Die Nachricht vom Tode unseres Staatspräsidenten Monsieur Faure erreicht uns erst in diesen Tagen. In Atuona wird von den staatlichen Stellen getrauert. Ich selbst bin etwas unsicher, was meine Gefühle betrifft. Natürlich gibt der Tod eines Menschen immer Anlass zur Trauer. Auf der anderen Seite ist es aber auch so, dass die Affäre Dreyfus in Faures Amtszeit fällt und dass er es war, der die erste Petition von Lucie Dreyfus abgelehnt hat und der überhaupt verantwortlich für jene Akteure war, die Alfred Dreyfus böse mitgespielt haben. Ich bin sicherlich ungerecht, aber es ist meine Meinung, nach dem, was ich aus der Presse erfahren habe. Ich halte mit meiner Meinung zurück, auch gegenüber Victor, der von Amts wegen nur positiv über unseren verstorbenen Präsidenten sprechen muss. In Nachfolge Faures wurde Monsieur Émile Loubet gewählt, der ehemals Premierminister war. Mit dem Postschiff kam endlich auch wieder ein Brief aus Gayton und damit Nachrichten und Berichte, die wenig mit der hohen Politik zu tun haben und mir daher doppelt lieb sind. Vater zitiert eine Meldung aus der österreichischen Hauptstadt. In Wien gibt es bereits seit dem letzten Jahr eine Untergrundbahn ähnlich der in London. Vater fragt sich, warum es in Paris nicht möglich ist, so etwas Praktisches zu bauen. Ich stelle es mir allerdings nicht sehr romantisch vor, in den Tiefen der Erde mit einer Eisenbahn zu fahren.
Ich bin heute das erste Mal alleine aus Atuona herausgegangen. Hoch über der Siedlung befindet sich der katholische Friedhof. Man kann von dort über die ganze Bucht sehen. Es wäre schön hier ein Haus zu haben, aber der Platz ist eben schon besetzt. Ich bin dann noch ein Stück weiter spazieren gegangen, noch etwas höher den Hang hinauf und dort gab es tatsächlich einige Gehöfte, die ich um ihre Aussicht beneide. Die Menschen waren sehr freundlich und ich wurde von einer Bäuerin sogar zu einer kleinen Mahlzeit eingeladen. Ich konnte natürlich nicht ablehnen und so hat man mich fast eine Stunde lang bewirtet. Am Ende hat mich ein Junge wieder nach Atuona begleitet.
Es war etwas ruhig geworden um die afrikanische Angelegenheit, um die Ereignisse am Nil-Fort. Das Postschiff hatte aber jetzt wieder Zeitungen dabei. Marchand ist abgezogen, er hat seine Befehle bekommen. Es soll wohl in den ganzen Wochen des Wartens kein einziger Schuss gefallen sein, kein einziger Verletzter oder Toter. Wir haben nachgegeben und es war richtig. Victor hält seinen Finger an den Mund, wenn ich es ihm gegenüber so ausspreche, natürlich nur symbolisch. Ich kenne seine Meinung nicht und er will, dass ich meine nicht Kund tue. Ich kann mich auch innerlich freuen. Es ist keine Niederlage für Frankreich, sondern eindeutig ein Sieg der Vernunft.
Ich habe Victor heute begleitet. Wir sind nach Tahuata gefahren. Von Küste zu Küste liegen zwischen Hiva Oa und Tahuata zwar nur drei oder vier Kilometer, aber wir mussten länger fahren, um in die Bucht von Vaitahu zu gelangen, der einzigen Ansiedlung auf Tahuata. Es war Markttag, aber ich brauchte nichts zu kaufen, man hat mir einen ganzen Korb mit Früchten geschenkt. In der Kirche wurde gerade Schule abgehalten und der Pfarrer hat mich hineingebeten. Es waren nicht viele Kinder dort, kaum mehr als ein Dutzend. Der Pfarrer hat aus einem Buch vorgelesen und die Schüler mussten seine Worte wiederholen. Ein einheitlicher Singsang, und hätte ich die Augen geschlossen, so hätte es auch eine Schulklasse irgendwo in Frankreich sein können. An der Sprache lässt es sich nicht heraushören. Victor hat mich dann durch einen seiner Männer abholen lassen, obwohl ich gerne noch länger geblieben wäre. Ich muss in Atuona auch einmal in die Schule gehen und schauen, wie fleißig die Kinder dort sind. Am Nachmittag waren wir wieder auf der Floréal und sind um Tahuatas Südspitze gefahren und dann weiter Richtung Osten. Bevor wir in die Bucht von Atuona zurückgekehrt sind, haben wir noch Molopu umrundet. Diese Insel soll unbewohnt sein, was ich auch verstehe. Sie ist klein, es waren nur Felsen zu sehen, kaum ein Baum oder Strauch und es gibt wenige Möglichkeiten anzulanden.
In der Bucht von Atuona gibt es einige kleinere Strände, immer unterbrochen von felsigen Erhöhungen. Wir haben uns auch schon einen Strand ausgesucht. Wir sind dort oft allein. Es gibt hier wie auf Tahiti nur diesen schwarzgrauen Sand. Es macht den Kindern aber nichts aus, solange sie nur baden können. Ich denke gerade, Victor sollte ihnen jetzt doch bald einmal das Schwimmen beibringen. Die Mädchen sind zwar eben erst vier geworden, aber wenn sie mit den Armen plantschen, dann können sie im Wasser ebenso gut auch Schwimmbewegungen machen.
Ein Brief von den Amerikanern. Sie sind gar nicht so weit von uns entfernt. Pierre und Jacques leben jetzt in San Francisco und treiben Handel mit Champagner und Cognac. Sie haben eine Neuigkeit, Roger will sich ihnen anschließen, er will auch nach Amerika gehen. Sofort denke ich an Tante Danielle und Onkel Eugène, die bald keine Kinder mehr haben. Wie kann Roger so etwas machen, wo Bernhard doch eben erst gestorben ist. Ich werde Mutter schreiben, die ja eigentlich schon längst Bescheid wissen müsste. Vielleicht fahre ich auch nach San Francisco und rede mit Roger. Es wäre ein Spaß und eine schöne Abwechslung.
Fanaa hätte uns beinahe verlassen, es gab ein großes Drama mit vielen Tränen. Es kündigte sich ja schon länger an. Ich denke Fanaa hat zu lange bei den Nonnen gelebt, ihre eigenen Landsleute sind ihr fremd geworden, wobei ich zugeben muss, dass die Menschen hier auf Hiva Oa doch auch ein wenig anders sind, als die Menschen auf Tahiti. Atuona ist wirklich nur ein Hüttendorf, während Papeete eine richtige Stadt ist. Fanaa hatte sich auch schon selbst nach dem Dampfer erkundigt, aber dann habe ich sie doch überzeugt. Wir werden zu ihr halten und ihr helfen, diese Insel auch lieben zu lernen.
Ich kannte Pater Almin bisher nur vom Sehen, aus der Kirche, während der Gottesdienste. Heute hat er uns besucht und wir haben uns miteinander bekannt gemacht. Er ist sehr nett, wir haben über Frankreich gesprochen. Er stammt aus dem Süden, aus einem Dorf in der Nähe der spanischen Grenze. Pater Almin lebt bereits seit acht Jahren auf Hiva Oa und war schon seit mehr als zwanzig Jahren nicht mehr in Frankreich, immer für die Kirche unterwegs, auf Mission. Obwohl er schon solange der Heimat fern ist, wusste er erstaunlich viel über die Zustände in Frankreich. Es liegt an den Menschen, denen er auf den Inseln begegnet. Die meisten sind auf der Durchreise oder nur für kurze Zeit hier. Pater Almin hat sein Wissen von Leuten wie mir, denn auch ich habe ihm von Frankreich und von Paris erzählt.
Das Postschiff hat frische Zeitungen gebracht, obwohl sie natürlich nicht mehr ganz aktuell sind. Unser Anspruch ist jedoch gesunken. So erfahren wir, dass Anfang Mai der Pariser Frieden unterzeichnet wurde, der den Spanisch-Amerikanischen-Krieg nun auch offiziell besiegelt. Monsieur Jules Cambon hat seine Vermittlerrolle weitergeführt und den Vertrag im Namen der spanischen Regierung unterzeichnet. Paris ist eben eine Weltstadt, in der sich die Mächtigen versammeln. Spanien ist der Verlierer, was schon vor ein paar Monaten feststand. So fielen Puerto Rico und die Pazifikinsel Guam an die Vereinigten Staaten, die genauso wie die Philippinen gegen eine finanzielle Entschädigung den Besitzer gewechselt haben. Den Filipinos muss dies inzwischen klar sein, denn sie kämpfen wohl gegen diese neue Herrschaft. Nach der Schlacht bei Manila soll es immer wieder kämpferische Auseinandersetzungen mit den Amerikanern gegeben haben. Im Gegensatz zu den Philippinen geht Kuba wohl als unabhängiges Land aus dem amerikanisch-spanischen Konflikt hervor. Victor hat jedoch zu bedenken gegeben, was für eine Unabhängigkeit dies sein könnte, angesichts des Dranges der Amerikaner.
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