Die Jérôme hat vor zwei Tagen die ganze Familie Jasoline befördert. Wir sind im Urlaub auf Moorea, eine Woche lang. Victor hatte zwar an unserem Ankunftstag noch zwei Stunden in der Kommandantur zu tun, aber dann war auch er in den Ferien. Wir sind mit der Kutsche bis zur Opunohu-Bucht gefahren und dort in eine Herberge direkt am Strand eingezogen. Es gibt hier nur ein paar Dorfbewohner, die uns aber nicht stören. Damit dies auch so bleibt, hat Victor seine Uniform in Vaiare gelassen. Während ich diese Zeilen schreibe, spielt er mit den Mädchen am Strand. Ich sitze im Schatten und beobachte sie.
Das Unglück der USS Maine im Hafen von Havanna fordert jetzt ein Nachspiel. Auf den Philippinen hat es Kämpfe gegeben. In den Zeitungen, die uns erreichen, wird von einer Seeschlacht berichtet, in der die Spanier unterlegen sind. Ich verstehe nur nicht, was die Philippinen mit Kuba zu tun haben, wo doch auf Kuba die Aggression begann, aber die Erklärung ist wohl einfach, es geht nicht gegen Kuba, sondern gegen Spanien. Ich habe mir dies alles in meinem Atlas angesehen. Kuba liegt direkt vor dem US-amerikanischen Kontinent, kein Wunder, dass die Amerikaner hier Begehrlichkeiten haben.
Es ist merkwürdig, weil die Dinge nicht plötzlich geschehen, sondern weil es nach und nach kommt und man sich der Bedeutung nicht immer gleich bewusst ist. Thérèse und Julie haben erst gebrabbelt, was uns noch als Besonderheit vorkam. Dann hörte das Brabbeln nicht mehr auf und wir haben uns so sehr daran gewöhnt, dass wir gar nicht wahrgenommen haben, dass sie auch richtige Wörter sprechen. Wir haben ja schon recht früh immer etwas herausgehört. Aus Wörtern wurden Sätze, Fragen, Antworten, einfach alles. Es wird jeden Tag mehr und eines Tages sprechen Thérèse und Julie nicht anders als Victor und ich und dann kommen zu den Worten auch die Gefühle. Die Gefühle sind natürlich schon da, besonders Julie kann sehr wütend werden, aber sie drücken sich noch nicht richtig in Worte aus, sondern mehr durch Taten.
Schwester Jolanta hat geschrieben. Sie ist erst seit ein paar Wochen wieder in Frankreich. Sie hält sich in Paris auf, noch immer in ihrem Kloster. Es ist nicht so einfach, aus dem Orden auszutreten. Sie ist aber von jeglichen ihrer Pflichten befreit und kann sich schon auf ihr weltliches Leben vorbereiten. Was die Kirche betrifft, ist Frankreich derzeit ohnehin gespalten. Überall spricht man von Säkularisation und so hat die Kirche nicht nur mit abtrünnigen Novizinnen zu kämpfen. Schwester Jolantas Worte klingen recht fröhlich und zuversichtlich, wie jemand, der sich auf einen neuen Lebensabschnitt freut.
Ich habe Antwort auf meinen Brief, Aliette hat geschrieben. Sie würde mich gerne wiedersehen, aber ich muss nicht nach Tutuila reisen. Aliette verlässt Ozeanien. Sie fährt über Tahiti nach San Francisco und von dort nach Pittsburgh. Ihr Mann kommt aus Pittsburgh, hat dort noch Familie. Ich kann Aliette im September erwarten, denn dann startet von Tutuila aus ein amerikanisches Handelsschiff nach San Francisco. Aliette schreibt nichts über ihre Beweggründe, aber ich denke es hat etwas mit dem Tod ihres Kindes zu tun. Was würde ich machen, ich will gar nicht daran denken und es schon gar nicht aussprechen.
Ich habe heute einen sehr interessanten Bericht gelesen. Es geht um Goldfunde in Kanada, am Aufeinandertreffen zweier Flüsse, dem kleinen Klondike-Fluß und dem gewaltigen Yukon-River. Der erste Goldfund wurde schon vor zwei Jahren gemacht, aber erst jetzt strömen Massen von Menschen dorthin. In meinem Atlas ist der vermeintliche Ort des Goldfundes nur eine große weiße Fläche, allein der Yukon-River, der hoch oben im Norden unseren Pazifik erreicht, ist in den Karten eingetragen. Zu meiner Zeit bei Monsieur Rolland bin ich viel mit Gold umgegangen, ohne mir Gedanken zu machen, wo dieses Metall seinen Ursprung hat. Monsieur Rolland hat oft Gold aus alten Schmuckstücken eingeschmolzen. Einen Nugget, wie ihn das Magazin beschreibt, habe ich allerdings noch nie gesehen. Solche Nuggets finden die Goldsucher in den eiskalten Flüssen im Norden Kanadas. Daraus werden dann irgendwann Ringe oder Broschen gefertigt, aber erst dann, wenn dieses Gold seinen Weg in die Zivilisation gefunden hat. Wer Gold findet, verdient eine Menge Geld, wer daraus Schmuck herstellt und ihn verkauft, verdient noch weitaus mehr. Das habe ich bei Monsieur Rolland gelernt.
Ich habe mich heute sehr über die Mädchen geärgert. Ich weiß, dass ich ungerecht bin, sie haben es ja nicht böse gemeint und eigentlich hat ja auch Fanaa Schuld, aber ich bin schon wieder ungerecht. Thérèse und Julie haben heute die Holzkiste entdeckt, in der ich meine Journale und Bücher aufbewahre. Zunächst einmal haben sie die Reissäckchen herausgeholt und sich damit beworfen. Es ist sogar eines aufgerissen und sie haben den Reis gegessen. Ich hoffe es schadet ihnen nicht. Schaden genommen haben dann aber einige meiner Hefte. Die Kinder haben sie alle vollständig aus der Kiste genommen und über den Fußboden verteilt. Dabei sind einige zerrissen. Ich bin dazugekommen, als sie sich gerade an einem der schweren Bücher zu schaffen machten. Ich habe sofort nach Fanaa gerufen. Sie sollte die Kinder hinausschaffen und ich habe natürlich auch mit ihnen geschimpft. Dann habe ich den Schaden begutachtet und alles wieder eingeräumt. Es hat mich wirklich geärgert. Victor soll sich jetzt um ein Schloss für meine Kisten kümmern.
Ich halte die Februarausgabe des Strand Magazines in Händen. Die Post kam vor wenigen Stunden. Ich habe die Ausgabe wie immer erst einmal durchgeblättert. Eine Geschichte hat sofort meine Aufmerksamkeit erregt. Es geht um neuartige Rollschuhe. Ich bin selbst früher viel auf Rollschuhen gelaufen. Ich mochte es noch viel lieber als das Schlittschuhlaufen. Bislang kannte ich allerdings nur Rollschuhe, deren vier Räder paarweise angeordnet sind. Das Strand Magazine stellt ein ganz neues Modell vor, das an jedem Schuh nur zwei Räder hat, die auch noch hintereinanderliegen. Ich kann mir nicht vorstellen, damit das Gleichgewicht zu halten, aber es scheint zu gehen. Ich würde schon gerne einmal wieder Rollschuhlaufen und auch gerne diese Neuheit ausprobieren. Hier auf Tahiti gäbe es allerdings wenige Möglichkeiten, weil die Straßen in der Stadt zu belebt und die meisten der Straßen außerhalb nicht befestigt sind.
Es gibt doch diese Wachszylinder, auf denen Stimmen und Gesang festgehalten werden können. Ich habe davon gelesen, aber die Apparatur bisher nur auf Bildern gesehen. Es wird in den Trichter hineingesprochen, während der Wachszylinder sich dreht und mit einer Nadel eingeritzt wird. Wie es genau funktioniert, weiß ich nicht. Ich denke aber gerade, dass es sehr schön wäre, einen solchen Apparat zu besitzen. Wir könnten von Zeit zu Zeit die Stimmen der Kinder aufnehmen und uns später anhören, wie sie sich verändern. Wir könnten auch die Geräusche hier auf Tahiti in die Wachswalze ritzen, das Rauschen des Meeres, die Geräusche des Dschungels und sogar die Gesänge der Kokospflanzer.
Ich habe über die neusten Entwicklungen in Dschibuti gelesen, das seit kaum zwei Jahren zum französischen Kolonialgebiet in Afrika gehört. Ich war sogar schon einmal dort, nicht an Land, aber in den Gewässern davor. Mein Blick in den Atlas bestätigt es. Die Stadt Dschibuti, die der Kolonie ihren Namen gab, liegt im Golf von Aden. Ich habe in meinem Tagebuch nachgeschlagen. Wir haben damals mit dem Schiff von Marseille aus bis in den Golf von Aden etwa neun Tage gebraucht. Ich erinnere mich auch, dass es in dieser Gegend recht heiß war.
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