem an der Küste setzt man in Montenegro auch auf Exklusivität. Madonna und die Rolling Stones haben schon Konzerte gegeben, James Bond war da und im Frühjahr soll sich Michael Douglas nach einer Bleibe in einer der vielen Luxus-Appartementanlagen umgesehen haben. Die Riviera von Budva schickt sich an, zum Saint Tropez des Ostens zu werden. In Porto Montenegro bei Tivat finden Besitzer von Superyachten mit bis zu 100 Metern Länge einen Ankerplatz und dazu noch Designerboutiquen und Penthouse-Suiten für die stilvolle Übernachtung zwischendurch. Wer dann noch einen Tausender oder zwei zu viel hat, wird sein Geld sicher im „Casino Royal“ in Becici los, in dem auch der gleichnamige James-Bond-Film gedreht wurde.
Promis und Superreiche geben sich dem Vernehmen nach auch die edel-rustikalen Klinken auf der Insel Sveti Stefan in die Hand. Die eng bebaute Insel liegt rund 50 Meter vor der Küste, ist über einen Damm zu erreichen und ein einziges Hotel. Jedes der mittelalterlichen Häuser ist eine Suite. Design und Eleganz der Einrichtung sind so beige und zurückhaltend, dass jede kleine Blüte oder das große blaue Meer wie ein sensationeller Farbfleck wirken. Schon in den sechziger Jahren haben sich hier auf Einladung Titos Elizabeth Taylor und andere Showgrößen prächtig amüsiert. Von ausgelassener Sommerstimmung ist in all der sandstein-güldenen Abgeschiedenheit heutzutage aber nichts mehr zu spüren. Bei Zimmerpreisen ab 750 Euro aufwärts ist wohl größtmögliche Ruhe im Preis mit drin. Klar, dass da auch das Personal nicht weiter auffallen darf. Alle tragen sandsteinbeige.

Bewaldete Berge und eine weitgehend unberührte Küste prägen die Landschaft von Montenegro.
Deutlich günstiger, dafür aber mit sensationellem Postkartenblick auf die Insel Sveti Stefan, wohnt es sich im gleichnamigen Dorf auf dem Festland, wo zahlreiche kleine Hotels und Pensionen Unterkünfte für Normalverdiener anbieten. Den Strand kann sich Otto Normalurlauber dann mit den Promis von Sveti Stefan teilen. Denn alle Strände in Montenegro sind öffentlich. Und es gibt viele. Felsig, sandig, lang, kurz, ruhig oder wild. Für wirklich jeden Geschmack ist an der nur 73 Kilometer kurzen Küste ein Strand dabei. Man muss ihn nur für sich entdecken.
Читать дальше