Er nickte ihr zu. Sein distanzierter Blick verfolgte sie die Treppe hinunter, aus dem Haus hinaus.
Sie lief und lief, ohne auf den Weg zu achten, immer entlang der Elbe. Erst als sie schon in Oevelgönne am Strand angekommen war, hatte sie sich wieder beruhigt. Es war ein warmer Tag und sie war auf dem rund fünf Kilometer langen Marsch ziemlich ins Schwitzen geraten. Sie setzte sich in den feinen Sand am Strand und schaute auf die Elbe. Ein großes Containerschiff wurde von zwei Schleppern in den Hafen gezogen. Ein Hund sprang einem Ball hinterher ins Wasser. Leute lagerten auf Decken in der Sonne. Es roch nach gegrillten Würstchen.
Allmählich sortierte sich die Unordnung in Mias Kopf. Sie konnte Arthur nicht böse sein. Er war sich schließlich die ganze Zeit über treu geblieben. Er wollte nicht mehr von ihr als das, was er damals in seiner Anzeige geschrieben hatte: »Sie blasen. Ich genieße.« Ihr gemeinsames Abendessen war ein Ausrutscher gewesen und Arthur hatte hinterher offenbar gemerkt, dass ihm das alles zu viel wurde.
Im Grunde war ihr das ganz recht. An den Zusammenkünften mit Arthur war etwas Beunruhigendes, das ihr überhaupt nicht bekam. Sie musste nur an die zahlreichen Momente denken, in denen er sie aus der Fassung gebracht hatte. Und daran, wie kalt er auf ihre Tränen reagiert hatte.
Und doch war da etwas, ein vertracktes Gefühl, über das Mia sich ärgerte. Seit jenem stürmischen Abend hatte sie sich eingebildet, es könnte mehr zwischen ihnen entstehen, mehr Sex mit mehr Körperteilen und mehr Befriedigung. Schlimmer noch: Sie hatte gehofft, Arthur würde sie nach diesem Abend mehr wahrnehmen, als Frau, als Mensch.
Aber das war natürlich totaler Unsinn. Sie war für diesen Idioten mit dem beknackten Namen nichts weiter als eine Hure, auch wenn er selbst dieses Wort vermieden hatte. Ja, sie war eine Hure und Arthur hatte sie benutzt. Höchste Zeit, sich das mal deutlich vor Augen zu führen. Und aller-allerhöchste Zeit, diesen Zustand zu beenden und sich um die wirklich wichtigen Dinge zu kümmern, allem voran ihrer Suche nach einem Job. Die Sache mit Arthur war eine interessante Erfahrung gewesen. Aber so etwas konnte ja unmöglich von Dauer sein, das war ihr von Anfang an klar gewesen.
Mia gab sich einen Ruck, stand auf und schüttelte sich den Sand aus den Kleidern. Ein Kaffee und ein dickes Stück Kuchen mit Schlagsahne wären jetzt nicht schlecht. Langsam stapfte sie in Richtung der Strandcafés.
Dabei fiel ihr auf, dass sie nicht mal Arthurs Nachnamen erfahren hatte.
Zuhause setzte sie sich an ihren Computer und fing an zu schreiben. Es waren wirre Sätze und Gedanken, die keinen rechten Zusammenhang bildeten, und mit ihrem Romanprojekt hatten sie gleich gar nichts zu tun. Aber sie schrieb endlich wieder, nach vielen Monaten das erste Mal. Je länger sie schrieb, desto leichter ging es, desto mehr Ideen kamen ihr in den Sinn. Erst am späten Abend schaltete Mia müde und mit brennenden Augen den Rechner aus. Etwas in ihr begann, sich zu lösen. Eine Last, die sie mit sich herumtrug, seit Frank sie verlassen hatte. Aber sie spürte keine Erleichterung darüber. Es tat einfach nur weh.
Die Agentur für Public Relations befand sich in einem schicken Loft in Bahrenfeld. Der Inhaber Norbert Roth war klein und dick, mit Halbglatze und Brille.
»Eins interessiert mich natürlich besonders«, sagte er und spielte dabei mit dem Kugelschreiber in seiner Hand. »Wieso sind ausgerechnet Sie von Ihrem alten Arbeitgeber entlassen worden? Keutner und Lempe sind ja nicht pleitegegangen, die Agentur existiert nach wie vor.«
Mia konnte nicht einschätzen, wie groß Norbert Roths Interesse an ihr war. Trotzdem entschied sie sich für die Wahrheit. »Ich wollte einen Roman schreiben. Darum habe ich in den letzten Monaten vor meiner Kündigung nur noch in Teilzeit gearbeitet, um mehr Zeit zum Schreiben zu haben.«
Norbert Roth schaute überrascht auf. Mit dieser Antwort hatte er nicht gerechnet. »Das war aber eine mutige Entscheidung. Stunden, die erst mal weg sind, kriegt man ja in der Regel so schnell nicht wieder.«
Mia nickte. »Das war genau mein Problem. Als die Agentur in Bedrängnis geriet, war ich eine der Ersten, die gehen musste. Teilzeitkräfte brachten sich in den Augen der Geschäftsleitung nicht genug in ihre Arbeit ein.«
Norbert Roth spielte weiter mit seinem Kugelschreiber. »Und dann haben Sie die Arbeitslosigkeit als Chance genutzt und erst mal in aller Ruhe Ihren Roman fertig geschrieben, nehme ich an.«
Diese Frage brachte Mia aus der Fassung. »Äh … nein.« Sie suchte fieberhaft in ihrem Hirn nach einer plausiblen Erklärung für fast ein Jahr Arbeitslosigkeit. Wieder fiel ihr nur die Wahrheit ein. »Das heißt, ich habe es versucht. Aber ich bin ehrlich gesagt nur mühsam vorangekommen. Ich hatte private Probleme. Mein Mann und ich trennten uns – das hat mir sehr zu schaffen gemacht. Ich … mag sein, dass ich dadurch auch nicht nachdrücklich genug nach einem neuen Job gesucht habe.«
Aus. Vorbei. Unfassbar, was sie hier für Müll redete. Sie hatte es total vermasselt. Wieder mal.
Norbert Roths Blick war undurchdringlich. »Sie hätten doch als freie Texterin arbeiten können«, bemerkte er. »Bei Ihrer langjährigen Erfahrung wäre da doch sicher was gegangen.«
»Stimmt. Kleinere Aufträge hatte ich zwischendurch auch mal.« Jetzt log sie doch. »Und falls es mit der festen Stelle gar nicht klappt, werde ich das auf jeden Fall ausbauen. Aber ich … na ja, ich lebe lieber abgesichert. Die Selbständigkeit liegt mir nicht so.«
Norbert Roth blätterte in ihrem Lebenslauf. Seine nächsten Fragen waren weniger heikel und Mia entspannte sich ein wenig.
Abschließend sprach Norbert Roth die Rahmenbedingungen an. »Wir suchen dringend jemanden, am liebsten ab morgen. Sie würden einen Vertrag über dreißig Wochenstunden bekommen, befristet für ein Jahr.«
Mia wusste, was das bedeutete. Sie arbeitete mindestens vierzig Stunden, vermutlich eher fünfzig, wurde aber nur für dreißig bezahlt. Und das bei einem Gehalt, das ohnehin erschütternd niedrig war. Sie hatte also die Wahl, für einen Hungerlohn Vollzeit zu arbeiten, oder weiter auf Staatskosten zu leben. Verlockender war eindeutig die zweite Variante. Aber sie wusste, dass sie nie wieder auf die Beine kommen würde, wenn sie diese Chance nicht ergriff – sofern Norbert Roth sie überhaupt haben wollte.
Er wollte sie zu ihrer Überraschung tatsächlich. Bei einem zweiten Gespräch lernte Mia seine Frau und seine Sekretärin kennen. Sie waren seine einzigen Mitarbeiterinnen. Die Sekretärin machte einen fröhlichen und patenten Eindruck. Dagmar Roth hingegen hatte verkniffene Gesichtszüge und musterte Mia misstrauisch. Offenbar betrachtete sie Mia als Konkurrentin, nicht nur in beruflicher Hinsicht, sondern vor allem als Frau. Vermutlich fürchtete Frau Roth, dass Herr Roth sich gelegentlich mit der neuen Mitarbeiterin im Kopierraum vergnügen könnte. Als Mia trotzdem zusagte, hatte sie kein gutes Gefühl dabei. Aber ihr blieb keine Wahl.
Der Wiedereinstieg ins Berufsleben gestaltete sich mühsam für sie. In den ersten Wochen wurde sie nach all den Misserfolgen des vergangenen Jahres von solchen Ängsten und Selbstzweifeln geplagt, dass sie nachts kaum schlief. Und das, obwohl sie abends so erschöpft war, dass sie es meistens nicht mal schaffte, einzukaufen, geschweige denn, selbst zu kochen. Ihr Essen bestand hauptsächlich aus Fastfood. Die Speckröllchen auf ihren Hüften wurden immer größer. Sie bewegte sich auch kaum noch. Tagsüber saß sie im Büro, abends lag sie apathisch auf ihrem Sofa. Wie hatte sie es früher nur geschafft, nach so langen Arbeitstagen noch um die Häuser zu ziehen? Damals musste sie einen anderen Körper besessen haben.
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