Ich muss noch erwähnen, dass alles wieder gut ist. Bei Fanaa ist nichts mehr von ihrer Traurigkeit zu sehen oder zu spüren. Es liegt vielleicht auch daran, dass sie hier jetzt viel in die Kirche geht und sich mit den Nonnen von der Gemeinde trifft. Es ist beinahe so wie in Papeete, dort hat die Kirche Fanaa auch Kraft gegeben. Pater Almin hat mir mit seiner Vermittlung sehr geholfen.
Ich werde Thérèse und Julie für zehn Tage in Fanaas Obhut lassen. Victor muss zu einer der nördlichen Inseln reisen und ich habe beschlossen, ihn zu begleiten. Unser Ziel heißt Taiohae auf Nuku Hiva. Victor kennt es ja bereits. Ich habe wieder Monsieur Viauds Büchlein bemüht, denn er hat auch über Nuku Hiva geschrieben. Ich könnte natürlich ebenso gut noch einmal bei Melville nachsehen, aber den »Typee« habe ich leider in Papeete gelassen. Es erwartet mich eine Insel, auf der auch bereits die Armee, die Gendarmerie und die Kirche zu Hause sind. Zum Glück müssen wir nicht dieses schreckliche Dampfschiff nehmen. Victor ist schließlich in offizieller Mission unterwegs und so fahren wir natürlich wieder auf der Floréal, die auch weiterhin in diesen Gewässern stationiert ist.
Rechtzeitig zum Nationalfeiertag bin ich wieder bei meinen Kindern. Die ersten beiden Tage sollen sie mich noch vermisst haben, doch dann ging für sie das Leben weiter. Die Freude ist dennoch groß, jetzt wo ihre Mama und natürlich auch ihr Papa wieder bei ihnen sind. Meine Reise war recht erfreulich, weil wir nur sehr kurz auf See waren. Die Insel Nuku Hiva liegt etwa hundert Seemeilen von Hiva Oa entfernt. Wir sind am Morgen aus der Bucht von Atuona gefahren und waren schon am Nachmittag im Hafen von Taiohae. An den folgenden Tagen hatte Victor zu tun und ich habe mich allein im Dorf umgesehen. Seitdem ich Atuona kenne, habe ich meine Scheu vor solchen Orten verloren. Taiohae ist aber bestimmt größer als Atuona und es sind viele Europäer dort. Die Bucht sieht so aus, wie Monsieur Viaud sie beschrieben hat. Im Hafen lagen zwei amerikanische, ein deutsches, ein holländisches und zwei französische Schiffe. Walfänger waren aber nicht darunter. Ich habe auch keinen Königinnenpalast gesehen und ich denke, es gibt auch keine Monarchie mehr auf Nuku Hiva, wie sie Monsieur Viaud noch vorgefunden haben mag, wenn es nicht seiner Fantasie entsprungen ist. Am Sonntag sind Victor und ich im Pferdewagen die Küste hinaufgefahren. Es gibt hier einige schöne Buchten. Ich habe es wieder bedauert, dass ich den »Typee« nicht zur Hand hatte, denn Melville hat ja auch das Innere von Nuku Hiva beschrieben. Ich werde es noch einmal nachlesen, wenn wir wieder auf Tahiti sind. Nach acht Tagen haben wir Nuku Hiva schließlich verlassen. Nicht weit von der Insel entfernt liegt Oa Pou. Wir sind schon auf der Hinfahrt daran vorbeigekommen. Auf der Rückfahrt haben wir dann in der Bucht geankert und uns im Beiboot zur Insel übersetzen lassen. All diese Inseln der Marquesas haben ihr Eigenes, keine lässt sich mit der anderen vergleichen. Oa Pou ist gegenüber Nuku Hiva ganz still. Es leben dort viel weniger Europäer und vor der Insel war unser Schiff das Einzige. Das Gleiche gilt für Ua Huka, unserer letzten Station. Wir sind erst am Abend von Oa Pou weggekommen und so haben wir in der Nacht vor Ua Huka geankert. Erst am nächsten Morgen konnte ich die Insel richtig sehen. Die Wälder von Oa Pou und von Nuku Hiva fehlen hier beinahe ganz. Ich habe mich nicht ausschiffen lassen, weil das Beiboot ohnehin nur die Post und einige Waren für den Militärstützpunkt an Land gebracht hat. Von Ua Huka aus sind wir noch am Vormittag wieder Richtung Atuona aufgebrochen. Ich bin jetzt aber auch glücklich, wieder zu Hause zu sein.
Mutter ist ganz meiner Meinung. Roger ist schon unterwegs nach Amerika und es ist nicht richtig, die Eltern alleine zu lassen. Aber es gibt auch etwas Neues dazu. Roger ist nicht ganz so herzlos. Er plant seine Eltern nachkommen zu lassen, nach Amerika. Am Ende sind sie alle dort, denn Pierre und Jacques holen Tante Carla und Onkel Joseph ganz bestimmt auch noch nach und auch Anne mit ihrem Kind. Vielleicht ist es sogar das Beste für Anne, denn sie lebt doch noch in derselben Stadt wie der Kindsvater. Anne hat seinen Namen noch immer nicht preisgegeben.
Die Jérôme hat ja schon längst wieder einen neuen Mast und dennoch werden wir wohl nie mehr auf ihr fahren. Sie wird nach Chile überführt und soll dort verkauft werden. Ich hoffe nur, sie schafft diese lange Reise. Ich habe die Jérôme gemocht, trotz des kleinen Unfalls und der Unannehmlichkeiten, die wir im Januar durch sie hatten.
Ich wäre gerne geritten, aber wir haben dann doch eine kleine Kutsche genommen. Mit dem Pferd hätten wir auf den engen Pfaden reiten können und wären so viel schneller zur Nordseite von Hiva Oa gelangt. Mit der Kutsche mussten wir dagegen einen Umweg fahren. Es hat dann auch drei Stunden gedauert, bis wir zu einem Dorf namens Hanapaoa gelangt sind. Der Norden ist stürmisch und die Küste felsig und schroff. Wie schön ist da doch die Bucht von Atuona. Von Hanapaoa aus sind wir ein Stück die Steilküste hinaufgewandert und konnten von dort weit über das Meer blicken. Ein scharfer Wind hat es mich aber nicht lange aushalten lassen.
Atuona, 11. September 1899
Es ist gut ein Jahr her, dass wir Aliette Templier gesehen haben, jetzt erreicht uns ein Brief von ihr aus Pittsburgh. Es scheint so, als müssen mir die Hände zittern, wann immer ich einen Brief von ihr öffne. Es gibt wieder eine betrübliche Nachricht. Captain Robert Templier ist in den letzten Tagen des spanisch-amerikanischen Krieges gefallen. Aliettes Worte klingen ganz ruhig, als wenn sie sich mit den vielen Schicksalsschlägen abgefunden hat. Sie lebt bei der Familie ihres Mannes, so wie es geplant war, aber es war auch geplant, dass ihr Mann schon längst hätte, bei ihr sein müssen. Dies alles erfüllt sich nicht für sie. Ich werde ihr sofort zurückschreiben.
Atuona, 22. September 1899
Wir haben die Kinder und uns fotografieren lassen. Ein Fotograf arbeitet in diesen Tagen auf Hiva Oa, und auch wenn er anderes vorhat, so konnte ich ihn doch überreden, die Portraits zu machen. Wir haben uns unter freiem Himmel aufnehmen lassen, weil es ja auch kein Atelier gibt. Es sind drei Fotografien geworden, zweimal nur die Kinder und einmal wir alle zusammen. Wir haben die Bilder schon bekommen und dazu die Glasplatten, mit denen wir ganz vorsichtig sein müssen. Das mit den Glasplatten hat mich dann aber schon gewundert, es gibt doch mittlerweile viel modernere Fotoapparate.
Victor hat unseren Mädchen den ersten Schwimmunterricht erteilt, aber nicht in der Bucht, sondern wieder in einem Weiher. In der Bucht haben die anlandenden Wellen gestört. Thérèse und auch Julie wurden immer wieder untergetaucht, sobald sie sich flach aufs Wasser gelegt haben. Wenn sie dabei nicht gerade Salzwasser geschluckt haben, fanden sie es auch ganz lustig. Victor wollte mit ihnen dann aber auch noch nicht ins tiefere Wasser gehen und so blieb nur der Weiher. Ich habe gesehen, dass die beiden sich wenigstens schon über Wasser halten können. Es fehlt aber noch an Ausdauer.
Es ist jetzt amtlich. Wir kehren noch vor Weihnachten nach Tahiti zurück. Eigentlich ist es schade, ich werde diesen Ort, diese Insel vermissen, obwohl ich mich auch wieder ein wenig auf Tahiti freue, vor allem auf unser großes Haus. Victors Dienstwohnung ist nämlich das Einzige, was mir hier nicht so richtig gefallen hat, sie ist einfach zu klein, um für einen längeren Aufenthalt darin zu leben. Victor arbeitet gerade seinen Nachfolger ein. Fanaa ist die Einzige, die sich nicht nur freut, sondern regelrecht erleichtert ist und die Abreise kaum noch erwarten kann. Heute hat die Kreuz des Südens Hiva Oa noch ohne uns verlassen. Ich hoffe allerdings, wir fahren mit der Floréal zurück nach Tahiti.
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